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Das Erziehungskonzept zur sozialistischen Persönlichkeit

Tina Kwiatkowski-Celofiga

An den Schulen in der DDR habe es „keine Agitation, keine Indoktrination, sondern Faktenvermittlung zur Herausbildung von Standpunkten” gegeben. Bildungsverbote als Strafe für Andersdenkende seien nur „Einzelfälle” gewesen. „Der Sinn der Volksbildung” habe darin bestanden, Kinder und Jugendliche zu „aktiven Mitstreitern und Gestaltern” des Sozialismus zu erziehen, die bereits in der Schule erste Kenntnisse zur militärischen Landesverteidigung erlernten. So lautet noch heute Margot Honeckers Auffassung zum Erziehungs- und Bildungswesen der DDR.

Demgegenüber steht eine Vielzahl von gebrochenen Biographien, die dieses Erziehungs- und Bildungssystem hinterließ, dessen Verantwortung 26 Jahre lang Margot Honecker als Ministerin für Volksbildung oblag.

Angesichts dieser Tatsache stellt sich die Frage, welches Erziehungskonzept dem DDR-Erziehungs- und Bildungssystem zugrunde lag und ob sich die Aussage Margot Honeckers allein aufgrund dieses Erziehungskonzeptes nicht ad absurdum führen lässt.

In der DDR galten Bildung und Erziehung als umfassender Prozess, der laut Kleinem politischen Wörterbuch zielgerichtet auf die allseitige Entwicklung der sozialistischen Persönlichkeit einwirke, wissenschaftliche Kenntnisse und Erkenntnisse vermittele, Fähigkeiten und Fertigkeiten (Bildung) entwickle, eine sozialistische Weltanschauung und Moral herausbilde sowie ein entsprechendes Verhalten (kommunistische Erziehung) bewirke.

Die SED verfolgte die Erziehung zur allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeit als grundlegendes Ziel, um das Individuum beim Aufbau des

Sozialismus in die neue Gesellschaftsordnung einzubinden.

GESCHICHTE DES ERZIEHUNGSKONZEPTES

Während des Bestehens der DDR unterlag der Erziehungsbegriff mehreren Änderungen, sodass die SED in den 1950er Jahren in einer Phase des Moralisierens danach strebte, ihr Erziehungskonzept zu etablieren. Die 1960er Jahre waren von der Entwicklung der sozialistischen Menschengemeinschaft geprägt und die 1970er und 1980er Jahre zunehmend von der Vermittlung „sozialistischer Persönlichkeiten” und deren Lebensweise sowie ihrer Einbettung in den ideologischen Kampf beeinflusst, der sich nicht zuletzt auch in Form eines verstärkten Militarismus ausdrückte.

Die 1950er Jahre

Mit der 2. Parteikonferenz der SED im Juli 1952 erhielten die Schulen den Auftrag, die Jugend zu sozialistischen Persönlichkeiten zu erziehen. Die Grundlage dafür sollte ein angemessenes System moralischer Werte und Normen für das Verhalten des Einzelnen gegenüber Staat und Partei bilden. Das Ziel des staatlich und parteilich vorgegebenen Erziehungsprozesses war, dass sich der Einzelne zu seinem sozialistischen Vaterland bekannte, sich zum Wohle des Sozialismus in erster Linie im Arbeitsprozess einsetzte und sich in die sozialistische Menschengemeinschaft eingliederte. Bereits die „Gesetze” und das „Gelöbnis” der Jungen Pioniere aus dem Jahre 1949 folgten diesen parteilichen Erziehungsrichtlinien.

Von ähnlichem Charakter waren 1958 auch Ulbrichts „10 Gebote der sozialistischen Moral und Ethik”, die schließlich in das Parteiprogramm von 1963 einflossen, und ähnlich dem Dekalog die Tradition der kommunistischen Arbeiterbewegung mit deutschen Moral- und Wertvorstellungen verbanden.

  1. „Du sollst dich stets für die internationale Solidarität der Arbeiterklasseund der Werktätigen sowie für die unverbrüchliche Verbundenheit aller sozialistischer Länder einsetzen.
  2. Du sollst dein Vaterland lieben und stets bereit sein, Deine ganze Kraftund Fähigkeit für die Verteidigung der Arbeiter- und Bauernmacht einzusetzen.
  3. Du sollst helfen, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschenzu beseitigen.
  4. Du sollst gute Taten für den Sozialismus vollbringen, denn der Sozialismus führt zu einem besseren Leben für alle Werktätigen.
  5. Du sollst beim Aufbau des Sozialismus im Geiste der gegenseitigenHilfe und der kameradschaftlichen Zusammenarbeit handeln, das Kollektiv achten und seine Kritik beherzigen.
  6. Du sollst das Volkseigentum schützen und mehren.
  7. Du sollst stets nach Verbesserungen Deiner Leistungen streben, sparsam sein und die sozialistische Arbeitsdisziplin festigen.
  8. Du sollst Deine Kinder im Geiste des Friedens und des Sozialismus zuallseitig gebildeten, charakterfesten und körperlich gestählten Menschen erziehen.
  9. Du sollst sauber und anständig leben und Deine Familie achten.

10.Du sollst Solidarität mit den um ihre nationale Befreiung kämpfenden und den ihre nationale Unabhängigkeit verteidigenden Völkern üben.”

In den Vordergrund rückte nun die sozialistische Arbeitsmoral, denn eine erhöhte Arbeitsproduktivität bewies auch die materielle Überlegenheit des Sozialismus. Gerade im Zuge der sozioökonomischen Umstrukturierung und der fortschreitenden Enteignungen traten schwerwiegende innergesellschaftliche, politische und soziale Spannungen auf, die eine Legitimation und Konsolidierung der politischen Herrschaft der SED erforderten.

Daher zielte ab 1954 die Einführung der Jugendweihe mit ihrem Gelöbnis auf das staatsbürgerliche, patriotische und parteiliche Bekenntnis des Einzelnen und richtete sich gegen die Kirchen und deren christliches Welt- und Menschenbild.

Der Erziehung „sozialistischer Persönlichkeiten” diente weiterhin die Neustrukturierung des Bildungswesens, mit der schrittweisen Einführung des polytechnischen Unterrichts, um so die politisch-ideologischen Begründungen einer „marxistischen Pädagogik” mit praxisorientierten Überlegungen zu verbinden, und dem Ausbau der Mittelschule als Modell der künftig als obligatorisch geltenden Zehnklassenschule. Das Jahr 1958 stellt daher und aufgrund der Schulkonferenz der SED ein Schlüsseljahr dar.Die 1960er Jahre

Anfang der sechziger Jahre wurden umfangreiche Wirtschaftsreformen eingeleitet, die für die gesamte gesellschaftliche Entwicklung der DDR einschneidend waren. Im Januar 1963 verabschiedete der VI. Parteitag der SED sein Parteiprogramm, das als Beginn des „umfassenden Aufbaus des Sozialismus” galt. Um anhaltende wirtschaftliche Probleme zu beseitigen, deren Ursachen auf die Planungs- und Leitungsstruktur der Volkswirtschaft zurückgeführt wurden, beschloss das Präsidium des Ministerrates 1963, das „Neue ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft” (NÖSPL) einzuführen. Im Zusammenhang mit der Wirtschaftsreform stellte sich nun auch die Frage nach Veränderungen der Wissenschaft in Produktion und Gesellschaft, sodass das Konzept der wissenschaftlich-technischen Revolution (WTR), dessen Bezeichnung sich nach dem VII. Parteitag der SED 1967 durchsetzte, zunehmende Bedeutung erlangte.

Der Reformschub in Wirtschaft, Planung, Wissenschaft und Bildung erforderte ein neues ideologisches Erziehungskonzept, damit die „allseitig entwickelte sozialistische Persönlichkeit” den Ansprüchen der modernen Industriegesellschaft gerecht werden konnte. Somit waren von der breiten Masse der Bevölkerung eine fundierte Allgemeinbildung, fachliches Spezialwissen, Flexibilität und Disponibilität gefordert. Auf die Entwicklung einer sozialistischen Moral und Ethik folgte jetzt „die Idee der sozialistischen Menschengemeinschaft”, wonach der Einzelne sich bewusst mit der sozialistischen Gesellschaftsordnung identifizieren sollte.

Das neue ideologische Erziehungskonzept kodifizierte das Erziehungsziel einer „sozialistischen Persönlichkeit” erstmals und umfassend im Jahre 1965 mit dem „Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem”. Es zielte ab auf „die Bildung und Erziehung allseitig und harmonisch entwickelter sozialistischer Persönlichkeiten, die bewusst das gesellschaftliche Leben gestalten, die Natur verändern und ein erfülltes, glückliches, menschenwürdiges Leben führen.”

Weiterhin waren Schüler, Lehrlinge und Studenten zur Stärkung der Gemeinschaft, zu „sozialistischem Patriotismus”, Frieden und Völkerfreundschaft sowie zur Liebe zur Arbeit zu erziehen. Ihnen waren die „Lehren aus der deutschen Geschichte, besonders der deutschen Arbeiterbewegung” und gründliche Kenntnisse des Marxismus-Leninismus zu vermitteln. „So werden sie befähigt, den Sinn des Lebens […] zu begreifen, sozialistisch zu denken, zu fühlen und zu handeln und für die Überwindung von Widersprüchen und Schwierigkeiten bei der Lösung von Aufgaben zu kämpfen.” Wichtigstes Erziehungsumfeld und wichtigste Instanz war dabei das Kollektiv. Ebenfalls festgehalten wurde das Erziehungskonzept im „Familiengesetzbuch” (1965) sowie später im Jugendgesetz (1974).

Im Bildungswesen bewirkte das geänderte Erziehungskonzept eine Reihe von Reformen, weil neben den moralischen und politischen Qualitäten der 1950er Jahre nun auch eine umfassende Allgemeinbildung und eine darauf aufbauende Spezialbildung gefordert waren. Es folgten eine mehrjährige Lehrplanreform mit neu gefasster Allgemeinbildung, die Umstrukturierung der Akademikerausbildung mit der 3. Hochschulreform 1967, die Reformierung der Berufsausbildung 1968 und eine Neuregelung der Erwachsen(weiter)bildung 1970. In diesem Zusammenhang ist auch die Neugestaltung der Lehrpläne des Staatbürgerkundeunterrichts ab 1964 zu nennen, der aus dem Fach Gegenwartskunde (eingeführt 1946) hervorgegangen ist.

Die 1970er und 1980er Jahre

Der VIII. Parteitag der SED 1971 leitete weitreichende soziale und politische Veränderungen für verbesserte Lebensbedingungen der Bevölkerung ein. Die Konsumgüterindustrie sollte gefördert werden und umfangreiche sozialpolitische Maßnahmen sollten die Lage der Rentner, Arbeiter, Familien und berufstätigen Frauen verbessern. Auf das Erziehungskonzept wirkten sich diese Veränderungen insofern aus, dass „das Wesen und der Sinn des Sozialismus, die maximale Befriedigung der materiellen und geistigen Bedürfnisse, die günstigsten Bedingungen für die allseitige Entwicklung und Betätigung der Persönlichkeit zu schaffen” nunmehr Mittelpunkt aller gesellschaftlicher Anstrengungen sein sollten.

Im Erziehungskonzept gewann der subjektive Faktor zunehmend an Bedeutung, um Bildungsreserven effizient auszuschöpfen. Auch erlebten Intelligenzforschung wie auch Begabungstheorien eine Renaissance. Nichtsdestotrotz hatte das Persönlichkeitskonzept gesellschaftlichen Zielsetzungen zu entsprechen, das heißt die Entwicklung eines parteilichen und politischen Bewusstseins galt es weiterhin zu optimieren, um das Gegebene auszubauen und zu stabilisieren. So verwundert es nicht, dass das Jugendgesetz von 1974 das Erziehungskonzept in alter Weise erneut betonte, ohne auf subjektive Faktoren einzugehen. Dieses Gesetz nannte erstmals konkret Merkmale der „sozialistischen Persönlichkeit”, in denen Aufgaben und Eigenschaften kombiniert waren. Als Aufgaben der sozialistischen Persönlichkeit werden in § 1 Abs. 2 des Jugendgesetzes erklärt:

  1. „Auf sozialistische Art zu arbeiten, zu lernen und zu leben.
  2. Selbstlos und beharrlich zum Wohl des sozialistischen Vaterlandes (derDDR) zu handeln.
  3. Den Freundschaftsbund mit der Sowjetunion und den anderen sozialistischen Bruderländern zu stärken und für die allseitige Zusammenarbeit der sozialistischen Staatengemeinschaft zu wirken.
  4. Die revolutionären Traditionen der Arbeiterklasse und die Errungenschaften des Sozialismus zu achten und zu verteidigen.
  5. Sich für den Frieden und Völkerfreundschaft einzusetzen und antiimperialistische Solidarität zu üben.
  6. Sich durch sozialistische Arbeitseinstellung, solides Wissen und Könnenauszuzeichnen.
  7. Hohe moralische und kulturelle Werte sein Eigen zu nennen.
  8. Aktiv am gesellschaftlichen und politischen Leben, an der Leitung vonStaat und Gesellschaft teilzunehmen.
  9. Sich den Marxismus-Leninismus, die wissenschaftliche Weltanschauungder Arbeiterklasse, anzueignen.

10.Sich offensiv mit der imperialistischen Ideologie auseinanderzusetzen.”

An Eigenschaften zeichnet sich der junge Mensch nach § 1 Abs. 2 des Jugendgesetzes aus durch:

  1. „Verantwortungsgefühl für sich und andere,
  2. Kollektivbewusstsein,
  3. Hilfsbereitschaft,
  4. Beharrlichkeit,
  5. Zielstrebigkeit,
  6. Ehrlichkeit,
  7. Bescheidenheit,
  8. Mut,
  9. Standhaftigkeit,

10.Ausdauer,

11.Disziplin,

12.Achtung vor den Älteren, ihren Leistungen und Verdiensten,

13.verantwortungsbewusstes Verhalten zum anderen Geschlecht,

14.Gesundheit,

15.Leistungsfähigkeit.”

Die formulierten Aufgaben knüpfen an Ulbrichts „10 Gebote der sozialistischen Moral und Ethik” an, die geforderten Eigenschaften lassen sich auf bürgerliche Norm- und Wertvorstellungen zurückführen, deren Tradition bereits unabhängig von kommunistischer oder sozialistischer Ideologie bestand und auch weiter besteht.

Diese Einbettung bürgerlicher Wert- und Normenvorstellung in das Erziehungskonzept erzwang eine ideologische Abgrenzung, bei der die Überlegenheit der sozialistischen Persönlichkeit gegenüber der bürgerlichen Persönlichkeit herausgestellt wurde, sodass Verhaltensweisen wie Individualismus, Egoismus und politische Gleichgültigkeit, die das kapitalistische Gesellschaftssystem hervorbrachte, in der sozialistischen Gesellschaft überwunden und durch Eigenschaften wie Opferbereitschaft, Kollektivgeist, Solidarität, Internationalismus, Klassenbewusstsein, Standhaftigkeit und Prinzipientreue ersetzt werden sollten.

Vor dem Hintergrund veränderter Ost-West-Beziehungen und den Einflüssen der westlichen Jugendkultur befürchtete die Staatsmacht ein Schwinden des Feindbildes. Um dem entgegenzuwirken und um das Bewusstsein der jungen Generation zum Schutze der „Errungenschaften des Sozialismus” zu festigen, setzte eine klare Abgrenzungspolitik durch Reideologisierung und Militarisierung ein. Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch die Einführung der sozialistischen Wehrerziehung an Erweiterten Oberschulen und Spezialschulen im Februar 1973, die gesetzliche Fixierung der Teilnahme an der vormilitärischen Ausbildung im Rahmen der Berufsausbildung im Juni 1977 und die Einführung des Wehrunterrichts an den polytechnischen Oberschulen 1978.

Die Abgrenzung gegenüber der Gesellschaft der Bundesrepublik, deren konsumorientierte Werthaltungen sich zunehmend auch in der Gesellschaft der DDR abzeichneten, führte zu einer „Reaktualisierung des Klassentheorems” und zu einer Betonung der sozialistischen Lebensweise, mittels derer das Erbe der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Lebensweise überwunden war.

Die Übereinstimmung von individuellen und gesellschaftlichen Interessen sollte in den 1980er Jahren zunehmend durch die politisch-ideologische Erziehung erreicht werden, die sich an den gesellschaftspolitischen Zielen der SED orientierte. Eine politische Sozialisation war durch politische Aktivität und Partizipation im Rahmen der vorhandenen Institutionen zu bewirken. Dabei waren Eigenschaften wie Konfliktfähigkeit und Konflikt-

bereitschaft unerwünscht. Ebenso war für menschliche Unzulänglichkeiten und Schwächen in diesem System des Konformismus kein Platz. Nur mittels Anpassungsdruck konnte der Einzelne die geforderten Verhaltensweisen erfüllen und verinnerlichen, um sich schließlich in das Kollektiv einzuordnen. Jedoch zeigte sich immer offensichtlicher ein Widerspruch zwischen dem unbeirrten Festhalten an den weltanschaulichen Prämissen und dem „Zwang zu Modernisierung und Leistungssteigerung”. So war der Beschluss des XI. Parteitags der SED 1986 für einen neuen Gesamtlehrplan, der die optimale Förderung jedes Kindes entsprechend seiner individuellen Anlagen und Fähigkeiten und somit eine wachsende Bedeutung des „subjektiven Faktors” forderte, unvereinbar mit den „etablierten Praktiken zur Bewusstseinsbildung der allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeit”, die weiterhin bestehen blieben (was letztlich auch aus den Einstellungen alteingesessener Akteure des Volksbildungssystems resultierte).

Folglich stand sich die DDR in Fragen der Modernisierung selbst im Weg mit ihrer begrenzten Differenzierung in der allgemeinbildenden Schule, erstens weil Begabungstheorien und Differenzierung als bürgerliche Pädagogik angesehen wurden, zweitens weil die Durchlässigkeit des Bildungssystems an die Prämissen des ideologischen Bewusstseins geknüpft war und drittens weil sich soziale Schichten, in diesem Fall die etablierte Bildungsschicht, selbst reproduzieren.

DIE DURCHSETZUNG DES ERZIEHUNGSKONZEPTES

Auf der Grundlage des Erziehungskonzeptes einer allseitig gebildeten (entwickelten) sozialistischen Persönlichkeit setzte die Partei- und Staatsführung der DDR ihre Politik im Erziehungs- und Bildungswesen massiv durch. Die Umsetzung des Erziehungskonzeptes begann bereits frühzeitig in Krippen und Kindergärten und sollte allumfassend alle Lebensbereiche durchdringen. In der Schule fand die Erziehung zur allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeit nicht nur im Unterricht durch Lehrkräfte statt, sondern auch in enger Verflechtung mit der Kinder- und Jugendorganisation (Pioniere und FDJ) seit deren Etablierung in den 1950er Jahren. Der Durchsetzung des Erziehungskonzeptes dienten zudem die Jugendweihe und die Wehrerziehung, sodass letztendlich allein die Mitgliedschaft bei den Pionieren bzw. in der FDJ und die Teilnahme an der Jugendweihe und Formen der paramilitärischen Ausbildung als formale Gradmesser für einen gelungenen Erziehungsprozess gewertet wurden.

Schülern, Auszubildenden und Studenten, die sich dem Erziehungsideal nicht unterwarfen und aufgrund ihrer Individualität oder ihres Verhaltens vom vorgegebenen sozialistischen Normen- und Wertekanon abwichen, drohten Repressionen verschiedenen Ausmaßes. Was die Machthaber unter abweichendem Verhalten subsumierten, richtete sich nach den vorherrschenden politischen Rahmenbedingungen der Zeit. In Anlehnung an die Dissertation und die Forschungsergebnisse der Verfasserin, die in Bezug auf die Benachteiligung von Schülern, Auszubildenden und Studenten gewonnen wurden, lassen sich die Gründe, die zu Repressionen im Schulalltag führten, grob in drei Phasen unterscheiden, in denen zwar mehr oder weniger alle genannten Gründe mit Benachteiligungen einhergehen konnten, jedoch der eine oder andere Sachverhalt besonders häufig zu Diskriminierungen führte. Dabei gehen diese Phasen jedoch weniger gleitend als vielmehr überlappend ineinander über.

Von 1946 bis Mitte der 1950er Jahre kann zunächst von einer antifaschistisch-antibürgerlich dominierten Phase gesprochen werden. Anlass zu Benachteiligungen und Verfolgungen gaben in den ersten Nachkriegsjahren die Aktivitäten des Jugendlichen und seiner Familienmitglieder während der Zeit des Nationalsozialismus. Daneben waren bis Ende der 1950er Jahre die soziale Herkunft, ein Fluchtversuch oder „politisch-feindliches” Handeln häufig Gründe für Diskriminierungen im Bildungswesen. In diese Phase zählten auch Maßnahmen gegen Schüler nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953.

Seit Beginn der 1950er Jahre bis Anfang der 1970er Jahre lässt sich eine antiklerikale-sozialistisch-atheistisch dominierte Phase ausmachen. Während dieser Zeit fanden häufiger Benachteiligungen aufgrund von Konflikten zwischen der staatlich propagierten wissenschaftlichen Weltanschauung und der traditionellen religiösen Weltanschauung statt. Diesen Konkurrenzkampf führte die SED im Bereich des Erziehungs- und Bildungswesen seit Kriegsende. Um den Einfluss der Religionen und Kirchen zu schmälern, ging die SED-Führung seit Anfang der 1950er Jahre zunehmend energisch vor und betrieb dabei eine doppelte Strategie: Einerseits verfolgte sie Gläubige, wie beispielsweise das Verbot der Zeugen Jehovas und die Rufmord-Kampagne gegen die Junge Gemeinde zeigen, andererseits schuf sie Alternativen zur „Abwerbung”, wie beispielsweise staatliche Kinder- und Jugendorganisationen und die Jugendweihe.

Obwohl Schulfunktionäre und zum Großteil auch Lehrer alles daran setzten, den Forderungen von Partei- und Staatsführung nachzukommen, um deren politische Richtlinien in den Schulen durchzusetzen, ließen sich zu keiner Zeit hundert Prozent der Schüler erreichen. Konflikte mit christlichen Schülern blieben im Schulalltag bis zum Ende der DDR bestehen und äußerten sich besonders deutlich, wenn die Eltern die Mitgliedschaft ihres Kindes in der staatlichen Kinder- und Jugendorganisation ablehnten (insbesondere betraf das die Zeugen Jehovas) oder an der christlichen Tradition der Konfirmation bzw. Firmung gemeinsam mit ihren Kindern festhielten, statt ihre Kinder ab Mitte der 1950er Jahre an der staatlichen Jugendweihe teilnehmen zu lassen.

Während dieser Zeit erreichten auch neue westliche jugendkulturelle Trends die DDR, die nach Meinung der Partei- und Staatsführung den sozialistischen Moralvorstellungen widersprachen. Um ein Abweichen von den sozialistischen Norm- und Moralvorstellungen zu verhindern galt es, die Jugend einerseits für die Ziele der SED zu gewinnen und andererseits zu kontrollieren. Folglich begann ein Wechselspiel zwischen staatlichen Lockerungen und Restriktionen, bei dem das SED-Regime bis zum Ende der DDR jegliche westliche Beeinflussung beargwöhnte. Infolge dieser Abgrenzungs- und Eindämmungspolitik kam es von Seiten der Volksbildung und der Staatssicherheit gegenüber Jugendlichen teilweise zu massiven Eingriffen, die deren berufliche und persönliche Entwicklung beeinträchtigten.

Auch in den 1970er Jahren waren die Konflikte aufgrund unterschiedlicher Weltanschauungen und religiöser Bindungen weiterhin präsent und bestanden bis zum Ende der DDR, jedoch traten nach der Einführung der Wehrpflicht und der damit verbundenen zunehmenden Militarisierung mehr und mehr pazifistische Motive der christlichen Weltanschauung in den Vordergrund. Nicht zuletzt schlossen sich auch Konfessionslose der Friedensbewegung an, sodass gegen Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre eine Vielzahl von Jugendlichen im Erziehungs- und Bildungswesen benachteiligt wurden, weil sie aus pazifistischen Gründen ihre Teilnahme an verschiedenen Formen der Wehrausbildung oder den bewaffneten Wehrdienst ablehnten. Diese letzte Phase der Repressionen kann als antipazifistisch-antichristlich dominiert eingestuft werden. Ab Mitte der 1980er Jahre erfolgten zudem mehrere Benachteiligungen aufgrund von Ausreiseanträgen, die Jugendliche allein oder gemeinsam mit ihren Eltern stellten.

Obwohl übermäßig häufig christliche Schüler diskriminiert wurden, war die konfessionelle Bindung nicht grundsätzlich ausschlaggebend für eine Benachteiligung. In einigen Fällen war sie zweitrangig oder gar bedeutungslos, denn die Ursachen der Diskriminierungen standen vorwiegend im Zusammenhang mit verweigerten Formen der Militärausbildung, mit Fluchtversuchen und Ausreisewünschen oder fehlender gesellschaftlicher Aktivitäten. Zum Teil waren die Benachteiligten selbst nur infolge einer „Sippenhaftung” betroffen, weil Ausreiseanträge, Flucht oder Fluchtversuche von Familienmitgliedern mit staatlichen Repressionen gegenüber dem familiären Umfeld geahndet wurden. Aus diesen Gründen wurden auch Konfessionslose benachteiligt.

Die Diskriminierungen im Schulalltag reichten von täglichen kleinen „Gängeleien”, die auf die Initiative einzelner Lehrer zurückzuführen waren und sich gezielt gegen andersdenkende Schüler richteten, bis hin zu „organisierten” Nichtzulassungen zu weiterführenden Bildungseinrichtungen (Bildungsverbot). Zudem waren die vorgegebenen Lehr- und Lerninhalte in der DDR ideologisch und politisch durchtränkt, sodass einzelne Schüler wie auch Eltern eine Erziehung zu Hass, Militarismus und Blasphemie offen ablehnten. Lehrer sanktionierten dieses Verhalten der Schüler mit schlechten Fach- und Verhaltenszensuren, da sich derartige Verweigerungshaltungen als Verstoß gegen die Schulordnung oder zumindest als Verstoß gegen die Lernpflicht des Schülers interpretieren ließen. Als gängige Methode zur Ausgrenzung erwies sich zudem, dass Lehrer und Schuldirektoren unangepassten Schülern Belobigungen und Auszeichnungen für schulische Fachleistungen vorenthielten, um ihnen so Anerkennung und Wertschätzung zu versagen. Schließlich spiegelte sich die eigensinnige Haltung von Schülern vielfach auch in den Zeugnissen wider, da Lehrer das staatsbürgerliche Bewusstsein sowohl in der schriftlichen Gesamteinschätzung als auch in den Kopfnoten mit zu bewerten hatten. Im Bezug auf die Beurteilung der Schülerpersönlichkeit kam dem Klassenlehrer eine besondere Bedeutung zu, denn von seinem Wohlwollen und Schreibgeschick hing es ab, ob und wie er manche Eigenart des Schülers wiedergab. Zudem verfügte er wie auch der Schuldirektor über großen Einfluss bei der Delegierung eines Schülers zu einer weiterführenden Bildungseinrichtung. Beide konnten den einzelnen Schüler sowohl fördern als auch benachteiligen, weil sie trotz gesetzlicher Vorgaben und Anordnungen in vielen Fällen über einen gewissen individuellen Ermessensspielraum – im positiven wie negativen Sinn – verfügten.

Besonders nachhaltig wirkten sich die Relegierung und die Nichtzulassung zu weiterführenden Bildungseinrichtungen aus. Insbesondere die Auswahl und Zulassung zu höherer Bildung stand zunehmend unter dem politischen Einfluss der SED, wie sich auch anhand einschlägiger Gesetze und Verordnungen zeigte. Ihre politisch-ideologischen Maßstäbe in Bezug auf das Erziehungskonzept der allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeit setzte die Partei im Zulassungsverfahren mittels Auswahlkriterien, vorausgehenden Auswahl- bzw. Delegierungsverfahren und über die personelle Zusammensetzung der Zulassungskommissionen durch. Dabei folgten die Forderungen gegenüber Bewerbern immer mehr dem Primat der SED-Politik. In den ersten Nachkriegsjahren waren zunächst die politischen und militärischen Aktivitäten während des Nationalsozialismus und die soziale Herkunft des Bewerbers für das Zulassungsverfahren relevant. Später wurden die Bedingungen für eine Aufnahme entsprechend neuen politischen Maßstäben verändert, sodass Ende der 1950er Jahre die „aktive Teilnahme am Aufbau des Sozialismus” und Anfang der 1960er Jahre die „Bereitschaft zur aktiven Verteidigung der Errungenschaften des Sozialismus” für den Zugang zu einer weiterführenden Bildungseinrichtung als notwendig galten. Bis zum Ende der DDR waren die Mitgliedschaft in der FDJ, die Teilnahme an der Jugendweihe und an den paramilitärischen Ausbildungen (für männliche Bewerber auch die Bereitschaft zur Schießübung auf menschliche Silhouetten) sowie das Interesse für ein volkswirtschaftlich notwendiges Studium ausschlaggebend, um im Auswahlverfahren für die Abiturstufe eine Chance zu bekommen.

FAZIT

Abschließend lässt sich festhalten, dass das Erziehungskonzept der allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeit, das dem Erziehungs- und Bildungswesen der DDR zugrunde lag, eindeutig auf die Durchsetzung der gesellschaftspolitischen Ziele der SED ausgerichtet war, wie sich anhand von Gesetzen, Verordnungen und deren praktischer Umsetzung im Schulalltag beweisen lässt. Ebenfalls dienten insbesondere die personelle Besetzung an den Schulen und in den administrativen Bereichen der Volksbildung, deren Anleitung und Kontrolle durch Vertreter der SED, die Einbindung der staatlichen Kinder- und Jugendorganisation in den täglichen Bildungs- und Erziehungsprozess als auch die Durchtränkung der Lehrund Lernmaterialien mit ideologischen Inhalten eindeutig der Agitation und Indoktrination. An den Schulen in der DDR fand keine bloße Faktenvermittlung statt, die es Kindern und Jugendlichen erlaubt hätte, eigene Standpunkte herauszubilden und zu vertreten. Andersdenkende und Abweichler wurden attackiert, stigmatisiert und ausgegrenzt, sodass der Lebensweg dieser DDR-Schüler nicht nur kurzzeitig, sondern nachhaltig beeinflusst wurde, denn diese Betroffenen konnten in der Regel nur einen Teilberufs- oder Berufsabschluss erwerben. Für viele ehemalige Schüler war eine Verwirklichung ihrer Bildungskarriere oftmals nicht möglich und sie mussten insbesondere nach der Wiedervereinigung finanzielle Nachteile aufgrund ihrer fehlenden Qualifikation in Kauf nehmen. Das Bundesamt für Justiz verzeichnete bis zum 31. Juli 2008 6.889 Anträge auf Rehabilitierung als Verfolgte Schüler, von denen letztlich 3.878 Anträge positiv entschieden wurden. Die Dunkelziffer wird bei Weitem höher liegen, denn nicht jeder benachteiligte Schüler stellte schließlich einen Rehabilitierungsantrag. Angesichts dieser Zahlen und der Tatsache, dass es sich bei jedem Betroffenen um ein Lebensschicksal handelte, kann bei den „Bildungsverboten” in der DDR keineswegs nur von „Einzelfällen” gesprochen werden, wie Margot Honecker noch immer meint.

Wertevermittlung in Schulen?

Lehrer zwischen Erinnerungsarbeit und Zukunftsorientierung

Dieter Schulz

VORBEMERKUNG

Wertevermittlung bzw. Werteerziehung in der Schule ist ein weites Feld; man kann sich in diesem Thema leicht verlieren. Es eignet sich zudem sehr gut für „Sonntagsreden”. Es impliziert auch die Gefahr, zu bloßen „appellativen Reden” zu verkommen. Das gilt auch für „historische Erinnerungs-Analysen”, die zugleich den Brückenschlag über die Gegenwart in die Zukunft leisten sollen. Tina Kwiatkowski-Celofiga hat in diesem Band bereits differenziert die Zielsetzung und Aufgabe der DDR-Schule aufgezeigt, nämlich die „Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit”. Vielleicht darf ich aber eines nochmals hervorheben:

1. POLITISCH-IDEOLOGISCHE WERTORIENTIERUNG

Seit 1976 sprach man in der pädagogischen Literatur der DDR und in allen schulpolitischen Direktiven nicht mehr von sozialistischer, sondern von kommunistischer Erziehung. Während nach wie vor vom sozialistischen Bildungswesen, vom sozialistischen Staatsbürger oder von der sozialistischen Gesellschaft die Rede war, sollte mit der Bezeichnung „kommunistische Erziehung” offensichtlich zum Ausdruck gebracht werden, dass dank und mittels der Erziehung die nächste Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung möglich und beschritten würde und dass die Orientierung auf den Kommunismus das Richtmaß für die Erziehung der Gegenwart darstelle.

Tatsächlich wird im Programm der SED, das auf dem IX. Parteitag 1976 beschlossen wurde, als Ziel der „Vervollkommnung des einheitlichen sozialistischen Bildungswesens” der allmähliche Übergang zum Kommunismus genannt. Unstrittig war das ein weiterer Schritt, die ideologische Kontrolle über die Jugenderziehung zu verstärken. Diese Absicht belegen die zeitversetzten Analysen, wie wir sie aufgrund der historischen Ereignisse und unter Kenntnis der spezifischen Quellen gegenwärtig zu ziehen in der Lage sind. Die obligatorische Einführung des Wehrunterrichts zum Schuljahr 1978/79 in den Klassen 8 und 9 sind hierfür ein Beleg.

In dem Standardwerk „Pädagogik”, das gemeinsam mit der „Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der UdSSR” und der „Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR” in der 8. Aufl. 1989 (Redaktionsschluss 11. Juli 1988) herausgegeben wurde, wird die Aufgabe der Schule – die rasant verlaufende politische Entwicklung der folgenden Wochen und Monate sowohl in der Sowjetunion als auch in der DDR nicht ahnend – unter dem Stichwort „Schule – Lern-, Arbeits- und Lebensstätte” (noch) wie folgt definiert:

„Die Schule ist in vielfältiger Weise mit dem Leben der sozialistischen Gesellschaft verbunden; sie ist Ergebnis der revolutionären Umwälzung der ganzen Gesellschaft, ihre Entwicklung ist bedeutsamer Bestandteil der Revolution auf dem Gebiet von Ideologie und Kultur. Zugleich nimmt sie Einfluß auf die Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft. Die sozialistische Schule ist ihrem Charakter nach ‚polytechnische Arbeitsschule’, in der der Unterricht mit produktiver Arbeit und körperlicher Ausbildung verbunden wird (…)  Enge Beziehungen bestehen zwischen Schule und sozialistischem Jugendverband. (…) Schließlich ist kommunistische Erziehung der heranwachsenden Generation nicht ohne die Zusammenarbeit zwischen Schule und Familie denkbar. (…) All das muß bei der Führung der Arbeit an der Schule berücksichtigt werden. Mit dem Aufbau der zehnklassigen allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule wurden entscheidende Voraussetzungen für die Realisierung unseres Erziehungszieles, die Herausbildung allseitig entwickelter sozialistischer Persönlichkeiten geschaffen. Jetzt kommt es – wie der XXVI. Parteitag der KPdSU und der X. Parteitag der SED übereinstimmend feststellen – darauf an, alle Potenzen unserer Oberschule, unseres gesamten Volksbildungswesens für die Lösung dieser Aufgabe voll auszuschöpfen.”4

Es ist emotional geradezu Gänsehaut erzeugend, was unter dem Kapitel 2.1.3 „Prinzipien der kommunistischen Erziehung”5 formuliert ist. Interessierte Leser – so sie es aus jener Zeit nicht selbst erfahren und erlebt haben – können die einschlägigen, peinlich differenzierten „pädagogischen Denk- und Handlungsanweisungen für Lehrer und Erzieher” in der zitierten Publikation nachlesen. Nachhaltig auffällig ist – trotz eines hochauflösenden „Stichwortverzeichnisses” –  dass Werte in unserem Sinne es nicht wert waren bzw. wert sind, thematisiert zu werden. Es findet sich lediglich das Stichwort „Wertorientierungen, politisch-ideologische”.

„Zum Inhalt der Erziehung gehören Fakten und Begriffe, die das menschenfeindliche Wesen des Imperialismus kennzeichnen. Die Schüler müssen den Feind durchschauen und ihn überall entlarven können. Sie sollen lernen, sich mit der bürgerlichen Ideologie auseinanderzusetzen, das Wesen und die Erscheinungsformen imperialistischer Propaganda und Diversion zu durchschauen und dabei die erworbenen Kenntnisse anzuwenden. Auf diese Weise entstehen politisch-ideologische Wertorientierungen, die Haß gegen die imperialistische Ausbeutung und Unterdrückung

einschließen”.6

In welchem Ausmaß die „Pädagogik” und ihre Handlungsträger (Erzieher, Lehrer, Hochschullehrer) durch die SED instrumentalisiert wurden, belegt das schier unglaubliche, ungeheuerliche Vorwort von Lothar Oppermann zur „Instruktionshilfe Parteiarbeit und Pädagogik”:

„Eine Bemerkung sei noch zur gesamten Anwendungsproblematik der Pädagogik in der Parteiarbeit gestattet. Wir sind uns darüber klar, dass die Anwendung der Pädagogik vor allem das „Wie” der Führungstätigkeit betrifft. Sie hilft bei der Beantwortung der Frage nach wirksameren Methoden und Formen der Führungstätigkeit. Primär ist immer die politische Richtigkeit dessen, was im Erziehungs- und Bildungsprozeß vermittelt

  • Ders., a.a.O., S. 191 (Hervorhebungen im Original).
  • Oppermann, Lothar: Parteiarbeit und Pädagogik. In Reihe; Der Parteiarbeiter. Hrsg. von der Abteilung Volksbildung des Zentralkomitees der SED. Autorenkollektiv unter der Leitung von Dr. Lothar Oppermann. Redaktion: Helmut Günther. Berlin 1. Aufl. 1969, S. 5. Oppermann gehörte zu den maßgeblichen und verantwortlichen Ideologen der Kaderpolitik in der Pädagogik. Für ihn ist der Pädagogik  die Aufgabe gestellt, die „Anwendungsproblematik” zu bewältigen: „Die Anwendungsproblematik der Pädagogik liegt also in der Parteiarbeit besonders auf dem Gebiet der Agitation und Propaganda sowie der Auswahl, Delegierung und Erziehung der Kader”. In: ders., a.a.O., S. 16 (hier durch die Herausgeber „rot” unterlegt hervorgehoben!). Zur Person vgl. Herbst, Andreas: Oppermann, Lothar. In: Wer war wer in der DDR? (2 Bände) Berlin 2010, 5. Ausgabe.

Dem Organ „Der Parteiarbeiter” kam in der Arbeit der SED eine besondere politisch-ideologische Funktion zu. Für nahezu alle Arbeitsbereiche gab es in unregelmäßigen Abständen „Arbeitshefte”, die spezifische Themen der Parteiarbeit im jeweiligen Bereich in den Mittelpunkt stellten. In der Regel sind die hier abgehandelten thematischen Blöcke bereits in der Zeitschrift „Der Neue Weg” aus-

werden soll. (…)”7

Gewiss machen diese „Erinnerungsstücke” besonders nachdenklich und sollten zur Diskussion anregen. Im Weiteren möchte ich mich mit dem Verständnis von „Werten und Werteerziehung in der Schule von heute” befassen. Dass in diesem Zusammenhang auch grundsätzliche Reflexionen zur Erzieher- und Lehrerpersönlichkeit zu treffen sind, darf nicht dazu verleiten, eine Summe von unrealistischen „Sollte-Formulierungen” in die Welt zu setzen.

2. PARADIGMENWECHSEL – WERTEERZIEHUNG HEUTE

Die schrecklichen Geschehnisse, die sich in den zurückliegenden Jahren an einzelnen Schulen in der Bundesrepublik ereignet haben, sind uns noch gegenwärtig:

  • 09.11.1999: Ermordung einer Lehrerin an einem Gymnasium in Meißen.
  • 26.04.2002: Amoklauf eines introvertierten Schülers in Erfurt – Schreckensbilanz: 17 Tote!
  • 09.11.2009: Amoklauf eines Realschülers in Winnenden bei Stuttgart – Schreckensbilanz: 15 Tote!

Und es liegen dazwischen noch viele weitere, mehr als furchtbare Ereignisse. An dieser Stelle soll kein Schreckensszenario unter dem Leitthema von „Werteerziehung in der Schule” skizziert werden. Derartige Vorkommnisse  werden von vielen Politikern und Repräsentanten des öffentlichen Lebens, aber auch von Erziehungswissenschaftlern genutzt, um unstrittig persönliche Betroffenheit zu zeigen und „mehr Entschlossenheit zur Werteerziehung” anzumahnen; so auch vom ehemaligen Bundespräsidenten, Prof. Dr. Roman Herzog.

Hartmut von Hentig sah sich als Reaktion auf die Ereignisse von Meißen dazu veranlasst, ein kleines Buch mit dem gleichsam resignierenden Titel „Ach, die Werte!” zu verfassen. In ihm geht es vor allem darum, über den Zusammenhang von Politik und Pädagogik nachzudenken und nachdrücklich davor zu warnen, dass die Schule Dinge wiedergutmachen könnte, die in der Gesellschaft schieflaufen. Selbstredend hat die Schule, haben wir Lehrer generell die erzieherische Aufgabe, die „moralische Urteilskraft” (Theodor Litt) und die sittliche Entscheidungsfähigkeit junger Menschen herauszubilden. In allen Bundesländern wird „ethische Erziehung” gefordert – gleich, ob wir noch bereit sind, uns als Christen zu bekennen oder nicht. Keine aktuelle Richtlinie – gleich aus welchem Bundesland – kein aktueller Lehrplan und kein aktuelles Schulprogramm lassen die ethische Erziehung als Zielsetzung unerwähnt. Wer sich mit der Struktur von Schulgesetzen, Richtlinien und Lehrplänen auskennt, der weiß in diesem Zusammenhang um ein Dreifaches: dass die „ethische Erziehung” eher in den Präambeln als in den konkreten Stoffplänen bzw. Lehrplänen thematisiert wird; dass die didaktischen und methodischen Ausführungen, z. B. zu den Fächern Sprache, Mathematik usw. in der Regel Aussagen zur ethischen Erziehung vermissen lassen; und dass am ehesten noch für den „Religionsunterricht”, für das Fach „Ethik” und für das Fach „Politische Bildung” selbst Hinweise zur ethischen Orientierung gegeben werden. Aber auch das erschöpft sich in banalen Hinweisen.

Es ist aber zu hoffen, dass unabhängig von einem Auftrag durch die Lehrpläne die Mehrzahl der Fachlehrer die ethische Erziehung von sich aus als einen Teil ihrer Berufsaufgabe auffassen – wenngleich sich in dieser Formulierung sicher auch meine unterschwellige Skepsis wahrnehmen lässt.

3. VERSUCH EINER BEGRIFFSKLÄRUNG

Ich will an dieser Stelle keinen akademischen Streit über den Facettenreichtum der Begrifflichkeiten „Lehrerpersönlichkeit”, „Vorbild”, „Wert” und „Werteerziehung” entfachen. Es geht mir lediglich darum, im Rahmen dieses Beitrags eine Verständnisgrundlage zu haben. Das Wort „Wert” ist mehrdeutig. In der abendländischen Tradition war an Stelle von „Werten” lange von „Gütern” die Rede. Erst durch die im 19. Jahrhundert entstandene „Wertephilosophie” wurde der „Wert” neu durchdacht, philosophisch zugeordnet und gedeutet. Werte werden seitdem als Wertschätzungen des Subjekts verstanden, durch die den Phänomenen eine Geltung zugeschrieben wird. Werte werden heute verstanden als Maßstäbe und Standards, die für Einschätzungen – im Sinne des Wertschätzens – erforderlich sind. Werte sind somit u.a. „Kriterien für Wahlentscheidungen”. Oder etwas abstrakter formuliert: Werte sind „innere Führungsgrößen für unser Handeln”.

„Vorbilder” wirken im Prinzip durch Lebens- und Sozialisationserfahrungen. Sie sind somit durch Lern- und Bildungshilfen beeinflussbar. Werte bzw. Wertungen unterliegen hingegen als historische Phänomene epochal- und lebensgeschichtlichen Wandlungen.

4.   WERTEPLURALISMUS UND LEHRERHANDELN 2012

Auch wenn zahlreiche Fragen immer wieder auftreten, darf man doch 22 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands im Sinne einer (historischen) Zwischenbilanz feststellen: Im Prozess eines Übergangs entsteht immer eine Unsicherheit, entsteht ein Vakuum – ein Wertevakuum. Die sich ergebende „Werteunsicherheit” schlägt sich auch in Bildung und Erziehung nieder – ja, vielleicht ist sie aufgrund des Paradigmenwechsels im gesellschaftlichen Rahmenverständnis von Schule und ihrer Handlungsträger (also: der Lehrer) besonders spürbar! Wer zum Beispiel in den Bundesländern Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gehofft hatte, dass es nach dem Ende des Sozialismus wieder gleichsam automatisch zu einer Rückbesinnung und Wiederaufnahme christlichen Denkens kommen werde, muss sich spätestens unter dem gegenwärtigen Erscheinungsbild unserer Gesellschaft enttäuscht sehen.

Ja, ich wage zu behaupten: Dieser Verlust ist weit gravierender als die marode Gebäudesubstanz, die wir relativ leicht zu restaurieren verstehen (Ich erinnere an das geflügelte, geradezu makabre Wort aus DDR-Zeiten: „Ruinen schaffen ohne Waffen!”). Der weitaus größere Schaden wurde in den Hinterköpfen der unter dem kommunistischen Regime lebenden jungen Generationen angerichtet. Die Schädigung ist im wahrsten Sinne des Wortes nachhaltig, zumal sie durch nicht zwingend christlich denkende und handelnde „Aufbauhelfer” aus den westlichen Bundesländern noch verstärkt wurde und (wohl auch immer noch) wird.

Das Verstehen und die Aufforderung zur Überwindung solcher vielfach empfundenen Defizite – in der sozialwissenschaftlichen Diskussion häufig unter den Kategorien „Wertekrise, Werteverfall, Wertewandel” zusammengefasst – signalisiert der Begriff „Werteerziehung”. Dahinter verbirgt sich die Auffassung, man könne den Defiziten durch organisierte erzieherische Maßnahmen begegnen und zu ihrer Behebung beitragen. Von daher muss man unter Werteerziehung – so die allgemeine und undifferenzierte Vorstellung – den Versuch verstehen, weltanschauliche und moralische Erziehung zu leisten und Werteeinstellungen beim Adressaten hervorzurufen, die der angedeuteten Symptomatik entgegenwirken können. Unter dem Aspekt der Sozialisation gehen dann schließlich Werte in Tugenden über, z.B.: Pflicht in Pflichtbewusstsein, Leistung in Leistungsbereitschaft, Gemeinwohl in solidarisch orientiertes Denken.

Diese mehr als vereinfachende Skizze, was unter „Werteerziehung” verstanden werden sollte, darf selbstredend nicht die Schwierigkeiten ausblenden, die sich in der praktischen Umgebung damit verbinden. Niemand erfährt das direkter und immer unmittelbarer als z. B. die Initiatoren und Akteure der weltweit sich thematisch unterschiedlich artikulierenden politischen „Agenden”. Ich denke hier vor allem an die entsprechenden Äußerungen der Vereinten Nationen und die am 8. September 2000 von 189 Regierungen gefassten Beschlüsse, z. B. die Hungersnot und Armut in der Welt innerhalb einer selbst gesetzten Frist von 15 Jahren drastisch zu senken („Millenium Declaration”). Derartige politische Aktionismen sind populistisch und bewusst irreführend. Ich denke hier auch an die entsprechenden Äußerungen zum „Klimawandel”. Man darf gespannt sein, welche Formulierungen seitens der Politiker beim Erreichen des Zieljahres 2015 (!) der „Millenium Declaration” zur Rechtfertigung ge- oder erfunden werden.

Auch wenn es in diesem Zusammenhang spannend wäre, hierzu einzelne Positionen aufzuschlüsseln, so will ich es mit einer vorläufigen Zwischenbilanz bewenden lassen: Je abstrakter die normative Setzung von Werten für den Einzelnen ist, desto weniger wird deren Realisierung bzw. Umsetzung in Frage gestellt – auch wenn keiner weiß, wie es gehen soll. Wenn Grundwerte, wie Menschenwürde, Friede, Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit, Solidarität usw. einmal ausgesprochen sind, stellt sie auch keiner mehr in Frage. Man akzeptiert die positiv belegten verbalen Begriffe, aber in der konkreten Umsetzung ist man völlig hilflos. Dabei beinhaltet jeder Begriff für sich ein umfassendes, weltweit gültiges Programm und Handeln!

Auch die Rolle der Schule hat sich gewandelt – und sie wird sich noch weiter wandeln! Es zeichnet sich jetzt schon ab, dass sie im Zuge des Leben begleitenden Lernens allenfalls nur ein Element – wenn auch unbestritten ein sehr wichtiges – im gesetzmäßigen Kontinuum aufeinander bezogener Bildungsschritte darstellt. Schule bleibt der Bereich von Bildung und Erziehung, der dem staatlichen und damit dem politischen Einfluss am stärksten ausgesetzt ist. Damit besitzt Schule als die Agentur staatlich organisierter Bildungsprozesse immer eine Funktion der Gesellschaft, in der sie betrieben wird. Insofern spiegelt sich im Unterrichtsgeschehen, in ihren Richtlinien und Lehrplänen, Lernzielen und Schulbüchern nicht allein das, was gesellschaftlich von der Generation der Erwachsenen aktuell für wünschenswert gehalten wird. Es soll in diesem Zusammenhang nicht weiter ausgeführt werden. Dennoch sei als eine denkbare Konsequenz eine Gegenfrage angedeutet – und es ist keine rhetorische Gegenfrage: Muss nicht Schule aus sich heraus gerade gegen die Zeit, also bewusst unzeitgemäß sein? Ist das nicht gerade ihr Auftrag? Es kann doch im schulischen Erziehungsprozess nicht ernsthaft um die Anpassung an ein aktuell gesellschaftliches Verständnis gehen – vielmehr muss doch die Gesellschaft durch die nachrückende Generation weiterentwickelt werden!

Es sei jedoch bereits eines eingeblendet: „Erziehung zur Selbstständigkeit und Mündigkeit” ist immer darauf zielgerichtet, dass Kinder und Jugendliche Dinge anders sehen als Erwachsene, die zu ihren Entscheidungen und Überzeugungen in oftmals ganz anderen biografischen und gesellschaftlichen Kontexten gekommen sind. Das ist naturgemäß so – das muss auch so sein! Wir Erwachsene freuen uns, wenn unsere Schüler und Jugendlichen, wenn unsere eigenen leiblichen Kinder die von uns als richtig erkannten Werte möglichst 1:1 verinnerlicht haben. Aber bitte Achtung! Wir Erwachsene, wir Eltern und Erzieher sind leicht ungeduldig! Denn Verinnerlichung von Werten ist in unmittelbarer Abfolge nur äußerst selten! Oder etwas anders formuliert:  Was wir als Erwachsene als einen Wert ansehen, wird von den Kindern und Jugendlichen zunächst nur begrenzt zustimmend zur Kenntnis genommen. Ob es für diese wirklich zu einem Wert wird, hängt von den damit gemachten Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen ab. Bewährt sich dieser Wert und wird er von den Kindern und Jugendlichen für ihr Leben als hilfreich und richtig erkannt – und das kann durchaus deutlich zeitversetzt erfolgen – so  liegt eine Akzeptanz bzw. eine modifizierte Annahme nahe. Aber: Wir Erwachsene können nur Größen und Phänomene anbieten, die wir in unserer Biografie selbst als Wert erfahren und bejaht haben – mehr nicht!  Dieser mitunter langwierige Prozess muss von jeder Generation neu und ganz individuell durchlaufen werden.  Das alles wissen wir zwar; aber wir sind so schrecklich ungeduldig. Wir müssen den Kindern und Jugendlichen sowie allen anderen Zeit geben, um das Angebot der Werte für sich reflektierend zu prüfen, diese in die eigenen Lebenszusammenhänge einzugliedern und deren Richtigkeit persönlich zu erfahren.

5. WERTEERZIEHUNG KONKRET

Wir wissen aus der jüngsten Zeitgeschichte nur zu genau, dass der Versuch, die Pädagogik und ihre Handlungsfelder zu instrumentalisieren, immer wieder gemacht wurde und gemacht wird. Das ist absolut nicht in Ordnung! Da es mitunter sehr subtil geschieht, ist es perfide, denn das Kind bzw. der Jugendliche verfügt mitunter noch nicht über die hinreichenden Entscheidungskriterien.  Ohne es im Einzelnen jetzt nochmals zu unterlegen, gilt, dass aus der Pädagogik alles das zurückzuweisen ist, was den Menschen für andere Zwecke als die seiner Selbstverwirklichung in den Dienst nehmen will. Pädagogik ist weder Abrichtung (Dressur) für bestimmte gesellschaftliche Funktionen noch Gewöhnung an Tabus: Sie ist weder Einübung in herrschende Sitten noch Unterwerfung unter weltanschauliche Vorgaben in Verbindung mit Machtausübung. Erziehung ist schlicht und einfach eine Hilfe zur Entfaltung des Individuums.

5.1         Politik und Verantwortung

Es wäre ein Trugschluss, hieraus „Egoismus” als Erziehungsziel abzuleiten. Vielmehr ist der Mensch auf Gemeinschaft angelegt; nur in ihr kann er sich entfalten. Selbstfindung, Selbstbestimmung und Selbstständigkeit sind die eigentlichen Ziele, auf die pädagogisches Handeln ausgerichtet zu sein hat. Und in dieser Zuordnung erweisen sich Freiheit und Verantwortung als konstitutive Ziele der Pädagogik.

Einer Person „Verantwortung übertragen” ist immer an ein Vertrauen gekoppelt, in dem sich die Richtigkeit und Gültigkeit vermittelter Werte und Normen beweisen kann. Werden diese Werte und Normen schrittweise verinnerlicht – und nicht „oktroyiert” im Sinne von „Du hast!” oder „Du sollst!” – so verfügt der Betreffende über ein gesichertes und somit geprüftes Verhaltensrepertoire. Staatliches Handeln hat gemäß dem grundgesetzlichen Auftrag ausschließlich dem freiheitlich-demokratischen Gemeinwohl seiner Bürger zu dienen. Richtmaß hierzu ist auf allen Ebenen das Subsidiaritätsprinzip, denn „der Staat ist nicht der ideologische Vormund seiner Bürger!”.

5.2         Die „pädagogische Freiheit und Verantwortung” des Lehrers

Wenn sich Schule von heute – und die Prozesse sind international, wenn sie auch mit unterschiedlichem Tempo verlaufen – zu einer selbst verantworteten Schule wandelt, verändert sich in einem längeren Entwicklungsprozess auch die Rolle der Lehrer. Die Selbstständigkeit vergrößert sich, das Maß ihrer Unabhängigkeit von Vorgaben wächst, Art und Umfang der Verantwortung werden deutlicher. Der Staat allerdings kann nicht erwarten, dass sich diese Veränderungen nur durch die Initiative der Lehrer oder womöglich gegen deren Willen einstellen. Er muss die Rahmenbedingungen schaffen und den Prozess aktiv unterstützend begleiten. Lehrerinnen und Lehrer wollen bzw. dürfen Unterricht und Erziehung nicht in erster Linie über Vorschriften und permanent externe Kontrolle gesteuert und gesichert sehen, sondern durch Selbststeuerung und Selbstverantwortung.

Auf den gesellschaftlichen und kulturellen Wandel wird die Schule am besten reagieren können, die Lehrern u.a. den Freiraum für innovative Arbeit und für kreative Planung von Erziehungsprozessen gibt. Was der Staat vom Lehrerberuf jedoch erwarten kann und worauf auch die von ihm geleitete Vorbereitung auf den Lehrberuf hinzuarbeiten hat, ist die Ausgestaltung des unmittelbaren Verantwortungsbereichs der Lehrer. Dabei geht es immer um Unterricht und Erziehung im eigentlichen Sinn. Dies ist der Verantwortungsbereich, über den Lehrer gegenüber dem Staat Rechenschaft ablegen können und müssen – in erster Linie aber gegenüber dem einzelnen Kind und jedem einzelnen Jugendlichen.

Diese Verantwortung übernehmen zu können, erfordert einen gebildeten und frei handelnden Lehrer, der seine pädagogische Verantwortung einbindet in seine Verantwortung als Bürger für die gemeinsamen Regeln des gesellschaftlichen Handelns. Wir alle wissen, dass Freiheit und Verantwortung ein nichtauflösbares Paar bilden. Die Pädagogik versteht den Begriff „Freiheit”, indem sie von folgender Aussage ausgeht: Freiheit ist dem Menschen zwar als Möglichkeit gegeben. Aber diese Fähigkeit, sich durch Erkenntnistätigkeit und Handeln selbst zur Welt in ein Verhältnis zu setzen, muss pädagogisch entwickelt werden. Es ist daher die Grundfrage der Pädagogik, wie das „Vernunftwesen, das der Mensch als Möglichkeit ist, Wirklichkeit wird” (Immanuel Kant), wie also die „Vernunft des Kindes in Tätigkeit versetzt werden kann”.

Diese Frage umschreibt den theoretischen Horizont, in welchem sich bereits das Denken der Aufklärungspädagogen bewegte (z. B. Jean-Jacques Rousseau). Erziehung ist danach Gegenstand von Reflexion und Planung. Ihr Ziel ist es, ins Leben zu führen. Sie gilt deshalb dem ganzen Menschen und soll – wie wir schlagwortartig wissen – „Kopf, Herz und Hand” bilden (Johann H. Pestalozzi). Somit ist Erziehung rational begründet und folglich methodischer Planung zugänglich. Dies alles – so wissen wir aus der Geschichte unserer Wissenschaftsdisziplin – konstituierte ein verändertes Verhältnis der Erwachsenen zu den Heranwachsenden. Auch kennen wir die Auswirkungen des Paradigmenwechsels, als die „Kindheit” entdeckt und Kinder nicht mehr nur als „unfertige Erwachsene” bezeichnet wurden.

So gesehen stellt sich die Erziehung als Wegbereiterin der Freiheit dar. Sie wurde und wird in der Tat zu einer gesellschaftlichen Aufgabe, die der rationalen Planung bedarf. Freiheit ist somit ein pädagogischer Begriff, was – wenn auch in sehr verkürzter Form – die soeben gestellte Frage beantwortet. Hier liegt ein internationales Verständnis von Erziehung zugrunde, und zwar völlig unabhängig von den jeweiligen politischen Systemen.

Lassen Sie mich das Phänomen „pädagogische Freiheit” noch kurz aus der beruflichen Rolle des Lehrers betrachten. Sein Rechtsstatus ist gekennzeichnet durch eine Doppelrolle: Der Lehrer ist seinem Status nach Angehöriger des Öffentlichen Dienstes; seiner Funktion nach ist er Erzieher und Wissensvermittler. Als Angehöriger des Öffentlichen Dienstes unterliegt er der Gehorsamspflicht gegenüber dem Staat bzw. dem Land; er ist weisungsgebunden. Als Erzieher hingegen lebt er weitgehend von der Eigendynamik seiner Persönlichkeit. Als Erzieher muss er in seinem Handeln zudem der Eigengesetzlichkeit der Pädagogik überlassen bleiben. Diese Inkongruenz zwischen dem Status und der Funktion macht die eigentliche Problematik in der Rechtsstellung des Lehrers aus.

Begrifflich wird diese Spannungslage zwischen Status und Funktion durch die Kategorie „pädagogische Freiheit” eingefangen. Mit ihr soll die Antinomie von Bindung und Freiheit innerhalb des Lehrerberufs zum Ausdruck gebracht werden. Die „pädagogische Freiheit” hat –  ungeachtet der Tatsache, dass sie inzwischen zu einem Rechtsbegriff geronnen ist – ihre Heimat unzweifelhaft in der Pädagogik.

So stimmig sich die „pädagogische Freiheit” auch definieren lässt, so sind doch drei wesentliche Fragen zu beantworten:

  1. Wovon soll die „pädagogische Freiheit” den Lehrer freimachen? Von derÜberbelastung mit Verwaltungsarbeit? Von der Bürokratie? Von der Schulleitung? Von Weisungen, Lehrplänen und Richtlinien?
  2. Wozu soll diese Freiheit dienen? Was ist ihr Sinn und ihre Funktion?Stellt sie ein Privileg der Lehrer dar oder steht sie im Dienst einer Aufgabe?
  3. Wie wirken sich die Maßnahmen der Schulaufsicht oder innerschulische Maßnahmen juristisch aus, wenn sie die pädagogische Freiheit des Lehrers berühren?

Fragt man nach dem Zweck und dem rechtlichen Charakter der pädagogischen Freiheit, so ist festzustellen, dass sie missverstanden wäre, wollte man sie als ein Sonderrecht, als ein Privileg des Lehrers bestimmen.

6. DIE SCHULE – EINE SOZIALE LEISTUNGSSCHULE

Schüler und Jugendliche müssen in der Schule zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit eine ihren Begabungen und Neigungen entsprechende Förderung erfahren; sie müssen in der Schule aber auch zugleich erfahren, dass ein Staat  ohne die Leistungen des Einzelnen nicht existenzfähig ist. Denn: Sozialstaat heißt Leistung auf Gegenseitigkeit!

Das bedeutet, dass diejenigen, die mehr leisten können, auch mehr leisten müssen, damit sie für diejenigen Leistungen mit erbringen, die dazu nicht oder nur bedingt in der Lage sind. Die „soziale Leistungsschule” geht daher von einem Leistungsbegriff aus, der in soziale Verantwortung eingebettet ist. Durch eine solche ethische Rückbindung trägt Leistung zur Selbstbestimmung und Weltgestaltung in schöpferischer Weise bei. So kann sie in Solidarität mit und zu den Mitmenschen erbracht werden. Denn die Welt des Menschen wird von den Maßgaben des Funktionalen, des Materiellen und des Quantifizierbaren nicht restlos erfasst. In dieser Welt sind die Würde des Menschen und seine Unverwechselbarkeit bestimmende Maßstäbe, in deren Kontext erst die Leistung ihren gebührenden Platz erhält. In all meinen Berufsjahren ist für mich deutlich geworden, dass die überwiegende Mehrheit der jungen Menschen bereit ist, sich einer so verstandenen Leistungsanforderung zu stellen. Hier hat z. B. das soziale Engagement vieler Jugendlichen in den vielfältigen gesellschaftlichen und privaten Bereichen seinen Grund, hieraus erklärt sich auch der hohe Einsatz bei den verschiedenen Wettbewerben im schulischen wie im außerschulischen Bereich.

Die soziale Leistungsschule will die angesprochene Leistungsbereitschaft dort wecken, wo sie noch nicht hinreichend ausgeprägt ist. Sie will fördern, wo sie bereits lebendig ist. Ich denke, dass nur dieses der Auftrag einer demokratischen Schule sein kann und darf. Nicht das Kollektiv, sondern die Förderung des Einzelnen in sozialer Verantwortung. Das heißt für uns Erzieher, für uns Lehrer und für uns Hochschullehrer in der Konsequenz: Den Anderen zu sehen und für den Anderen da zu sein!

Alles gleichzumachen, bedeutet – bildlich gesprochen – Schüler auf die Schnitthöhe eines Rasenmähers zu bringen. Und wir wissen, wie schnell wir wieder den Rasenmäher herausholen, um die optisch scheinbar so schöne Gleichheit eines „englischen Rasens” wieder herzustellen – und zugleich doch möglichst alle kurz zu halten. Dass die Wiese erst wieder schön wird, wenn erneut z. B. Gänseblümchen, Löwenzahn und viele andere Blumen zu sehen sind, ist uns in der Sehnsucht nach Gleichheit nicht hinreichend bewusst. Schließlich gibt es nichts Ungerechteres, als von Ungleichen Gleiches zu verlangen.

7. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK

Sicherlich haben viele Schüler erfahren, was es heißt, füreinander Zeit zu haben. Das ist auch im schulpädagogischen Handlungsfeld eine Maxime – nein, es ist für mich die einzig gültige Maxime! Das gilt sowohl im Umgang mit Schülern als auch mit Kollegen.

Denn es geht schlussendlich immer darum, den Anderen zu sehen, ihm zuhören zu können und für ihn erreichbar zu sein, ihn in seinen Leistungen anzuerkennen, Lösungen gemeinsam finden zu lassen, Fehler nicht als Versagen einzustufen, was per se negativ besetzt ist. Fehler sind immer als eine besondere Lernchance zu begreifen. Weiterhin muss es ein Abrücken von der „Übernehmt-Pädagogik” geben, stattdessen sollte forschendes und entdeckendes Lernen gestärkt werden. „Selbstständigkeit und Mündigkeit” sind die konstitutiven Ziele der Erziehung. Sie sind aber nur zu erreichen, wenn das Individuum (und hier meine ich nachdrücklich die Person des Schülers) „Freiheit und Verantwortung” prozessartig erlebt und mitgestalten kann.

Sicherlich müssten noch zahlreiche weitere allgemeine, für alle Lehrämter und Unterrichtsfächer geltende Grunddispositionen eines Lehrers angesprochen werden. Um es noch einmal zu betonen: Kinder wollen lernen. Sie sind neugierig und sie wollen Dinge in Erfahrung bringen. Warum nutzen wir das nicht in adäquater und jeweils altersgemäßer Form in allen Disziplinen, in allen Jahrgangsstufen aus? Manche Enttäuschung und Abwendung von der Schule müssen wir Lehrer und Erzieher selbst bedenken bzw. in unsere eigene „Verantwortung” nehmen. Sicher begründen sich hierin auch zahlreiche Probleme im allgemein gesellschaftlichen Umfeld von Unterricht und Erziehung – das will ich in keiner Weise klein reden.

Mir ist auch klar – und ich sage es gern noch einmal: Die Schule ist nicht die Reparaturwerkstatt für alle gesellschaftlichen Probleme. Es kann auch nicht sein, dass ihr die Aufgabe zugeordnet wird, sich aus dem Zeitgeist heraus wandelnden Wertvorstellungen chamäleonartig anzupassen. Dennoch müssen wir die Probleme aufmerksam wahrnehmen. Wir müssen sie analysieren und uns mit ihnen in einer offenen Streitkultur – gegebenenfalls unter Heranziehung von Experten – auseinandersetzen. So ist z.B. die Kooperation mit Sozialpädagogen bei uns in Deutschland leider immer noch eine Ausnahme.

Politische Überprüfungen an den Oberschulen der DDR zu Beginn der 1950er Jahre

Gert Geißler

zistische[r] Beeinflussung und des Nachwirkens der „Enttäuschung über den Zusammenbruch ihres Glaubens”, sei eine „direkt positive Wendung der politischen Einstellung der Schüler” vorerst nicht zu erwarten. So zeige sich eine „abwartende Haltung”, aber auch, „dass diese Jahrgänge sich einer vieldeutigen Phraseologie bedienen, um nicht Farbe bekennen zu müssen”. Es seien Strömungen bemerkbar, „die zwar den Faschismus unbedingt ablehnen, aber eine recht einseitige individualistisch-liberale Haltung befürworten”. Aus dem „Erlebnis getäuschter Vertrauens- und Opferbereitschaft heraus” würden „neue Bindung an Partei und FDJ” abgelehnt. Vor allem die älteren Schüler seien „vorsichtig und zurückhaltend” gegenüber dem Geschehen der Gegenwart. Allerdings wurde im Herbst 1946 – offenbar als Reaktion auf die allgemeine politische Entwicklung in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und Berlin – ein „gewisses Anwachsen oppositioneller Strömungen unter der Lehrer- und Schülerschaft der Oberschulen” bemerkt. Solche Feststellungen wurden vor allem im Land Thüringen gemacht. Vor diesem Hintergrund beschloss im November 1946 eine Konferenz der Schulräte in Weimar erstmals eine politische Überprüfung aller Oberschulen. Kinder aktiver oder verhafteter Parteigenossen (Pg) sollten entfernt, ehemalige Offiziere und Feldwebel unter den kriegsbedingt häufig überalterten Schülern nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Landesamtes an der Oberschule belassen werden. Zudem war vorgesehen, die Oberschulkollegien, denen in Thüringen noch fast zur Hälfte ehemalige NSDAP Mitglieder angehörten, einer „neue[n] Überprüfung und Siebung” zu unterziehen. Zu ähnlichen Beanstandungen und Entlassungen kam es auch in Neulehrerkursen. Schon Ausgebildete, insbesondere Geschichtslehrer, erhielten auf Veranlassung der Besatzungsmacht zunächst keine Anstellung oder wurden entlassen. Ein Präsidialentwurf der in Berlin ansässigen Deutschen Verwaltung für Volksbildung (DVV) sah wenig später vor, das in Thüringen konzipierte und teils schon praktizierte Verfahren im Wesentlichen auf die übrigen Länder zu übertragen. In der Mark Brandenburg war bereits angeordnet worden, alle Oberschüler vom 19. Lebensjahr an zu entfernen, die Offiziere, Unteroffiziere, Mitglieder der NSDAP und Söhne von „Parteigenossen” gewesen waren. Gegen die vorgesehenen, teils schon praktizierten Verfahrensweisen wandte sich der Leiter der Schulabteilung der Zentralbehörde, Ernst Hadermann6. Er vertrat die Auffassung, es solle zwar „die übertriebene Nachsicht der Weimarer Republik, die die Bildung reaktionärer Blocks unter der Schülerschaft der höheren Schule und unter der Studentenschaft duldete oder sogar förderte”, vermieden werden, aber der „pädagogische Gesichtspunkt” Vorrang haben. Zudem gäbe es „keine gesetzliche Grundlage” für die Entfernung von Oberschülern. Eine Verweisung sei nur dann zu rechtfertigen, „wenn erwiesen ist, daß sie sich als Mitglieder illegaler faschistischer, militaristischer oder sonstiger gegen die Besatzungsmacht oder gegen die deutsche Demokratie feindseliger Geheimorganisationen betätigt haben.” Ein Ausschluss lediglich deshalb, weil es sich um Kinder aktiver oder verhafteter Pg’s oder enteigneter Großgrundbesitzer handele, sei „politisch nicht gerechtfertigt”, denn eine solche Maßnahme erinnere „bedenklich an die nazistische Sippenhaft” und sei geeignet, junge, entwicklungsfähige Menschen zwangsläufig der Reaktion in die Arme zu treiben.” Mit dem in Aussicht genommenen Verfahren könne „nicht nur eine Schädigung der Oberschulen, sondern unserer Schulreform überhaupt, ja sogar letzten Endes der SED und der Kulturpolitik in der östlichen Besatzungszone” entstehen. Es ergebe sich die „Gefahr des Gesinnungsdrucks und die weitere Gefahr, daß wir gerade aufrechte Männer, anstatt sie für die Demokratie zu gewinnen oder sie ihr zu erhalten, in die Opposition treiben”. Jedenfalls würden lediglich nach Herkunft oder nach politischer Gesinnung vorgenommene Überprüfungen, Sichtungen und Entlassungen „jedes Vertrauensverhältnis zwischen Schülern und Lehrern” zerstören und anstelle einer Erziehung zu „charaktervollen, freien und selbständigen Persönlichkeiten” Gesinnungsheuchelei befördern. Zudem würden die betroffenen Schüler wohl auch „durch den Besuch von Schulen und Hochschulen der westlichen Zonen den Weg zur Entfaltung ihrer geistigen Kräfte finden” und gerade wegen der Verweisung von der Oberschule „zu Feinden” werden8. Mit diesen Bedenken, vor allem aber mit Rücksicht auf die bevorstehende Moskauer Außenminister-Konferenz 1947, wurde der bereits vorliegende „Entwurf zur Säuberung der Lehrer- und Schülerschaft an den Oberschulen” im März 1946 auf der Konferenz der Volksbildungsminister der fünf Länder9 zurückgenommen. Gleichwohl waren die Meinungen der Ländervertreter, wie mit politisch suspekten Oberschülern umzugehen sei, geteilt. Erwogen wurde die Einweisung in Heime, aber auch ein indirektes Verfahren, wonach die Oberschüler bei gleichzeitiger stärkerer Überprüfung der Oberschullehrer allgemein pädagogisch und politisch zu aktivieren seien. Der Leiter der Schulabteilung der Sowjetischen Militäradministration verwies auf die Kontrollratsdirektive Nr. 32, die ausdrücklich vom Ausschluss aller Personen spreche, gleich ob Lehrer oder Schüler, die „irgendwie gegen die Besatzungsmacht auftreten”. Zwar seien genügend Fälle eines solchen Auftretens bekannt, Ausschlüsse von Oberschülern jedoch „fast gar nicht” erfolgt. Schließlich einigte sich die Konferenz darauf, dass Oberschüler, die älter als 21 Jahre waren, keinen Zugang zur Oberschule haben dürften und dass in „allen Fällen organisierter oder provokatorischer politischer Obstruktion” mit „energischen Strafmaßnahmen” durchzugreifen sei. Ohnehin hatten sowjetische Militärtribunale bereits in mehreren Fällen Anklage gegen Jugendliche erhoben. Auch nach der Konferenz fielen Kriterien und Praxis von Schulüberprüfungen in den Ländern sehr verschieden aus. Vor Ort waren die jeweilige Sichtweise des Militärkommandanten und teils die des Schulrates maßgebend. Nahezu übereinstimmend berichteten die Länderminister vom rigorosen Agieren der Offiziere nicht der Schul- sondern der Politabteilungen der Militärverwaltungen, von der Verständnislosigkeit der örtlichen Kommandanten und der „kleinen Schuloffiziere”. Man mache sich „verhaßt”.

2 DIE OBERSCHULEN IM JAHR DER STAATSGRÜNDUNG

Zu einer ersten umfangreichen Überprüfung der Oberschulen kam es in deutlich veränderten politischen Kontexten im Februar und März 1949. Nach den in der DVV zusammengefassten Befunden der Länderschulverwaltungen über insgesamt etwa 40 Prozent der Oberschulen dominierte an den Einrichtungen, wenn auch nicht ausschließlich, eine Schülerschaft, für die der Besuch einer höheren Schule in der Familientradition lag. Auch wenn inzwischen ein Drittel aller Schüler der sozialen Herkunft nach zu den „Arbeiter- und Bauernfamilien” gerechnet wurde, blieb die beabsichtigte Destabilisierung traditioneller Oberschulmilieus nur relativ. Kaum politische, soziale und pädagogische Einbrüche waren an jenen Schulen zu erreichen gewesen, in deren Einzugsgebieten sich rührige Kirchengemeinden befanden, frühere soziale Oberschichten noch gewissen Einfluss besaßen und vor allem der Verbund der Mittelschichten intakt geblieben war. Das galt für Schulen im Raum Berlin und in größeren Städten wie Leipzig, Dresden, Erfurt, Jena und Schwerin, aber auch für Mittelstädte wie Altenburg, Bautzen, Blankenburg, Eisenach, Fürstenwalde, Görlitz, Meinigen, Merseburg, Neubrandenburg, Parchim, Plauen, Niesky, Wolgast und Templin. Wegen „reaktionärer Tendenzen in der Schülerschaft” und „Aufkommen der Jungen Gemeinde als Gegenorganisation zur FDJ” gerieten vor allem die Oberschulen in Görlitz, Dresden und Leipzig ins Blickfeld. Vor allem an Oberschulen mit weitgehend akademisch ausgebildeter Lehrerschaft trafen neu zugewiesene Lehrer in den Kollegien und bei der Schülerschaft überwiegend auf Ablehnung. Im politisch brisanten Fach Geschichte, aber auch im Deutschunterricht konnte nur eine Minderheit der neuen Lehrer im Sinne der offiziellen Lehrziele pädagogisch-fachlich, auch durch eine betont jugendverbundene Haltung, überzeugen. Der größere Teil der Lehrer hingegen wirkte unaufdringlich eher dahin, tiefsitzende Skepsis gegenüber der neuen politischen Ordnung und den aufkommenden, ungewohnten und zumeist recht vulgär verfassten materialistischen Betrachtungsweisen zu bekräftigen. Auf deutliche Ablehnung traf besonders die Glorifizierung Joseph Stalins, als die Oberschüler im Dezember 1949 durch die FDJ landesweit genötigt wurden, zu dessen 70. Geburtstag eine vorgegebene Grußbotschaft zu unterzeichnen. Mitunter verweigerten Schüler die Unterschriftsleistung, häufiger aber wurde gefordert, Änderungen am Text vorzunehmen. In der Lessing-Oberschule (Jungen) Görlitz steigerte sich die Diskussion dergestalt, dass es auf Mehrheitsbeschluss der Schüler und in Gegenwart zweier Lehrkräfte zur Abnahme des von der FDJ im Klassenzimmer angebrachten Stalinbildnisses kam. Daraufhin wurden im Januar 1950 sieben Schüler wegen „staatsfeindlicher” Äußerungen von der Schule verwiesen und ein Studienrat fristlos entlassen. An der Oberschule Wernigerode kam die Stalin-Feier nicht zustande, da von Schülern die Schlösser aller wichtigen Türen mit Gips verfüllt worden waren. Zu den aus politischer Sicht besonders beanstandeten Oberschulen gehörten neben der in Görlitz auch die Oberschulen Dresden-Nord, Salzwedel und Wittenberg, gleichermaßen Oberschulen in Leipzig. Stalin-Bilder und Proklamationen wurden auch an der Oberschule Schöneiche bei Berlin entfernt. Die beteiligten Schüler wurden in diesem Fall nicht weiter belangt, stattdessen aber die Klassenlehrer für die „schonende Behandlung der Bilder” verantwortlich gemacht.

3 ÜBERPRÜFUNG ALLER OBERSCHULEN 1950

Etwa seit Beginn des Jahres 1950 traf das nun zuständige „Ministerium für Volksbildung” der DDR Vorbereitungen, „eine sehr scharfe Revision besonders der Oberschulen” durchzuführen, um offen „feindliche Elemente unter der Lehrerschaft und unter den Schülern aus den Schulen zu entfernen”. Im Mai desselben Jahres führten dann Kommissionen der noch bis 1952 bestehenden Landesregierungen eine Überprüfung nunmehr aller 388 Oberschulen der DDR durch. Die Kommissionen wurden im Regelfall von einem kreisfremden Schulrat geleitet. Ihnen gehörte jeweils der Kreisschulrat, der Schuldirektor, nicht immer die Kreisvorsitzenden der FDJ, der Lehrergewerkschaft, der „Freunde der neuen Schule”, des „Kulturbundes”, der „Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft”, des „Demokratischen Frauenbundes”, der „Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe” und der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes” an, zuweilen auch die schul- und kulturverantwortlichen Funktionäre der „Parteien der Nationalen Front”. Die Überprüfung war auf zwei bis drei Tage angesetzt, fiel in einer Reihe von Schulen allerdings kürzer aus. Ermittelt wurden die wichtigsten statistischen Angaben zur Schule, zudem wurde die Einhaltung der Lehrpläne und der Stundentafel eingehend untersucht. Die Kontrollen richteten sich auf Inhalt und Methoden des Unterrichts, den Leistungsstand der Schüler, die verwendeten Lehrbücher und Lehrmittel, das pädagogische, fachliche und politische Profil des Schulleiters und der Lehrer sowie auf die Rolle der FDJ und die Präsenz und Förderung von Arbeiter- und Bauernkindern. Bei ihren Untersuchungen stützte sich die Kommission neben der Hospitation vor allem auf Schulakten, Stoff- und Arbeitspläne, Schülerarbeiten, Unterrichtspräparationen der Lehrer, schließlich auch auf die Kontrollbefunde zu den Lehrmitteln und zur Bibliothek. Es erfolgten Unterrichtsbesuche bei den Lehrern, Aussprachen mit der FDJ-Gruppe und Befragungen von Schülern. Verschiedentlich fand eine anschließende Auswertung im Kollegium statt. Die Berichte der Kommissionen enthielten teils eingehende politische und fachliche Bewertungen der Lehrkräfte und gegebenenfalls Vorschläge für Entlassungen und Versetzungen. Nach Umfang und Intensität blieb diese schulpolitische Bestandsaufnahme einmalig, da später verwendete Kontrollverfahren, vor allem der dreistufige Instanzenzug der Schulinspektion, einen relativ kontinuierlichen Informationsfluss sicherten. Etwa an jeder fünften Schule wurden in fachlicher, politischer und pädagogischer Hinsicht „untragbare” Verhältnisse festgestellt. Rund 60 Prozent erschienen „besserungsbedürftig”. Es verblieb ein Sechstel, die bei dem ein oder anderen kritischen Hinweis als „gut” bezeichnet werden konnten. Solche im Sinne staatlicher Schulpolitik „gute” oder sogar beispielgebende Oberschulen fanden sich vornehmlich in ländlichen Regionen. Da das ländliche Oberschulwesen, das in den verschiedenen Kreisstädten aus vormaligen Mittelschulen hervorgegangen oder gänzlich neu eingerichtet worden war, eine „bessere soziale Zusammensetzung” als das der größeren Städte zeigte, war es seit 1949 gezielt gefördert worden. Gemeinhin lag der Anteil der Arbeiter- und Bauernkinder an den kleinen Oberschulen der Landkreise bei etwa 60, ansonsten nur bei etwa 25 Prozent. Die Schülerschaft solcher Oberschulen war weitgehend, häufig sogar nahezu vollständig in der FDJ organisiert, Schul- und FDJ-Leitungen arbeiteten zumeist gut zusammen. Es bestanden Patenschaften zu Betrieben und die Schulen waren in der Öffentlichkeit durch politische und kulturelle Aktionen präsent. Sie leisteten Erntehilfe, beteiligten sich bei Bauhilfsaktionen für Neubauern, halfen bei der Aufstellung der Einwohnerkartei und waren bei Schrott- und Altstoffsammlungen anzutreffen. Unterschriftenaktionen wie die zur „Ächtung der Atombombe” oder Sammelaktionen der „Volkssolidarität” verliefen komplikationslos. Nicht selten konnten sich diese Oberschulen, die wie die meisten der verfügbaren Gebäude unter Baumängeln und Raumnot litten, auf materielle und ideelle Hilfe der Gemeinde stützen. Gewöhnlich war der SED-Lehreranteil sehr hoch. Häufig gewann die Schulverwaltung später aus dem Personal dieser „guten” Oberschulen, an denen keine nennenswerte Schultradition bestand, neue Mitarbeiter. Rückhalt hatte die staatliche Schulpolitik auch in stärker handwerklich-industriell geprägten Klein- und Mittelstädten. An einigen Oberschulen dieser Städte hatte sich das neue Schulreglement bereits weitgehend durchsetzen können. An diesen Schulen, die als vormalige Realschulen oder Lehrerseminare zumeist erst in der Weimarer Zeit oder noch später die Berechtigung zur Reifeprüfung erhalten hatten, gab es keine alteingesessene Gymnasiallehrerschaft mit entsprechendem bildungsbürgerlichen Klientel. Zu solchen Schulen gehörten beispielsweise in Sachsen die ausschließlich mit Neulehrern besetzte Oberschule Altenberg mit einem Schulleiter, der später in der Volksbildungsadministration eine Spitzenposition einnahm. Weiterhin gehörten dazu die Oberschule Burgstädt, die Oberschulen in Döbeln, Oelsnitz und zu dieser Zeit auch die Oberschule Frankenberg. Mit der Oberschule in Wickersdorf, in Schönebeck (Elbe) und der sorbischen Oberschule Bautzen gehörten diese Schulen zu Beginn der 1950er Jahre zu den „Renommierobjekten” des DDR-Schulwesens. An den meisten dieser kleinen, ein- oder zweizügigen Schulen bemühten sich die Lehrkräfte um aufeinander abgestimmtes pädagogisches Handeln. Es wurde wechselseitig hospitiert, das Verhältnis zwischen Altund Neulehrern war weitgehend spannungsfrei. Politische Konfliktfälle wie an der Oberschule Wandlitz, wo eine Lehrerin behördlichen Druck auf sich gezogen hatte, weil sie mit ihrer Klasse während einer Exkursion einen Bäckereibetrieb in West-Berlin besucht hatte, gab es gelegentlich auch an diesen Schulen, blieben aber bei unterschiedlichem Ausgang der „Fälle” auf Einzelpersonen begrenzt. Nicht selten befanden sich Schulen, die bei früheren Kontrollen beanstandet worden waren, inzwischen aber einen neuen und jungen Schulleiter erhalten hatten, in einem für die Überprüfungskommission erfreulichen Umbruch. So im Fall der drei Oberschulen des Landkreises Meinigen, der Schulen in Schmalkalden, Schleusingen, Ilmenau und selbst in Torgau. Freilich bestätigten spätere Inspektionen in vielen Fällen keine positiven Befunde. Zum einen bot die politische Entwicklung in der DDR in rascher Folge an den Schulen neue Gründe für kritisch opponierendes oder mehr noch widerständiges Verhalten, zum anderen ging die schuladministrative Überprüfung als Momentaufnahme nicht wirklich in die Tiefe, und unter den Revisoren befanden sich auch solche, die eher abwägend und pädagogisch urteilten und später selbst in Konflikte gerieten. Ausgesprochen „negative” Kräfte und Erscheinungen wurden vor allem an großstädtischen Oberschulen und – mit Ausnahmen – besonders an traditionsreichen ehemaligen Gymnasien mit starker kirchlicher Bindung ausgemacht, aber auch an herkömmlichen Oberschulstandorten, vornehmlich solchen in früheren Residenz- und Beamtenstädten. Hier erbrachten die Überprüfungen verbreitet Belege für „fortschrittsfeindliche” oder zumindest distanzierte Haltungen sowohl in der Lehrer- als auch in der Schülerschaft. Zwar zeigten sich auch an diesen Schulen „aktive” oder zumindest „entwicklungsfähige” Lehrkräfte, doch verhielten sich die meisten Lehrer mehr oder weniger „passiv”. Sie waren zu „gesellschaftlicher Aktivität” nur schwer oder nicht zu bewegen – wie ein rüstiger Kollege am altsprachlich spezialisierten Philanthropinum Dessau, der „als privater Landwirt mehr denn als Lehrer” zu leisten schien. Nicht selten war der Typ des „indifferenten”, politisch undurchschaubaren, „schwer zu fassenden” Lehrers, während der „Reaktionär” nach den vorangegangenen Entlassungen inzwischen die Ausnahme blieb. Bei einigen Lehrern, besonders solchen mit kirchlichem Rückhalt, entstand der Eindruck, dass diese durch „politisch provokatives Verhalten” ihre fristlose Entlassung anstrebten, um damit bessere Voraussetzungen für einen beruflichen Neuanfang in Westdeutschland gewinnen zu können. Das fachliche Können der Lehrkräfte wurde von den Kommissionen im Allgemeinen anerkannt, wenn auch öfter der „Hang zu dozierender Lehrmethode” und eine „wenig lebens- und jugendnahe Einstellung” sowie „mangelhafte Unterrichtsvorbereitung” vermerkt wurden. Der Unterricht in Deutsch und Geschichte war aus politischer Sicht nach wie vor oft wenig zufriedenstellend. Diese Fächer hatten herkömmlich bei der Gesinnungsbildung der nachwachsenden Generation im Vordergrund gestanden. Diese Funktion kam ihnen auch weiterhin, nun politisch und weltanschaulich neu ausgerichtet, zu. So wurde an der Oberschule Köthen, die bei insgesamt 29 Lehrkräften vier Neulehrer aufwies, ein ehemals dem Stahlhelm-Verband zugehörender Studienrat auffällig, weil er im Geographieunterricht verkündete, dass „jeder Großstaat Kolonien” brauche. Auch Wendungen gegen die Besatzungsmacht waren festzustellen. Von einer Kollegin an der Oberschule Waldenburg (Sa.) hieß es, sie lehre im Geographieunterricht, dass in der Sowjetunion die Bauern ihr Vieh „größtenteils in der Wohnung” halten. Weit problematischer als solche Einzeläußerungen war für die Schulüberprüfungskommissionen jedoch der streng fachwissenschaftliche, wertungsfreie und verschiedene Sichtweisen ins Spiel bringende Unterricht, da dieser sich der Forderung nach politisch-propagandistisch aktualisierender Interpretation, nach „Gegenwartsnähe” und „Parteilichkeit” verweigerte. Solchen „objektivistischen” Unterricht erteilten mit Hingabe – vornehmlich in der Alten Geschichte – zumeist altgediente Gymnasiallehrer, aber mitunter auch junge, der SED angehörende Absolventen von Geschichtslehrerkursen. Weniger von Kritik bedroht waren die Lehrer der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer, teils auch der Fremdsprachen. Altlehrer dieser Fachrichtungen fanden häufiger zu einer gewissen politischen Anpassung oder Umstellung. Beispiele dafür gab es in nahezu jedem Kollegium. Wie auch in anderen Bereichen wirkten an den großen Schulen verschiedene Kräftebalancen. Kompromissverhalten gestattete unter Wahrung der Kollegialität den Fortgang der Schularbeit ohne drastische Behelligung durch die Schulverwaltung. Die Leitung der Schulen erfolgte durchweg in kollegialer Form, eine Kontrolle der pädagogischen Arbeit der Lehrkräfte fand seitens des Schulleiters kaum statt. Auch war die SED an vielen Einzelschulen von einer Beherrschung der Verhältnisse noch weit entfernt. So wirkte an der Oberschule Zeitz eine LDP-Betriebsgruppe mit 23 Mitgliedern, gegen die „die wenigen SED-Lehrkräfte noch nicht ankamen”. FDJ-Sekretär war ein als „oppositionell” geltender Jugendlicher. Einen Ausgleich schaffte vor allem der zur CDU gehörende, im 40. Dienstjahr stehende Schulleiter mit einer kleinen Gruppe von Lehrern. In beträchtlicher Anzahl erfolgten im Ergebnis der Schulrevisionen Entlassungen oder Versetzungen von Schulleitern und Oberschullehrern an Grundschulen. Bei einem Gesamtbestand von 410 Oberschulen kam es zur Auswechslung von 80 Oberschulleitern. In Sachsen-Anhalt waren schon in den Wochen vor der Überprüfung zwölf Oberschulleiter entlassen worden, darunter auch fünf Mitglieder der SED. Anhaltend wurden den Oberschulen neue „Lehrerkader” zugeführt. Zu Beginn des Jahres 1951 befanden sich unter den insgesamt 5235 Oberschullehrern der DDR bereits 2000 Neulehrer, davon 1230, die vor allem mit dem Schuljahr 1949/50 aus dem Grundschuldienst übernommen worden waren. Zum 1. September 1951 wurden zudem 1500 Abiturienten als „Oberschulhelfer” angestellt. Eine nicht minder spannungsvolle Situation wie bei den Lehrern zeigte sich im Ergebnis der Revisionen auch bei deren Schülern. Sichtbar wurde, dass der auch an den für die Schulverwaltung politisch problematischen Oberschulen weitgehend erfolgte Beitritt zur FDJ nicht zur politischen Stärkung der FDJ-Schulgruppen geführt hatte. Im Gegenteil bahnte sich hier die Instrumentalisierung der Organisation durch Schüler an, die ihr aus Opportunitätsgründen, unter dem Druck der Beitrittswerber oder auch deshalb beigetreten waren, um die Mitgliedschaft subversiv zu nutzen. Daneben gab es an einzelnen Schulen noch immer eine größere Anzahl von Schülern, die sich in die FDJ nicht eingliederte, so beispielsweise zahlreiche kirchenverbundene Oberschüler in Angermünde. Dem dort neuen Geschichtslehrer wurde von Schülern beschieden, wenn er Materialist sei, brauche er „erst gar nichts zu erzählen”. Einige Oberschüler erklärten in Aufsätzen und selbst vor der Überprüfungskommission offene politische Ablehnung, so etwa zur von der DDR-Regierung im Januar 1950 anerkannten Oder-Neiße-Grenze. An wieder anderen Schulen bestanden radikalistische und aggressive FDJ-Leitungen, die, gestützt durch örtliche Instanzen, die offene Konfrontation vor allem mit kirchlich gebundenen Nichtmitgliedern suchten. Insbesondere im Vorfeld der Reifeprüfungen charakterisierten solche Leitungen Mitschüler häufig abfällig. In dieser Weise nutzen bestimmte FDJ-Funktionäre ihre Einflussmöglichkeiten auch als Teilnehmer in den Reifeprüfungen selbst. Nachdem es unter dem vormaligen LDP-Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt bis Oktober 1949 eher weniger einschneidende Maßnahmen an den Oberschulen gegeben hatte, wurden hier nun, um die Zulassung zur Universität im Sinne der SED zu steuern, Oberschüler durch die Landeszulassungskommission von der Reifeprüfung ausgeschlossen, wenn sie nach den Beurteilungen durch die FDJ und die Schule nicht erwarten ließen, ein „klares und sicheres Urteil über die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse der Gegenwart” fällen zu können. Hingegen konnten Schüler mit mangelhaften Leistungen dann eine Zulassung erhalten, wenn der gesellschaftspolitische Einsatz positiv zu bewerten war. Gegen das Votum des Schulleiters veranlasste die FDJ an der Oberschule Wernigerode, von der im Schuljahr 1949/50 bereits drei Schüler „entfernt” worden waren, dass acht Schüler mit Berufswünschen wie Katechet, Fremdsprachenkorrespondent, Medizinisch-technischer Assistent, Organist, Kirchenjurist wegen „mangelnder gesellschaftlicher Reife” nicht zur Prüfung zugelassen wurden. Die meisten dieser Schüler hatten die Zusammenarbeit mit der FDJ „vom christlichen Standpunkt aus” offen abgelehnt. Ähnliche Fälle der Nichtzulassung zum Abitur gab es vereinzelt auch in Thüringen, besonders in Jena. Insgesamt wurden in Sachsen-Anhalt von 2576 Schülern 176 leistungsbedingt oder aus politischen Gründen nicht zur Prüfung zugelassen. Die Verfahrensweisen wurde durch das Eingreifen des Ministeriums für Volksbildung, das für die Betroffenen eine Nachprüfung ansetzte, schließlich unterbunden. Insgesamt verdichtet die Überprüfung Einzelbefunde nun zu einem Bild, wonach es im zweiten Schulhalbjahr 1949/50 in nahezu jeder beliebigen Oberschulklasse eine mehr oder minder große, oft auch dominierende Gruppe von Schülern gab, die den Verhältnissen in der DDR deutlich kritisch oder ablehnend gegenüberstand. Im gleichen Zeitraum wurden an etwa einem Dutzend von Oberschulen Lehrer ebenso wie Schüler verhört oder zeitweise festgenommen. Anschließend wurden sie zumeist entlassen bzw. von der Schule verwiesen, ohne dass die Vorgänge einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurden. Anders verliefen jene Fälle, in denen Schüler als Angehörige einer Gruppe festgenommen wurden. Im Schuljahr 1949/50 wurden nach den Meldungen aller Oberschulen der DDR insgesamt 47 Oberschüler aus politischen Gründen verwiesen. Das betraf außer den Fällen in Altenburg (3), Görlitz (7) und Schwerin (12) die Lessing-Oberschule in Hoyerswerda (vier Lehrer zeitweise festgenommen, drei davon fristlos entlassen; ein Schüler verhaftet), die Leibniz-Oberschule und die Nikolai-Oberschule in Leipzig mit je einer Verweisung von allen Oberschulen, die Karl-Marx-Schule in Leipzig mit vier Schulverweisungen wegen Disziplinarverstößen und „Ablehnung gesellschaftlicher Betätigung”, die Oberschule Wernigerode mit den bereits genannten drei Verweisungen, die Oberschule Radeberg mit zwei Verweisungen „wegen politischer Nichteignung”, mit je einem Ausschluss die Oberschulen Altdöbern, Eisenach, Lichtenstein, Leisnig, Limbach, Oschatz, Zittau und Zschopau wie die in Niesky „wegen faschistischer Tendenzen und flegelhaften Benehmens” und Oschatz „wegen scharfer Äußerungen gegen die neue Ordnung und die DDR”. Im März 1950 verhaftete der sowjetische Geheimdienst in Altenburg etwa 17 Personen, nachdem Schüler der dortigen Oberschule gemeinsam mit zwei jungen Lehrkräften u. a. kurzzeitig eine eigene Sendestation betrieben und über diese im Oktober 1949 die im Rundfunk übertragene Antrittsrede des DDR-Ministerpräsidenten gestört und kommentiert hatten. Während fünf der beteiligten Oberschüler flüchten konnten, wurden drei festgenommen49, ebenso ein Schulhelfer und zwei Lehramtsanwärter. Zwei dieser Lehrkräfte und zwei Oberschüler wurden im September 1950 durch ein sowjetisches Militärgericht zum Tode, weitere Mitglieder der Gruppe zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt. Anfang Juli 1950 festgenommen und im Oktober gleichen Jahres wegen Verteilung von Flugblättern von einem sowjetischen Militärgericht zumeist zu 25 Jahren „Erziehungsarbeitslager” verurteilt wurden zwölf Schüler der Goethe-Oberschule in Schwerin. Am 27. September 1950 wurden in Güstrow neben weiteren Verhafteten auch acht Oberschüler der John-Brinckmann-Oberschule, die in Kontakt zur „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit” in West-Berlin gestanden und deren Flugblätter in Güstrow genutzt hatten, wegen „Verbrechens gegen den Frieden, Vorbereitung eines Krieges, Verletzung von internationalen Verträgen und Bekundungen von Völker- und Rassenhaß” zu Zuchthausstrafen zwischen fünf und 15 Jahren verurteilt.

4 WIDERSTANDSAKTIONEN, VERHAFTUNGEN UND VERWEISUNGEN IM SCHULJAHR 1950/51  

Im folgenden Schuljahr 1950/51 lösten vor allem die nach Einheitsliste des „Demokratischen Blocks” vorbereiteten und irregulär durchgeführten „Wahlen” zur DDR-Volkskammer am 15. Oktober 1950 Widerstandsaktionen aus. Anfang Oktober 1950 kam es daraufhin an der GeschwisterScholl-Oberschule Löbau zur Festnahme von vier Schülern. Fünf Schüler der Schule flüchteten nach West-Berlin. Wegen „Stellungnahme gegen den Friedenskampf” wurden an der Landesschule in Templin fünf Oberschüler verwiesen, die bereits im Mai 1950 aus der FDJ ausgetreten waren und im Oktober die Teilnahme an der Wahl verweigert hatten. In Westdeutschland und damit auch in der DDR bekannt wurde der Fall eines Oberschülers aus Olbernhau52, der einige Tage vor der Wahl oppositionelle Flugblätter verteilt und den ihn verhaftenden Volkspolizisten mit einem Messer verletzt hatte. Daraufhin wurde er am 10. Januar 1951 „wegen Boykotthetze” und „versuchten Mordes” zum Tode verurteilt, nach westlichen Protesten schließlich zu 15 Jahren Zuchthaus „begnadigt”. Der „Fall” wurde unter Oberschülern sowie unter Lehrlingen – die wie auch Studenten noch weit mehr als Oberschüler von Zugriffen der „Sicherheitsorgane” betroffen waren – DDR-weit diskutiert. Im März 1951 erhielten in Jena mehrere Oberschüler hohe Haftstrafen. Wenig später, in einer dreitägigen Verhaftungswelle und hauptsächlich am 19. Mai 1951 wurden 16 Schülerinnen und Schüler der von den Schulbehörden zuvor kaum beanstandeten Humboldt-Oberschule im sächsischen Werdau – zumeist Mitglieder der FDJ, darunter auch Funktionsträger – von der Staatssicherheit festgenommen und in Untersuchungshaft in das benachbarte Zwickau überführt. Wegen der Verteilung selbstgefertigter Flugblätter und ihrer Kontakte zur „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit” in West-Berlin wurden sie zu Zuchthausstrafen bis zu 15 Jahren verurteilt. Die von der zunächst noch autark operierenden Staatssicherheit gegen die Oberschüler geführten Ermittlungen entzogen sich der Kenntnis der politischen Führung der DDR, der angesichts der Meldungen in den westlichen Medien auch die Verurteilungen und das Strafmaß ungelegen kamen. Insgesamt erfasste das Ministerium für Volksbildung der DDR im Schuljahr 1950/51, also von September 1950 bis Juli 1951, in den Ländern der DDR, einschließlich der Fälle in Werdau, 25 Verweisungen von allen Oberschulen „wegen politischer Vergehen”. Hinzu kamen Verweisungen in Ost-Berlin. Hier hatte die Oberschulüberprüfung dazu geführt, dass am Ende des Schuljahres 1949/50 „ein nicht unwesentlicher Teil der Schüler der 11. Klassen” aus den Schulen entfernt oder um ein Jahr zurückversetzt” worden war. Vorgekommen waren unter anderem die Demonstration einer Klasse der Schinckelschule im Prenzlauer Berg anlässlich der Einweihung der „Freiheitsglocke” des Schöneberger Rathauses sowie an einer Oberschule in Weißensee Flugblattverteilungen und „Zerstörung von Symbolen der Republik und Bildern führender Persönlichkeiten der deutschen demokratischen Republik”. Bleiben die kaum exakt feststellbaren Internierungen und Festnahmen durch den sowjetischen Sicherheitsdienst in der unmittelbaren Nachkriegszeit außer Betracht, so wurden nach den Unterlagen der Abteilung Oberschule des MfV seit 1951 schuljährlich etwa zwischen 30 und 50 Schüler aus unterschiedlichen Gründen, darunter auch politischen, von allen Oberschulen der DDR verwiesen. Zu wesentlichen Abweichungen von diesen Zahlen kam es im Frühjahr 1953 im „Kampf gegen die Junge Gemeinde” mit einer nochmaligen Überprüfung von Schülern und Lehrern und den nachfolgenden massenhaften, nach dem 17. Juni aber weitgehend revidierten Verweisungen und Entlassungen. Politisch motivierte Verurteilungen, also nicht nur Verweisungen von Oberschülern, sind über die genannten Fälle 1950/51 hinaus für das Jahr 1956 in Dresden, 1961 in Strausberg und 1968 bekannt.

Widerstand gegen die Universitätskirche?

Die Sprengung 1968

Nikolaus Krause

Im Folgenden finden Sie keine Analyse der Widerstandszeit 1968, auch keine historische Datensammlung, geschweige denn historisch neue Zusammenhänge. Ich freue mich aber, wenn Sie sich auf persönliche Erinnerungen, Emotionen und Reflexionen einlassen:

1968 ist für mich eine Jahreszahl des vergangenen Jahrhunderts, wie für andere die Jahre 1914, 1933, 1939, 1945, 1953 oder 1989.

1968 wurde von unterschiedlichsten Ereignissen geprägt: Da gab es die Studentenunruhen, mit ihrer Bewegung von den Kathedern und den Hörsälen auf die Plätze und Straßen (Paris, Kopenhagen, Rom, Tokio, Westberlin und Frankfurt am Main …) Deutschland wurde einerseits im westlichen Teil durch die parlamentarische und außerparlamentarische Auseinandersetzung zur „Notstandsverfassung zum Schutz der Demokratie in Notzeiten”. andererseits im östlichen Teil durch die Verabschiedung der „neuen Verfassung in der DDR” (Volksentscheid ergab 94,5 % Ja-Stimmen) und den Erlass eines neuen, sehr verschärften Strafrechts in der Volkskammer geprägt. Viel diskutierte Schriften waren Herbert Marcuses „Psychoanalyse und Politik”. Ernst Blochs „Atheismus im Christentum”. Siegfried Lenz’ „Deutsch-stunde”. Aus der UdSSR kamen durch geheime Kanäle die deutsche Übersetzung der Schriften Alexander Solschenizyns („Der erste Kreis der Hölle”. „Krebsstation”) Aus der Volksrepublik Polen hörte man Krzysztof Pendereckis Oratorium zum Gedächtnis der Opfer von Auschwitz für Sopran, Tenor, Bass, gemischten Chor und Orchester „Dies Irae”. In der benachbarten C ˘SSR wird Alexander Dubc ˘ek Generalsekretär der KPC (Kommunistische Partei) die nun versucht einen „Sozialismus mit menschlichen Antlitz” zu verwirklichen. Dieses Projekt scheitert mit der Invasion der Warschauer-Pakt-Staaten im August desselben Jahres. Die Weltkirche hatte in diesem Jahr zwei wichtige Stationen: Die Bekanntgabe der Enzyklika Humanae vitae (in welcher Papst Paul IV. jede künstliche Geburtenkontrolle untersagte) und die 4. Vollversammlung des ökumenischen Rates im schwedischen Upsalla mit Ihrem Thema: „Siehe, ich mache alles neu” und dem Bekenntnis der protestantischen und orthodoxen Kirchen zur Weltverantwortung, die Gerechtigkeit und Frieden einschließt. Zwei Vorbilder wurden 1968 ermordet: Justizminister Robert Kennedy und der Bürgerrechtler und Pfarrer Martin Luther King. In meiner eigenen Biografie hat das Jahr 1968 diese Stationen: Probe und Aufführung des Meißner Tedeums von Wolfgang Hufschmidt mit der Meißner Kantorei 19611 Volksentscheid zur Neuen Verfassung, Prager Frühling und Einmarsch der Warschauer Truppen, Widerstand gegen die Sprengung der Universitätskirche, Staatsexamen an der Sektion Theologie der KMU Leipzig sowie schlussendlich Verhaftung und U-Haft. Wer in diesem Jahr die Nase nicht voll hatte, nahm Witterung auf. Dazu verhalfen Deutschlandfunk, Leipziger Buchmesse, Gespräch mit Kom- militonenen aller Fachrichtungen hier besonders natürlich die Evangelische Studentengemeinde (ESG) und die Katholische Studentengemeinde (KSG), das gemeinsame Musizieren mit den Sängerinnen und Sängern der Meißner Kantorei. Auch Gespräch mit Einzelnen wie Carl Friedrich von Weizsäcker oder dem jungen Biochemiker Jens Reich mit seinen Freundinnen und Freunden in den Datschen Spreewerders bei Berlin neben Havemanns (wir nannten das Projekt „Summerhill”).Wir brauchten keine Drogen und keinen Fusel. Der Duft des Prager Frühlings, das Aroma freier Diskussionen, die vom Mief der Talare befreite Theologie, die Poesie Ernesto Cardenals und vieles mehr machten das Herz weit, den Kopf frei, verscheuchten Angst und lockerten die Zunge.

Lassen Sie mich versuchen, die Haltung des damaligen Theologiestudenten an zwei Stationen deutlich zu machen:

DIE AUSEINANDERSETZUNG MIT DEM MEISSNER TEDEUM:

Der Essener Komponist und Dozent der Folkwang-Schule, Wolfgang Hufschmidt (geb. 1934), erhielt 1967 von der Internationalen Heinrich-Schütz-Gesellschaft den Auftrag, zur 1000-Jahr-Feier des Meißner Doms ein Tedeum zu schreiben. Die Auftraggeber dachten an ein modernes geistliches Werk, das im Rahmen der Liturgie blieb und keinerlei Anstoß erregen sollte. So dachte der 34-jährige Komponist nicht; er sah in dem Auftrag vor allem eine Möglichkeit, einen deutsch-deutschen Dialog und zugleich einen Dialog zwischen Christen und Atheisten mit seiner Kunst zu entfachen. Damit eckte er gewaltig an. Einer der sächsischen hohen Geistlichen meinte später, das hieße ja geradezu, „den Teufel in die Kirche zu holen”. Wolfgang Hufschmidt bat Günter Grass, mit dem er schon früher zusammengearbeitet hatte, einen Gegentext zu dem liturgischen Tedeum in der deutschen Übersetzung Martin Luthers zu schreiben. Beide Textschichten sollten ursprünglich getrennt von je einem ost- und einem westdeutschen Chor einstudiert und erst bei der Aufführung zusammengeführt werden. Dazu kam es nicht. Die Meißner Kantorei unter der Leitung von Domkantor Erich Schmidt verantwortete zuletzt die Aufführung allein, sie wurde vorbildlich. Dabei waren unendliche Schwierigkeiten zu überwinden. Die Kulturabteilung des Zentralkomitees (ZK) der SED, das Kulturministerium und das Staatssekretariat für Kirchenfragen der DDR und schließlich sogar der Präsident der Volkskammer der DDR, Johannes Dieckmann, auch diverse Theologen und Kirchenräte befassten sich mit dem Stück. Konservative sächsische Kirchenleute empfanden den Text als Gotteslästerung. Als theologischer Sprecher der Kantorei wurde ich zu einem Gespräch mit dem in unserer Familie sehr verehrten Landesbischof Gottfried Noth geladen Letztlich konnte die Aufführung nur durchgesetzt werden, weil junge Theologen der sächsischen Kirchenleitung ihren Rücktritt androhten, sollte die Kirche der Aufführung nicht zustimmen. Mit groben Nadelstichen reagierte der Staat. Hufschmidt, Grass und der Leiter des Bärenreiter-Verlags, Karl Vötterle, erhielten Einreise-Verbote. Dem Leipziger Gewandhausorchester untersagte man die Mitwirkung, und die Zeitungen durften die Aufführung nicht rezensieren. Schließlich ebnete Johannes Dieckmann die Wege, das Gewandhausorchester durfte doch mitwirken, wenn auch anonym, Hufschmidt erhielt in letzter Minute die Einreise, Grass jedoch nicht. Hufschmidt schrieb später: „Proben und Aufführung standen unter der Kontrolle der Staatssicherheit, deren Präsenz ebenso unübersehbar war wie die der Volkspolizei, die vor und während der Aufführung den Domplatz kontrollierte. Das ganze Unternehmen wurde durch eine Nervosität der Staatsorgane bestimmt, die aus der Furcht vor politischen Unruhen größeren Ausmaßes resultiert haben muss. Es war die Zeit der Studentendemonstrationen in Paris, die Truppen des Warschauer Paktes bereiteten die Invasion in die C ˘SSR vor, und in Leipzig war die Universitätskirche kurz zuvor gesprengt worden”. (Hier irrt Hufschmidt: Sprengung 30. Mai 1968). Die Uraufführung fand am 25. Mai 1968 im Dom zu Meißen unter der Leitung von Domkantor Dr. Erich Schmidt statt. Den Baritonpart sang der spätere Dirigent Hartmut Haenchen, der dann fast 30 Jahre später (3.10. 1997) die erste Meißner Wiederaufführung des Werkes leitete. Das fünfteilige Meißner Tedeum ist antiphonisch aufgebaut. Zwei einander gegenüberstehende Chorgruppen bieten simultan den Luther-Text und die Widerworte von Grass. Im Finale stoßen die beiden Anschauungen aufeinander. „Auf dich hoffen wir, lieber Herr”. singt der eine Chor, und der andere: „Dich, Zweifel, will ich kettenrauchend rühmen.” Ein wunderschönes großes, gregorianisches Amen wird von dem einen Chor gesungen, behält aber nicht das letzte Wort, es wird vom Gegenchor in den Dom geschmettert NEMA – die Umkehrung von AMEN. Das waren Auseinandersetzungen, von denen ich weiß, dass sie die Welt und Kirchengeschichte weder bewegt noch geprägt haben, aber meine politische Haltung, die intellektuelle Redlichkeit eines gläubigen Theologiestudenten wurden davon geweitet.

DIE GESCHEHNISSE AN DER UNIVERSITÄTSKIRCHE 1968

Im März 2004 behandelte das Wochenendjournal des Deutschlandfunks den Streit um den Wiederaufbau der Leipziger Unikirche. Menschen erinnern sich an die Sprengung der Kirche im Jahr 1968. Sie erinnern sich wie man sich an das Sterben eines Menschen oder gar an das Sterben Christi erinnert: „Als die Sprengung dann erfolgte, hörte man einen scharfen hellen Knall, und für Bruchteile einer Sekunde blieb die Kirche zunächst stehen. Die Zeit war sicher sehr kurz, aber sie reichte bei mir für den triumphierenden Gedanken: die Sprengung ist misslungen. Und kaum war das zu Ende gedacht, fing die Kirche an … , wie im Schmerz, wie im Todeskampf, da gibt es diese berühmte Rosette, und die wurde plötzlich oval und ver- zerrte sich, riss in der Mitte durch.” Eine Frau: „Wie eine Kreuzigung, denn es dauerte so sieben Tage, und das war dann vollbracht.” Ein Mann: „Mir kamen die Worte in den Sinn: Neigte das Haupt und verschied. … Dann hat man die Kirche abgetragen, weggeschafft, so schnell wie möglich, in eine alte Kiesgrube und hat verhindert, dass Leipziger sich bedienten mit Teilen der Trümmer. Um jede Erinnerung auszulöschen, schütteten sie anderen Schutt über den Schutt der Kirche, legten Mutterboden darauf, pflanzten Büsche, zogen einen Zaun, machten ein Tor mit einem Schloss und setzten Wächter davor. … ” Eine andere Stimme: „Damals haben wir Hinterbliebenen wirklich geweint. Dort hatten wir alle das Gefühl, wir haben einen nahen Angehörigen verloren. Wir haben uns manchmal gefragt, ob es überhaupt berechtigt ist, derart zu trauern.” Wieder eine andere Stimme erinnert an die friedliche Revolution von 1989, wo die Menschen sich zum Protest genau an der Stelle versammelt hatten, an der die Kirche gestanden hatte. „Da dachte ich, das ist die geistige Auferstehung der Kirche, denn dass die Revolution friedlich war, lag ja auch zu einem nicht geringen Teil daran, dass die Leute vorher in den Kirchen waren, um zu beten.”

Der weise Theologe Fulbert Steffensky sagt zu all dem: „Die Kirche stirbt wie ein Mensch, die Kirche stirbt wie Christus: Kreuzigung, Todeskampf, der johanneische Tod: Es ist vollbracht, er neigte sein Haupt und verschied, die Wächter vor dem Grab der Kirche, und schließlich die geistige Auferstehung in der Stunde der betenden Revolution. Wie kommt es, dass Menschen so empfinden angesichts eines Bauwerks? Wie kommt es, dass sie den Tod Christi in den Sturz eines Baues lesen? Es liegt an der Vieldeutigkeit des Begriffes Kirche. Was ist Kirche? Ein Sakralbau, das erwählte Volk Gottes, der Leib Christi? Die Bilder fließen ineinander, eines konnotiert das andere, und wenn wir das Wort Kirche sagen, sind wir nie ganz eindeutig. Von dieser Mehrdeutigkeit profitiert das Bauwerk. Ein Kirchbau ist nie nur, was er ist. Nie sind die anderen Bilder von ihm wegzudenken: das Volk Gottes, das in der Erinnerung an Christus miteinander in Frieden und Gerechtigkeit das Mahl teilt (1 Kor. 11); der Leib Christi, der sich darstellt in der Gemeinschaft seiner Glieder (1 Kor. 12). Darum haben die Menschen bei der Vernichtung der Unikirche anders geklagt als über den Einsturz irgendeines Versammlungshauses. Das ist die Gnade einer jeden Kirche, dass sie immer mehr, immer schöner, immer würdiger ist, als sie sich zeigen kann. Darum hat Franz von Assisi gelitten, wenn er San Damiano und andere Kirchen schmutzig und einsturzgefährdet sah”.

Solch eine Kirche hat nicht nur eine spirituelle Geschichte – sie hinterlässt Spiritualität in jeder noch so kleinen persönlichen Geschichte mit ihr. Eine der Personen war Kirchner Martin. Es fiel ihm schwer, die hohen Altarkerzen zu entzünden, er machte es dennoch mit Grandezza. Nach der Examenspredigt, die der Student von der Kanzel vor leerem Kirchenschiff hielt, gab es ein Gespräch mit Professor und Prediger in der Sakristei. Während der Professor noch seine Notizen in der Kirchenbank machte, wurde Martin nach seinem ersten Eindruck zur Predigt gefragt, sagte dieser mit aller Freundlichkeit: „Die Lieder waren gut ausgewählt”. Da war dem Studenten klar: Die Sache war verrissen. Eine andere Person: Prof. Robert Köbler3. Einmal jährlich, kam es zu einem öffentlichen Wettstreit zwischen ihm und Prof. Johannes Ernst Köhler. Zunächst wurde frei improvisiert. Dann wurde von der Orgelempore herunter, die Zuhörerschaft gebeten, ein Thema vorzuschlagen. Ich erinnere mich noch, wie darum einmal über das Thema FDGB improvisiert wurde. Im Gottesdienst wurde als Glaubenslied oft Schröders „Wir glauben Gott im höchsten Thron … ” (EG 184) gesungen. Köbler verstand es in der vierten Strophe (Sie beginnt: „Der niederfuhr und auferstand“) in den anderthalb Takten die Höllen- und Himmelfahrt durch das Glissando der Töne zunächst nach untern und dann in himmlische Höhen so zum klingen zu bringen, dass ich es heut noch hören kann. Da waren die evangelischen akademischen Prediger, bei denen meine Eltern schon als Theologiestudenten gehört haben. Und da waren die beiden Patres Ogiermann und Gordian. Sie hielten Predigtgottesdienste, in denen sie kein Blatt vor den Mund nahmen und sich auch nicht hinter akademischen Andeutungen versteckten. Ich sehe Pater Gordian O.P. noch auf der Kanzel in seinem schwarz-weißen Habit die Tageszeitung Neues Deutschland hervorholen. Er zeigt sie allen und sagt: „Außer dem Datum stimmt nichts in diesem Blatt”. Nach den Gottesdiensten dann die Gespräche mit Freundinnen und Freunden im Ratskeller bei Szegediner Gulasch für 3,25 M. Viele, viele Geschichten … Sie und die verschwiegenen Erlebnisse sollen nur andeuten, welch ein Leben von diesem „Raum für die Seele” ausging. Wir schmerzlich war es dann für andere und mich, das Todesurteil zu hören und den Frevlern nicht in den Arm fallen zu können. Zitat aus einem Brief an die Stadtleitung: „Was soll das für ein ‚geistig-kulturelles Zentrum’ sein, dass auf den Trümmern des Geistes der Universitas Litterarum aufgebaut wird”. Wir haben Mögliches und Unmögliches, Kluges und Dummes, Gefährliches und Anbiederndes getan um zu retten, was noch zu retten ist. Wie schwer war es für uns Studenten, Sympathisanten zu rekrutieren. Fast immer waren wir bei unseren Bemühungen auf dem Karl-Marx-Platz unter uns Gleichgesinnten. Viele Leipziger hielten sich zurück und versteckten sich hinter den großen Angst machenden Buchstaben der Leipziger Volkszeitung. Wie viel Mut brauchte der Dekan der Sektion Theologie an der Karl-Marx-Universität Leipzig, Prof. Dr. theol. Ernst-Heinz Amberg, um mit seinem Nein im Konzil die Isolation auszuhalten. Respekt! Wenn eine Stadt eine Seele hat und diese Seele ihre Geschichte, dann denke ich als alter Seelsorger: Die Seele der Stadt Leipzig hat ein Trauma, das nicht heldisch verdrängt werden kann. Erst im September erfolgte meine Verhaftung: dies war eine späte Reaktion auf meine Aktivitäten gegen die Sprengung der Unikirche. Vorgeworfen wurde mir, eine Petition mit mehr als 100 Unterschriften von Theologiestudenten an den Stadtarchitekten mit der Bitte um ein offenes Gespräch gesendet zu haben – ich wurde zu 20 Monaten Gefängnis wegen „Staatsverleumdung” verurteilt. Natürlich habe ich lange gebraucht, damit klar zu kommen, dass Gott dieses zugelassen hat und darüber sind noch nicht alle Messen gelesen: Um in den Bildern der Passion vom Anfang meines Beitrages zu bleiben, ich war froh, irgendeinmal wieder Musik und Text aus Bachs Johannespassion zu singen und zu wünschen: „Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine, die ich nun weiter nicht beweine, ruht wohl und bringt auch mich zur Ruh!”.

Gleich nach der friedlichen Revolution sprach mich mein Studienfreund und damaliger Mitkämpfer Ludwig Güttler an, ob wir nicht eine Initiative gegen das Vergessen und für den Wiederaufbau der Unikirche starten sollten. Ich habe abgewunken. Der Gottesschreck lag mir immer noch in den Knochen. Was hab ich mich dann gefreut, dass nach dem ersten Entwurf zum Neubau der Uni auf dem Augustusplatz der zweite kam, mit der so deutlichen Erinnerung an die Alte Kirche. Dem Streit in Leipzig konnte ich mich fernhalten. Inzwischen steht auch auf mein Anregen auf dem Geländer der TU im Uniklinikum ein Seelsorgezentrum, modern gebaut, ökumenisch ausgerichtet, eine offener extra für den Islam. Ein Raum für die Seele. Hier findet man neben Trost und Stille und einem guten Wort und einer zarten Geste auch offene und öffentliche Gespräche zwischen Glauben und Wissenschaft zu den Grenzgebieten der Anthropologie. Da rufen sich Glauben und Wissen und wie es sich für so einen Raum gehört, küssen sich dabei in allem Widerstreit auch Friede und Gerechtigkeit. Gern komme ich noch einmal auf die eine Station meines Jahres 1968 zurück, die Auseinandersetzung um das Meißner Tedeum: Glaube und Zweifel haben in einem Raum, den ein kreativer Musiker nach den Gesetzen seiner Zunft geschaffen hat, miteinander gerungen und dies in einem Raum, der unabhängig von Kirchenregiment und staatlicher Gewalt, beide: Glaube und Zweifel – Urvertrauen und Skepsis zum klingen gebracht hat. Ich wünschte dem schön umbauten Raum des Paulinums – Universitätskirche etwas von solchem Geist. Möglichst ohne „Scheibe”. Das Sakramentale gehört nicht ins Schaufenster und das schöpferische Wissen sollte nicht abgetrennt werden von seinem Kreator. Kreative Studenten und Uni-Angehörige sollten es richten.

Kampf um die Köpfe?

Christliche Studenten in der DDR im Spannungsfeld von Religion und Ideologie

Christoph Kähler

VORBEMERKUNGEN

Ohne Zorn und Eifer, sine ira et studio, soll Geschichte dargestellt werden, so verlangt es die Zunft der Historiker seit Tacitus. Einmal abgesehen davon, dass der Altvater der Annalen dies selbst nicht vermochte, weiter abgesehen davon, dass einer wie ich über seine eigene Lebenszeit wohl kaum emotionslos, also ohne Eifer, sprechen könnte, – doch ohne Studium, d. h. ohne Fleiß, Engagement und Betroffenheit dürfte niemanden interessieren, was hier vorzutragen ist. Es wird wohl auch nicht ohne Freude und Zorn, Befriedigung und Trauer abgehen, wenn ich auf die Geschichte und Entwicklung der Evangelischen Studentengemeinden in der DDR (ESG) zurücksehe. Sie bestimmen mich deshalb, weil die Junge Gemeinde und die Studentengemeinde meine Heimat, ihre Mitarbeiter und Pfarrer in der einen oder anderen Form meine Lehrer und Kollegen waren. Es sind die Zeiten, in denen ich jung und oft genug glücklich war; sie waren auch Hoch-Zeiten intellektueller Auseinandersetzungen und des Gewinns an Erkenntnis. Aber wer von Höhepunkten spricht, wird auch die tiefen Täler ins Auge fassen müssen und den Niedergang, von dem die ESG nicht verschont blieb. Subjektive Erinnerung und Anekdotisches gehören schließlich zu den Berichten von Zeitzeugen, also auch zu meinem heutigen Text. Versuchen will ich allerdings, dass ich meine Erinnerungen an konkrete Geschichte mit Dokumenten und Quellen verbinde, um mich zu kontrollieren, zu korrigieren und die subjektive Perspektive zu erweitern.

1. ZWEI BEISPIELE

Einen Kampf um die Köpfe, wie das mir gestellte Thema formuliert, hat es gegeben und er war aufregend und gefährlich. Lassen Sie mich mit zwei Geschichten beginnen, die ich selbst erlebt habe und die exemplarisch einiges verdeutlichen können.

David gegen Goliath

Im Frühjahr 1969 lud der Studentenklub „Rosenkeller” in Jena zu einem seiner auf Jahre hin spannendsten Programmpunkte ein. Der Astronom Hermann Lambrecht, der Professor für Wissenschaftlichen Atheismus Olof Klohr und der frühere, beliebte und bekannte Studentenpfarrer und neugebackene Dozent für praktische Theologie Klaus-Peter Hertzsch sollten miteinander über „Weltall, Erde, Gott” debattieren. Der Rosenkeller war so überfüllt, dass die Ausgesperrten mit einem Balken auf die verschlossene Eingangstür einschlugen. Ihre rhythmischen „Trommelschläge” hatten akustisch und organisatorisch erstaunliche Wirkung. Die Veranstaltung wurde spontan in den größten Hörsaal der Universität verlegt und neu gestartet. Die Absicht des wissenschaftlichen Atheisten war unverkennbar, den Glauben an Gott, den Schöpfer, als Aberglauben zu erweisen. Dabei sollte der Astronom mit „objektiven Argumenten” wissenschaftliche Schützenhilfe leisten. Doch der kam am Ende seines Beitrages noch darauf zu sprechen, dass der Wissenschaftler auch eine Verantwortung für seine wissenschaftliche Arbeit habe. Das bot mir die Gelegenheit, gleich zu Beginn der allgemeinen Debatte die Frage zu stellen, wie denn der Einzelne als Mensch und als Wissenschaftler seine Verantwortung erkennt und bestimmt. Dazu kamen klare, verständliche und gut nachvollziehbare Antworten von dem Theologen. Das Publikum reagierte anerkennend. Der Atheist dagegen flüchtete sich in Phrasen über Verantwortung vor der Gesellschaft, sein astronomischer Helfer verstummte. Bei dem Versuch, die Lufthoheit in der Debatte wieder zu gewinnen, brachte Olof Klohr die Rede auf eine doch offensichtlich lächerliche Vorstellung: Ob es denn wirklich Engel gäbe, die im Himmel flögen? Hertzsch erwiderte mit der Rückfrage: „Könnten wir uns darauf einigen, dass Spra- che regelmäßig mit Bildern arbeite?” Klohr darauf: Das habe der Marxismus nicht nötig, bei ihm gehe es immer nur um nackte, klare Fakten. Und darauf die Frage von Hertzsch: „Beginnt nicht das Kommunistische Manifest mit den Worten: ‚Ein Gespenst geht um in Europa’? Glauben Sie an nackte, faktische Gespenster?” Höllisches Gelächter der oppositionellen Studenten. Auch sonst erwies sich der fast blinde, auf sein Gedächtnis angewiesene Studentenpfarrer als argumentativ haushoch überlegen. So erlebten die jungen Marxisten-Leninisten, die zahlreich erschienen waren, eine vernichtende Niederlage ihres Professors, obwohl sie ihm noch mit unterstützenden Hilfsfragen zur Seite springen wollten. Die Freude der christlichen Studenten aber ließ sich nicht verbergen: Sie hatten einen Sieg Davids gegen Goliath erlebt. Wenige Monate später gab es keinen Lehrstuhl für Wissenschaftlichen Atheismus mehr in Jena, die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) hatte ihre Konsequenzen gezogen und Olof Klohr nach Rostock Warnemünde versetzt. Eine vergleichbare Disputation gab es jedoch auch nicht wieder.

Die Intervention der Parteisekretärin

Zwei Lebensstationen und ein knappes Jahrzehnt später war ich Pfarrer in Leipzig. Der „Junge Ehepaarkreis” wurde von mir begleitet. Zu ihm zählten vor allem „Jungakademiker”, wie man damals noch formulierte, die häufig in der ESG zu Hause gewesen waren. Unter ihnen ein leicht skeptischer Naturwissenschaftler mit seiner Frau, der mich aufforderte, ihn vollends vom christlichen Glauben zu überzeugen. Wir waren auf gutem Wege mit- einander, die intellektuelle Herausforderung zu buchstabieren und die Beziehung von Glauben und Wissen zu differenzieren. Da brach das Gespräch abrupt ab. Warum? Mein Partner hatte ein Gespräch mit der Parteisekretärin seiner Einrichtung gehabt. Die bedeutete ihm unmissverständlich, dafür, dass er Ende der 70er Jahre „NSW-Reisekader” werden wolle, gehe er deutlich zu häufig in Kirche und Gemeindehaus. Das saß, die Karriere wurde wichtiger. Wir haben uns nie wieder in der Kirche gesehen und gesprochen. Etwa zwei Jahrzehnte später war ich Zeuge, dass immerhin die Karriere erfolgreich verlaufen war. Der akademische Senat der Universität Leipzig verlieh dem nicht mehr ganz so jungen Wissenschaftler den Professorentitel.

Machtgestützte Gespräche

Dies also zwei Szenen aus dem Kampf um die Köpfe – aus zwei unterschiedlichen Phasen. Sie lassen einige wesentliche Charakteristika dieses Kampfes erkennen: Beide Geschichten erweisen sich als Varianten dessen, was Rudolf Mau in einer genialen Formel zur Charakteristik des DDR-Herrschaftsverhaltens das „machtgestützte Gespräch” genannt hat. Es ging dabei selten allein um Argumente, sondern die Erlkönige von Parteignaden flüsterten wie bei Goethe regelmäßig: „ … und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt” – in der einen oder anderen Form. Die Grundbedingung des Diskurses, dass kein anderer Zwang herrscht außer dem des besseren Argumentes – so von Jürgen Habermas zusammengefasst – wurde willentlich und wissentlich schwer verletzt. Jedes dieser Gespräche konnte zu persönlichen Konsequenzen, zu Folgen für Familienangehörige oder andere „Schutzbefohlene” führen. Der systematischen Aggressivität der einen Seite entsprach die mehr oder weniger ängstliche Vorsicht der anderen. Schon die übliche Frage des Machthabenden: „Woher wissen Sie das?” konnte gefährlich werden, weil westliche Quellen per se als infiziert galten und faktisch nicht angeführt werden durften. Daher war das Hertzsch-Zitat aus dem Kommunistischen Manifest nicht nur geistesgegenwärtig, sondern klug, weil es eine der politisch unverdächtigen Quellen, die „Klassiker”, nutzte. Die Parteisekretärin im zweiten Gespräch ließ sich überhaupt nicht auf Inhalte ein, sondern setzte die Systemwidrigkeit gelebten Christseins als gegeben voraus. Das musste nicht mehr begründet werden. Ihre Sätze ergaben ein klares Ultimatum und Junktim zugleich. Und – sie erzielte einen Erfolg, einen von vielen weiteren. Der Hebel dafür war die Androhung und Verwirklichung beruflicher Nachteile. Besonders fies konnte es dann werden, wenn Kinder betroffen waren, die sich allein in der Schule selbst kaum wehren konnten. Darum war der faktische Zwang zur Jugendweihe in dem sensiblen Alter zwischen allgemein bildender Schule und der weiter führenden Ausbildung flächendeckend so erfolgreich. Denn Eltern scheuten sich regelmäßig, Aufforderungen zur Jugendweihe und zur Mitgliedschaft bei den Jungen Pionieren und der Freien Deutschen Jugend (FDJ) zu verweigern, weil sie Nachteile auf dem beruflichen Weg ihrer Kinder fürchteten. Dieser Zwangscharakter geriet später weithin in Vergessenheit, wie die heutige Beliebtheit der Jugendweihe beweist. Es gab – grob gesagt – eine zunehmende Schere zwischen dem intellektuellen Anspruch der Regierenden an sich selbst (dieser sank beständig) und dem fortlaufenden Erfolg der Entkirchlichung, den sie bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit scheinbar minimalen administrativen Mitteln erreichten. Der ehemalige Studentenpfarrer Hertzsch hatte den christlichen Glauben plausibel vertreten, ja einen glänzenden Sieg im Kampf um die Köpfe errungen. Die Zahl der Köpfe in der ESG Jena hat er dadurch nicht gemehrt. Da wirkten die anderen Mechanismen stärker. Beide Erlebnisse gehören verschiedenen Phasen der Geschichte eines Landes an, das gelegentlich als „das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten” bezeichnet wurde. In ihm waren gleichzeitig sehr verschiedene Grade von Zumutungen möglich und erlebbar, so dass die Erfahrungen in einer Region dieses Staates nicht zwangsläufig an anderer Stelle gleichzeitig gemacht werden mussten.

2. KAMPF, ALSO SIEG ODER NIEDERLAGE?

Das Thema, das mir gestellt wurde, führt das Bild des Kampfes ein, das unweigerlich die Bilder von Sieg und Niederlage als Teil seines Metaphernnetzes hervorruft. Das heißt, dass wir uns die Frage ernsthaft stellen müssen, wie sich in der Geschichte der ESG und damit auch in der Geschichte der Evangelischen Kirchen in der DDR Durchbrüche und Erfolge wie Einbrüche und Verluste resümieren lassen. Wie sieht nun die Bilanz aus? Ich gehe zur Illustration wiederum biographisch vor: 1950 ging ich in Naumburg in die erste Klasse der Grundschule. Von ihren 42 Kindern besuchten 40 den evangelischen Religionsunterricht, der „Christenlehre” hieß, aber von uns Kindern weiter oft „Reli” genannt wurde. Zunächst geschah das noch im Schulgebäude, das aber rasch für kirchlichen Unterricht und christliche Mitarbeiter zur verbotenen Zone erklärt wurde. Immerhin gelang mir (und der erdrückenden Mehrheit), meinen Freund Jochen erstmals in die Christenlehre einzuladen. Dort mussten bzw. durften wir viel lernen und eine begabte Katechetin konnte sich sogar Leistungskontrollen mit Zensuren erlauben. Doch nach einem Umzug 1955 erlebte ich in Greifswald nur noch etwa ein Drittel meiner Klassenkameraden in der Christenlehre und Aufzeichnungen im Unterricht waren unüblich geworden. Als ich 1977 in Leipzig selbst Konfirmandenunterricht zu halten hatte, kamen die etwa 15 Jungen und Mädchen aus fünf Schulen und entsprechend vielen Klassen. Wenn man nun noch die knappe und politisch gezielte Zulassung zur Abiturstufe bedenkt, dann wird deutlich, wie knapp die Rekrutierungsbasis der ESG im Lauf der DDR-Geschichte geworden war. Was das bedeutete, lässt sich am Beispiel der Studentengemeinden in Leipzig und Jena vorführen. Als Johannes Hempel Anfang der 1960er Studentenpfarrer in Leipzig war, so berichten Zeitzeugen, nahmen regelmäßig etwa 300 Studenten am Bibelabend teil. Als ich 20 Jahre später mehrfach dorthin eingeladen wurde, referierte ich immerhin vor etwa 100 Studierenden. Zehn Jahre danach, also in den 1990ern, saß ich in Wohnzimmeratmosphäre mit 20–30 jungen Frauen und Männern in einer Runde, obwohl die Studierendenzahlen immens gestiegen waren. Ähnliche Bilder zeigen sich auch an der kleineren Universität in Jena. Dort sammelten sich in meiner Studienzeit, also den sechziger Jahren, bei Klaus-Peter Hertzsch zwischen 80 und 120 Hörer am Bibelabend, während etwa 2006 zu einem Bischofsbesuch 20–30 Interessierte zusammenkamen. Kurz: Wenn man vor allem auf diese Zahlen sieht, dann wird man nicht von einem Sieg im Kampf um die Köpfe, sondern eher von einer verheerenden Niederlage sprechen müssen. Zwar gibt es die DDR nicht mehr, zwar ist aus den Heiratsannoncen der früheren Bezirkszeitungen die gängige Abkürzung „m.l. WA”, das hieß „marxistisch-leninistische Weltanschauung“, völlig verschwunden, doch fehlt heute in der Regel das Konfessionskürzel (ev., kath.) in den Anzeigen ebenso. Zwar verweist eines der wichtigeren Mitglieder der Nachfolgepartei der SED in Thüringen, Bodo Ramelow, demonstrativ auf seine evangelische Kirchenzugehörigkeit. Doch die sowohl in Sachsen wie in der etwa gleichgroßen Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) jährlich um je- weils mehr als 20.000 Mitglieder abnehmende Zahl der Kirchenmitglieder ist auch und vor allem ein Langzeiterfolg der mehr oder weniger aggressiven Kirchenpolitik von Partei und Regierung der DDR. Das gilt auch, wenn nunmehr vor allem der Sterbeüberschuss und die Abwanderung gen Westen die wesentlichen aktuellen Faktoren für den Mitgliederverlust der Kirchen darstellen. Der Kampf um die Köpfe ging zwar vor allem für das politische System verloren. Aber die mittelbaren Kontrahenten, vor allem die zahlenmäßig dominierenden evangelischen Landeskirchen, gewannen wohl einzelne intellektuell Interessierte, büßten dagegen den Großteil ihrer Kirchenmitglieder in einem lähmenden Kampf ein.

3. PHASEN DES KAMPFES

3.1 Der Kampf gegen die führenden Köpfe in den 1950er Jahren

Die erste größere Phase könnte man im Sinne des Themas wohl auch als „Kampf um die Köpfe” definieren, aber vor allem als Kampf um führende Köpfe, also die Evangelischen Studentengemeinden und ihre Pfarrer. Ich habe diese Phase zunächst noch nicht selbst als Beteiligter erlebt, kannte aber einige der Protagonisten und ihre Lebensgeschichte gut aus Zeiten, in denen sie noch nicht literarisch dokumentiert werden durften. Zwei von ihnen und ihre Geschichte möchte ich hier exemplarisch benennen: Johannes Hamel, Studentenpfarrer 1946–54 in Halle, und Georg-Siegfried Schmutzler, Studentenpfarrer in Leipzig 1954–1957. Johannes Hamel kam aus der Studentenarbeit der Bekennenden Kirche, war deren illegaler Vikar, Reisesekretär der Deutschen Christlichen Studentenvereinigung (DCSV) und seit 1938 Studentenamtsleiter der Bekennenden Kirche in Halle. Nach der Kriegsgefangenschaft nahm er diese Tätigkeit – nun als Studentenpfarrer – wieder auf. Seine Bibelarbeiten und Predigten waren damals wie später packend und direkt. Sie hatten einen erheblichen Einfluss auf die Studenten und ihre Lehrer. Nicht ganz zu Unrecht wurde er in den späteren Jahren von manchen – durchaus anerkennend – als der „Chefideologe” der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen bezeichnet, um seine Rolle bei der Formulierung von Synodal- und Kirchenleitungserklärungen zu beschreiben. Damit sind seine klaren Fragen an sich selbst und seine Umgebung gewiss nur unzureichend gewürdigt, aber wenigstens sein Einfluss und eine Andeutung des Respekts vermittelt, den man ihm entgegenbrachte. Der damalige Rektor der Martin-Luther-Universität Halle Leo Stern wandte sich 1952 direkt an seinen Genossen Walter Ulbricht: „Die anderen Anlagen betreffen den berüchtigten Studentenpfarrer Hamel, den ich Dir schon vor einem Jahr signalisiert habe. Wenn diesem nicht bald durch Verhaftung oder auf andere Art das Handwerk gelegt wird, kann der Schaden an unserer Universität unübersehbar werden.” Johannes Hamel, den Karl Barth als einen der Propheten in der DDR ansah, ermutigte und rief zu einer Perspektive auf, die sich nicht von den jeweiligen Machthabern die Maßstäbe vorgeben ließ. Gottes Wort hören, ihm zu gehorchen und den Kleinmut fahren zu lassen, hat er wieder und wieder buchstabieren gelehrt. Aus seiner inneren Freiheit resultierte ein Freimut, der die SED provozierte. „Sie waren ja schon immer gegen den Staat!” war, wie er berichtete, ein Vorwurf seines Verhörers, der wohl wusste, wo Hamel im Dritten Reich gestanden hatte. So kam es am 12. Februar 1953 auf dem Höhepunkt der Kampagne gegen die Junge Gemeinde und die ESG zu seiner Verhaftung und der Vorbereitung eines Schauprozesses, in dem mit Hamel die Evangelische Kirche in der DDR insgesamt getroffen und die Studentengemeinde wie die Junge Gemeinde als staatsfeindliche Organisation „entlarvt” werden sollte. Wie man mit diesem unbeugsamen Menschen umgegangen wäre, wenn es nicht im Frühsommer 1953 einen deutlichen Rüffel der Sowjets an die SED-Führung gegeben hätte, wenn nicht der 17. Juni zu einem taktischen Einlenken der DDR-Führung geführt hätte und wenn sich nicht die EKD-Synode und viele andere für Hamel eingesetzt hätten, ist angesichts der damals herrschenden stalinistischen Methoden gut vorstellbar. Die Konfrontation zwischen diesem willensstarken und theologisch kompromisslosen Vertreter wäre mindestens mit derselben Härte erfolgt, wie wenige Jahre später die Behandlung Siegfried Schmutzlers. Andere Leidensgenossen dieser massiven Kampagne, wie den Brüdergemeine-Prediger Kurt Schumann, traf es mit einer Verurteilung zu sechs Jahren Zuchthaus wesentlich härter. Johannes Hamel jedenfalls entkam nach etwa sechs Monaten Haft noch einmal den Fängen derer, die beim Thema Köpfe eher an Enthauptung als an Argumente dachten. Er blieb aber, wie viele Dokumente aus der DDR-Hinterlassenschaft belegen, ein Hassobjekt der Herrschenden. Die Hallenser Studenten aber wussten, was einem passieren konnte, der sich vor Gott, aber nicht vor Menschen fürchtete. Die vielfach beklagte „Entbürgerlichung der DDR” hatte auch damit zu tun, dass Hamel zwar das Bleiben in der DDR als gottgegebene Aufgabe verstand und predigte. Aber bis 1961 waren es neben Handwerkern und Bauern vor allem Akademiker, die sich und ihre Kinder nicht auf Dauer der Diktatur des Prole- tariats unterwerfen wollten und darum in die Bundesrepublik flüchteten. Wie man allerdings auch in neuerer Literatur nachlesen kann, ist Hamels gelegentlich steile Theologie manchen gegenwärtigen Theologen so unverständlich, dass sie seine kirchlich-theologische Haltung, die sich ihre Themen und ihre Positionen nicht von den politischen Gegebenheiten vorgeben ließ, verkannten und als politische Anpassung fehlinterpretierten. Dabei gehörte er zu den führenden Leuten einer Generation von Theologen, die begreifen mussten, dass sich die historischen Erfahrungen der Bekennenden Kirche nicht ohne weiteres auf die DDR übertragen ließen. Vor allem der Zeithorizont eines sogenannten „1000jährigen Reiches”, das 12 Jahre gedauert hatte, verführte in den Anfangsjahren der zweiten deutschen Diktatur manchen in den Kirchen zu Erwartungen eines baldigen Endes der DDR und der Hoffnung auf ein schlichtes Überwintern. Hamel und seine Freunde drangen darauf, sich nicht innerlich und kirchlich von den herrschenden politischen Bedingungen abhängig zu machen, sondern zur Zeit und zur Unzeit zu hören und zu sagen, was das Evangelium dem verführbaren und trostbedürftigen Menschen sagt – im Osten wie im Westen. Eine monografische Darstellung dieser wichtigen Gestalt fehlt – im Unterschied zu seinem Freund, dem ehemaligen Berliner Studentenpfarrer Siegfried Ringhandt. Dass m. W. keine autobiografischen Texte veröffentlicht sind, wundert mich nicht, denn Johannes Hamel war ein Feind des Selbstruhmes. Länger in Haft und wesentlich weniger geschützt war Georg Siegfried Schmutzler, Studentenpfarrer in Leipzig von 1954–1957. Eine der Denun- ziationen, die zu seiner Verhaftung und dann seiner Verurteilung führte, kam ebenfalls aus dem Raum der Universität – allerdings von einem Theologen, dem das Prädikat Lehrer zu verleihen ich mich scheue. Dem Assistenten Christoph Haufe gebührt der traurige Ruhm, im November 1956 zum Judas an Schmutzler geworden zu sein. Offenbar hat der nie habilitierte Haufe in der ESG den Kern der Theologiestudenten ausgemacht, die gegen seine Haus(!)-Berufung auf eine Professur für Neutestamentliche Wissenschaft votierten. Darum suchte Haufe am 11. November 1956 einen Mitarbeiter der Abteilung Inneres beim Rat des Bezirkes auf und wies auf die Verschwörung gegen „gesellschaftliche Organisationen” hin, die seiner Ansicht nach von Schmutzler ausgegangen sei. Schmutzler selbst empfand diesen Bericht als die „Initialzündung für die damalige Leitung der SED an der Karl-Marx-Universität … zu ihrer Hetzjagd auf mich, die schließlich in einem Schauprozeß endete, der mir fünf Jahre Zuchthaus einbrachte”. Einzelheiten dieses Schauprozesses und der Demütigungen, die Schmutzler vorher und nachher erleiden musste, können hier nicht ausgeführt werden. In jedem Fall wurde an diesem Prozess überdeutlich, dass die Kraft der Kirchen kleiner und die diktatorische Macht der SED größer geworden war. Auch später noch konnte man ahnen, warum gerade an Schmutzler ein Exempel statuiert werden sollte. Denn er faszinierte Jüngere, wie ich selbst erlebte, noch in späteren Jahren als kirchlicher Lehrer in der katechetischen Ausbildung. Er verfolgte mit Neugier neuere philosophische und theologische Ansätze und konnte sie sich zu Eigen machen. Mit Begeisterung gab er diese Entdeckungen auch weiter. Das mag verdeutlichen, warum die Wahl für den Schauprozess auf diesen Kopf fiel, warum dieser Mann stellvertretend für die anderen Studentenpfarrer, ja für die ganze Kirche „seinen Kopf hinhalten” musste. Der sächsische Landesbischof habe nach der Haft, so berichtet Schmutzler in seinen autobiografischen Skizzen, ihn begrüßt mit der Frage: „Bruder Schmutzler, können Sie uns vergeben?” Sein Prozess fiel in die Zeit der größten Austrittswellen aus der evangelisch-lutherischen Landeskirche, der aggressiven Propaganda für die Jugendweihe und der Erpressung der Eltern und Jugendlichen durch Ausbildungsverweigerungen, d. h. in eine Zeit, in der die beiden großen Kirchen der DDR ihre Ohnmacht und ihr Scheitern begreifen mussten. In dieser ersten Phase gab es zwei kirchliche Ziele, die Erhaltung der Volkskirche und die Treue zum Bekenntnis. Beide konnten mit guten Gründen vertreten werden, obwohl sie sich aber im Umgang mit erpressbaren Gemeindegliedern und mit den staatlichen Repressalien erheblich unterschieden. Denn einerseits galt für sehr viele Theologen und Gemeindemitglieder der Kampf der Bekennenden Kirche im „Dritten Reich” ohne Frage als das Vorbild, dem die Kirchen in der DDR folgen sollten. Andererseits gingen viele von ihnen gleichzeitig davon aus, dass die Evangelische Kirche selbstverständlich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung umfasste und weiterhin umfassen werde, also in diesem Sinne Volkskirche sein und bleiben werde. Doch zunehmend sollte sich gerade an der Jugendweihe erweisen, dass beide Ziele so sehr im Konflikt lagen, dass sie vor die Alternative führten, entweder die kleine Schar der Bekenner in relativer Kompromisslosigkeit zu vereinen oder in relativ großer Kompromiss- bereitschaft die Volkskirche zu retten, so gut es eben möglich war. Für beide Positionen lassen sich Landeskirchen benennen, die tendenziell eher dem einen oder eher dem anderen Modell folgten. Die strengere Variante fand z. B. in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens ihre Vertreter, die kompromissbereitere in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen. Ein Urteil über den „Erfolg” solcher Haltungen lässt sich kaum fällen, da die staatliche geforderte und geförderte Entkirchlichung in der einen wie in der anderen Landeskirche ähnlich gravierend war und ist.

3.2. Nach dem Mauerbau 1961

Geschichtliche Wandlungen gehen langsam vonstatten und setzen nicht abrupt mit dem Datum ein, das einer historischen Phase die Zäsur gibt. Wir haben aber schon kurz nach dem Mauerbau am 13. August 1961 so etwas wie eine Lähmung erfahren und uns die Frage stellen müssen: Wie geht es jetzt weiter, wo wir „lebenslänglich” haben?

Auch dazu zunächst Autobiographisch-Anekdotisches: Es war im Jahre 1965. Wolf Biermann sang im Februar in der Mensa der Universität Jena – wohl zum letzten Mal öffentlich – seine Lieder. Er hoffte, ich habe es mit anderen Mitgliedern der ESG selbst gehört, noch auf seinen Wiedereintritt in die SED und erreichte mit seiner Widerborstigkeit doch nur das unbe- grenzte Auftrittsverbot. Wir fühlten uns in der Ablehnung des DDR-Systems bestätigt, aber die sozialistische Hoffnung des Liedermachers war uns noch sehr fremd. Der Graben selbst zu diesem oppositionellen Marxisten war noch breit. Ähnlich war es wenige Wochen später, bei der ost-westlich beschickten sogenannten Kleinen Arbeitskonferenz der Evangelischen Studentengemeinden (KLAK) in Berlin-Weißensee. Wir wehrten uns noch in geradezu orthodoxer Weise gegen alle marxistischen Zumutungen. Es galt Studenten aus Tübingen und Heidelberg wie aus Jena und Halle als auf ewig ausgemacht, dass die optimistische Anthropologie vom guten, durch Arbeit definierten und in der sozialistischen Gesellschaft befreiten Menschen schlichtweg falsch sei. Das biblische Menschenbild des gerechtfertigten Sünders sei dieser Utopie haushoch überlegen und meilenweit von allem trügerischen Optimismus entfernt. Solche klaren Grenzziehungen änderten sich mit dem Herbst 1967. Freunde aus Westberliner Studentengemeinden berichteten nicht nur von dem akademisch-zivilen Ungehorsam, mit dem sie die universitären Konflikte inszenierten und Mitbestimmungserfolge erreichten. Sie brachten nicht nur Leibfrieds „Wider die Untertanenfabrik. Handbuch zur Demokratisierung der Hochschule”18 mit; darin enthalten die ersten Habermas-Texte, die ich zu lesen bekam. Vor allem jedoch infizierten sie uns – mit Marx, selbstverständlich dem jungen Marx. Die „Pariser Manuskripte” waren in der DDR bis dahin nur einmal, dazu noch getrennt, publiziert und längst vergriffen. Die alte Marx-Engels-Gesamtausgabe der im Osten nur so genannten „ökonomisch-philosophischen Manuskripte“, 1932 in Moskau ediert, ließ sich in den Bibliotheken nur mit gesonderter Erlaubnis ausleihen! Nun lasen wir sie – mit roten Ohren – in Rowohlts Klassikerausgabe und bildeten in der Greifswalder ESG einen Arbeitskreis, der sich Tage und Nächte an der Kategorie „Entfremdung” abarbeitete. Plötzlich ging uns auf, dass die stalinistischen Grundlagen des Marxismus-Leninismus vielleicht doch nicht alles darstellten, was nach einem Jahrhundert von dem Sozialwissenschaftler aus Trier zu lernen, zu bedenken oder abzulehnen war. Damit lag für potentielle Nonkonformisten ein Instrument bereit, mit dem der real-existierende Sozialismus aus seinen eigenen Quellen kritisierbar wurde. Denn es stellte sich die Frage, ob und wie sehr reale Entfremdungserfahrungen und ihre gesellschaftlichen Ursachen (im Sozialismus!) auf den marx’schen Begriff gebracht werden konnten. Dazu kam die erstmalige breite Debatte über eine neue Verfassung der DDR, die in ihren Anfängen, zeitgleich mit dem „Prager Frühling”, als positives Signal einer demokratischen Öffnung begriffen, auch vorsichtige Verbesserungen in unserer seit 1961 gelähmten Gesellschaft anzukündigen schien. Derselbe studentische Kreis, der sich in Greifswald über dem Studium des jungen Marx gebildet hatte, diskutierte gleichfalls die Briefe nach Berlin mit den Vorschlägen, mehr demokratische Rechte und Kontrolle für den „Arbeiter- und Bauern-Staat” zuzulassen. Auch konkrete Vorschläge für eine Studienreform wurden in dieser Gruppe erörtert und z. T. sogar umgesetzt. So gingen unsere internen Debatten über den jungen Marx und die verbesserliche DDR nahtlos in die ausführliche Lektüre der Reden Goldstückers, Dubc ˘eks und Smrkovsky ’s über, die erstaunlich lange im „Neuen Deutschland” abgedruckt wurden. Und als sie dort verschwanden, brachte sie wenigstens das in der DDR verkaufte offiziöse Organ der KP Englands „Morning Star”. Der Prager Frühling und die Öffnung der Studentengemeinden im Westen, wie darauf im Osten, für sozialistisch-marx’sches Gedankengut folgten einander nicht nur, sondern sie verstärkten gegenseitig ihre Glaubwürdigkeit und Akzeptanz. Demokratie musste nicht mehr als Volksdemokratie gesteigert und entwertet werden, sondern schien auch in den Farben des Sozialismus machbar. Sogar marktwirtschaftliche Überlegungen ließen sich jetzt auf dem Umweg über Ota S ˘ik’s Ideen in einen ökonomischen Entwurf integrieren, der einen dritten Weg zu versprechen schien. Unauslöschlich ist in unserer Erinnerung der Besuch von Milan Machovec in der Greifswalder Studentengemeinde im Frühjahr 1968. Er brachte uns seine Idee von dem fruchtbaren Dialog der unterschiedlichen Weltanschauungen bei, in dem es nicht um Proselytengewinnung gehen dürfe, sondern darum, Marxisten zu besseren Marxisten und Christen zu besseren Christen zu machen. Nach meinem Eindruck hat diese Veränderung der Perspektive selbst die Prager Katastrophe vom August 1968 und die sich anschließende Lähmung so weit überdauert, dass Heino Falckes Formel vom „verbesserlichen Sozialismus” auf der Bundessynode in Dresden 1972 von vielen als logi- sche Folge solchen Nachdenkens und als Hoffnung wider den Augenschein angenommen wurde. Nicht umsonst haben die Machthaber diese Überlegungen Falckes als frontalen Angriff auf ihre ideologischen Grundlagen gewertet und zu verschweigen gesucht. Das Jahr 1968 hat in der ESG, in ihrem Umfeld und bei anderen Nachdenklichen nicht nur äußerlich erheblich zur Delegitimierung des herrschenden Systems beigetragen, sondern vor allem für meine Generation eine innere Überlegenheit und systematische Kritik eröffnet, ohne die der Herbst 1989 nicht – oder nicht in dieser Form – möglich gewesen wäre.

3.3 Der Mut Einzelner

Gleichzeitig war das Jahr 1968 das Jahr besonderer symbolischer Aktionen, von denen ich nur zwei knapp erwähnen möchte. Die erste war eine Flugblattaktion vor der Volksabstimmung über die neue Verfassung der DDR am 6. April 1968. In der Nacht vom 3. zum 4. April verteilte eine Gruppe von sechs Theologiestudenten etwa 1000 DIN-A5-Zettel in Jena, auf denen ein Kreis durchkreuzt und mit „Nein” beschriftet war. Mithin hatten diese Flugblätter lediglich auf eine offiziell erst- und einmalig ermöglichte, wenn auch nicht erwünschte Neinstimme hingewiesen. Dennoch setzte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) alles daran, um die Urheber aufzuspüren, ihre Aktion als „Feindtätigkeit” zu krimi- nalisieren und sie mit langer Haft zu bedrohen. Die Aufklärung gelang ihnen unter anderem deshalb, weil einer der Beteiligten zusammen mit einem Kommilitonen in Bulgarien einen Fluchtversuch gen Westen unternahm, gefasst wurde und schließlich im Verhör von der Flugblattaktion berichtete und die Namen der anderen Flugblattverteiler preisgab. Die Verhaftung der fünf anderen Beteiligten erfolgte ohne Aufsehen am 20. Dezember 1968 in der Weihnachtspause. Wir Kommilitonen erfuhren erst im Januar stückweise von den Geschehnissen. Als führenden Kopf diagnostizierte das MfS Walther Bindemann unter anderem deswegen, weil er Verbindungen nach Berlin und Greifswald zu anderen Theologiestudenten aufgebaut und sie zu ähnlichen Aktionen aufgefordert hatte. Allerdings kam es aus verschiedenen innen-, außen- und kirchenpolitischen Gründen doch nicht zu einer Anklage vor Gericht, sondern es blieb bei einer zeitweiligen Exmatrikulation. Walther Bindemann hat sich durch diese Erlebnisse nicht von seiner kritischen und konstruktiven Haltung abbringen lassen. Er arbeitete später als Studentenpfarrer in Greifswald (1974–1980) und gehörte in den 80er Jahren zu den Initiatoren der Seminare „Konkret für den Frieden”, die das größte Netzwerk kirchlicher und außerkirchlicher Friedens-, Ökologie- und Menschenrechtsgruppen bildeten. Ein anderer aus dem Kreis der Flugblattaktivisten wurde jedoch in der Folge zum Informellen Mitarbeiter des MfS und setzte diese Zusammenarbeit noch als Pfarrer fort. In Leipzig an eine andere Protestaktion zu erinnern, heißt eigentlich, Eulen nach Athen zu tragen. Nach der Sprengung der Universitätskirche am 30. Mai entrollte sich am 20. Juni 1968 bei der Abschlussveranstaltung des III. Internationalen Bachwettbewerbs ein Plakat, das den Umriss der bekannten Ostfassade mit einem stilisierten Todesdatum 1968 und dem Satz verband: „Wir fordern Wiederaufbau”. Das anwesende Publikum beantwortete diese Aktion mit stürmischem Beifall. Die Untersuchungsorgane der DDR aber tappten auf der Suche nach den Akteuren lange im Dunkeln. Die meisten der im Vorfeld oder direkt Beteiligten kamen aus der ESG und sahen die Vernichtung dieses im Krieg geretteten Baudenkmals als frontalen Angriff auf den in dieser Kirche herrschenden Geist. Für die damals direkt und indirekt Beteiligten nenne ich Dietrich Koch und Günther Fritzsch gemeinsam, weil sie ihren Mut und ihre intellektuelle Opposition u. a. im Zusammenhang mit dieser Plakataktion mit mehreren Jahren Gefängnishaft und schweren beruflichen Nachteilen bezahlt haben. Tragischerweise gelangte das MfS an die entscheidenden Hinweise auf die Protestierenden wiederum – wenn auch indirekt – durch Beteiligte, die sich durch Flucht in den Westen retten konnten. Diese und andere Proteste konnten natürlich nur von einzelnen Mutigen ausgeführt werden, aber nicht Sache von ganzen Institutionen sein. Bei beiden Unternehmungen fällt auf, wie spontan ihre Akteure zusammenfanden und sehr bald verschiedene Wege gingen. Wie auch später bei den Leipziger Friedensgebeten bedarf es einer sorgfältigen Würdigung sowohl der kirchlichen Institutionen, die seit Jahrzehnten unter Beobachtung und Druck standen, aber relativ freies Denken, Studieren und Leben ermöglichten, und der spontan auf eigenes Risiko handelnden Personen, die immer wieder auf den Rückhalt und die Unterstützung aus den Freundeskreisen und den Kirchen angewiesen waren.

3.4 Die siebziger und achtziger Jahre

Nach meinem Eindruck, der aber genauer zu prüfen wäre, waren die politisch brisanteren Überlegungen und Aktionen seit Mitte der 1970er Jahre eher im Umkreis einiger Jungen Gemeinden beheimat als in der ESG. Träger der Auseinandersetzung mit Friedens-, Ökologie- und später Menschenrechtsfragen wurden jeweils eigene Arbeitskreise oder Gruppen. So sammelten sich ehemalige Bausoldaten im Umkreis der ESG oder von Jungen Gemeinden. Ihnen ist die Wiedergewinnung des ideologisch hoch belasteten Friedensthemas zu verdanken, das Jahrzehnte lediglich für die parteiliche Indoktrination genutzt wurde. Es wäre weiter eine eigene Untersuchung wert, wie sich in der Offenen Arbeit mit Punkern, z. B. in Leipzig-Mockau, anarcho-syndikalistisches Ideengut im Streben nach einer gerechteren und demokratischeren Gesellschaft verbreitete. Dagegen ist bereits wissenschaftlich untersucht, wie in Jena die „JG Stadtmitte” zu dem festen Sammelpunkt von Unangepassten und Oppositionellen wurde, der sie bis heute geblieben ist. Nach meiner Vermutung ging die steigende Unruhe nicht so sehr von den Universitäten aus, kam also auch nicht vorwiegend aus der ESG, sondern wurde von kleineren Kreisen wahrgenommen, wie überhaupt diese sozial engagierten Gruppen zunehmend ein wichtiger Faktor innerhalb und außerhalb der Kirchen wurden. Allerdings fand dieser Kampf um Argumente und Köpfe, der in der „Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung” gipfelte, zwar nicht mehr überwiegend auf dem Boden der ESG statt, aber er ist nicht denkbar ohne die evangelischen Akademiker, die in der ESG ihre geistige und geistliche Heimat hatten.

4. KAMPF UM DIE KÖPFE? – EIN RESÜMEE

Das mir gestellte Thema „Kampf um die Köpfe” erweist sich als treffende Formulierung, wenn auch natürlich je nach Epoche wechselnde Perspektiven zu berücksichtigen sind. Die DDR-Kirchenpolitik war bereits im Moskauer Exil als offener und verdeckter Kampf gegen Religion und Kirche geplant worden. Dieser dauerte dann länger als 40 Jahre und wies sehr verschiedene Phasen auf, die Erschöpfungszustände und Zeiten eines Burgfriedens auf beiden Seiten einschlossen. Die Studentengemeinden waren in dieser Zeit eine zentrale Arbeitsform der evangelischen Kirchen. Sie bedachten die theologischen, philosophischen und damit zumindest indirekt auch die politischen Themen der Zeit. Sie beteiligten sich etwa an den Debatten um Glaube und (Natur)-Wissenschaft in den 1950er Jahren, an denen über die Verantwortung der Deutschen am Zweiten Weltkrieg und am Holocaust in den 1960er Jahren wie an denen über die politische Verantwortung für eine gerechtere, friedlichere und möglichst integer bewahrte Welt zwischen 1978–1989. Die Fortsetzung solcher Denkbemühungen fand für die Absolventen oftmals in eigenen Hauskreisen und in den Evangelischen Akademien statt. Damit stellten sich diese Gemeinden den intellektuellen Herausforderungen der Zeit in einem Maße, das die staatlichen Stellen faktisch überforderte und sie zunehmend vor allem zu intransparenten administrativen Maßnahmen greifen ließ. Über die Studentengemeinden nahmen Studierende westliche theologische, belletristische und philosophische Literatur wahr und beteiligten sich so an den Diskursen der (westlichen) Welt, was über diesen Umweg osteuropäische Literatur und Politik durchaus einschließen konnte. Die ESG pflegte eine Debattenkultur mit Gesprächsleiterschulungen und thematisch offenen Disputen ohne vorherbestimmtes Resultat, die in vielen akademischen Fächern so kaum möglich waren. Die Studentengemeinden ermöglichten die (geheime) Wahl zur Vertrauensstudentin oder zum Pfarrer, was die meisten unter uns zum ersten Mal in ihrem Leben mit der Möglichkeit der freien Auswahl und – der ungewohnten Realität des Scheiterns konfrontierte. Die ESG war zugleich für die evangelischen Landeskirchen eine Übungsstätte für weitere Aufgaben im kirchlichen Überlebenskampf. Studentenpfarrer kandidierten wie Johannes Hempel und Gottfried Forck bei Bischofswahlen. Man traute ihnen das geistige und geistliche Vermögen zu, unter den besonderen Bedingungen der DDR, Kirchen zu leiten. Vertrauensstudenten lernten Mitverantwortung unter belastenden Umständen zu übernehmen und übten dies später als Kirchvorsteher und Synodale in kirchenleitender Funktion aus. Auch die nichttheologischen Mitarbeiter der Konsistorien und Landeskirchenämter kamen sehr oft aus der ESG in den kirchlichen Dienst. Dennoch kann man ehrlicherweise bei diesem „Kampf um die Köpfe” nicht von einem Sieg sprechen. Zwar gibt es die kämpferischen Marxisten-Leninisten in den staatlichen Funktionen so nicht mehr, aber ihr jahrzehntelanger Kampf hat mindestens zwei Folgen, die nachweisbar bis heute nachwirken. Die institutionelle Folge stellt die massive Dezimierung der christlichen Gemeinden dar, die sich an den tiefgreifenden konfessionellen Differenzen zwischen West- und Ostdeutschland ablesen lässt. Nur in Ostdeutschland sind Christinnen und Christen heute eine Minderheit, die sich gegenüber der konfessionslosen Mehrheit erklären und rechtfertigen muss, obwohl die Kirchen nach wie vor die größte gesellschaftliche Institution geblieben sind. Die zweite Folge ist die ins allgemeine Bewusstsein abgesunkene selbstverständliche Religions- und Kirchenkritik marxistischer Herkunft, die wie ungezählte Äußerungen bis in die Leserspalten der Zeitungen in Leipzig und Jena, Dresden und Magdeburg hinein belegen, viele katastrophale Konflikte dieser Welt dezidiert nur auf religiöse Intoleranz zurückführt. Im Umkehrschluss wird dann direkt oder indirekt nahegelegt, dass das Zurückdrängen der Religion die Humanität fördere. Dass aber gerade in Deutschland zwei politische Religionen, der Nationalsozialismus und der Kommunismus, mit ihrem Kampf gegen Andersglaubende und Andersdenkende ungezählte Opfer gefordert haben und die Anfälligkeit zur Intoleranz jedweder Weltanschauung – auch eines sich säkular gebenden Humanismus – belegen, wird entweder nicht gesehen oder wohlweislich verschwiegen. Die Unschuld jedenfalls, mit der solche Kirchenkritiker argumentieren, oftmals ohne ihre eigene Vergangenheit und Verflochtenheit offen zu legen, scheint mir nach jenem Kampf um die Köpfe, der mehrere Generationen umfasste, einer wirklichen Aufklärung bedürftig.

Gezielte atheistische Kaderpolitik

Zur Zurückdrängung des kirchlichen Einflusses an der TU Dresden und der Benachteiligung christlicher Studenten in der DDR

Joachim Klose

STUDENTENGEMEINDEN

Im Herbst 2009 feierte die Evangelische Studentengemeinde ihr 60-jähriges Bestehen. Die katholische Studentenseelsorge gibt es in Dresden seit 1925. Während beider deutscher Diktaturen waren Christen an der TU Dresden einem besonderen ideologischen Druck und Repressionen ausgesetzt. Ich war von 1980–1990 Mitglied der Studentengemeinden in Halle, Berlin und Dresden, leitete die Dresdner KSG 1988–1989 und berichte über Erfahrun- gen aus diesem Bereich. ESG und KSG sind Gemeinschaften junger Christen der Dresdner Hochschulen. Ein hauptamtlicher Pfarrer, demokratisch gewählte Sprecher und Fachkreisvertreter bilden den Pfarrgemeinderat, der von einem Vorsitzenden geleitet wird. Gemeinsam planen sie das Programm und bieten es an. Dies betrifft vor allem Akademische Gottesdienste, inhaltliche Vorträge und Diskussionen.

DIE RELIGIÖSE SITUATION AN DER TU DRESDEN

In einer vertraulichen Verschlusssache vom 6. Mai 1977 stellte die SED-Kreisleitung der TU fest, dass ihnen die Sprecher der Studentengemeinden unbekannt sind. Sie konstatieren: „Auch das Wissen über das Wirken in den Studentengemeinden ist gering … Die Funktionäre arbeiten in hohem Maße dezentralisiert … Sie schirmen sich unter Nutzung kircheneigener Objekte nach außen ab und entziehen sich einer möglichen Beobachtung.”

Der Autor stellte fest, dass es bisher nur in Ausnahmen gelang, christlich erzogene Studenten zur Abkehr vom Glauben zu bewegen. Seine wichtigste Schlussfolgerung: „Der Freizeitbereich der Studenten ist konsequent politisch zu beeinflussen und für die weltanschauliche Bildung zu nutzen. Noch stärker ist … der Einfluss, besonders der Studentengemeinden auf diesem Gebiet zurückzudrängen. Durch gezielte Kaderpolitik bei der Immatrikulation, Berufung und Besetzung von Funktionen wurden Konzentrationen verhindert und der Einfluss kirchlicher Kräfte weiter zurückgedrängt.”

Außerdem konnten „durch gezielt ideologische Arbeit Konfliktpunkte beseitigt werden”. Diese Konfliktpunkte betrafen vor allem die Auseinandersetzung bei Gewissensentscheidungen wie z. B. die Reserveoffiziersbereitschaftserklärung oder die Verteilung von Leistungsstipendien. Letztendlich fand die Immatrikulation nach einer dreifachen Selektion statt:

– die Zulassung zum Abitur, die vielen Christen verwehrt blieb, da sie nicht an der Jugendweihe teilnahmen

– die Zulassung zur Universität, die häufig durch die  mangelnde Wehrbereitschaft beschränkt war

– die Reserveoffiziersbereitschaftserklärung, an der nicht wenige Christen scheiterten.

1. DIE JAHRE VOR DEM BAU DER MAUER

Unmittelbar nach dem Krieg hat es keine Beeinträchtigung der Studentengemeinde durch staatliche Stellen gegeben. Benachteiligungen trafen nur vereinzelt Studenten. Eine Studentin wurde z. B. 1951 im Zug nach Berlin verhaftet und in der Zentrale der Stasi auf der Schießgasse verhört, weil sie Verbindung zu französischen Arbeiterpriestern aufgenommen hatte. Ein härteres Schicksal ereilte zwei Studenten 1952, die Kontakte zum Exilvorstand der ostdeutschen CDU in Westberlin aufgenommen hatten. Sie wurden zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, von denen sie vier Jahre verbüßten, ehe sie in den Westen abgeschoben wurden. Der Wind drehte sich 1952/53 als DDR-weit eine Kampagne gegen die Jungen Gemeinden startete. In Dresden wurden auch die ESG und KSG dazugezählt. Die FDJ führte Semesterversammlungen an der Uni durch, um die Studentengemeinden zu diskreditieren. Mutige, die es wagten sie öffentlich zu verteidigten, wurden von der Uni verwiesen. Christen unterlagen fortan einer besonderen Aufmerksamkeit. Als z. B. 1956 Studenten der Fakultät für Chemie der Opfer des Ungarnaufstandes mit einer Schweigeminute gedachten, wurden vor allem Mitglieder der KSG exmatrikuliert, obwohl sie sich nicht stärker als andere hervortaten. Im WS 1957 folgte eine breit angelegte Aktion gegen die Sprecher der Studentengemeinden. Ihnen wurde im Anschluss an die zentrale Stipendienkonferenz das Grundstipendium gestrichen. Dem folgten Aussprachen, Hausverbot und Bewährung in der Produktion. Aufgrund des ideologischen Druckes verließen vor 1961 viele christliche Studenten die DDR. Ein Arzt formulierte einmal: „Hoffentlich können uns unsere Kinder verzeihen, dass wir geblieben sind.”

Wir wissen, dass unter denen, die gingen, ein sehr hoher Prozentsatz Christen gewesen sind.

2. NACH DEM MAUERBAU 1961

Der zunehmenden ideologischen Beeinflussung konnten sich die Studenten in den 1960er und 1970er Jahren nicht mehr entziehen. Da christlichen Gemeinden im marxistisch-leninistischen Weltbild kein Platz zukam, drängte die wachsende Ideologisierung die Studentengemeinden in eine Gegnerschaft. Gesellschaftliche Aktivitäten wurde immer mehr zum Kriterium für die Studienzulassung. Ziel der Hochschulausbildung war der sozialistische Absolvent. Neuberufungen von Professoren erfolgten deshalb fast nur noch bei SED-Mitgliedschaft, die eine Kirchenangehörigkeit ausschloss. Das zitierte SED-Papier stellte dazu fest:

„Der Einfluss kirchlich gebundener oder sich betätigender Hochschullehrer ist sehr stark zurückgedrängt worden. Durch gezielte Kaderpolitik gelang es, den Parteieinfluss bedeutend zu erweitern. Gegenwärtig sind 76,2% der Hochschullehrer Mitglied der SED. (…) Unter wissenschaftlichen Mitarbeitern werden vereinzelt kirchliche Einflüsse sichtbar. In Ausnahmefällen erfolgte wegen Nichterfüllung des Lehr- und Erziehungsauftrages die Übertragung anderer Aufgaben.”

Ein offenes Bekenntnis zum Christentum im Uni-Raum wurde auch für Studenten immer schwieriger. Es brauchte z. B. Mut, sich bei der militärischen Pflichtausbildung in Seelingstädt zum Sonntagsgebet zu versammeln. Zwei Studentinnen organisierten während der Zivilverteidigung einen improvisierten Gottesdienst. Die FDJ-Gruppen bezogen dazu eine klassenmäßige Haltung und distanzieren sich von diesen Studentinnen. Eine Studentin wurde daraufhin auf „eigenen Wunsch” vorzeitig exmatrikuliert. Gegen freie Religionsausübung, offene Systemkritik oder gar Forderungen nach freien Wahlen wurde mit aller Härte durchgegriffen. Die SED führte die Punkte auf, bei denen  sie gegen christliche Studenten im Jahr 1976/77 vorgegangen ist: – ein Literaturquiz wurde als „Systemkritik” im Sinne Biermanns bewertet – ein Studentenkollektiv wollte nicht geschlossen zur Wahl gehen – ein Student wurde exmatrikuliert, weil er nicht zur Wahl ging – eine finnische Studentin brach das Studium ab, weil sie dem weltanschaulichen Druck nicht standhielt – einzelne Studenten ließen sich exmatrikulieren, weil eine freie Religions- ausübung nicht möglich war

Bekennende Christen lernten, in „zwei Welten” zu leben. Einerseits mit Widerwillen in der des sozialistischen Realismus, andererseits in jener der Privatsphäre, des Freundeskreises und der Kirchen. Beide Welten versuchte man, in schizophrener Weise auseinander zu halten.

3. 1980er JAHRE

Anfang der 1980er Jahre hatte ich den Wehrdienst mit der Waffe verweigert und war einer der wenigen Studenten, die als Bausoldat studieren konnten. Ich wurde im November 1985 von der NVA entlassen und mit den Längerdienenden an der Sektion Physik immatrikuliert. Der Aufforderung, die Reserveoffiziersbereitschaftserklärung zu unterschreiben, kam ich nicht nach, da ich nicht vereidigt war. Der Sachverhalt schien bis dahin der Uni unbekannt gewesen zu sein. Da ich außerdem aus allen gesellschaftlichen Organisationen ausgetreten war, wurde ich während der ersten 14 Tage meines Studiums zu „Erziehungsgesprächen” geladen. Die Fachprofessoren, denen ich in späteren Prüfungen begegnete, sollten meine politische Einstellung prüfen. Schließlich wurde ein Disziplinarverfahren eröffnet, um die Exmatrikulation einzuleiten. Das Verfahren wurde beendet als ich zustimmte, wieder in die FDJ einzutreten. Der Sektionsdirektor bemerkte abwertend: „Sie können hier studieren, das ist alles.” Damit schien auch die weitere Perspektive festgelegt zu sein. Da Bausoldaten „Staatsfeinde” waren, polarisierte sich der Studienjahrgang: Parteigenossen mieden mich; Leute, die sympathisierten, solidarisierten sich mit mir. Jede mündliche Prüfung konnte den Exmatrikulationsgrund liefern. Von Beginn an spürte ich sowohl Gegenwind als auch Unterstützung. Nach der Aufspaltung des Studienjahrganges wurde systematisch versucht, den sich bildenden Freundeskreis zu zerschlagen. Dies gelang im Frühjahr 1986 durch „gezielten Einsatz” eines inoffiziellen Mitarbeiters der Staatssicherheit. In meiner Stasi-Akte ist zu lesen: „Es wurde durch den IMS Helm und den GMS Hasse Hinweise bekannt, … dass in der Sektion Physik eine politisch negative Gruppierung besteht. … Gleichzeitig wurde zu den Personen bekannt, dass sie versuchten, bei der FDJ-Wahl 1985 durch Manipulation eine „gefügige” FDJ-Leitung zu schaffen und fortschrittliche Studenten zu isolieren. Über einen IM in Schlüsselposition konnte erreicht werden, dass der JÜTTNER mit Wirkung vom 27. 5.1986 vorzeitig exmatrikuliert wurde. Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Objektdienststelle TU/H”

Das Exempel ist gelungen. Die Exmatrikulation sprach sich schnell herum und entpolitisierte die Gruppen. Mir wurde gleichzeitig eine Studienzurückstellung verwehrt, die ich aufgrund eines 15-wöchigen Krankheitsausfalls beantragt hatte. Durch die Belastung, den Stoff nachzuholen, war ich isoliert. Von Beginn meines Studiums an versuchte die Stasi, mir staatsfeindliche Tätigkeiten nachzuweisen. Man vermutete, dass in meiner Wohnung Treffen mit staatsfeindlichen Aktivitäten stattfinden. Während des Sportunterrichts wurden Abdrücke von meinen Schlüsseln gemacht. Anschließend ließ man meine Wohnung überwachen. Das gezielte Installieren inoffizieller Mitarbeiter der Stasi führte zur Observierung des gesamten Lebensumfelds. Sechs verschiedene Quellen vor allem aus der Studentenschaft und dem Lehrkörper fertigten Berichte an. Die Staatssicherheit attestierte mir eine negative Grundhaltung zur DDR und hob meinen schlechten Einfluss auf meine Seminargruppe hervor. Mit krimineller Energie plante sie, mich mit staatsfeindlichen Flugblättern, die ich hergestellt haben sollte, zu erpressen. Die OPK Atom wurde schließlich im Herbst 1988 eingestellt, als von dem Erpressungsversuch Abstand genommen wurde, es aber auch nicht gelang, mich als Informationsquelle zu gewinnen.

Das Hannah-Arendt-Institut stellte nach Aktenstudium fest:

„Zu keiner Zeit gelang dem MfS, (…) ein Eindringen in sogenannte „Kernkreise” der KSG Dresden. Ein legendierter Kontaktversuch zu dem seit Juni 1986 in der OPK „Atom” bearbeiteten späteren KSG-Gemeinderatsvorsitzenden scheiterte 1988 bereits nach dem ersten Gespräch (in dem sich der MfS-Mitarbeiter noch nicht als solcher vorzustellen wagte).”

Neben der OPK „Atom” ist nur noch die OPK „Akelei” (1988–1989) zu einer Studentin registriert, die sich in der „Dritten Weltarbeit” engagierte. Des Weiteren ist zur KSG nur ein Vorgang zur „Feind”-Bearbeitung bekannt: Drei Studenten waren zwischen 1983-85 im OV „Kreisel” erfasst, weil sie angeblich die „Schaffung einer unabhängigen Friedensbewegung” planten. Das MfS fand heraus, dass die Studenten Texte diskutierten und sich für die Verweigerung der ROA-Bereitschaftserklärung einsetzten. Die OV wurde eingestellt, als die Studenten das Studium beendet hatten bzw. eine Studentin von der Universität relegiert wurde. Ein SED-Genosse fragte mich einmal, warum ich viele Sachen nicht einfach mitmachen würde. Daraufhin fragte ich Ihn: „Warum schreiten Sie nicht ein, wenn Sie offensichtlich Benachteiligungen anderer wahrnehmen?”

Seid ihr noch das Salz der Erde?

Aufgaben der Studentengemeinden heute aus der  Sicht eines Studentenpfarrers

Clemens Blattert

Diese Frage, die im Rahmen der Belter Dialoge 2011 an uns, die Katholische Studentengemeinde Leipzig (KSG) gerichtet wurde, nutze ich als Studentenpfarrer gern, um mit einigen Skizzen zu reflektieren, was wir als Studentengemeinde in Leipzig konkret sind oder sein wollen. Ich selbst bin im katholisch geprägten Südbaden aufgewachsen und habe selbst keine Berührungspunkte zur DDR gehabt. Aber auch die meisten Studierenden, die momentan die KSG mittragen und besuchen wurden zwischen den Jahren 1987 bis 1992 geboren. Doch was die Studierenden, die hauptsächlich aus den ostdeutschen Bundesländern stammen, durch ihre katholische Sozialisation mitbringen ist, dass sie wissen: „Wir müssen uns einbringen, sonst läuft nichts.” Das liegt in der Tatsache der starken Entchristlichung von Ostdeutschland begründet. Die Diasporasituation ist aus meiner Sicht nicht zum Nachteil, sondern fördert genau das, was ich von einer christlichen Gemeinde in einer säkularen Welt erwarte. Dazu möchte ich nicht im vorgeschlagenen Bild bleiben, sondern das Bild des Sauerteigs wählen. Was ist ein Sauerteig? Wenn man ein Sauerteigbrot bäckt, muss man zuerst einige Tage vor dem Backen einen separaten Sauerteig herstellen. Dieser kann dann unter das Mehl gemischt werden. Er verleiht dem Brot Geschmack, wirkt als Triebmittel und hält vor allem das Brot frisch. Aus diesem Bild ergeben sich zwei Merkmale für die Studentengemeinde. Sie soll einerseits eine Art Parallelgesellschaft sein, ein geschützter Raum, in dem die Studierenden sich als Persönlichkeiten ausprobieren und reifen können, in dem eine geistige Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen stattfindet, aber vor allem auch geistlich geprägte Menschen heranwachsen. Aber der Sauerteig hat damit sein Ziel noch nicht erreicht. Er muss unter das Mehl gemischt werden. Die Studierenden sollen motiviert werden, Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen, sie aus dem Geist des Evangeliums mitprägen. Das heißt, sie sollen kritisch die Gesellschaft prüfen, in der sie leben. Das Gute, das in einer Gesellschaft geschieht, sollen sie unterstützen, anderes kritisieren und versuchen durch konkretes Engagement die Gesellschaft weiterzuentwickeln. Dies kann nur dann gelingen, wenn eine Gemeinde den Kontakt mit dem Evangelium pflegt. Sie kann nur Sauerteig sein, wenn sie sich zuvor selbst von Jesus Christus durchsäuern ließ. Die Fruchtbarkeit des Apostolates hängt entscheidend davon ab. Daraus ergeben sich meiner Meinung nach folgende vier Kernbereiche für das Leben einer christlichen Gemeinde: Gemeinschaft, Liturgie, Sprachfähigkeit, Caritas. Diese vier Bereiche müssen in einer Gemeinde gelebt werden, damit diese lebendig ist und auf andere eine erfrischende Kraft ausüben kann. Sie bedeuten

1. Gemeinschaft: Austausch mit Gleichgesinnten, vielfältige Beziehungen zu leben lernen, dazu gehören ein reflektierter Umgang mit der eigenen Sexualität, und ein Verständnis von dem, was Treue meint

2. Liturgie: Ich muss eine persönliche Erfahrung mit diesem Jesus machen, sonst erhält mein Engagement keine Kraft. Das Evangelium muss für meine Person Sauerteig sein, dann werde ich auch geschmackvoll und frisch auf andere wirken.

3. Sprachfähigkeit: meinen Glauben reflektieren und meine Standpunkte formulieren können, die Studierenden sollen aber auch Argumente aus der Theologie für ihren Glauben kennen lernen, und lernen, ihre Standpunkte mit anderen Sichtweisen kritisch zu diskutieren

4. Caritas: Studierende sollen Kontakt zu sozial benachteiligten Mitmenschen in unserem konkreten Umfeld aufbauen (Besuchs- und Einkaufsdienst, Obdachlosenarbeit), dazu gehören Fragen der Umweltpolitik und der weltweiten Gerechtigkeit.

Das Ziel der Studentengemeinde ist es Persönlichkeiten auszubilden, die vom Geist des Evangeliums durchsäuert werden und selbst zum Sauerteig in ihren jeweiligen Lebensbereichen werden: kritisch, hoffnungsvoll, engagiert, eben wie Sauerteig: Geschmack gebend, antreibend und erfrischend.

Immun gegen Ideologien? II

Das Spannungsfeld von Wissen und Glauben gestern und heute

Eberhard Tiefensee

1. CHRISTEN IM SPANNUNGSFELD VON MARXISMUS UND CHRISTENTUM

„Zum Glück haben wir keine Christen in unserer Seminargruppe”, sagte mir vor Jahrzehnten ein FDJ-Sekretär einer solchen Gruppe, „die machen nämlich ständig Ärger.” Damit gab er die verbreitete Meinungen der in der DDR Herrschenden wieder: Christen galten als Störenfriede, außer sie ordneten sich in das gesellschaftsübliche Gefüge ein, d. h. sie schickten ihre Kinder wie alle anderen zu den Jungen Pionieren und zur Jugendweihe, waren Mitglieder der Freien Deutschen Jugend und der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, nahmen an den Wehrkundeübungen teil, leisteten ihren – wie es euphemistisch hieß – „Ehrendienst” in der Nationalen Volksarmee und waren auch ansonsten gesellschaftlich engagiert – selbstverständlich nur im Sinne des Sozialismus. Besser war es natürlich, sie wären gar nicht Mitglied einer Kirche, aber man konnte ja nicht alles haben. In der Regel wurden sie in Ruhe gelassen, wie gesagt: Solange sie das übliche Spiel mitmachten. Nicht wenige Christen verhielten sich entsprechend, eben wie die meisten DDR-Bewohner. Die wenigsten waren Helden. Das gilt auch für viele christliche Studierende in der DDR, hatten sie doch fast immer einiges an Zugeständnissen machen müssen, um erst das Abitur und dann den gewünschten Studienplatz zu bekommen. Die eigentlichen Helden waren schon in der Oberschule auf der Strecke geblieben und versammelten sich in den Berufsschulen, wo sie über den Status eines Facharbeiters kaum hinauskamen. Aber offensichtlich, das zeigt das eingangs zitierte Statement, galten besonders die Christen trotzdem als unkalkulierbare Störenfriede, die im entscheidenden Moment dann doch Gewissensprobleme bekamen und sie auch artikulierten und dadurch vielleicht andere zum Nachdenken und sogar zum Umdenken brachten. Und Störenfriede sind sie ja häufig auch heute noch: Mancher Naturwissenschaftler oder Politiker würde dem FDJSekretär insgeheim beipflichten: Die Christen machen ständig Ärger. Also immunisierte Religion trotz allem in mehr oder minder großen Dosen gegen Ideologie? Von einem Philosophen werden präzise Definitionen erwartet. Nun sind die hier hintergründig zur Verhandlung stehenden Begriffe „Ideologie” und „Religion” Labyrinthe, in denen man sich schnell verlieren kann. Das zeigte schon ein kurzer Blick auf die Begriffsgeschichten und damit zusammenhängenden Diskussionen, die im Fall des Begriffs „Ideologie” ins Ende des 18. Jahrhunderts, im Fall der „Religion” sogar schon in die Antike zurückreichen. Es besteht die Gefahr, dass es wie oft im philosophischen Geschäft geht: Es bleibt wegen Eröffnung geschlossen. Also dürfen wir es kurz machen: Nach wie vor wird das Wort „Ideologie” mit einer negativen Bedeutung versehen. Daran haben alle anderen Verwendungsweisen z. B. am Anfang des 19. Jahrhunderts und bei Marx und Engels bis in die heutige Soziologie hinein nichts ändern können. Ich zitiere den Jenaer Philosophen Klaus-Michael Kodalle: „In Situationen, in denen die Menschen ihr Handeln … ganz auf eine Idee ausrichten (wie: die Geschichte, die Menschheit, die klassenlose Gesellschaft), laufen sie Gefahr, den konkreten anderen Menschen aus dem Blick zu verlieren. Vampirhaft stärken sie sich an der Phantasmagorie der Idee und werden heldenhaft-unerbittlich, wenn es nötig ist, Menschen für das Erreichen des hohen Zieles zu schädigen oder gar zu opfern. Schließlich sind sie selbst ja auch bereit, sich vorbehaltlosopferwillig für das abstrakt-allgemeine, aber für substantiell gehaltene Ziel einzusetzen. Warum sollten sie also im Kampf für das Gute nicht auch andere ,gutwillig’ opfern!? Die ,Logik’ solchen Heldentums, das sich gegen alle Infragestellung immunisiert hat, ist gnadenlos. … [H]ier stellt der Abweichler, Skeptiker, Zögerer, Kritiker eine Anfechtung dar, die niedergekämpft werden muss. Denn die Idee – welche es auch sei – bindet hier stärker als der Respekt für das Leben (vor allem: das Leben der anderen). […] Mithin: die direkte Identifizierung mit einem abstrakten Menschheitsziel und dessen monopolartige Verabsolutierung gegenüber den vielen anderen Zielvorstellungen spiegelt ein Denken, das … nun die Erde im Zeichen einer Wahl für das Gute verwüstet.” Gilt das aber nicht auch für viele Formen von Religion: heldenhafte Unerbittlichkeit, gnadenloses Opfer anderer Menschen, besonders von Andersdenkenden, Verwüstungen im Zeichen einer Wahl für das Gute? Religion kann wahrlich zur Ideologie werden. Eine Charakterisierung als Ideologie ist also nicht auf die marxistisch-leninistische Weltanschauung eingegrenzt, betrifft jedoch ohne Zweifel diese mit. Da sich diese spezielle Weltanschauung selbst als „wissenschaftlich” bezeichnete, war der Konflikt mit der Religion vorprogrammiert, die – und hier kürze ich wieder einen verschlungenen Weg durch mögliche Definitionsprobleme ab – nach allgemeiner Meinung immer etwas mit „Glauben” an ein Absolutes, Gott genannt, zu tun hat. Es geht also im Folgenden um das Spannungsfeld von Wissen und Glauben, das weiterbesteht, auch wenn sich das ursprüngliche Spannungsfeld von Marxismus und Christentum weitgehend aufgelöst haben dürfte. Denn der Pulverdampf der dogmatischen Auseinandersetzungen hatte sich nach 1989 weitgehend verzogen und hervor trat der ostdeutsche „Otto Normalverbraucher”, der weder Marxist noch Christ war und ist, sondern religiös indifferent, d. h. von religiösen Fragen zumeist unberührt. In der Regel dürfte dieser ostdeutsche Durchschnittsbürger in der Tiefe seines Herzens, was die Theorie betrifft, Naturalist oder Physikalist sein, d. h. von einem naturwissenschaftlichen, eher neopositivistischen Weltbild überzeugt, in dem allein gilt, was mathematisch logisch oder durch Beobachtung und Experiment belegbar ist. In der Praxis wird er als nüchterner Pragmatist auftreten. Religion ist aus diesem Blickwinkel etwas für Leute, die sie eben brauchen und deshalb Privatsache.

2. RELIGION – „OPIUM DES VOLKES”?

Die in der DDR landläufig herrschende Meinung über das Verhältnis von Wissen und Glauben macht vielleicht folgende Episode deutlich: Als ich mich am Ende meiner Lehrzeit als Chemielaborant mit Abitur für ein Mathematikstudium bewarb, wunderte sich ein Lehrer, wie ich das mathematischnaturwissenschaftliche Denken mit meinem christlichen Glauben vereinbaren könnte. Ich wiederum wunderte mich über seine Verwunderung, denn ich konnte da keinen Widerspruch erkennen, auch wenn ich mich dann doch für ein Theologiestudium entschieden habe. Selbstverständlich war mir bekannt: Christen wurden als rückständig und dem bürgerlichen Denken verhaftet geblieben angesehen. Eine Karriere stand ihnen nur offen, wenn sie sich, wie gesagt, den Machtverhältnissen beugten und der staatlichen Ideologie nicht widersprachen. Zu deren Grunddogma gehörte die Inkompatibilität von Religion und Vernunft: Religion ist Opium des Volkes, so Karl Marx, eine tröstende, aber verkehrte Modellierung einer verkehrten Welt. Mit deren revolutionärer Umgestaltung werde jede Art von Religion allmählich verschwinden. Ludwig Feuerbach und Sigmund Freud sahen in Gott eine Projektion unaufgeklärter Menschen, waren also ähnlicher Meinung. Der Leninismus verschärfte diese Aussage noch: Religion ist nicht nur Opium des Volkes, sondern Opium für das Volk, d. h. von den Herrschenden dem Volk eingeflößt, um es ruhig zu stellen. Man muss also die Kirche zurückdrängen, um eine Gesellschaft zu modernisieren. Wie die Ereignisse von 1989 zeigten, sahen viele Christen das genau anders herum: Unter anderen waren sie es, die angesichts der weitverbreiteten ideologischen Verblendung ihren gesunden Menschenverstand zusammen hielten und halfen, das sozialistische Experiment abzubrechen, ohne dass es zu Gewalt und Rache kam – beginnend im katholischen Polen, dann folgten die anderen Länder. „Das nächste Mal experimentiert erst mit Kaninchen”, so lautete damals eine sarkastische Aufforderung an die Kommunisten, mit anderen Worten: Was ihr geplant und getan hattet, war nicht durchdacht und unvernünftig. Damit steht es in der Frage Glaube gegen Vernunft zunächst „1:1”. Religion ist tatsächlich – wie Marx voraussah – mit der Modernisierung der Gesellschaft aus vielen Bereichen verschwunden. Andererseits hat sie sich als für Marxisten überraschend kräftig erwiesen, selbst in vielen ehemaligen sozialistischen Staaten ist sie wieder recht lebendig. Die Frage drängt sich auf, wer unvernünftiger ist: der religiöse Glaube oder eher eine zuweilen sehr oberflächliche Wahrnehmung der Probleme, mit denen die Menschen in ihrem Leben konfrontiert sind, und die daraus resultierende Gedankenlosigkeit in manchen Lösungsstrategien, auch wenn solche Bemühungen oft gut gemeint sind. Das Opium des Volkes, wenn nicht sogar für das Volk, könnte durchaus weniger aufseiten der Religion als bei deren Alternativen zu finden sein. Das ist eine Vermutung, die ich im Folgenden zu klären versuche.

3. DAS ENDE DER SÄKULARISIERUNGSTHESE

Ich beginne wieder mit einer Episode, die kurz nach 1989 spielt: Als ein Student aus Leipzig sich in Zürich zum Studium anmeldete, fragte ihn der Beamte nach seiner Konfession. Darauf der Student: Er habe keine. Darüber wunderte sich der Beamte. Und über dessen Verwunderung wunderte sich der Student. Mit Recht: In Leipzig hätte sich nämlich über die Tatsache, dass er keiner Konfession angehörte, niemand gewundert. Denn hier sind mehr als zwei Drittel der Bevölkerung konfessionslos. Mit anderen Worten: Dieser Student ist normal, alle Christen, Muslime und sich anderweitig als religiös deklarierenden Menschen sind dagegen außerhalb der Norm. Ähnlich wie in den neuen Bundesländern ist es in vielen anderen Ländern Europas. Es gibt in Europa offenbar so etwas wie einen atheistischen Halbkreis, der sich grob gezeichnet von Estland und Lettland über die nordischen Länder und Teile Nord- und Ostdeutschlands bis Böhmen zieht. In diesem Bereich bilden nichtreligiöse Menschen die Mehrheit. Die Fakten zeigen aber, dass genau das weltweit unnormal ist. Immer wieder berichten ostdeutsche Studierende, dass sie im Ausland bestaunt wurden: Das gibt es also, Menschen ohne Religion? Was in Ostdeutschland normal ist, ist dort unnormal. Inzwischen wird das sogar von einer Reihe von Soziologen bestätigt. Lange Zeit nämlich galt die so genannte Säkularisierungsthese: Mit wachsender Modernisierung schwindet die Religion. Westeuropa sah sich hier als Vorreiter einer globalen Tendenz, die letztlich zur Entzauberung der Welt (so Max Weber), zum Sieg einer aufgeklärten Vernunft, zu einer säkularen Lebenseinstellung führt. Ablesbar war das am beispiellosen Siegeszug dieser Vernunft in Naturwissenschaft und Technik. Inzwischen, so z. B. José Casanova und Hans Joas, sind allerdings starke Zweifel angebracht: Der angebliche Vorreiter Westeuropa ist die weltweite Ausnahme. Denn nur in unseren Breiten führte Modernisierung zu einem solchen Rückgang des religiösen Glaubens, nicht aber in den asiatischen „Tigerstaaten” inklusive Japan, Indien und China, nicht in Kanada – von den USA ganz zu schweigen. Im Gegenteil: Es kommt in Modernisierungsprozessen teilweise sogar zu einer Vertiefung der Religiosität, auch wenn das nicht immer erfreuliche Konsequenzen hat. Westeuropa ist mit Peter L. Berger ein kirchliches Katastrophengebiet, Ostdeutschland und Böhmen wären dann das Epizentrum. Es wäre natürlich von großem Interesse herauszufinden, warum das so ist und wie es nun weitergehen wird. Doch das ist hier nicht unser Thema. Es sind also Zweifel erlaubt. Es ist diesmal nicht der atheistische Zweifel, der Religiöse zuweilen befällt, sondern der religiöse Zweifel, den auch Atheisten kennen: Ist der Glaube – vielleicht doch – vernünftig? Das ist nicht einfach mit Ja oder Nein zu beantworten. Dafür sind beide Begriffe – Glauben und Vernunft – zu unbestimmt.

4. „GLAUBEN” UND „VERNUNFT” – EINIGE ANMERKUNGEN ZUM BEGRIFF

Zunächst ist nicht jeder Glaube vernünftig. In der deutschen Sprache gibt es den Unterschied von Glauben und Aberglauben. Aberglaube gilt per definitionem als unvernünftig. Warum eine schwarze Katze, die von links nach rechts läuft, Unglück bringen soll, ist wohl kaum nachvollziehbar. Natürlich ist strittig, wo genau Glaube aufhört und Aberglaube anfängt, aber entscheidend ist, dass es diese Differenz gibt. Glauben ist weniger als Wissen, so wird behauptet, also noch nicht vernünftig. Das gilt beispielsweise für Hypothesen, Vermutungen und subjektive Meinungen, die ja zumeist so eingeleitet werden: „Ich weiß es nicht, aber ich glaube (meine, vermute, nehme an), dass … ” Von Wissen kann nach Platons uralter Definition erst gesprochen werden, wenn solche Aussagen sich als wahr erwiesen haben und gerechtfertigt werden können. Doch diese Art von Glauben kann hier nicht gemeint sein, wenn wir von religiösem Glauben sprechen. Wenn jemand z. B. im Glaubensbekenntnis sagt: „Ich glaube an Gott”, dann will er doch nicht ausdrücken, dass er vermutet, es gäbe einen Gott – er wisse es nur nicht genau. Sondern er will verdeutlichen, dass dies seine tiefste Überzeugung ist, die sein ganzes Leben prägen soll. Glaubensüberzeugungen stehen insofern quer zur Skala Vermuten – Wissen – Wissenschaft. Sie speisen sich aus persönlichen Erlebnissen, reflektierten Lebenserfahrungen und kulturellen Traditionen, die helfen, diese Erlebnisse und Lebenserfahrungen zu deuten. Glauben in diesem Sinne hat umfassende existentielle Auswirkungen: Er prägt die gesamte Lebenseinstellung, akzentuiert das Verhalten in bestimmter Weise und versorgt es mit einer bestimmten motivierenden Kraft. Glauben als Überzeugung hat etwas mit Beständigkeit, Verlässlichkeit und Vertrauen zu tun. Diese Art von Glauben geht über Wissen hinaus: Ob man einem Arzt trauen kann, ob es verantwortbar ist, der Stimme seines Gewissens zu folgen, ob man hoffen darf, dass das Leben trotz aller Rückschläge gelingt – das alles schließt Wissen im Sinne der Wissenschaft ein. Aber selbst dieses wissenschaftliche Wissen muss zur Überzeugung werden, damit es trägt. Gerade die neueren Forschungen zu einer Philosophie des Geistes zeigen, dass Wissen ohne diese emotive Komponente irrelevant bleibt (so Eva-Maria Engelen), als würde ein Computer Daten sammeln, mit denen er letztlich nichts anzufangen weiß. Es muss also zu einer Überzeugung kommen. Sie erst bietet Weltorientierung und Handlungsanleitung, alles andere bleibt steril. In diesem Sinne spricht man sogar vom Glauben an die Wissenschaft. Dass man glaubt, ist also der Normalfall, es ist jedoch nicht unabhängig von dem, was man glaubt. Glauben als Überzeugung, so sagten wir, hat etwas mit Beständigkeit, Verlässlichkeit und Vertrauen zu tun. Unsinniges ist letztlich nicht verlässlich, wie die Etymologie des englischen Wortes für „wahr” – „true” andeutet: Es meint „treu”, „standfest wie ein Baum” (tree). Jede Art von Glauben, auch der religiöse, darf sich deshalb nicht von Geltungsfragen verabschieden. Er ist nicht nur eine persönliche Geschmacksfrage, über die sich bekanntlich nicht streiten lässt, sondern hat etwas mit der menschlichen Vernunft zu tun – und die ist nicht privat, sondern letztlich allgemeinmenschlich. Allerdings wird die Rechtfertigung von Glaubensüberzeugungen nicht mathematisch oder experimentell, sondern eher narrativ, also in Form von Erzählungen erfolgen, die aber auf ihre Weise etwas verständlich und intersubjektiv nachvollziehbar machen sollen. Offenbar waltet hier aber eine andere Art von Vernunft als die mathematisch-naturwissenschaftlich-technische, die sich auf logische Analyse, Beobachtung und Experiment beruft. Zumeist wird jedoch nur diese Art von Rationalität gelten gelassen. Schon Mitte des 18. Jahrhunderts hat David Hume am Ende seines „Enquiry Concerning Human Understanding” gefordert, alle Bücher, wenn sie nicht über Zahlen oder Tatsachen handeln, ins Feuer zu werfen. Das beträfe dann natürlich auch alle religiösen Bücher. Inzwischen wissen wir durch die Judenverfolgung des 20. Jahrhunderts: Erst brennen die Bücher, dann brennen die Menschen. Und die modernen Christenverfolgungen zeigen: Ehe man religiöse Menschen ausschaltet, bezeichnet man sie als aufklärungsresistent oder als dumm und zurückgeblieben. Gegen diese Einengung des Vernunftbegriffs auf das in Zahlen und Fakten Erfassbare haben besonders die Geisteswissenschaften immer wieder protestiert, voran die Philosophie und die Theologie. Wie ist es, so lässt sich fragen, mit der Vernunft im Bereich der Ästhetik? Betrifft das, was schön oder hässlich, erhaben oder banal ist, nur Geschmacksfragen? Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten. Wie sieht es in der Ethik aus – sind Diskussionen über das Gesollte oder Nicht-Gesollte, Erlaubte und Verbotene nur Austausch von subjektiven Meinungen, oder gibt es auch hier eine Art von Allgemeingültigkeit, die aber anders ist als die mathematisch-naturwissenschaftliche? Wir in Europa sind beispielsweise für Menschenwürde, Menschenrechte und Demokratie, woanders ist man da gegenteiliger Meinung – Ende der Diskussion? Mit anderen Worten: Sind auch in diesen Bereichen Geltungsfragen sinnvoll? Geht es hier ebenfalls um objektive Gegenstände oder nur um menschliche Konstrukte, die sich vor keinem Anspruch der Wirklichkeit verantworten müssen? „Wir fühlen”, so sagt der Mathematiker und Philosoph Ludwig Wittgenstein Anfang des letzten Jahrhunderts, „dass selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.” Entscheidend ist, ob jemand in der Lage ist, diese Diskrepanz überhaupt zu bemerken. Bevor also über die Vernunft im Glauben oder gegen den Glauben zu diskutieren ist, wären einige Testfragen zu deren Flexibilität zu stellen: Ist die Wahrheit nicht immer größer, größer auch als das, was wir mathematisch-naturwissenschaftlich erfassen, so dass der Anspruch der Wirklichkeit an uns diese Denkweise sprengt? Wie gelingt es z. B. einem streng ökonomisch denkenden Menschen, ethische Fragestellungen gelten zu lassen, obwohl er sie ökonomisch nicht angemessen fassen kann? Wann müsste ein Techniker aus seinen Kategorien ausbrechen und sich zum Beispiel auf ästhetische Kriterien einlassen? Oder meinen der Ökonom und der Techniker dann immer zwangsläufig, sie bewegten sich nun auf irrationalem Territorium oder im Bereich rein subjektiver Meinungen? In diesem Fall wäre die Übung wohl misslungen, die lehren soll, dass der Anspruch der Wirklichkeit auf nur mathematisch-naturwissenschaftlich-technische Weise nicht umfassend genug gewürdigt wird.

5. SCHRANKEN UND GRENZEN – HORIZONTVERÄNDERNDE ERFAHRUNGEN

Hier müssen nämlich Grenzen aufgezeigt werden und nicht nur Schranken. Das ist eine Unterscheidung, auf die Immanuel Kant in seinen vernunftkritischen Schriften aufmerksam gemacht hat und die dann von Hegel weiter diskutiert wurde. Es dürfte den Rahmen dieses Vortrags sprengen, den Verästelungen dieses Diskurses nachzugehen. Alltagssprachlichintuitiv verbinden wir mit „Beschränkung” ein Defizit in einem bestimmten Bereich, das durch Überwindung der jeweiligen Barriere ausgeglichen und so der Bereich erweitert werden kann – z. B. eine beschränkte Sehfähigkeit durch Sehhilfen wie Brillen, Mikroskope, Fernrohre etc. Grenze wäre dagegen als etwas zunächst Prinzipiell-Unüberwindbares zu begreifen. Beispielsweise richtet sich Sehen immer auf irgendwie Sichtbares; somit ist die Sehfähigkeit in Grenzen eingeschlossen, weil das „Unsichtbare” nur durch völlig andere Fähigkeiten erschlossen werden kann: Töne durch Hören, Gerüche durch Riechen. Keine irgendwie denkbare „Entschränkung” des Sehsinnes ermöglicht einen Vorstoß in diese neuen Dimensionen der Wirklichkeit, andere davon differierende Sinnesvermögen sind notwendig. Wie ist ein „Wissen” um die Grenze jener Fähigkeit und damit um ein Jenseits des zugeordneten Bereichs möglich, wenn man vielleicht nicht über Hör- und Geruchssinn verfügt? Das Gesagte gilt dann auch für die Sinneserfahrung als solche – und infolgedessen z. B. für den gesamten naturwissenschaftlichen Zugang zur Welt: Schranken können hier ständig fallen, aber es bleibt eine prinzipielle Grenze, auf die Wittgenstein hinzuweisen versucht, nämlich der Bereich „unsere[r] Lebensprobleme”, die naturwissenschaftlich-technisch „noch gar nicht berührt sind”. Hat man sich einmal dieserart terminologisch verständigt (was natürlich ein anderes Verständnis der fraglichen Begriffe nicht ausschließt), wird die Aussage hoffentlich plausibel, dass es nicht ausreicht, Schranken zu überwinden, man muss Grenzen spüren und zu überwinden versuchen. Geographisch gesehen können hinderliche Bahn-, Zoll- und andere Schranken fallen, um aber die zweifellos begrenzte, in Quadratkilometern präzise messbare Erdoberfläche zu verlassen, hilft keine Aufhebung von Beschränkungen, sondern nur die Bewegung in eine neue Dimension hinein – und das erfordert eine alternative Fähigkeit (z. B. die der Raumfahrt). Grenzen zu überwinden ist offensichtlich ein erheblich schwierigeres Geschäft als die Beseitigung von Schranken (so schwer letzteres z. B. im Fall des Eisernen Vorhangs auch gewesen sein mag). Trotzdem ist es möglich: durch „horizontverändernde Erfahrungen” (Richard Schaeffler). Sie sind dadurch gekennzeichnet, dass das bisherige Kategorienschema gesprengt wird – ganz im Sinne des biblischen „Metanoiete! – Denkt um! Denkt neu!” (Mk 1,15) Naturwissenschaftler entdecken die Ethik, Ökonomen die mitmenschliche Verantwortung, Deterministen den Zufall, „hinter dem Gott lächelt” – also etwas, das in den bisherigen Schemata keinen Platz hatte und in diese auch nur um den Preis seiner Fehl- und Missdeutung eingeordnet werden kann. Es ist ja ein typischer Kategorienfehler, Mitmenschlichkeit nur nach ökonomischen Parametern zu beurteilen oder Religion nur nach ethischem oder gesellschaftlichem Nutzen. Ein Anzeichen für diese horizontverändernden Erfahrungen ist eine mehr oder minder lang anhaltende Sprachlosigkeit, vielleicht sogar Orientierungslosigkeit: Ich verstehe selbst nicht mehr, wie ich damals dachte. Ein Zurück in vorherige Denkmuster erscheint unangemessen, irgendwie bin ich einen Schritt weiter gekommen, wenn auch unsicherer als früher. Um Paulus zu zitieren: „Ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte. Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist.” (Phil 3,13) Horizontverändernde Erfahrungen haben also immer eine Gerichts- und eine Befreiungskomponente. Diese Erfahrung eines Bruches oder einer Differenz – die es nicht mehr möglich macht, die Dinge zur Synthese zu bringen – ist destruierend, hat aber auch Verweisungscharakter: Es erscheint ein (noch) unbestimmbar Anderes, Neues, die „veritas semper maior” – die immer größere Wahrheit. Sie lässt sich nicht in die nun als begrenzt erkannten Wahrnehmungsund Denkschemata pressen, auch wenn die Versuchung dazu besteht. Letztlich weisen Erfahrungen dieser Art auf „das, umfassender als welches nichts zu denken möglich ist” (aliquid (id), quo maior nihil cogitari potest), um an Anselm von Canterburys Gottesbegriff zu erinnern. Um Grenzen als solche zu erkennen und sie sprengen zu lassen, braucht es also eine Achtsamkeit auf diese Unterbrechung des Gewohnten, welche eine Gegenwart „dahinter” oder „dazwischen” verbirgt und zugleich offenbart. Brüche und Differenzen als Ort einer „veritas semper maior”: In dieser revolutionsverdächtigen Perspektive können auch die Reaktionen auf den Fall der Mauer in Richtung auf eine solche horizontverändernde Erfahrung gelesen werden. Das gilt vor allem für den (inzwischen abgeschliffenen) spontanen Ruf „Wahnsinn” der Nacht des 9. November – ein Ausdruck des offenkundigen Versagens geregelter Sprache. Welche Denkschemata sind damals zerbrochen? Vielleicht das einer in gesetzmäßigen Bahnen verlaufenden Geschichte, wie es der Historische Materialismus bis in den schulischen Staatsbürgerkundeunterricht hinein immer wieder propagiert hatte. Dieses Schema schimmerte noch in dem Gorbatschow zugeschriebenen Satz: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben” durch.

6. SICH REALISTISCH ODER SITTLICH VERHALTEN? – EIN UNLÖSBARER WIDERSPRUCH

Nicht die gesetzmäßige Kontinuität, nicht der Fortschritt, sondern die Brüche und Differenzen offenbaren die Grenzen und reißen neue Horizonte auf: Es ist Immanuel Kant, der Philosoph der Aufklärung, dem wir die gut begründete Erkenntnis verdanken, dass mindestens zwei Vernunftarten schwerlich zu vereinigen sind, jede für sich allein aber an ihre Grenze kommt. Es handelt sich um den Widerspruch zwischen theoretischer und praktischer Vernunft oder, um es in unsere Lebenswirklichkeit zu übersetzen, um den Widerspruch zwischen realistischem und sittlichem Verhalten. Wir leben einerseits in der Welt der physikalischen, ökonomischen und soziologischen Gesetze, die für Kant das Reich der Natur bilden, und andererseits in der Welt der (sittlichen) Zwecke oder Ziele, die Gegenstand von Moral und Sitte ist und bei Kant Reich der Freiheit heißt. Wir sind hier mit zwei Unbedingtheiten konfrontiert: Erstens mit der Unbedingtheit der Naturgesetze, die sind, wie sie sind. Sie sind nicht bereit, sich irgendeinem menschlichen Sollen zu beugen. Zweitens mit der Unbedingtheit, mit der sich das Gewissen geltend macht – und mit dem Gewissen ist bekanntlich nicht zu diskutieren. Man kann nur versuchen, es zum Schweigen zu bringen. Beide Welten erweisen sich aber zumeist als nicht kompatibel. Wenn ich aus meinem Leben etwas machen will, lautet doch immer wieder die quälende Frage: Verhalte ich mich nun realistisch oder moralisch? Folge ich zum Beispiel der ökonomischen Vernunft oder folge ich meinem Gewissen? Nur selten passt beides zusammen. Kant konnte zeigen, dass es sich hierbei um einen Antagonismus, d.h. einen unüberwindlichen Widerspruch handelt. Wir kennen das: Ein Wirtschaftsunternehmen ist keine diakonische Einrichtung, was aber, wenn eine diakonische Einrichtung ein Unternehmen sein muss: den ökonomischen Gesetzen folgen oder der Nächstenliebe? Wer eingreift, macht sich notwendigerweise die Hände schmutzig, was moralisch unakzeptabel ist. Wer aber die Hände sauber behalten will, muss tatenlos zuschauen, wie sich die Dinge ihren jeweiligen Gesetzen gemäß entwickeln, auch das ist nicht moralisch: Er macht sich der Unterlassung schuldig. Was aber ist dann vernünftig zu raten? Der Rat der Philosophen war immer, sich mit diesem Faktum abzufinden oder gar anzufreunden, um glücklich leben zu können, allerdings verlangt das Gewissen eben oft anderes, spätestens dann, wenn der Schrei der Opfer unüberhörbar wird. Nehmen wir noch die ästhetische Vernunft dazu, welche Schönheit und Erhabenheit fordert, wird es noch komplizierter. Eine Lösung könnte so lauten: Letzter Zweck alles wahrhaft sittlichen Handelns müsste eine Konstellation sein, in der man sich zugleich realistisch und sittlich gut verhalten kann. Kant nennt dieses Ziel die „moralische Weltordnung”. Dieser Vorschlag hat viele Freunde gefunden: Sozialisten, Kommunisten, Demokraten, Menschenrechtler, Fundamentalisten und Humanisten aller Couleur – aber leider ist er naiv, denn er verstärkt nur das Problem und löst es nicht. Alle Versuche, eine solche „moralische Weltordnung” zu schaffen, machen die Welt zur Hölle. Kant hatte die Französische Revolution vor Augen, bei welcher die Bemühungen um Vernunft und Moralität in Terror umschlugen, und das war schließlich nicht der erste missglückte Versuch, den Himmel auf die Erde zu holen. Diese Entgleisung in den Terror und in gesellschaftliche Verwerfungen ist nämlich nicht zufällig: Wo gehobelt wird, fallen eben Späne, sagt das Sprichwort. Kant hat das wahrscheinlich noch nicht so scharf gesehen. Aber im 21. Jahrhundert ist nach den verschiedenen Experimenten dieser Art der Zusammenhang deutlicher: Der Wille zum umfassenden Guten führte zwangsläufig und nicht nur aufgrund fehlerhafter Entscheidungen zu verheerenden Folgen für Individuum und Gesellschaft. Solche Experimente zu erneuern, verbietet sich von daher (so forderte schon Kant). Das wäre also das Verbot jeder Art von Ideologie, wie wir sie eingangs kennzeichneten. Man ist natürlich versucht, das Dilemma durch einen Kompromiss zu unterlaufen: Verhalte dich den Gegebenheiten entsprechend und nutze die Spielräume, die sie dir lassen, soweit wie möglich, um das zu tun und zu lassen, was du als richtig erkannt hast. „Social engenieering” wie es Karl Popper nennt. Alle darüber hinausgehenden Forderungen sind unverantwortlich. Das klingt pragmatisch. Für uns aber ist die Frage: Ist diese Haltung auch vernünftig, d. h. rational vertretbar? Kant wäre nicht dieser Meinung gewesen. Die Vernunft fordert Einheit, das ist ihr geheimes Ideal. Mit Kompromissen gibt sie sich letztlich nicht zufrieden. Es kann nicht zwei „Vernünfte” geben, die sich schiedlich-friedlich auf die Mitte einigen. Das zerreißt nämlich auch die Einheit des Vernunftsubjekts in zwei „Ichs”. Meine Identität wäre angesichts einer gespaltenen Vernunft nicht mehr zu wahren, wenn ich je nach Situation mich einmal als Teil der Natur und ein andermal als Freiheitssubjekt erlebe und einmal realistisch und dann wieder mal sittlich verhalte. Wenn aber dieses Einheitsideal sich als unerreichbar erweist? Dann, so Kant, muss die Vernunft eben eine Lösung fordern, um nicht unterzugehen. Sie postuliert die Existenz eines Wesens, das beide Weltordnungen vereint, gemeinhin Gott genannt. Kant sagt nicht, dass dieses Wesen wirklich existiert, er fordert nur seine Existenz, damit Vernunft überhaupt möglich ist. „Gäbe es keinen Gott, so müsste man ihn erfinden”, so Voltaire. Präziser fasst es der Philosoph Robert Spaemann: In dieser dilemmatischen Situation heißt an Gott glauben, „die Antinomie der beiden Unbedingtheiten [des Gewissens und der Naturgesetze] nicht als das letzte Wort gelten zu lassen. Gott ist, das heißt: Die unbedingte Macht und das schlechthin Gute sind in ihrem Grund und Ursprung eins – … ein Exzess der Hoffnung.”4 Dass die Hoffnung berechtigt ist, lässt sich an dem ablesen, was Kant „Geschichtszeichen” nannte und als denkwürdig, aufschlussreich und hoffnungsvoll kennzeichnete („signum rememorativum, demonstrativum, prognosticum”)5. Zuweilen passen zum Beispiel Ökonomie und Ethik zusammen, wenn ein Unternehmer, der sich ständig gegen Moral und Sitte verhält, letztlich scheitert, oder wenn eine caritative Einrichtung ökonomische Gesetze beachten muss, um effektiv wirksam zu sein, und trotzdem ihr Ideal der Nächstenliebe und Barmherzigkeit leben kann. Aber das sind punktuelle Hoffnungszeichen – nicht mehr. Denn in vielen Fällen erweist sich der Fall als unlösbar widersprüchlich.

7. RELIGION – EINE KRITISCH FORDERUNG NACH EINER „UMGEWENDETEN” VERNUNFT

Seit Sokrates ist die Vernunft vor allem kritisch am Werk. Die Vernunft des religiösen Glaubens besteht demgemäß in der Kritik der bestehenden Verhältnisse, das hat übrigens sogar Marx anerkannt. Sie ist die Enttarnung einer zu oberflächlichen Weltdeutung und zu kurzsichtigen Handlungsanleitung. „Die kürzeste Definition von Religion: Unterbrechung”, so der Theologe Johann Baptist Metz. Und damit sind wir auf langem Weg wieder bei dem Eingangsbeispiel, dem Statement des FDJ-Sekretärs, angekommen. Religion unterbricht Routinen und unterläuft zu oberflächliche Weltdeutungen, seien sie naturalistisch, materialistisch, marxistisch-leninistisch oder sonstwie. Religiöser Glaube lotet die menschlichen Widersprüchlichkeiten aus und ist aufmerksam für die Bruchstellen, in religiöse Sprache übersetzt: Die Sünde der Welt und die Endlichkeit des Menschen werden offen gelegt, in all ihren Dimensionen erfasst und nicht übersprungen oder verdrängt. Illusorische Lösungsvorschläge werden entlarvt, in der Terminologie der alten Propheten: Es werden selbst gemachte Götter gestürzt, weil sie nicht zum Heil führen können. Es dürfte wohl nicht ausreichen, mit Kant einen Gott nur zu fordern oder mit Voltaire ihn nur zu erfinden, sondern hier ist eine Entscheidung verlangt, die das alltäglich vor Augen Liegende überschreitet. Noch einmal: „Metanoiete” heißt es am Anfang der Evangelien: Denkt um, denkt neu! Dahinter verbirgt sich das Wort „nous” – Vernunft. Religion verlangt also eine „umgewendete” Vernunft. Sie ist – aus einem starken Glauben gespeist – auf Hoffnung gegründet. Denn niemand kann behaupten, die Lösung zu haben, sondern auf eine solche muss eben gehofft werden – verbunden mit der Bereitschaft, aus dieser Hoffnung zu leben und für sie Zeugnis in Wort und vor allem Tat abzulegen. Damit wird religiöser Glaube praktisch. Manchmal dient der Glaube allerdings dazu, sich in einer unheilen Welt gemütlicher einzurichten oder aus ihr innerlich auszuwandern. Dann wird er aber tatsächlich zum Opium. Deshalb richtet sich die Forderung nach einer umgewendeten Vernunft auch immer an die Religion selbst. Die Religionskritik kommt zunächst einmal aus ihr selbst – aus der eigenen und den fremden –, gleichwohl hat auch die externe Religionskritik eine zwar oft ätzende, aber letztlich reinigende Funktion.

8. DER POSTMODERNE VERNUNFTPESSIMISMUS

Inzwischen hat sich das Spannungsfeld von Wissen und Glauben allerdings erweitert, haben sich die Extreme verstärkt: Fundamentalismus in religiöser und atheistischer Version einerseits, Vernunftpessimismus andererseits. Seine Berechtigung sieht dieser Pessimismus in den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, die sich im Namen Auschwitz konzentrieren (wobei Ruanda nicht zu vergessen ist). Seitdem sind „die großen Erzählungen” (so Jean-François Lyotard) der modernen, aufgeklärten Vernunft als Mythen entlarvt worden: der unaufhaltsame Fortschritt der Wissenschaften, der mögliche Sieg der Humanität – all das, was bisher die Befreier motivierte und auch legitimierte, hat einen schalen Beigeschmack bekommen, auch wenn es vielleicht noch nicht alle gemerkt haben. Die abendländische Kultur scheint zwar weltweit auf dem Siegeszug zu sein, aber genau in diesem Moment wird das alte Europa zunehmend unsicher über seine eigenen Grundlagen. Sind wir nicht in den letzten 200 Jahren oft sehr naiv die Menschheitsprobleme angegangen? Haben wir mit unserem scheinbar vernünftigen Handeln nicht mehr zerstört als aufgebaut? Der jüdische Philosoph Walter Benjamin hat das während des zweiten Weltkrieges in ein starkes Bild gefasst: Der Engel der Geschichte wird von einem Sturm hilflos in die Zukunft geblasen, rückwärtsgewandt aber kehrt er sein entsetztes Gesicht den Leichenbergen zu, die sich in der Vergangenheit immer höher auftürmen. Deshalb gilt gern: „Das postmoderne Lebensgefühl ist aus zwei Komponenten gefügt: Erstens, der Erfahrung, dass es keinen Sinn mehr gibt für das Ganze, und zweitens, der Entschlossenheit, dass dies noch lange kein Grund zu sein braucht, Trübsal zu blasen.” (Bernd Guggenberger) Kann der Mensch auf Dauer so leben? Man hat den Eindruck einer gigantischen Verdrängung, deren Wurzel Resignation ist, wie das schon Anfang des 19. Jahrhunderts Sören Kierkegaard kritisch analysierte.

9. ALLES IST GABE

Wo also ist das Opium des Volkes zu finden, das illusorisch die Realität verklärt? In der Religion oder doch eher in vielen alternativen Lebensoptionen? Religion darf die Wunden offen halten, gespeist aus einem tiefen Glauben an das mögliche Heil. Religiöser Glaube wird gerade angesichts der modernen Katastrophenerfahrungen hartnäckig die Frage stellen: Ist es wirklich vernünftig und verantwortlich, eine letzte Einheit, genannt „das Heil”, aufzugeben? Reicht es, bei einer „schwachen” Vernunft stehenzubleiben, die letzte Fragen ausklammert, oder maximal zu einem vagen „Etwasismus” bereit ist: „Da gibt es noch Etwas … ”? Die Hoffnung auf eine letzte Einheit kann Religion, wenn sie ihr Geschäft ernst nimmt, zum Anwalt der Vernunft werden lassen. Religiöser Glaube ist keine Unvernunft, sondern die Ermöglichung und Erneuerung von Vernunft, gerade dann, wenn sie selbst an sich zu verzweifeln droht. Andere machen oft unhaltbare Versprechungen auf Zukunft hin, wenn sie nicht sogar die Wunden ganz verdrängen. Sie propagieren zumeist das Leistungsprinzip: Der Mensch müsse Schöpfer seiner selbst werden oder sich wenigstens selbst in Szene setzen. Er sei homo faber. Ein gelingendes Leben in einer komplexen Welt erfordere Kampf ums Dasein (Darwin, Nietzsche), Kampf um Anerkennung (Hegel). Letztlich führt das aber zu einer Ökonomisierung der Wirklichkeit, zu einem Denken in Funktionen und Machtkategorien, zur Angst zu versagen oder zur Angst, das Leben zu verpassen. Religiöser Glaube wird hier wieder fundamentalkritisch ansetzen: „Was hast du, was du nicht empfangen hättest”, so Paulus (1 Kor 4,7). Leben ist Gabe, und auch Vernunft ist Gabe. Nicht umsonst sagen wir, von etwas, das existiert: „Es gibt …”, nicht umsonst kommt das Wort Vernunft von „Vernehmen”. Aufmerksamkeit auf die Brüche und Differenzen öffnet für eine Wahrheit, die immer größer ist als das Gedachte und Erwartete, eine Wirklichkeit, die sich gibt. Erst die Gabe, dann die Aufgabe, ist nun aber die Grundbotschaft des Christentums. Es selbst hat diese Reihenfolge immer wieder einmal vergessen und den Leuten den Tugendschweiß auf die Stirn getrieben. Der Rückfall in das allgemein herrschende Leistungsdenken ist offenbar genauso unvermeidlich, wie dass wir auch nach Kopernikus und Kepler immer noch vom Sonnenauf- und -untergang reden. Religion ist nicht immer ein Heilmittel gegen die modernen Leistungsideologien, sie selbst kann zur Ideologie werden, das wurde schon eingangs festgestellt. Umkehrung der Vernunft, Sprengung ihrer Grenzen, Öffnung auf die immer größere Wahrheit hin ist ein hartes Geschäft. Aber vor der Aufgabe kommt die Gabe. Wer vernünftig und verantwortbar ein gelingendes Leben sucht, sollte demnach nicht nur nachdenken und etwas leisten, sondern vor allem und zuerst dankbar – feiern. „Der Prüfstein allen Glücklichseins ist Dankbarkeit”, so Gilbert K. Chesterton. – Man könnte daraus fast ein Kriterium entwickeln: Ideologen sind zur Dankbarkeit in der Regel nicht fähig. Und wenn sie feiern, dann letztlich nur sich selbst. Wie armselig.

Außeruniversitäres Studium generale?

Christliche Studentengemeinden in der DDR

Peter-Paul Straube

Die Ausgangsthese lautet: Die Studentengemeinden in der DDR haben aufgrund ihres spezifischen studentischen Gemeinschaftslebens sowie der kontinuierlichen Auseinandersetzung mit Fragen der Philosophie, Geschichte oder Literatur bei Vortragsabenden, Seminaren oder Bildungswochenenden über den Rahmen ihres eigentlichen theologisch-pastoralen Auftrages hinaus Bildungsarbeit im Sinne eines außeruniversitären Studium generale geleistet. Durch die Beschäftigung mit verschiedenen philosophischen Denkweisen sowie literarischen oder kulturgeschichtlichen Realitätsorientierungen, die in der universitären und staatlichen Öffentlichkeit tabu waren, wurde die ideologisch eindimensionale Erziehung und Bildung im Hochschulwesen nicht nur ergänzt, sondern dieser auch gezielt entgegengewirkt. Dieser These wird exemplarisch bezüglich der Arbeit der katholischen Studentengemeinden (KSG) und deren Entwicklung nachgegangen.

I. STUDIUM GENERALE – GESCHICHTE UND GEGENWART

Hinter dem Stichwort „Generalstudium” verstecken sich zwei unterschiedliche Ausprägungen. Studium generale diente zunächst als Bezeichnung für die mittelalterliche Universität an sich. Zum ersten Mal taucht der Begriff Studium generale in einer päpstlichen Bulle aus dem Jahre 1233 als Bezeichnung für die Hochschule von Paris auf. Bedeutende Generalstudien existierten u.a. in Magdeburg, Erfurt und auch in Leipzig. Zum Zweiten steht Studium generale für eine nach 1945 aus der Reformbedürftigkeit der deutschen Hochschulen erwachsene Universitäts-Einrichtung bzw. – Bewegung, die über alle Geteiltheit und Zerissenheit hinweg wieder eine Einheit von Lehre und Forschung sowie von Professoren und Studenten – hier klingt die Humboldt’sche Universitätskonzeption an – durch gemeinsame Seminare, Gast- und Ringvorlesungen, interfakultative Zusammen- arbeit, studentische Wohngemeinschaften, Studienhäuser und fächerübergreifende Tagungen zum Ziel hatte. An vielen Universitäten und Hochschulen der drei Westzonen kam es Ende der 40er Jahre zur Einrichtung derartiger Studium generale-Veranstaltungen. Hauptveranstaltungsformen waren neben den schon erwähnten Ringvorlesungen Kolloquien, Arbeitsgemeinschaften oder der sogenannten Dies academicus. In der zweiten Hälfte der 50er Jahre verflachte die Studium generale-Bewegung immer mehr und hatte in den 60er Jahren de facto keine Bedeutung mehr. In den 70er Jahren kam es in der Bundes- republik Deutschland vor allem in Folge der 68er Studentenbewegung an einzelnen Universitäten und Hochschulen in sehr unterschiedlicher Ausprägung zu einer punktuellen Wiederbelebung der Studia generalia. In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der DDR wurde der Begriff Studium generale explizit nicht verwendet, dessen Anliegen jedoch in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg partiell verfolgt. Auf einem Kongress der Vertreter von Studentenräten der SBZ im Juni 1947 in Halle erreichte man erst nach äußerst kontrovers geführten Diskussionen insbesondere zur Frage einer möglichen Wiederholung der Verabsolutierung einer Philosophie oder Weltanschauung an den Universitäten und Hochschulen – der Marxismus/Leninismus wurde als sehr anfällig in dieser Hinsicht eingeschätzt – einen Konsens darüber, „dass die permanente philosophische Diskussion und die Auseinandersetzung um weltanschauliche Fragen über das Fachliche hinaus immanenter Bestandteil des Studiums sein müsse.” In der in Ostberlin herausgegebenen Zeitschrift „Forum” heißt es in einer hier veröffentlichten Denkschrift der deutschen Studenten, die an- lässlich der ersten interzonalen Studententagung Anfang 1948 in Berlin verfasst wurde: „Allgemeinbildende Vorlesungen und staatspolitischer Unterricht scheinen das einzige Mittel zu sein, Staatsbürger zu bilden.” Gleichzeitig wurden die auf Anweisung der SMAD, der Sowjetischen Militäradministration, eingeführten und in der Regel im Sinne der marxistisch-leninistischen Ideologie determinierten Pflichtvorlesungen zu politischen und aktuellen Fragestellungen kritisch beurteilt. „Die zur Zeit abgehaltenen Pflichtvorlesungen tragen nicht den gegebenen Forderungen Rechnung, sondern sind eher geeignet, den Studenten vom politischen Leben abzustoßen, da in ihnen zu den Problemen der heutigen Zeit fast ausnahmslos einseitig Stellung genommen wird.” Deshalb verlangte man, dass sich Vertreter verschiedener politischer Richtungen an den Pflichtvorlesungen beteiligten sollten und dabei auch die gesamte Bandbreite der Philosophie zur Sprache kommen müsse. Im Zusammenhang mit der Transformierung des Hochschulwesens in der SBZ/DDR bei der 2. Hochschulreform 1951/52 nach sowjetischem Vorbild wurde der grundsätzlich atheistisch und religionsfeindlich determinierte Marxismus-Leninismus auf administrativem Wege zur alleinigen Grundlage der Auseinandersetzung mit Wissenschafts-, Weltanschauungs- oder Lebensfragen an den Universitäten und Hochschulen bestimmt. Alle anderen Denkansätze wurden als überholt, spätbürgerlich und unwissenschaftlich abgetan. Die Abschaffung des totalitären Staatswesens und die damit verbundene Aufhebung der Unterordnung von Wissenschaft und Bildung unter die ideologischen Vorgaben der SED waren nach den Ereignissen im Herbst 1989 unabdingbare Voraussetzungen für die jetzt angestrebte demokratische Erneuerung der Universitäten und Hochschulen. Schon zu Beginn des Jahres 1990 ist es im Kontext der universitären Reformbemühungen an vielen Universitäten und Hochschulen in der DDR zur Einführung von in der Regel wahlobligatorischen Studia generalia mit dem Ziel gekommen, die wissenschaftlichen, sozialen und kulturellen Defizite und Verformungen der sozialistischen universitären Theorie und Praxis aufzuarbeiten. Zunächst hatte es – insbesondere zum Zwecke der Existenzsicherung von Lehrenden des Marxistisch-lenistischen Grundlagenstudiums – Versuche gegeben, Studium generale-Veranstaltungen als Ersatz für das Marxistisch-leninistische Grundlagenstudium anzubieten; die sogenannten gesellschaftswissenschaftlichen Fächer waren in politik- und sozialwissen- schaftliche umbenannt worden, was sich jedoch als Etikettenschwindel herausstellte. Gleichzeitig gab es aber auch Initiativen, die in eindeutiger Abgrenzung zum Marxistisch-lenistischen Grundlagenstudium die Einführung eines demokratisch und pluralistisch geprägten Studium generale betrieben. Es stellte sich bald heraus, dass insbesondere in den geisteswissenschaftlichen Fächern eine Erneuerung des Hochschulsystems von innen, d.h. über die alten Kader, nicht gelingen konnte. Neue Bildungsinhalte verlangten nach neuen Bildungsstrukturen und vor allem nach neuen Persönlichkeiten an den Universitäten und Hochschulen. Die Leiter der Sektionen und Institute hatten sich nicht selten über das Stellen der Vertrauensfrage von ihren langjährigen Mitarbeitern im Amt bestätigen lassen und ver- standen dies als demokratischen Prozess. Damit war jedoch weder eine personelle noch eine strukturelle Erneuerung verbunden; diese konnte erst über die Einsetzung von Evaluierungskommissionen und von Gründungsdekanen eingeleitet werden. An Stelle des Begriffes Studium generale lassen sich heutzutage in den Vorlesungs- und Veranstaltungsverzeichnissen weitere Verbindungen des Substantives Studium mit anderen Attributen als generale ausmachen, die einen besonderen Aspekt des Studium generale betonen: „Studium fundamentale” – dadurch soll die Notwendigkeit eines philosophischen Diskurses hinsichtlich der Grundlagen eines Faches sowie der Wissenschaft an sich deutlich werden –, „Studium integrale” – hier wird die integrative Einbindung eines Faches in die Wissenschaft sowie der interdisziplinäre Dialog betont – oder „Studium universale” – dieses richtet den Blick vor allem auf die allgemeine universitäre Bildung.

II. BILDUNG UND GEMEINSCHAFT – KATHOLISCHE STUDENTENGEMEINDE IN DER DDR ALS ORT EINES AUSSERUNIVERSITÄREN STUDIUM GENERALE

1. ZUR GESCHICHTE DER KATHOLISCHEN STUDENTENGEMEINDEN

Hinsichtlich der neuzeitlichen Studentenseelsorge bis 1945 können drei Etappen der Entwicklung konstatiert werden: 1. Von der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert bis zum Ende des ersten Weltkrieges; 2. von 1918/19 bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 und 3. die 12-jährige Zeit der Nazidiktatur bis 1945. Ausgangspunkt für eine spezielle Studentenseelsorge um die Jahrhundertwende war eine allgemeine Verunsicherung und Orientierungslosigkeit unter der Studentenschaft insgesamt. Diese wurde insbesondere hervorgerufen durch eine tief greifende Individualisierung und Technisierung des Studiums seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Mit dem Impetus der Universitäten und Hochschulen nach Vermittlung eines mehr utilitaristisch ausgerichteten spezifischen Fachwissens als allgemeiner und ganzheitlicher Bildung kam es zu grundsätzlichen Defiziten in der subjektiven Befindlichkeit der Studierenden. Katholische Studierende riefen deshalb in einer von Modernisierung, Technisierung und Säkularisierung geprägten Zeit eines umfassenden Kulturwandels Ende des 19. Jahrhunderts nach eigenen Seelsorgern. Diese bekamen zunächst über die individuelle Seelsorge Kontakt zu den Studierenden. Weitere Ursachen für den Ruf nach einer eigenen Studentenseelsorge sind in dem in diesen Jahren nicht selten defizitär erfahrenen Wechsel aus der vertrauten heimatlichen in die anonyme großstädtische Umgebung sowie in der steigenden Zahl von Frauen unter den Studierenden, die z.B. in die studentischen Verbindungen nicht eintreten konnten, zu sehen. Die wirtschaftliche Not und die Sehnsucht nach geistig-geistlicher Orientierung nach dem Ersten Weltkrieg erforderten eine intensive soziale Arbeit mit den Studierenden sowie religiöse und allgemeine Bildungsarbeit. Die Feier von Gottesdiensten bildete in den 20er Jahren nicht nur das Fundament für die Sammlung einer Gemeinschaft von Studierenden, sondern ebenso für ein nun verstärkt einsetzendes Ringen um ein eigenständiges Gemeindeverständnis. Zu den weiteren Charakteristika der Arbeit mit katholischen Studierenden in dieser Zeit gehörten: intensive Zusammenarbeit mit den katholischen Studentenvereinen und -verbänden; soziale Aktivitäten, auch über den Kreis der Studierenden hinaus; besonderes Augenmerk auf die Arbeit mit Studentinnen. Es handelte sich hier also nicht mehr nur um pastorale Arbeit. Sowohl eine allgemeine Bildungsarbeit wie auch ein intensives Eingehen auf Vorgänge an den Universitäten und Hochschulen sowie aktuelle Zeitfragen wurden in diesen Jahren zu Constitutiva der Arbeit in der katholischen Studentenseelsorge. Sie hatte von Beginn ihrer organisierten Bildungsarbeit von 1917/18 an – die konstituierende Tagung der Vereinigung der katholischen Studenten- und Studentinnenseelsorger für das deutsche Sprachgebiet, die es heute noch gibt, fand 1918 in Leipzig statt – nicht nur um die weitere Entwicklung ihres Selbstverständnisses zu ringen, sondern sich dabei u.a. auch gegen die – nicht selten grundsätzliche – Infragestellung ihrer Spezialpastoral vor allem von Seiten des Klerus der Territorialgemeinden sowie der zuständigen Bischöfe zu wehren und zu behaupten. Von 1933 an kam es verstärkt zur Herausbildung eigener Studentengemeinden. Aufgrund des Verbots von studentischen Vereinen und Verbänden wuchsen diesen während der Zeit des Nationalsozialismus weitere Aufgaben sowohl als Gemeinschaft von Studierenden wie hinsichtlich der Bildungsarbeit zu, die auch in der SBZ/DDR weitestgehend erhalten blieben. Im Mittelpunkt standen: die Versammlung zum Gottesdienst, Gespräche und Diskussionen über (mitunter auch Aktivitäten gegen) einen totalitären Weltanschauungsstaat (so tauschte man sich bei Wanderungen „oberhalb der Vegetations- und Gestapogrenze”, z.B. in den Alpen, aus), religiöse Veranstaltungen als Deckmantel für aktuelle gesellschaftspolitische Gespräche sowie als Raum zur Bildung über den staatlich normierten ideologischen Rahmen hinaus sowie eine aktive Sozialarbeit sowohl untereinander als auch gegenüber Dritten. Das zusammenhaltende Band der Gemeinschaft war die Person des Studentenseelsorgers.

2. KATHOLISCHE STUDENTENGEMEINDE IN DER DDR

Die Geschichte der katholischen Studentengemeinden in der SBZ/DDR kann in zwei Perioden eingeteilt werden: zum einen 1945 bis 1961 und zum anderen 1961 bis 1989. Hintergrund dieser Periodisierung ist der 13. August 1961, der Tag des Mauerbaus, und die damit verbundenen Folgen für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung in der DDR und somit auch für die Arbeit der Studentengemeinden. Die dadurch entstandene Getthoisie- rung hatte vor allem in den 60er Jahren zur Folge, dass – wie sonst in keinem anderen Jahrzehnt – in den Studentengemeinden intensiv über den geschichtlichen Ort und die gesellschaftspolitische Situation nachgedacht wurde. Politische Bildung stand hoch im Kurs. Man wollte auf die ideologischen Auseinandersetzungen an den Universitäten und Hochschulen vorbereitet sein und sich als katholischer Christ in die gesellschaftliche Ent- wicklung einbringen. Bei Vortragsabenden mit Diskussion, in Seminaren, Arbeits- und Gesprächskreisen in kleinen Hausgruppen, bei regionalen und überregionalen Bildungswochenenden sowie katholischen Studententagen und -wallfahrten wurde eine umfassende Bildungsarbeit geleistet und somit die ideologisch verengte und einseitige Sicht der Wissenschaft und des Menschen im DDR-Hochschulwesen aufgebrochen.

2.1. Aufbruch und Widerstand – 1945 bis 1961

Aufgrund der massiven ideologischen Indoktrinierung des universitären Prozesses sowie der Beibehaltung des durch die Nationalsozialisten ausgesprochenen Verbots von katholischen studentischen Vereinen und Korporationen stellten sich für die Studentengemeinden vielfältige Aufgaben. Standen in den 40er Jahren grundlegende Lebens- und Sinnfragen im Mittelpunkt der Semesterprogramme, so waren es in den 50er Jahren Grundfragen der Philosophie, ausgelöst durch die 2. Hochschulreform 1951/52 und die Einführung des Marxismus-Leninismus als Pflichtfach für alle Studienrichtungen, der mit einer Flut von antireligiöser und militant atheistischer Literatur propagiert wurde. Bücherspenden aus der Bundesrepublik, die dem Aufbau von Bibliotheken in den Gemeinden dienten, sowie katholische Studententage, Begegnungstreffen mit westdeutschen Studentengemeinden und regionale Bildungsveranstaltungen erwiesen sich als Basis notwendiger geistiger Auseinandersetzungen. Insbesondere Anfang der 50er waren die Studentengemeinden und ihre Mitglieder öffentlichen Anfeindungen ausgesetzt – die Hoffnung auf einen demokratischen Aufbruch war längst verflogen. Im Kontext der 2. Hochschulreform wurden die Studentengemeinden aus dem universitären Raum „unter das Dach” ihrer Kirchen gedrängt. Sie wurden dort zu geistigen Oasen. In der zweiten Hälfte der 50er Jahre verhielten sich universitäre und staatliche Stellen taktisch anders gegenüber den Studentengemeinden im Vergleich zu 1952/53, nämlich moderater. Man griff die Studentengemeinden als Institution nicht mehr öffentlich an, ging aber weiter gezielt gegen deren Mitglieder vor; anstelle von Liquidierung war Differenzierung angesagt.

Exkurs 1: Verbannung der Studentengemeinden aus dem universitären Raum „unter das Dach der Kirchen” 1950 bis 1953

Den verantwortlichen Funktionären der DDR-Hochschulpolitik war die Arbeit der Studentengemeinden schon deshalb grundsätzlich suspekt, weil diese gesamtdeutsch organisiert wurde und man keinen direkten Einfluss auf ihre Arbeit nehmen konnte. Die staatlichen und universitären Behörden verfolgten deshalb das Ziel, die Studentengemeinden aus dem offiziellen universitären Alltag – sie standen der Erziehung einer sozialistischen Intelligenz im Wege – in den Raum der Kirche, „unter das Dach der Kirchen”, zu verbannen, der man kein langes Überleben unter sozialistischen Verhältnissen in Aussicht stellte. Das mitunter radikale Auftreten der SED Anfang der 50er Jahre an der Basis zeigt ein Bericht über eine Parteiversammlung der SED-Betriebsgruppe der Pädagogischen Fakultät der Leipziger Universität vom 09.06.1950: „Als Hort der Reaktion und der grundsätzlichen Ablehnung, der FDJ beizutreten, werden hauptsächlich die katholische und evangelische Studentengemeinde bezeichnet … Es wurde einstimmig der Beschluss gefasst, dass ein Ausschuss der Nationalen Front gebildet werden wird. Sodann werden alle Studierenden, die der FDJ nicht angehören, gezwungen, vor diesem Ausschuss Stellung zu beziehen. Es gäbe nur 2 Möglichkeiten: Eintritt in die FDJ oder Exmatrikulation und sei es auch 14 Tage vor dem Staatsexamen.”

Bis Ende der 40er Jahre war es noch üblich gewesen, dass die evangelischen und katholischen Studentengemeinden in den Vorlesungsverzeichnissen der Universitäten und Hochschulen aufgeführt wurden. Noch im Oktober 1949 wurde der Leipziger Studentenpfarrer Becker persönlich zum Rektoratswechsel eingeladen, auch zu einer Universitätsveranstaltung zum Thema „Zweijahresplan und Hochschule” im November 1948 ist eine Einladung des Studentenpfarrers nachweisbar. Im Jahre 1948 war noch überlegt worden, Studentenpfarrer dem jeweiligen Rektor zu unterstellen. Vier Jahre später wird in einer Aktennotiz des Staatssekretariates für das Hochschulwesen vom 28.05.1952 ausge- führt: „Die heute wieder amtierenden Studentenpfarrer sind eine völlig ungesetzliche Institution … Sie werden von den Kirchenleitungen ernannt und bezahlt, weil die Auswahl ihrer Person dafür garantiert, dass sie den staatsfeindlichen Zielen der reaktionären Kirchenleitungen in jedem Sinne dienen … Durch die kirchliche Bindung werden die Studenten bewusst der Lebensgemeinschaft mit den anderen Studenten und damit der gesellschaftlichen Erziehung und auch der Möglichkeit, in der FDJ-Hochschulgruppe mitzuarbeiten, entzogen.” Der Rektor der Hallenser Universität, Agricola, veranlasste im Juli 1952 den Dekan der Juristischen Fakultät sowie den Universitätsrat Gutachten zu erstellen und den Nachweis zu erbringen, dass „Studenten”-Pfarrer ihrer Titel zu Unrecht trügen, weil dadurch in der Öffentlichkeit die Meinung entstehen könne, es handle sich bei ihnen um Universitätsangehörige. Mit diesen Vorgängen korrespondiert das Verdrängen der Studentengemeinden von den schwarzen Brettern und aus den Räumlichkeiten der Univer- sitäten und Hochschulen. In einer gemeinsamen Einladung der ESG und KSG Leipzig an Neuimmatrikulierte aus dem Jahre 1952 heißt es noch: „Unsere Aushänge und Monatspläne befinden sich am Eingang der Universitätskirche u. an mehreren Stellen der Innenstadt.” In einem Schreiben des Staatssekretärs für das Hochschulwesen vom 17.11.1952 an den Rek- tor der Leipziger Universität wird aufgrund von nicht näher bezeichneten Hinweisen festgestellt: „Die Studentenpfarrer sowie die evangelischen und katholischen Studentengemeinden (bzw. die sogenannten ‚Jungen Gemeinden’) gehören nicht zu den an den Universitäten und Hochschulen zugelassenen Personen bzw. Organisationen, sondern sind lediglich im Bereich der Kirche tätig. Daher dürfen den Studentenpfarrern und den Studentengemeinden keinesfalls staatliche, d.h. universitätseigene Räume für Veranstaltungen zur Verfügung gestellt werden.”

Bereits vier Tage später teilte der Rektor der Leipziger Universität, G. Mayer, dem Staatssekretariat mit, dass er bereits von der Hochschulgruppenleitung der FDJ auf die Werbung der Studentengemeinden an schwarzen Brettern der Universität aufmerksam gemacht worden sei und er dies sofort verboten hätte. Insbesondere im Jahr 1953 wurden die Studentengemeinden im Zuge der Auseinandersetzungen mit der „Jungen Gemeinde” durch staatliche Stellen, durch den Staatssicherheitsdienst und die FDJ immer wieder provoziert und u. a. als Agentenzentralen, als illegal und ungenehmigte Organisation diffamiert. Abschließend kann gesagt werden: Bei offiziellen Bildungsveranstaltungen der Studentengemeinden wurde die offene Konfrontation mit dem Marxismus-Leninismus und den Gesellschaftsbedingungen in der DDR in der Regel vermieden. Ziel war es, sich inhaltlich damit auseinander zu setzen, um gegebenenfalls im universitären Alltag argumentativ gewappnet zu sein. Die Sprecherinnen und Sprecher gewannen in diesen Jahren zu- nehmend nicht nur hinsichtlich der Organisation der Arbeit der Studentengemeinden, sondern auch in Bezug auf die inhaltliche Konzipierung der Semesterprogramme an Bedeutung. Nicht wenige katholische Studierende flohen in diesen Jahren in die Bundesrepublik Deutschland, wodurch die Arbeit der Studentengemeinden mitunter beeinträchtigt wurde.

2.2. Engagement und Verweigerung – 1961 bis 1989

Aus den thematischen Akzentsetzungen der Veranstaltungen der Studentengemeinden im Zeitraum von 1961 bis 1989 lassen sich zwei Etappen der Bildungsarbeit feststellen: Zum einen die Etappe von 1961 bis Anfang der 70er Jahre, die von der Suche nach einem verantwortlichen Platz als christlicher Studierender und Akademiker in der DDR-Gesellschaft geprägt war: Man wollte sich kirchlich und gesellschaftlich einbringen, engagieren. Zum anderen von Anfang der 70er Jahre bis zum Zusammenbruch der SED-Diktatur im Herbst 1989, in der zunächst ein resignativer Rückzug auf religiöse Fragesellungen festzustellen ist, man sich dem kirchlichen und gesellschaftlichen Gespräch nicht mehr stellte, sich verweigerte; Anfang der 80er – insbesondere ausgehend von Friedensdiskussionen und der Reserveoffiziersproblematik – ist es wieder zu einer partiellen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemstellungen gekommen. Grundsätzlich ist auch für diesen Zeitraum zu konstatieren: In den Studentengemeinden versammelten sich vor allem, aber nicht ausschließlich, katholische Studierende der verschiedenen Hoch- und Fachschulen eines Studienorts. Sie boten ein Forum für Bildungsarbeit und Diskussionen sowie Raum für kulturelle und soziale Aktivitäten und persönliche Gespräche. Der Höhepunkt des wöchentlichen Gemeindelebens war der Hauptabend, in der Regel mit Vortrag und Diskussion. Die Themen dieser Vorträge waren nicht primär von religiösem oder theologischem Inhalt. In einem weitaus größeren Umfang wurden Fragen der Philosophie und Soziologie, naturwissenschaftliche Problemstellungen oder Themen aus Kunst und Literatur sowie von aktuellen gesellschaftlichen oder kirchlichen Entwicklungen ausgehende Fragestellungen behandelt. Der Hauptabend wurde in vielen Studentengemeinden mit einem Gottesdienst begonnen. Zu den weiteren Programmpunkten der wöchentlichen Bildungsarbeit sind Glaubens- und Bibelseminare sowie thematische Arbeitskreise und Wochenendseminare zu zählen, in denen ebenso Fragestellungen der Philosophie, Kunst, Geschichte oder Literatur häufiger anzutreffen sind als theologische oder kirchliche Themen. So hatten die Studierenden die Möglichkeit zu einem fächer- und semesterübergreifenden Dialog, der im Alltag des verschulten DDR-Hochschulwesens nicht möglich war. Den Bibliotheken der Studentengemeinden kam in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu, weil sie mit einer Vielzahl in der DDR nicht zugänglicher belletristischer und wissenschaftlicher Literatur ausgestattet waren. Diese Bibliotheken wurden vor allem mit Hilfe der westdeutschen Partnergemeinden aufgebaut. Auf oft abenteuerlichen Wegen, u. a. über Polen, wurden diese Publikationen in die DDR gebracht. Büchersendungen aus Westdeutschland per Post wurden häufig Fällen beschlagnahmt. Der jährliche Höhepunkt der Arbeit der Studentengemeinden war das Patronatsfest – mit Festakademie und Festgottesdienst sowie nicht selten mit einem von den Studentinnen und Studenten vorgeführten Theaterstück –, zu dem neben den Studierenden insbesondere die Absolventen der Gemeinde sowie Studierende anderer Studentengemeinden eingeladen wurden. Weitere hervorzuhebende Programmpunkte sind ökumenischen Aktivitäten, die in der Regel in ihrer Intensität weit über die ökumenische Arbeit in den Ortsgemeinden hinausgingen und vorbildhaft für diese waren, die Partnerschaftsarbeit mit westdeutschen Gemeinden, bei denen über die persönliche Kontaktnahme hinaus auch thematisch gearbeitet wurde, gemeinsame Ferienfahrten oder der Besuch von Kulturveranstaltungen. Das primäre Ziel der Arbeit der Studentengemeinden wurde in der Befähigung der Studierenden zu einer Lebensorientierung aus dem christlichen Glauben gesehen. In einem Aufgabenkatalog der katholischen Studentengemeinden aus den 70er Jahren heißt es: „Ausgehend von den Erwartungen und Bedürfnissen soll das Gemeindeleben beitragen zu kritischem Bewußtsein, zu Mündigwerden, zur Persönlichkeitsbildung. Das Gemeindeleben soll Hilfe zur Selbsthilfe sein. … Die Studentengemeinde soll eine Vertrauensatmosphäre schaffen, in der sowohl weiterhelfende Gespräche als auch harte sachliche Auseinandersetzungen möglich sind. Dabei ist von jedem das Interesse an der Emanzipation des anderen gefordert.” Verantwortlich für die Arbeit der Studentengemeinden waren Studentenseelsorger sowie Sprecher und der Gemeinderat. In der Regel bildeten zwei bis vier Sprecher, die meist zwei Semester amtierten, mit den hauptamtlichen Mitarbeitern ein Leitungsteam, das dem Gemeinderat rechenschaftspflichtig war. Die Sprecher werden vom Gemeinderat oder direkt von der Gemeinde gewählt. In der Satzung des Gemeinderates der KSG Jena vom April 1970 heißt es: „Die Mitglieder des Gemeinderates sollen in brüderlicher Zusammenarbeit die Situation der Gemeinde und ihrer Umwelt erkennen und die notwendigen seelsorglichen, gesellschaftlichen, missionarischen und ökonomischen Aufgaben überlegen und verwirklichen”. Die wichtigste Aufgabe des Gemeinderates bestand in der Erarbeitung des Semesterprogramms. Bis in die 60er Jahre war das Semesterprogramm primär vom Studentenpfarrer gestaltet worden. Der Studentenpfarrer fungierte bis dahin auch bei den meisten Vortragsabenden in seiner Gemeinde als Referent. In den 70er und 80er Jahren wurde die Mehrzahl der Referate von externen Referenten gehalten. Durch die Einbeziehung des Gemeinderates wurde die Erarbeitung der Semesterprogramme auf eine breitere Basis gestellt. Auf diese Weise konnten die Interessen und Bedürfnisse der Studierenden direkt in die thematische Gestaltung der Bil- dungsarbeit einfließen. In Leipzig entstand ein Semesterprogramm, das jeweils ungefähr 14 Vortragsabende umfasst, an einem Sitzungswochenende des Gemeinderats. Das Verfahren dazu war wie in allen größeren Studentengemeinden ein differenziert geregeltes und festgeschriebenes Ritual. Die Vorarbeit für dieses Sitzungswochenende bestand darin, dass Studenten sich in Programmgruppen zusammensetzten und ein komplettes Vortragsprogramm ausarbeiteten. Dazu wurden Fachleute konsultiert, Bücher herangezogen, eigene Interessen, Anliegen und Erlebnisse eingebracht. Die so erarbeiteten Programmvorschläge wurden dann an einem Gemeinderatswochenende vorgestellt und erläutert, dann wieder überarbeitet und erneut vorgestellt, bis ein Vorschlag mehrheitsfähig war. Dieser Vorgang war mehr als nur ein demokratisches Spiel, sondern für die Beteiligten schon ein umfassendes Bildungserlebnis an sich. „Diese Art der Programmwahl war eine nicht zu unterschätzende Schule der Demokratie … In all dem liegt m. E. eine Erklärung, warum nach der ‚Wende’ eine erhebliche Zahl von katholischen Akademikern in der Lage war, verantwortungsvolle Posten in einer sich 1989/90 erst einübenden Demokratie zu übernehmen, warum sie gewissermaßen aus dem Stand Verhandlungen, Versammlungen, Abstimmungen leiten konnten, ihre Meinung vertraten, Reden hielten und über ein für DDR-Verhältnisse breites Allgemeinwissen verfügten.” – so der ehemalige Leipziger Studentenpfarrer Eberhard Tiefensee in einem Vortrag im September 1992 in Untermarchtal.

3. NISCHE STUDENTENGEMEINDE

In vielen Studentengemeinden wurde insbesondere in den 60er Jahren intensiv über den geschichtlichen Ort sowie die konkrete gesellschaftspolitische Situation nachgedacht und nach Möglichkeiten eines christlichen Weltdienstes und dessen praktischer Umsetzung gesucht, nach einem Platz als katholischer Student und Akademiker in der real-existierenden Gesellschaft des DDR-Sozialismus – ohne faule Kompromisse, ohne bloßes Überwintern. Anfang der 70er Jahre wurde die Suche nach einem praktizierbaren verantwortlich Weg eines Engagements in der Gesellschaft in den Studentengemeinden schwächer, wofür es neben der massiven Einschüchterung der Studierenden durch vielfältige Aktivitäten des MfS in diesen Jahren in den Studentengemeinden eine Reihe weiterer Gründe gab. Mit der 3. Hochschulreform in der zweiten Hälfte der 60er Jahre wurde der Studienablauf einer strengeren Kontrolle unterzogen und außerdem versucht, die Ergebnisse der marxistisch-leninistischen Erziehungsarbeit „zu verbessern”. Demzufolge verschärfte sich der ideologische Druck auf die Studierenden. Insbesondere drei Ereignisse aus dem Jahr 1968 hatten für die Mitglieder der Studentengemeinden eine desillusionierende Wirkung. Zunächst das Inkrafttreten der 2. Verfassung der DDR am 6. April, in der den Kirchen nur ein Artikel gewidmet ist (in der 1. Verfassung 1949 war es noch ein ganzer Abschnitt mit mehreren Artikeln) – diese formale wie inhaltliche Verkürzung sollte letztlich die gesellschaftliche Irrelevanz der Kirchen auch optisch unterstreichen. Dann die Sprengung der Leipziger Universitätskirche am 30. Mai 1968, die bis dahin zu Gottesdiensten genutzt wurde, sowie der Einmarsch des Warschauer Pakts im August dieses Jahres in Prag. In den 1960er Jahren und Anfang der 1970er Jahre sind in den katholischen Studentengemeinden in der Hauptsache drei Trends zu beobachten, die einander bedingen und nicht isoliert betrachtet werden dürfen:

a) Bildungstrend: Auf die Defizite der universitären Bildung hinsichtlich ihres allgemeinen Aspektes sowie die marxistisch-leninistische Normierung insbesondere der geisteswissenschaftlichen Fächer reagierten die katholischen Studentengemeinden mit einem vielseitigen Bildungsprogramm, in dem auch Themen behandelt wurden, die in der universitären Öffentlichkeit tabu waren. Dessen Erarbeitung war bereits ein Bildungserlebnis für die Studierenden. In der „Nische Studentengemeinde” entwickelte sich eine Einheit von Bildung und Gemeinschaft.

b) Demokratisierungstrend: Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen standen weitgehende Mitverantwortung und Mitbestimmung im Gemeindeleben – ganz im Gegensatz zur Erfahrung der ideologischen Bevormundung und totalitären Kollektivismuspraxis im Studium; der vom Zweiten Vatikanischen Konzil betonte missionarische Weltauftrag und dessen Realisierungsmöglichkeiten unter den gegebenen sozialistischen Bedingungen sowie Überlegungen zur Demokratisierung der Gesellschaft in der DDR sowie der „Reformierung” der Kirche.

c) Oppositionstrend: Neues Bewusstsein der Zugehörigkeit zur Kirche sowie der Mitverantwortung in der Gemeinde; beispielhafte Praxis einer von Dialog und Offenheit geprägten Kommunikationsstruktur innerhalb der Studentengemeinde, die – ohne das persönliche „Kirchesein” grundsätzlich in Frage zu stellen – eine oppositionelle Haltung bei einzelnen Problemstellungen implizierte und deshalb immer wieder zu innerkirchlichen Spannungen führte.

Die katholischen Studentengemeinden verstanden sich über den gesamten Zeitraum von 1945 bis 1989 als christliche Gemeinschaften, die im Vergleich zu den kirchlichen Ortsgemeinden von einem hohen Maß eigenverantwortlicher Aktivitäten der Gemeindeglieder und einem intensiven Gemeinschaftsleben geprägt waren. Durch ihre vielfältige Bildungsarbeit wurde dem verschulten und ideologisierten Erziehungsund Ausbildungsprozess an den Universitäten und Hochschulen und der damit verbundenen Entmündigung und Subalternisierung der Studierenden entgegengewirkt. Die strukturelle und organisatorische Entwicklung der Studentengemeinden auf lokaler und regionaler Ebene fand bis Mitte der 70er Jahre einen grundsätzlichen Abschluss.

Exkurs 2: MfS und Studentengemeinde

Christliche Studierende, die als solche an den Universitäten und Hochschulen bekannt waren, durften sich in manchen Fällen einer besonderen Beachtung durch die SED-Kreisleitung ihrer Hochschule „erfreuen”. In einer neunseitigen „Einschätzung des Einflusses und der staatsbürgerlichen Haltung religiös gebundener Studenten unserer Universität”, die im März 1977 von der SED-Kreisleitung der TU Dresden für das Direktorat für Studienangelegenheiten angefertigt wurde, wird zur Frage Stellung genommen, wie sich religiös gebundene Studierende bemerkbar machten: „Übernahme von gesellschaftlichen Funktionen in Seminargruppen und Wohnheimen … Versuche, unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit zu provozieren … Unter dem Deckmantel der Glaubensfreiheit versucht man gesellschaftlichen Verpflichtungen zu entgehen … Mit guten fachlichen Leistungen. Damit gewinnen sie großen Einfluß in der Gruppe und können Genossen-Studenten, die schlechtere Leistungen haben, zurückdrängen … Die kirchlich gebundenen Kräfte nutzen jede Gelegenheit, um Einfluß auf das politische Niveau in der Gruppe zu nehmen … Sie nutzen jede politische Anonymität, um unerkannt ihren Einfluß geltend zu machen”. Diese Punkte werden jeweils mit Beispielen belegt. Auf drei Seiten wird die Arbeit der Studentengemeinden dargestellt und abschließend u. a. geschlussfolgert: „Die atheistische Propaganda sowohl in den Lehrveranstaltungen des ML, als auch in interessanten Foren außerhalb des Lehrbetriebes ist so zu verstärken, daß der gezielten Arbeit der Kirche offensiv begegnet werden kann”.

Gravierender war jedoch für christliche Studierende sowie die Studentengemeinden insgesamt die „Bearbeitung” durch das MfS. In einem Dienstgespräch im November 1966 stellte der Minister für Staatssicherheit, Mielke, fest: „Die Beeinflussung der jugendlichen Intelligenz erfolgt weiter vor allem im Rahmen der evangelischen und katholischen Studentengemeinden an den Universitäten, Hoch- und Fachschulen. An den regelmäßigen Veranstaltungen der Studentengemeinden nehmen häufig zahlreiche jugendliche Gäste teil, so daß der Hörerkreis bei interessanten Veranstaltungen bis zu 500 Personen erfaßt. Ich erinnere in diesem Zusammenhang noch einmal an meine Ausführungen über die Maßnahmepläne, wo ich besonders auf die Bearbeitung dieser ideologisch zersetzend wirkenden Konzentration hinwies. Die reaktionärsten Mitglieder dieser studentischen Organisationen sind in ‚Kernkreisen’ zusammengefaßt, von denen maßgeblich die negative Beeinflussung und Organisierung der Tätigkeit der evangelischen und katholischen Studentengemeinden ausgeht.” Aufgrund der immer wieder vorgekommenen Fälle, in denen der Staatssicherheitsdienst Mitglieder der Studentengemeinde aufforderte und zum Teil drängte, sich für seine Aufgaben zur Verfügung zu stellen, sah sich der Leipziger Studentenpfarrer Wolfgang Trilling im Jahre 1963 veranlasst, einen „Offenen Brief” zu verfassen, der in den Räumen der Studentengemeinde ausgehängt und an die anderen katholischen Studentengemeinden weitergereicht wurde. Trilling selbst brachte ihn zur Leipziger Bezirksbehörde des MfS.

„Erklärung: Es kommen immer wieder Fälle vor, in denen der Staatssicherheitsdienst Mitglieder der Studentengemeinde auffordert und zum Teil drängt, sich für seine Aufgaben, auch für Erkundigungen über die Arbeit der Studentengemeinde zur Verfügung zu stellen. Dazu möchte ich folgendes erklären:

1. Die Veranstaltungen der Studentengemeinde sind öffentlich, das Monatsprogramm ist allen katholischen Kirchen von Leipzig ausgehängt. Gäste, die sich dem Studentenpfarrer bekannt machen, sind jederzeit willkommen.

2. Die Studentengemeinde gehört zum seelsorglichen Verantwortungsbereich des Bischofs von Meißen, besitzt eine von ihm verfaßte Satzung und wird von seiner Autorität getragen. Für Auskünfte über die seelsorgliche Arbeit im allgemeinen und über die einzelnen Veranstaltungen der Gemeinde ist allein der von ihm eingesetzte Studentenpfarrer zuständig, an den bei Anfragen regelmäßig zu verweisen ist.

3. Über private Auffassungen und die Gesinnung von einzelnen Mitmenschen planmäßig Nachrichten zu sammeln und staatlichen Organen weiterzugeben, ist sittlich nicht erlaubt. Das verbiete

a) nach dem natürlichen Sittengesetz das Gebot, die Ehre des Nächsten zu schützen,

b) nach den allgemeinen Menschenrechten das Prinzip der Gedanken- und Gewissensfreiheit,

c) nach der christlichen Ethik das Gebot der Nächstenliebe.

4. Sofern es sich nicht um die Aufklärung eines Verbrechens handelt, ist jedem Ansinnen auf eine oben beschriebene Mitarbeit von Anfang an entschlossener Widerstand entgegenzusetzen. Erfahrungsgemäß läßt man bei einer entschiedenen Haltung bald von dem Versuch ab. Als Motiv genügt der Hinweis, daß sich eine solche Tätigkeit nicht mit dem Gewissen vereinbart. Auch die Bemerkung, daß man seinem Beichtvater von dieser Gewissensnot Kenntnis geben müsse, kann die Situation klären helfen.

5. Es empfiehlt sich, in solchen Fällen zur Beratung und Unterstützung den Studentenpfarrer zu informieren. Die oft auferlegt Schweigepflicht bindet im Gewissen nur dann, wenn sie in völliger Freiheit und aus eigenem Entschluß übernommen worden ist.

Leipzig, den 23. November 1963 gez. Wolfgang Trilling Studentenpfarrer.”

In der Praxis war es Studierenden in der Tat in den meisten Fällen möglich, über eine Dekonspiration den Werbeversuchen des MfS zu entkommen. Von den 283 Respondenten einer schriftlichen Befragung, die 1992/93 durchgeführt wurde, gaben 12 (4 %) an, dass sie – ohne Erfolg – für eine Mitarbeit beim MfS geworben wurden. Auf die Frage „Sind Ihnen Disziplinarverfahren oder Exmatrikulationen mit politischem Hintergrund, Übergriffe des MfS, die in Zusammenhang mit einer KSG-Zugehörigkeit stehen, bekannt?”, antworteten 272 Teilnehmer der Befragung, davon 89 mit JA und 183 mit NEIN. Eine der aufwendigsten Aktionen des MfS bezüglich der katholischen Studentengemeinden war der Operative Vorgang (OV) „Schild”, bei dem von 1969 bis 1974 die KSG Leipzig „bearbeitet” wurde. Die bisher aufgefundenen Materialien dieses OV bestehen aus 3 Bänden, 14 Nebenbänden sowie einer Mappe mit Briefen. Im Beschluß zur Einleitung des Operativen Vorlaufs vom 05.09.1969 wird als Grund dafür der Verdacht der Bildung einer Gruppe in der KSG Leipzig genannt, die sich für ähnliche Verhältnisse wie 1968 in der C ˘SSR engagiere und deshalb mit staatsfeindlicher Hetze in Erscheinung trete. Beim sogenannten Messetreffen während der Leipziger Frühjahrsmesse mit Studierenden aus der Bundesrepublik im März 1973 waren z. B. mindestens sechs Inoffizielle Mitarbeiter im Einsatz, die das MfS fast „rund um die Uhr” mit Informationen über die Themen der Gespräche und Vorträge, Teilnehmerzahlen und auffällige Diskutanten versorgten und somit dem MfS die Möglichkeit eines umfassenden Vergleichs der Informationen gegeben war. Im August 1974 wurde abschließend festgestellt, dass vor allem aufgrund der Verhaftung vier ehemaliger KSG-Mitglieder im November 1971, personeller Veränderungen in der Leitung der KSG Leipzig und einer vom Meißner Bischof Schaffran im Juli 1973 ausgesprochenen Empfehlung, in den KSG-Veranstaltungen politische Themen nicht zu behandeln, sich die weitere „Bearbeitung” des OV „Schild” erübrige. Der Staatssicherheitsdienst hat über Inoffizielle Mitarbeiter nicht nur versucht, die Arbeit der Studentengemeinden auszuspionieren, sondern auch mitzugestalten. Dies betrifft auch Veranstaltungen, von denen eigentlich zu erwarten gewesen wäre, dass das MfS ausschließlich daran interessiert sein müsste, die Durchführung dieser Veranstaltungen zu verhindern. Denn zu den Hauptaufgaben eines IM gehörte die Verhinderung von „öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten feindlich-negativer Kräfte.” Ein be- merkenswerter Fall in dieser Hinsicht ist folgender: Am 18.02.1975 fand im Rahmen des von der ESG und der KSG Leipzig gemeinsam durchgeführten Zwischensemesterprogramms ein „Reiner-Kunze-Abend” statt. Der Lyriker Kunze – vom MfS als äußerst „feindlich-negativ” eingestuft – war in den 70er Jahren ein gern gesehener Gast in christlichen Jugend- und Studentengruppen. In einem Bericht des IM „Horst”, den Kunze in seinen Stasiakten gefunden und auszugsweise in einem kleinen Band mit dem Titel „Deckname Lyrik” veröffentlicht hat, ist über diesen Abend u. a. zu lesen: „Anwesend waren etwa 250 Personen, darunter R. Kunze und Frau … Der Verlauf bestätigte, daß bei … unsere Gesellschaft in Frage stellenden Texten oft spontan Beifall bekundet wurde (vergl. Mitschnitt)”. „IM Horst”, Christoph Unger, Schauspielstudent und Mitglied der KSG Leipzig, hatte diesen Abend vorbereitet und anschließend über einen schriftlichen Bericht und Tonbandmaterialien dem MfS die Reaktionen der Studierenden auf Kunzes Texte mitgeteilt. Dieser IM wurde in die Leipziger KSG eingeschleust. Er arbeitete von 1969 an auf freiwilliger Basis und aus Überzeugung sowie für umfangreiche finanzielle Zuwendungen als – zeitweise halbamtlicher – IM und kehrte im Auftrag des MfS im Jahre 1980 von einer Besuchsreise in die Bundesrepublik nicht in die DDR zurück, um dort u. a. die KSG Freiburg und den Frankfurter Fischer Verlag zu „bearbeiten”.

4. FAZIT

Zusammenfassend ist zu konstatieren: Die katholischen Studentengemeinden in der DDR haben überwiegend, aber nicht ausschließlich, christlichen Studierenden nicht nur die Möglichkeit zu einem studentischen Gemeinschaftsleben und zu religiöser Weiterbildung, sondern insbesondere zu philosophischer, historischer und kultureller Bildung über den ideologisch normierten Rahmen an den Universitäten und Hochschulen hinaus geboten. Diese als „Bildung und Gemeinschaft” praktizierte Bildungsarbeit stellt eine spezifische Form eines außeruniversitären humanistischen Studium generale dar. Die evangelischen und katholischen Studentengemeinden waren für Studentinnen und Studenten in der DDR die einzigen öffentlichen „loci liberitatis, veritatis et communitatis”, an denen weitestgehend unanhängig vom direkten Einfluss des totalitären Staates bei Vortragsveranstaltungen, in Seminaren oder in kleinen Gesprächsgruppen Kritik- und Dialogprozesse erprobt sowie eigenständiges Denken und Verantwortung eingeübt werden konnten. Die eigenverantwortliche Organisierung dieser Bildungsarbeit war für viele Studenten eine „Grund”-Schule der Demokratie. Neben der daraus resultierenden unmittelbaren subjekt- und gemeinschaftsbezogenen Sozialisation ist eine für die Gesellschaft an sich relevante mittelbare Folge der Arbeit der Studentengemeinden in der Tatsache zu sehen, dass nach dem Zusammenbruch der SED-Diktatur im Herbst 1989 eine überproportional große Zahl christlicher Akademiker bereit und in der Lage war, sich in den gesellschaftlichen Demokratisierungs- und Transformationsprozess aktiv einbringen zu können. Die Studentengemeinden waren ein bevorzugtes Terrain der Aktivitäten des MfS, weil es sich bei den Studierenden um eine kirchlich wie gesellschaftlich gesehen bedeutsame Population handelte. In enger Zusammenarbeit mit universitären Stellen, der SED und der Ost-CDU sowie über den Einsatz einer Vielzahl von IM und technischer Hilfsmittel versuchte das MfS, die Arbeit der Studentengemeinden konspirativ zu bearbeiten und zu kontrollieren, über IM in Führungspositionen in den Gemeinden zu kommen sowie über „Zersetzungsmaßnahmen” auf einzelne Personen Einfluss zu nehmen. In einzelnen Fällen kam es zu Verhaftungen, mitunter zu „Stasiphobie” in einzelnen Studentengemeinden und in der Summe zu einer Verunsicherung der KSG-Mitglieder, welche einem stärkeren Rückzug in die Nische Studentengemeinde zur Folge hatte. In einer Analyse der MfS-Kreisdienststelle Greifswald vom 5.7. 1973 über die Situation in der evangelischen und der katholischen Studenten- gemeinde in Greifswald heißt es: „Global kann eingeschätzt werden, daß die beiden kirchlichen studentischen Jugendorganisationen entsprechend ihren zentral geleiteten Organisationen im Rahmen der Klassenauseinandersetzung zwischen Sozialismus und Kapitalismus aktiv feindlich ideologisch wirksam sind. … Von vielen Studenten wird die ESG und die KSG als ‚Freiraum’, ‚wirkliche Freiheit’ oder ‚Modell der Demokratie’ für unkontrollierbare Diskussionen betrachtet. Damit bietet sich den reaktionären Studenten eine Plattform zum Studium und zur Auswertung westlicher Publikationen, zur Verbreitung feindlicher Ideologien bis zur Bildung von Gruppierungen.” Bei den Ereignissen im Oktober und November 1989 in der DDR sowie dem dabei eingeleiteten gesellschaftlichen und universitären Erneuerungsprozess haben die katholischen Studentengemeinden als Institutionen keine wesentliche Rolle gespielt. Bemerkenswert ist die Mitarbeit von Vertretern des Zentralen Arbeitskreises am „Zentralen runden Tisch der Jugend” sowie ein neunseitiges Schreiben der Arbeitsgemeinschaft Studentenseelsorge an das Bildungsministerium vom April 1990 mit dem Titel „Überlegungen zur Jugendpolitik im Bereich der studentischen Jugend”, das vom Grundtenor her mehr die praktischen Belange des Studiums und der Studierenden behandelt und weniger auf universitäre oder studentengemeindliche Innovation bedacht ist. Einzelne Mitglieder der Studenten- gemeinden waren jedoch bei der Ökumenischen Versammlung der Kirchen in der zweiten Hälfte der 80er Jahre vertreten, haben sich an den Friedensgebeten und Demonstrationen in der Wendezeit beteiligt und in den neuen Gremien an den Universitäten und Hochschulen mitgearbeitet.

Immun gegen Ideologien?

Das Spannungsfeld von Wissen und Glauben gestern und heute


Axel Noack

Magnifizenz, Herr Bürgermeister, meine sehr geehrten Damen und Herren, das ist gewissermaßen die Quadratur des Kreises in 20 Minuten zu dem umfänglichen Thema: „Immun gegen Ideologien? Das Spannungsfeld von Wissen und Glauben gestern und heute”, zu sprechen. Aber wir versuchen es. Eine einleitende These: Eine wirkliche weltanschauliche Auseinandersetzung hat es in der DDR nicht gegeben.
Es gab administrative Maßnahmen und es gab mehr oder weniger freundliche Propaganda – mündlich und schriftlich – aber einen echten Streit, einen wirklichen Dialog hat es auf weltanschaulichem Gebiet nicht gegeben. Das gilt für die DDR-Zeit allgemein, auch wenn es ratsam ist, auch in der DDR-Geschichte und hinsichtlich des staatlichen Agierens auf ideologischem Feld, ja in Kultur- und Kultusangelegenheiten verschieden Phasen zu unterscheiden.

I.
Für die ersten Jahre, besonders nach dem Beschluss der 2. Parteikonferenz der SED (Juli 1952) in der
DDR den Sozialismus „planmäßig” aufzubauen, sehen wir vor allem ein massives administratives Vorgehen. Die im „Hauruck-Verfahren” ergriffenen Maßnahmen (Auflösung der Länder, Schaffung der
Grenzsperrgebiete und die Zentralisierung aller kulturellen Zuständigkeiten durch Schaffung sogenannter „staatlicher Komitees” für Rundfunk, Sport, Hochschulen usw.) enden im Chaos. In diese Zeit fallen alle die hier schon ausführlich dargestellten Maßnahmen gegen die kirchliche Jugend und Studentenarbeit: nie wieder ist seitdem die kirchliche Arbeit propagandistisch so massiv angegriffen worden. Freilich: diesem „Kirchenkampf” fehlte fast vollständig eine weltanschauliche oder atheistische Komponente.
Politisch endet die erste wilde Phase des Aufbaus des Sozialismus in einer immer mehr zunehmenden Unzufriedenheit der Bevölkerung, einem massiven Anstieg der Flucht in den Westen und schließlich in den Demonstrationen des 17. Juni 1953. Für unser Thema ist dabei auf einen wichtigen, damals vollkommen übersehenen Umstand zu verweisen: Schon vor dem 17. Juni 1953, nämlich in der Zeit vom 2.–4. Juni, war eine Delegation der SED-Spitze nach Moskau befohlen worden. Dort erhielten Walter Ulbricht, Otto Grotewohl und Fred Oelßner eine richtige Standpauke. Sie wurden genötigt, einen neuen
Kurs einzuschlagen, der dann vom Politbüro der SED auch am 9. Juni beschlossen wurde. Bekanntlich kam der „Neue Kurs” zu spät und konnte den 17. Juni nicht mehr verhindern. Ein wichtiger Bestandteil
der Moskauer Vorhaltungen betraf das administrative Vorgehen gegen die Kirchen. Die Moskauer schätzen ein: „Insbesondere wurden ernste Fehler in Bezug auf die Geistlichen begangen, die in einer Unterschätzung des Einflusses der Kirche unter der breiten Masse der Bevölkerung, in grobenAdministrierungsmaßnahmen und Repressalien ihren Ausdruck fanden.”
Es werden Maßnahmen „zur Verbesserung der entstandenen Lage” vorgeschlagen. Das 6-Punkte-Papier beschreibt 12 notwendige Maßnahmen vor allem wirtschaftlicher und politischer Natur und benennt unter 1.h.) Maßnahmen, die das Verhältnis zur Kirche betreffen: „h) (Mit) einem nackten Administrieren in Bezug auf die Geistlichen ist Schluß zu machen, und die schädliche Praxis der groben Einmischung der Behörden in die Angelegenheiten der Kirche ist einzustellen. Alle Maßnahmen, die direkte Interessen der
Kirchen und der Geistlichen einengen, sind aufzuheben, und zwar: Beschlagnahme der charitativen Kirchenanstalten (Alten- und Waisenheime), Abnahme brachliegender kirchlicher Bodenflächen durch lokale Behörden, Entziehung der für die Kirche festgelegten Subventionen usw. Die Verfolgung der einfachen Teilnehmer der kirchlichen Jugendorganisation „Junge Gemeinde” ist einzustellen. und die politische Arbeit unter ihnen zum Schwerpunkt zu machen. Es ist im Auge zu halten, daß Repressalien gegenüber der Kirche und den Geistlichen nur dazu beitragen können, den religiösen Fanatismus der rückständigen Schichten der Bevölkerung zu stärken und ihre Unzufriedenheit zu vergröbern. Darum
muß (das) Hauptkampfmittel gegen den reaktionären Einfluß der Kirche und der Geistlichen eine tüchtige durchdachte Aufklärungs- und Kulturarbeit sein. Als die Grundform der antireligiösen
Propaganda ist eine weite Verbreitung der wissenschaftlichen und politischen Kenntnisse unter der Bevölkerung anzustreben.”
Der Kirchenabschnitt im Moskauer Politbürobeschluss gibt klar zu erkennen: Hier soll die Taktik geändert werden, an dem Ziel der Zurückdrängung des „reaktionären kirchlichen Einflusses” soll allerdings weiter festgehalten werden. Die geforderte Verbreitung „wissenschaftlicher Kenntnisse” wurde zur Geburtsstunde der atheistischen Propaganda in der DDR. Was in Moskau gefordert wurde, wurde umgesetzt. Die Partei nahm das sehr ernst. Schon im Sommer 1953 erscheint die erste atheistische
Propagandaschrift, mit dem Titel: „Kommunistische und religiöse Moral”. Es ist eine Übersetzung aus dem Russischen. Es folgt dann bald eine ganze Flut solcher Schriften und Schriftchen (Bei mir nehmen sie ca. einen halben Meter im Bücherregal ein.). Die bekannteste dieser Schriften trägt den Titel: „Der
Sputnik und der liebe Gott”. Wer die wirklichen Leserinnen und Leser waren, ist schwer auszumachen. Vermutlich werden vor allem die Pfarrer zu den Lesern gezählt werden müssen. Die Schriften sind in der Regel nicht anders als vulgär-primitiv einzuschätzen und haben wohl auch keine größere Wirkung entfaltet. Sie wurden aber zur Begleitmusik für eine neue und aus Sicht der Partei sehr erfolgreiche
weltanschaulich-propagandistische, aber auch administrative Maßnahme: die unter massiven Druck
erfolgende Wiedereinführung der Jugendweihe. Schon allein die Tatsache, dass die DDR das einzige Land im Ostblock war, in dem es eine solche „Weihe” gegeben hat, zeigt: hier wurde in dem
mehrheitsprotestantischen Land eine Art „Gegenkonfirmation” neu und mit Nachdruck eingeführt, nachdem 1950 alle Jugendweihen verboten und freireligiöse Gruppen hart unterdrückt worden waren.
Die Jugendweihe, 1954 wieder eingeführt, hatte sich schon 1958 in der Breite durchgesetzt und erreicht fortan, bis zum Ende der DDR, weit mehr als 90% aller Jugendlichen. Bei der Einführung und
Durchsetzung der Jugendweihe mischen sich die atheistisch-ideologische Einflussnahme und die administrative Einengung kirchlicher Arbeit. Zum Hintergrund gehört die Erarbeitung und Herausgabe des „Geschenkbuches” Weltall-Erde-Mensch. Einer der wichtigsten Akteure war der heute überall so hochverehrte Prof. Robert Havemann. Die Thematik dieses Buches, vor allem die Fragen der Weltentstehung, der Evolution und des Schöpfungsglaubens wurden dann auch zu einem wichtigen Thema kirchlicher Arbeit. In den sechziger und siebziger Jahren tauchen diese Themen in den
Studentengemeinden verstärkt auf. Daran wurde unter der Überschrift „Theologie für Nichttheologen” wirklich gearbeitet und die (damals) weit verbreitete Einsicht gewonnen, dass die Fragen der Evolution und die Frage nach dem Schöpfungsglauben nicht im Gegensatz zueinander stehen. Schöpfungsglaube hat viel mehr mit der Orientierung zum Leben in dieser Welt und nicht mit der Frage, wie die Welt entstanden ist, zu tun. (Erst heute, in den letzen Jahren, zeigt sich, dass neues Fragen einsetzt und wir wohl wieder auf dieses alte Thema zurückkommen müssen.)


II.
Zurück zur Verbindung von atheistischer Propaganda und administrativer Einengung kirchlicher Arbeit in den 1950iger und 1960iger Jahren: Als exemplarisches Beispiel können die Vorhaltungen dienen, die DDR Innenminister Karl Maron auf Beschluss des Politbüros den versammelten Bischöfen der
Landeskirchen in der DDR im Februar 1956 vorzutragen hatte. Passagen davon wurden in den
Tageszeitungen nachgedruckt. Maron führt aus: „Es dürfte an der Zeit sein, dass die Vertreter der Kirche
sich etwas bescheidener verhalten. Die Vertreter der materialistischen Weltanschauung, die Vertreter
der fortgeschritten Wissenschaft, haben nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, ihre wissenschaftliche
Lehre überall zu vertreten. Wir leben nicht mehr im Mittelalter, wo Vertreter des religiösen Aberglaubens
fortschrittliche Auffassungen unterdrücken konnten.”
Als Faustformel kann gelten: je massiver die Administration (Innenminister!) eingriff, umso primitiver
wurde der weltanschauliche Disput. In diese Phase gehört auch, an der Universität Jena 1963 einen
Lehrstuhl für „wissenschaftlichen Atheismus” unter dem Philosophen Olof Klohr einzurichten. Langer
Bestand war ihm allerdings nicht beschieden. Schon zum Ende der Ulbrichtzeit wird nun ein
ideologischer Schwenk eingeleitet: Fortan ist von „gemeinsamer humanistischer Verantwortung” von
Christen und Marxisten und sogar von „sozialistischer Menschengemeinschaft” die Rede und Christen
sollen darin einbezogen sein. Hierzu passte die polemische Propagierung des Atheismus nur schlecht.
Die Hauptmatadore der Beschäftigung mit dem „wissenschaftlichen Atheismus”, nämlich Olof Klohr,
Hans Lutter und Wolfgang Kliem verschwanden zwar nicht aus der Öffentlichkeit, konnten aber von
Wismar und Güstrow aus kaum noch öffentliche Wirkung entfalten. 1973 erschien die letzte atheistische
Propagandaschrift, wiederum aus dem Russischen mit dem Titel: „Wie das Christentum entstand”. In den
achtziger Jahren wird ein sogenannter „Problemrat” zum Thema „Weltanschauliche Probleme der
Zusammenarbeit von Kommunisten und Gläubigen” gebildet, der von Wolfgang Kliem, dem Leiter des
Forschungsbereiches „Wissenschaftlicher Atheismus” am Institut für Marxistisch-Leninistische
Philosophie an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED geleitet wurde. Hier
wurden zwar Religionswissenschaftler, aber keine Theologen und schon gar keine Vertreter der Kirchen
bzw. der „Gläubigen” einbezogen. Der Problemrat tagte im Wesentlichen hinter verschlossenen Türen
und konnte nur wenige Texte (in winzig kleinen Auflagen, zum Teil auch nur in sowjetischen Zeitschriften
auf Russisch) veröffentlichen. Er wurde noch im November 1989 aufgelöst. Auch für die Zeit des
„Problemrates” gilt: Eine wirkliche streitige, öffentliche Auseinandersetzung fand nicht statt, auch wenn
die Tagungen des Problemrates selbst interessant gewesen sein mögen. Vergleichbares lässt sich auch
von den speziellen „Expertengesprächen” zwischen Kirchengeschichtlern und marxistischen
Reformationshistorikern sagen. Immerhin: in den ca. 20 Gesprächen gab es ein wirkliches Gegenüber und Miteinander. Aber auch diese Gespräche, die im Umfeld der LutherEhrung und des Müntzer-
Gedenkens in der Zeit von 1981 bis 1990 stattfanden, erreichten nur wenig Öffentlichkeit. Offizielle,
abgestimmte Protokolle wurden nicht gefertigt. Es gab darüber einige wenige Berichte, vor allem von
Beteiligten der Kirche, wie z.B. Dr. Siegfried Bräuer. Dokumente aus dem Umfeld belegen: In der Parteispitze wurden solche „Dialogveranstaltungen” ziemlich kritisch gesehen und auf ihre Einschränkung und zeitliche Begrenzung gedrängt. Dokumente dazu und (kirchliche) Mitschriften der Gespräche wurden unlängst erstmalig veröffentlicht.
III.
Auch wenn das verkürzt erscheinen mag: In der Honecker-Zeit (ab 1971) ging es nicht mehr so sehr um
den Kampf – wie heute morgen schon gezeigt – um die „Köpfe und Herzen”. Was einer im „Herzen”
dachte war dann schon relativ egal, Hauptsache es drang davon nichts in die Öffentlichkeit und die
Menschen verhielten sich angepasst und waren massenhaft Mitglied in den einschlägig bekannten
Organisationen (Pioniere, FDJ, GST, DSF usw.). Der „Organisationsgrad” von Arbeitsbrigaden und
studentischen Kollektiven war relevant für finanzielle Vergütungen (Prämien), was die Mitglieder
dachten, war nicht relevant. Hier entfaltete sich die DDR-typische Haltung von innerer Ablehnung bei äußerer Anpassung gesellschaftsweit („Die Unterschrift möchte ich sehen, die ich nicht leisten kann!”).
Studenten etwa empfanden es geradezu als einen Akt revolutionärer Unbotmäßigkeit, wenn sie an
Wahltagen erst um 9:00 Uhr und nicht schon um 7:00 Uhr zum Wahllokal kamen. Widerständiges
Verhalten, geschah – besonders auch in den Studentengemeinden – in sehr kleiner Münze. Für die
kirchliche Arbeit hieß das: Was im geschlossen sakralen Raum geschah war (außer für den
Staatssicherheitsdienst) nicht wirklich interessant, aber wehe, es drang davon etwas nach außen. Hier
griff der Versuch des Staates, durch Veranstaltungsverordnungen und Anmelde – bzw.
Genehmigungspflichten die kirchliche Arbeit auf den innerkirchlichen Raum zu beschränken. Praktisch lässt sich dieser ideologische Wandel in der Honecker-Zeit an einer der größten Bürgerinitiativen der DDR, dem Bau von Gemeinschaftsantennenanlagen, gut ablesen. Während unter Ulbricht noch
FDJBrigaden auf die Dächer stiegen um Antennen von der Ausrichtung auf den „Ochsenkopf”
wegzudrehen und den Empfang westlicher Sendungen so zu verunmöglichen, konnten in den 1970iger
Jahren (mit etwas Glück und guten Beziehungen) PAL-taugliche Fernseher gekauft werden. Das ist eine
der DDR-Typischen Schizophrenien: alle wussten, dass alle wussten, aber niemand hat darüber
gesprochen. Die Antennenanlagen wurden offiziell natürlich für den Empfang des DDR-Fernsehens
beantragt und genehmigt. Aber: alle wussten, dass alle wussten: niemand hätte eine Schippe angefasst um Kabelgräben auszuheben fürs „Ostfernsehen”. Es ging nur ums „Westbild” – Ein DDR-Gruß hieß:
Atomfreies Wochenende und gutes Westbild!”. Die Einschätzung ist sicher nicht falsch: Die SED hatte ihre
Ideologie schon ziemlich resigniert aufgegeben. Sie rechnete nicht mehr damit – was bei Ulbricht
durchaus noch der Fall gewesen ist – dass der Sozialismus in absehbarer Zeit zu „verwirklichen” wäre.
Hier trat die den Theologen nur allzu bekannte „Parusieverzögerung” ein. Hinzu kam, dass die notorische
Devisenknappheit der DDR zu Zugeständnissen führte, die überhaupt nicht in die Ideologie passten und
den gläubigen Genossen nur schwer zu erklären waren: Intershops, westlich finanzierter Autobahnbau, Milliardenkredite (von Franz Josef Strauß vermittelt!) gegen den Abbau von Minenfeldern und Selbstschussanlagen und schließlich sogar die Erlaubnis zu Kirchenneubauten gegen Westgeld. Das alles
bedeutete für die Kirchen und besonders auch für die Studentengemeinden eine große
Herausforderung: niemand war mehr da und willens, weltanschaulich zu streiten. An den Hochschulen
verkamen die auch für Theologen obligatorischen Lehrveranstaltungen für Marxismus-Leninismus zur
totalen Nebensächlichkeit. Schon Kinder waren darin geübt das zu sagen, was die Verantwortlichen hören wollten. Sie lernten vor allem schon frühzeitig zu unterscheiden wo etwas gesagt werden konnte,
was man in der z.B. in der Schule nicht sagen darf. Aber: alle wussten, dass alle wussten …. Nicht zufällig
bekam die belletristische Literatur damals eine ganz entscheidende Bedeutung. Hier wurden versteckt
und manchmal verklausuliert die Themen diskutiert, die eigentlich hätten in den Zeitungen und
Zeitschriften aufgegriffen werden müssen. Und auch nicht zufällig: Bei der Partei gerieten kritische
Schriftsteller der DDR unter besondere Beobachtung. Unter Ihnen setzte ein Massenexodus in die
Bundesrepublik ein und ließ resignierende Leser zurück. Der ideologische Streit wäre ein Thema der
Studentengemeinden gewesen, aber der fand nicht statt. Hingegen war wirklich widerständiges
Verhalten nicht unbedingt Sache der Studentengemeinden. Studenten hatten eben mehr zu verlieren als
„ihre Ketten”. In den Friedens-, Umweltund Menschenrechtsgruppen waren auch Studenten engagiert,
aber die Studentengemeinden als Gruppe waren da eher zurückhaltend. Ja, einige mussten die
Erfahrung machen (z.B. die ESG in Berlin) dass Studenten wegblieben, wenn an den Gemeindeabenden
zu aufmüpfig diskutiert wurde oder „Aktionen” vorbereitet werden sollten. Die Studentengemeinden
waren – etwa im Vergleich mit den 68igern – wieder viel „frommer” geworden. Allerdings hat sich auch
gezeigt, dass die Gemeinden helfen konnten, Studierende im Glauben zu stabilisieren und das hat sie
wiederum entschiedener und mutiger im Leben gemacht. Wir konnten damals die Feststellung machen,
dass Glaubenshilfe wirkliche Lebenshilfe ist und dass Menschen, die Gott „Gott” sein lassen, es
hoffentlich leichter haben, den Menschen „Mensch” sein zu lassen und es nicht nötig haben, ihn zu
vergötzen oder zu verteufeln. Das gilt bis heute. Und dass die, die Gott fürchten, die Menschen ein
bisschen weniger fürchten. Und dass die, die sich vor Gott beugen, mit einem geraden Rücken vor den
Menschen stehen. Das ist eine große Hoffnung, die eine Basis bildete für das, was wir in den
Studentengemeinden damals geleistet haben.
IV.
Wie wichtig diese Arbeit ist, das merken wir Heute. Jetzt, nach dem Ende der DDR und auf dem
Hintergrund westlicher individualisierter Lebensverhältnisse, ist zu spüren, dass die SED ideologisch gar
nicht so erfolglos war, wie etwa auf ökonomischem Feld. Ein „praktischer Atheismus” hat sich
durchgesetzt, der sich heute paart mit einer ziemlichen Interessenlosigkeit. Einer der wichtigsten
Glaubensätze der heutigen Menschen lautet wohl: „Das muss doch jeder selber entscheiden.” In vielerlei
Hinsicht lässt sich von einer ausgesprochenen „Bindungsscheu” junger Menschen sprechen. Das gilt für
die Partnerbeziehungen bis hin zur Mitgliedschaft in Parteien und gesellschaftliche Organisationen, die
Kirchen eingeschlossen. Es gilt aber eben auch hinsichtlich der Bindung an Überzeugungen, Haltungen
und Einstellungen. Es ist heute nicht „in” eine Überzeugung zu haben und eine Position mit
Wahrheitsanspruch zu vertreten: „Das muss doch jeder selber entscheiden … ”. Mittlerweile ist auch die
Generation herangewachsen, die von ihren Eltern nicht oder fast nichts in Bezug auf Glauben und
Religion mitbekommen hat. Die Eltern der heute jüngeren Erwachsenen hätten auch gar nichts
weitergeben können, weil sie selbst schon kaum etwas empfangen haben. Eltern haben aufgehört – aus
Rücksichtnahem auf ihre Kinder – die Kinder zur Taufe zubringen, zum kirchlichen Unterricht zu schicken
und konfirmieren zu lassen. Nach zwei Generationen war dann die kirchliche Bindung „ausgelaufen”.
Dazu brauchten die damaligen Eltern gar nicht aus der Kirche auszutreten. Es reichte die Zurückhaltung
im Blick auf die religiöse Sozialisation der Kinder und Enkel. Heute, nach dem Ende der DDR, haben wir etliche unter den ganz alten Gemeindgliedern, die ziemlich bekümmert sind, wenn sie im Blick auf
Religion und Glauben an ihre Enkel und Kinder denken: Das haben sie doch nicht gewollt, dass nun gar
nichts mehr da ist. Sie haben es doch gut gemeint und aus Liebe zu ihren Kinder so gehandelt. Das
Resultat haben wir alle vor Augen: Fragt man heute etwa Studenten oder auch kirchliche Mitarbeiter in
der Diakonie, die mit ziemlicher Regelmäßigkeit keiner Kirche angehören, wie das denn in ihrer Familie
gewesen mit Glauben, Religion und Kirche, ob sie z. B. wissen, wann das aufgehört hat, dass die Kinder
getauft worden sind oder konfirmiert, ob z.B. der Großvater Kirchenmitglied gewesen, dann erhält man
sehr oft zur Antwort: Nein, das weiß ich gar nicht. Darüber habe ich noch nie nachgedacht, darüber hat
noch niemand in unserer Familie gesprochen. Es gibt heute keinen wirklichen weltanschaulichen Streit in
der (östlichen) Gesellschaft. Ginge man auf die Straße oder den Uni-Campus und fragte: „Bist Du Christ
oder Atheist?”, dann würden vermutlich die meisten antworten: „Ich bin nichts, ich bin normal”. Es ist
also nicht das Thema unserer Zeit. Die Leute haben eben nicht nur Gott vergessen, sondern sie haben
vergessen, dass sie Gott vergessen haben.
V.
Aber: Jammern nützt nichts, gerade aus dem Glauben muss die Fähigkeit folgen, jeder Situation ins Auge
zu blicken, deswegen muss man das ganz nüchtern wahrnehmen. Allerdings gilt auch heute: Das Leben
in einer offenen, demokratischen Gesellschaft erfordert es, dass Gruppen vorhanden sind, die helfen
Werte zu bilden und Überzeugungen zu stabilisieren. Wir spüren das natürlich, aber meist versuchen wir,
Probleme dadurch zu lösen und zu verhindern, dass wir das Recht verschärfen und also vornehmlich auf
Kontrolle setzen. Also: Wenn etwa die Banken verrückt spielen, dann rufen alle nach mehr Kontrolle und
mehr Aufsicht. Oder: Jetzt gibt es ja sogar den Vorschlag, dass alle Dissertationen durch den Computer
geschickt werden sollen, damit Plagiate sichtbar werden. Aber: Die Verschärfung des Rechts in diesem
Geist weckt geradezu Phantasien, nach neuen Schlupflöchern zu suchen. In unserer Gesellschaft scheint
daher schon eine Art unseliger Wettbewerb ausgebrochen zwischen „Schlupflochsuchern” und
„Schlupflochstopfern”, wobei die ersteren immer etwas schneller zu sein scheinen. Am Ende braucht es
doch die nüchterne Überzeugung: „So etwas macht man nicht!”. Sie können das bei sich selber testen,
ob sie sich im Straßenverkehr ordentlich verhalten aus Einsicht, oder weil geblitzt wird. Es ist natürlich
nicht falsch zu sagen, dass es Recht und Ordnung in der Welt braucht. Wer wüsste das besser als
Protestanten. Schon Luther hat es als „Schwärmerei” bezeichnet, zu meinen: Wenn alle fromm sind,
braucht man keine Polizei mehr. Das ist Schwärmerei. Es braucht Recht und Ordnung. Aber wir müssen
auch klar sehen, dass es – wiederum nach Luther – „eitel Heuchelei” ist, zu meinen, eine Gesellschaft
nur mit Recht und Ordnung regieren zu wollen. Es braucht nämlich Menschen, die sich freiwillig und aus
Einsicht ordentlich verhalten und nicht, weil sie sonst gestraft werden. Ich kann nicht sagen: weil der
Doktorvater einen PC hat, darf ich nicht falsch zitieren. Ich muss es von mir aus und um meiner selbst
willen wollen. Und wo bestärke ich genau diesen Willen? Der Staat kann das mit der Verschärfung von
Aufsicht und Kontrolle nur schwer durchsetzen. Der demokratische Staat kann den Bürgern Freiheit
garantieren, das ist auch seine Aufgabe. Aber er kann nicht garantieren, dass die Bürger ihre Freiheit
auch zum Wohle der Gemeinschaft gebrauchen und nicht egoistisch missbrauchen. Das kann der Staat
nicht garantieren. Luther hat deshalb schon auf – seiner Meinung nach – zwei wichtige Berufe gesetzt:
Juristen und Theologen, weil die Juristen für die Ordnung sorgen müssen und die Theologen für den guten Menschen. Es sei die Obrigkeit dafür verantwortlich, die entsprechenden Schulen zu errichten und
die Eltern müssen ihre Kinder zur Schule schicken und nicht einfach nur zum Geldverdienen erziehen.
„Und kehre dich nichts dran, daß jetzt der allgemeine Geizwanst die Wissenschaft so sehr verachtet und
sagt: Ha, wenn mein Sohn deutsch schreiben, lesen und rechnen kann, so kann er genug; ich will ihn zum
Kaufmann (in die Lehre) tun. Sie sollen in Kürze so kirre werden, daß sie einen Gelehrten gern zehn Ellen
tief aus der Erde mit den Fingern grüben. Denn der Kaufmann soll mir nicht lange Kaufmann sein, wo die
Predigt und die Rechte hinfallen, das weiß ich fürwahr. Wir Theologen und Juristen müssen bleiben, oder
sie sollen allesamt mit uns untergehen; das wird mir nicht fehlgehen. Wo die Theologen aufhören, da
hört Gottes Wort auf und bleiben nichts als Heiden, ja nichts als Teufel; wo die Juristen aufhören, da hört
das Recht samt dem Frieden auf und bleibt nichts als Raub, Mord, Frevel und Gewalt, ja nichts als wilde
Tiere. Was aber der Kaufmann erwerben und gewinnen wird, wo der Frieden aufhört, das will ich ihm
alsdann sein Kassenbuch sagen lassen, und wie nütze ihm alsdann all sein Gut sein wird, wo die Predigt
dahinfällt, das soll ihm sein Gewissen recht zeigen.”
Das mutet heute natürlich etwas schlicht an, was Martin Luther in seiner „Predigt dass man Kinder zur
Schule halten soll”, darstellt. Aber der Kern ist richtig: Recht ist nötig, aber Recht allein reicht nicht aus.
VI.
Auch wir brauchen heute beides, auch wenn es etwas komplizierter geworden zu sein scheint. Wie
funktioniert Überzeugungsbildung unter den Bedingungen des freiheitlichen, weltanschaulich neutralen
Rechtsstaates? Es ist richtig: Der weltanschaulich neutrale Staat kann und darf keine Überzeugungen
vorgeben. Wir im Osten sind froh darüber, dass es vorbei ist, dass der Staat – „zum Wohl des Volkes” –
eine Weltanschauung vorzuschreiben sich bemühte. Aber es ist falsch daraus nun abzuleiten, dass der
Staat wegen seiner weltanschaulichen Neutralität nun passiv auf diesem Felde zu sein habe. Der
bekannte Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde hat das so formuliert: Der weltanschaulich
neutrale Staat hat die Aufgabe, „raumgebend” tätig zu sein. Er muss „Räume” ermöglichen, in denen sich
Werte und Überzeugungen bilden können. Er tut das, indem er Museen unterhält und Universitäten,
Archive, Theater und öffentlichrechtlichen Rundfunk usw. In diesen „Räumen” selbst ist dem
weltanschaulich neutralen Staat dann große Zurückhaltung auferlegt. Er geht damit freilich ein Wagnis
ein, aber das muss er tun, da er selbst nicht die Voraussetzungen schaffen kann, auf denen eine
demokratische Gesellschaft aufbaut. An diesem Punkt haben dann auch die Kirchen etwas zu sagen: Da
können wir uns als Christen nicht drücken. Wir sind nicht die Einzigen – das wollen wir auch gar nicht
beanspruchen –, aber wir sind die unwichtigste gesellschaftliche Gruppe nicht, die dazu helfen kann,
Werte und Überzeugungen zu bilden und bei den Menschen zu stabilisieren. Das ist keine leichte
Aufgabe, aber gerade die Kirche haben dazu gute Voraussetzungen, weil man ja weiß: Werte,
Überzeugungen, Haltungen lassen sich niemals nur „über den Kopf”, gewissermaßen durch Belehrung
vermitteln. Darin muss man sich üben. Die Kirche hat ein Kirchenjahr, eine Liturgie, sie hat Feste und
Feiern und Fastenzeiten. Und: Alle Jahre wieder ist Weihnachten. Und jeden Sonntag kann man es hören,
auch wenn es möglicherweise von Montag bis Samstag wieder etwas „wegrutscht.” Aber dann kommt ja
wieder der Sonntag. Wertebildung muss geübt, eingeübt und trainiert werden, am Besten von
„Kindesbeinen” an bis ins hohe Alter. Ein weiterer Vorteil für die Kirchen ist, dass sie, weil sie wissen,
dass Menschen „Menschen” und eben keine Heiligen oder kleine Götter sind, mit Schuld und Versagen umgehen können. Sie helfen Menschen nach Niederlagen wieder aufzustehen und einen neuen Anfang
zu wagen. Denn bei allen guten Vorsätzen und bei allem, was ich wirklich will: ich bleibe – wenn ich
ehrlich bin – hinter meinen eigenen Zielen zurück. Es gibt eine Differenz zwischen meinem Wollen und
meinem Vollbringen. Der Glaube will mir helfen zum nüchternen und wahrhaftigen Umgang mit mir und
meinem „Zurückbleiben” hinter dem, was ich mir vorgenommen habe. Ich gebe ihnen ein Beispiel dafür,
wie äußere Formen innere Haltungen bestärken können: Ich habe z. Z. einen kirchlichen Auftrag für das
Verhältnis unserer Kirche zu den Organisationen des Handwerks. Betrachtet man die Entwicklung der
letzen Jahre, so ist deutlich, dass auch im Osten wieder verstärkt auf Traditionen des Handwerks
(Meisterfeiern, Innungstage, „Freisprechungen” etc.) gesetzt wird. Das alte Brauchtum, auch mit
öffentlichen Umzügen und Fahnenschwenken ist zurückgekehrt. Es war auch in der DDR nie ganz
beseitigt, aber stark eingeschränkt. Heute ist daran abzulesen, wie Brauchtum Werte stabilisieren hilft.
Was „ehrbares Handwerk” ist, muss man auch „körperlich” und fassbar erfahren. Manche Universitäten
überlegen, wie sie z.B. Promotionsfeiern wieder würdiger gestalten können (Doktorhüte?). Und sogar
manche Schulen wollen ihre Abschlusszeugnisse am liebsten in einer Kirche überreichen. Alle
Institutionen haben die Aufgabe Werte zu sichern und gegen die „Tagesform” zu schützen.
VII.
Wir können froh sein, dass wir als Kirchen mit so vielen Möglichkeiten und Chancen heute mit tätig sein
können. Das gilt auch für die kirchliche Arbeit an und mit Studierenden. Und: Die Studentengemeinden
stehen da vor spannenden Herausforderungen. Wir haben heute schon gehört, dass die
Studentengemeinden schon in der DDR ziemlich stolz drauf waren, dass sie – katholisch und evangelisch
– viel gemeinsam tun konnten und die Oekumene bei ihnen lebendig war. Aber wie funktioniert das
heute mit anderen Gruppen, z.B. an der Universität? Ich sehe da eine große Aufgabe für unsere ganze
Gesellschaft und an der Universität können wir das schon ein bisschen üben: Wie leben Leute mit
verschiedenen Religionen, verschiedenen Weltanschauungen zusammen? Das ist für unsere Kirchen die
härteste Herausforderung, vor der wir heute stehen. Denn die Leute im Lande glauben uns das nicht
mehr, dass von Kirche oder vom Glauben eine Friedfertigkeit ausgeht. Es gibt viel mehr Menschen als wir
denken, die sagen: Bloß gut, dass wir das hier im Osten mit der Religion hinter uns haben, schaut sie
euch doch an, schaut nach Nordirland, nach Pakistan und nach Israel. Die hauen sich doch bloß
gegenseitig die Köpfe ein. Wenn es keine Religion gäbe, wäre die Welt viel friedlicher. So oder ähnlich
denken heute viel mehr Menschen, als wir vermuten. Und das ist eine große Herausforderung für uns: zu
zeigen, dass wir das hinkriegen, dass verschiedene Konfessionen und Religionen miteinander
auskommen und im Gespräch miteinander stehen können. Es gibt ja selbst in der Universität in Leipzig
nicht nur evangelisch und katholische Christen, es gibt ja auch andere christliche Gruppen, die nicht zur
KSG oder ESG gehören (z. B. die stärker evangelikal ausgerichtete SMD oder auch „Campus für Christus”).
Und es gibt es gibt christliche Gruppen mit anderer Kulturprägung, „Migrationsgemeinden” zu denen
auch Studenten gehören. Und dann die anderen Religionen, die in einer pluralen Gesellschaft und ihren
Universitäten nun einmal alle vorhanden sind. Auch wenn wir im Osten erst anfangen das zu erleben und
immer noch eine gewisse kulturelle Geschlossenheit haben: Wir dürfen schon einmal ein wenig üben.
Wir stehen vor der Aufgabe zu zeigen, dass von Glauben und Religion Friedfertigkeit ausgeht und Liebe
zu den Menschen. So ganz einfach nehmen es die Menschen nicht mehr ab. Wir sind es schuldig, diesen Beweis anzutreten.
VIII.
Es reicht nämlich nicht mehr darauf zu verweisen: Wir sind doch alle so tolerant. Der Toleranzbegriff
verkommt zunehmend zur Banalität. Ich kann nur etwas tolerieren, was ich für falsch halte. Wenn ich es
nicht für falsch halte, kann ich ja zustimmen. Und da muss es Gründe geben, warum ich das, was ich für
falsch halte trotzdem hinnehme, aushalte und akzeptiere. Das können verschiedene Gründe sein. Aber
wir müssen uns klar machen, von Toleranz zu reden ist Unsinn, wenn ich nicht auch von den Grenzen der
Toleranz rede. Das gilt im persönlichen Leben und eben so auch für das Leben einer Gesellschaft.
Grenzen der Toleranz müssen zumeist streitig ermittelt werden, eine schöne und wichtige universitäre
Aufgabe, an der sich die Studierendengemeinden beteiligen können. Wir werden die Welt nicht einfach
verbessern können, aber unsere Gesellschaft braucht das, dass es Menschen gibt, die sich aus
Überzeugung einlassen. Die von ihrer Überzeugung getrieben, etwas tun. Als Christen werden wir dabei
sein und wir haben heute gute Chancen und gute Möglichkeiten.