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Seid ihr noch das Salz der Erde?

Aufgaben der Studentengemeinden heute aus studentischer Perspektive

Johanna Rogge

Die Katholische Studentengemeinde (KSG) ist für mich ein Ort der Begegnung und des Austauschs über die verschiedenen Lebens- und Glaubensfragen. Durch das gemeinsame Feiern der Heiligen Messe und durch die Gespräche über unseren Glauben und was er heute für uns bedeutet, wird mir der Auftrag deutlicher, den wir durch den Glauben an Jesus Christus bekommen haben. Für mich ist das der Einsatz gegen Ungerechtigkeit, für Frieden und einen respektvollen Umgang miteinander und mit unserer Umwelt. Wir leben als Christen nicht in einer Parallelwelt, in der wir nur auf das Jenseits warten. Wir
sind hineingestellt in diese Welt, um sie mitzugestalten und ihr ein menschliches Antlitz zu verleihen. In der KSG unterstützen wir beispielsweise verschiedene soziale Projekte – in den Wintermonaten haben wir in einer Notübernachtung für Obdach- und Wohnungslose geholfen, es gibt Studierende, die Kindern einmal in der Woche vorlesen oder ältere Menschen bei Einkäufen und Erledigungen begleiten. Die Studentengemeinde kann hierfür Anstoß geben und einen Rahmen schaffen, denn im Alltag des
Studiums gehen solche Aktivitäten viel zu schnell unter. Auch im Hinblick auf das Leben in der Kirche kann die Studentengemeinde für Würze sorgen. Es gibt nicht viele Gemeinden, die so lebendig und
bewegt sind. Für mich sind die vielen Aktivitäten und Initiativen innerhalb des Gemeindelebens eine neue Erfahrung, die mich wieder näher an die Kirche herangeführt hat. Mit diesem Rückenwind und
Tatendrang können wir nach dem Studium in die Welt aufbrechen, Kirche und Gesellschaft mitgestalten und getragen von unserem Glauben unseren Weg gehen.

Allein im Kampf ums Überleben

Erfahrungen mitteldeutscher Studenten in den Lagern des GULag

Professor. Dr. Werner Gumpel

„Was im Folgenden Platz greifen soll, ist unüberschaubar. Um die ungeheuerliche Wahrheit all dessen begreifen und bis zum Grund erfassen zu können, hätte man viele Leben durch die Lager schleppen müssen, durch jene Lager, in denen auch schon die eine Frist nicht ohne Begünstigungen durchzustehen war, denn es sind die Lager zur AUSROTTUNG ersonnen worden. …. Doch auch ein Schluck genügt, um zu wissen, wie das Meer schmeckt.“

Alexander Solshenizyn, „Der Archipel GULag, Folgeband, 1974

Das SED-Regime in der DDR entledigte sich seiner politischen Gegner nicht nur in dem es sie in die landeseigenen Gefängnisse und Zuchthäuser sperrte, sondern auch durch deren Deportation in die UdSSR. Wie so vieles in diesem Staat, geschah dies ohne rechtliche Grundlage: Die Menschen wurden von den deutschen Sicherheitsorganen verhaftet, und nach wenigen Tagen bereits an das MGB (später KGB) übergeben. Die Verfassung der DDR bestimmte zwar in Artikel 10, Abs. 1 (alte Fassung): „Kein Bürger der DDR darf einer auswärtigen Macht ausgeliefert werden.“ Doch was bedeutete in diesem Staat die Verfassung oder ein Gesetz?

 Die Verhaftung erfolgte vornehmlich von der Straße weg oder an unauffälligen Stellen, und ohne Haftbefehl. Eine Benachrichtigung  der Angehörigen erfolgte nicht, so dass die Betroffenen spurlos verschwanden. Erst nach Jahren konnten sie den Eltern oder Ehepartnern eine Nachricht zukommen lassen. Die Sowjets  stellten diese Oppositionellen vor ein Militärtribunal und verurteilten sie zumeist zu 25 Jahren Zwangsarbeit oder zum Tode durch erschießen. Auch über mitteldeutsche Studenten wurden Todesurteile verhängt. So wurden beispielsweise auch neun Studenten der Universität Leipzig erschossen, unter ihnen Herbert Belter aus Rostock. Andere wurden, ebenso wie ihre Kommilitonen aus anderen Universitäten, in die Sowjetunion verbracht und landeten dort zumeist in den Lagern Workutas, 160 Kilometer nördlich des Polarkreises, mit einem entsprechend rauen, ja mörderischen Klima. Die Studenten gehörten zu den wahrscheinlich mehr als achttausend Personen, die bis 1955 in die Sowjetunion verbracht wurden. Nach Angaben der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial wurden 926 von ihnen in Moskau erschossen. 

Wessen wurden diese Menschen beschuldigt, was brachte sie in den GULag?[1] Für die Studenten, die ihre Stimme gegen das SED-Regime erhoben, war es zumeist die Unzufriedenheit mit der an der Universität herrschenden Unfreiheit und der allgegenwärtigen Gängelung und Bespitzelung, die sie in die Opposition führte. Die SED setzte aber auch Provokateure ein, um regimekritische Studenten zu erkennen und zu eliminieren. Der Widerstand gegen das Regime hatte aber keinen militanten Charakter. Er erfolgte vielmehr auf friedliche Weise durch das Verteilen von selbst gefertigten oder aus Westberlin beschafften Flugblättern und kritischen Schriften und Zeitschriften. Ein russisches Sprichwort sagt: „Ein Fischer erkennt den anderen schon aus der Ferne“. So erkannten sich auch die oppositionell gesinnten Studenten zum Beispiel an der Sprache, indem sie den offiziellen Jargon verschmähten, aber auch in der Art, wie sie sich den Kommilitonen gegenüber gaben und benahmen. Sie sprachen nicht „parteichinesisch“, sondern benutzten eine ganz „normale“ Sprache. So fanden sie zusammen.

Die Leipziger Studenten landeten zumeist in dem Kellergefängnis der Russen in Dresdens Bautzener Straße, in Zellen ohne Tagesicht. Nur eine Hundertwattbirne strahlte die Gefangenen Tag und Nach an. Auf einem Holzpodest lagen in der Regel vier Personen, die sich die etwa acht Quadratmeter große Zelle teilen mussten. Neben der Tür stand ein Kübel, in den die Notdurft verrichtet wurde. Das Essen: Tag für Tag Erbsensuppe, was nicht unbedingt zur Verbesserung der Luft beitrug. Tausende von Flöhen quälten die Gefangenen bei Tag und bei Nacht.

Die Verhöre erfolgten stets bei Nacht und dauerten bis in die Morgenstunden, tags jedoch wurde  jede Form des Schlafes unterbunden. In den Verhören wurde nicht preisgegeben, wessen der Angeklagte beschuldigt wurde, sondern er hatte nachzuweisen, dass er beispielsweise kein Spion war. Doch wie sollte dies geschehen? Doch auch wenn dies gelungen wäre, wäre es ohne Wirkung geblieben. Freigelassen wurde niemand und wo es keinen Grund für die Verhaftung gab, wurde er erfunden. Durch den Schlafentzug brach so mancher Gefangene psychisch und physisch zusammen.

Die Anklage gegen die Mitglieder der „Gruppe Belter“ lautete: Antisowjetische Propaganda (Art. 58, 10 des Strafgesetzbuchs der RSFSR), Gruppenbildung (Art. 58,11), und für vier ihrer Mitglieder Spionage (Art. 58,6). Allen wurde zur Last gelegt, antikommunistische Flugblätter und Schriften verteilt zu haben, als Spionage wurde eine Rundfunksendung für den Hochschulfunk des RIAS gewertet. Eine Anklageschrift wurde den Gefangenen nicht zugestellt, ebenso erhielten sie keine schriftliche Ausfertigung des Urteils. Einen Anwalt oder Verteidiger gewährte man ihnen nicht. Herbert Belter wurde als „Rädelsführer“ zum Tode durch erschießen verurteilt, drei Angeklagte, darunter der Verfasser dieses Berichts, wurden zu zweimal fünfundzwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt (antisowjetische Propaganda und Spionage), die anderen zu je 25 Jahren Zwangsarbeit. Herbert Belter wurde, wie erst nach vierzig Jahren bekannt wurde, drei Monate nach der Verurteilung in Moskau erschossen.

Ziel der erbarmungslosen Militärjustiz war die Ausrottung der Opposition in der DDR, aber auch die Beschaffung von Arbeitssklaven für die unwirtlichen Erschließungsregionen der UdSSR. Der GULag hatte eine Doppelfunktion: Er war Terrorinstrument und er diente wirtschaftlichen Zwecken. Alle „Großbauten des Kommunismus“, wie der Eismeerkanal, der Wolga-Don-Kanal oder die Erschließung des Hohen Nordens, entstanden durch Gefangenenarbeit. Die Sowjetunion wurde durch Sklavenarbeit erschlossen. Die Gefangenen sollten durch schwerste Arbeit bei mangelhafter Ernährung vernichtet werden.

Etwa drei Monate nach der Urteilsverkündung  erfolgte die Verbringung der Gefangenen in die UdSSR. Der Weg nach Workuta erfolgte über verschiedene Zwischenstationen in den Gefängnissen verschiedener Städte, wie Brest, Gomel, Moskau und Syktyvkar. In den dortigen Massenzellen, die mit bis zu fünfzig Personen belegt waren, gab es zwar keine Flöhe, dafür aber Tausende von Wanzen, die die Gefangenen quälten. Dies galt auch für die Lager Workutas.

Der Transport erfolgte in speziellen Waggons, die im Gefangenen-Jargon  „Stolipinski“ genannt wurden. P. A. Stolypin war von 1862 – 1911 russischer Ministerpräsident. Er verbannte 1907 die sozialdemokratischen Duma-Abgeordneten als Revolutionäre nach Sibirien, wozu die speziellen Gefangenen-Waggons konstruiert wurden, die heute seinen Namen tragen. Die Fahrt in diesen Waggons, deren Zellen rettungslos überbelegt waren, war für die Gefangenen eine Qual, nicht nur wegen der herrschenden Enge, sondern auch wegen quälenden Dursts und Hungers. Die Verpflegung nämlich bestand aus einem Kanten Brot und einem ungewässerten Salzhering, den viele, um ihren Hunger zu stillen, verzehrten. Nur zweimal am Tag jedoch wurde ein Becher mit Wasser gereicht, dessen geringer Inhalt, vom Wachhabenden angetrieben, auf einen Zug hintergestürzt werden musste. Ohne Zwischensäuberung  diente er der „Tränkung“ aller Gefangenen des Waggons.

Workuta, wohin auch die Mehrzahl der oppositionellen mitteldeutschen Studenten verbracht wurde, galt in der UdSSR als eines der schlimmsten Strafgebiete. Als Zar Nikolaus I. (1825 -1855) von seinen Ratgebern vorgeschlagen wurde die Gegend um die Flüsse Petschora und Workuta zum Verbannungsgebiet zu erklären, ließ er sich angeblich einen Bericht über die dortigen Lebensbedingungen geben. Er entschied, dass es keinem Menschen zuzumuten sei, dort zu leben. Für das Politbüro der Kommunistischen Partei war dies allerdings kein Argument. Für die kommunistische Führung war entscheidend, dass die umfangreichen Kohlevorkommen dieser Region erschlossen wurden.

Den Befehl zur Errichtung des Lagerkomplexes Workuta gab Stalin im August 1943. Bis dahin war Workuta nur eine kleine Station am Ufer des Flusses Workuta. Die Verbringung politischer Gefangener in dieses Gebiet hatte allerdings schon im Jahr 1931 begonnen. Damals wurde der erste Schacht für den Kohlebergbau errichtet. Die Lager war so geheim, dass Post nur unter der Tarnadresse „Moskau, Postfach 223“ dorthin verschickt werden durfte (für deutsche Gefangene galt, nachdem sie Schreiberlaubnis erhalten hatten, die Tarnadresse „Moskau 5110“). Andere Lager, in denen sich missliebige DDR-Bürger befanden, waren Inta, Norilsk (ebenfalls im Hohen  Norden) und Taischet in Sibirien. Nördlich von Workuta befinden sich das Gebiet von Amderma und die Insel Novaja Semlja – beide seit 1957 absolut verstrahlt. Die radioaktive Strahlung übertrifft dort die natürliche Strahlung um das Tausendfache.[2] Dies allerdings blieb den deutschen Gefangenen noch erspart.

Die nach Workuta deportierten deutschen Studenten wurden sofort in den Arbeitsprozess eingegliedert. Je nach körperlicher Verfassung landeten sie im Bergbau oder wurden beim Bau der neu zu errichtenden Stadt Workuta eingesetzt. Im Bergbau galt die Achtstundenschicht, im Stadtbau währte eine Schicht zwölf Stunden. Erst nach Stalins Tod wurde die Arbeitszeit verkürzt. Jeder zehnte Tag war frei. Die Schächte Workutas unterstanden dem Ministerium für Kohleindustrie. Zu jedem der ca. 30 Schächte gehörte ein Zwangsarbeitslager.

Für die deutschen Studenten, wie für alle Deutschen, die neu ankamen, war es schwer, nach einem halbjährigen oder längeren Gefängnisaufenthalt unvermittelt schwere körperliche Arbeit verrichten zu müssen. Dazu kam die Notwendigkeit, sich dem extremen Klima und den Lagerbedingungen anzupassen. Zu diesen Bedingungen gehörte das Leben im Lager: In den Baracken, die mit etwa 100 Personen belegt waren, schliefen sie auf einer zweistöckigen, von Wand zu Wand reichenden Bretterstellage, auf der die Schlaf suchenden eng neben einander lagen. Als Matratze diente ein mit Holzspänen gefüllter Sack. Zu essen gab es am Morgen und am Abend: Die Ration war von der Erfüllung der Arbeitsnorm abhängig. Viele Gefangene litten auf Grund der mangelhaften Ernährung an verschiedenen Formen der Dystrophie.

Im Lager befanden sich zunächst relativ wenige Deutsche. Es waren zu einem großen Teil Mitglieder der sogen. Blockparteien der DDR, vor allem Liberaldemokraten und Mitglieder der CDU, aber auch Sozialdemokraten und auch einige Altkommunisten, die bereits unter Hitler in deutschen Konzentrationslagern gelitten hatten, Parteilose und Unpolitische, die auf die verschiedenste Weise mit dem DDR-Regime in Konflikt geraten oder völlig unschuldig dem kommunistischen Terror zum Opfer gefallen waren. Nach den eigenen Erfahrungen war das Verhältnis der Deutschen unter einander gut. Problematischer war das Zusammenleben mit den Bürgern der Sowjetunion. Hier überwogen die Ukrainer und die Angehörigen der baltischen Völker, aber auch die Völkerschaften Zentralasiens und des Kaukasus waren reichlich vertreten. In Relation zur Gesamtzahl der Gefangenen gab es relativ wenige Russen. Diese Menschen gehörten allen sozialen Schichten an, es überwogen aber die mit geringem Bildungsgrad. Das hatte den Grund darin, dass viele von ihnen auf irgendeine Art mit der deutschen Besatzungsmacht kollaboriert hatten oder ukrainische Bauern waren, die den bis in die fünfziger Jahre hinein aktiven antikommunistischen Partisanen freiwillig oder unter Androhung von Waffengewalt Lebensmittel hatten zukommen lassen. Die Ukrainer pflegten aber auch eine militante Ablehnung des Sowjetsystems, weil mindestens sechs Millionen von ihnen dem Stalin’schen Terror zum Opfer gefallen waren.

Auch die baltischen Völker hatten unter Stalin besonders gelitten. Massenerschießungen und Deportationen in unwirtliche Gebiete bzw. Einlieferung in die  Lager des GULag waren dort an der Tagesordnung gewesen.

Relativ zahlreich im Vergleich zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung waren die Juden vertreten. Die meisten von ihnen, zumeist einfache Arbeiter, wollten nach Israel auswandern und wurden deswegen der Spionage bezichtigt: „In Israel hättet ihr über die Sowjetunion berichtet.“ Das Urteil: 25 Jahre Zwangsarbeit wegen Spionage. Gleichermaßen willkürlich war die Mehrzahl der Urteile. Ein russischer Arbeiter war nach Wodkagenuss durch Leningrad gelaufen und hatte wiederholt gerufen: „Stalin ist ein Teufel!“. Wegen antisowjetischer Hetze erhielt er 25 Jahre Zwangsarbeit. Ein georgischer Freund in meinem Alter sah auf der Straße einen  guten Bekannten auf sich zukommen – begleitet von einer ihm, nicht bekannten Person, in der Hand eine Zeitung. Zu jener Zeit gab es keine Zeitung, auf deren erster Seite sich nicht ein Bild Stalins befand. Der junge Georgier sagte: „Zeig’ mal deine Zeitung. Ach schon wieder der Stalin. Wenn ich ihn hier hätte, ich würde ihn umbringen.“ Der dritte Mann war ein Spitzel. 25 Jahre Zwangsarbeit wegen Terror: Wenn Stalin da gewesen wäre, hätte er ihn ja getötet…

Im Allgemeinen wurde nicht über den eigenen „Fall“ gesprochen, doch wenn man ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut hatte, konnte auch er Thema sein. So berichteten mir Kasachen und Turkmenen von ihrem Eintreten für einen freien kasachischen bzw. turkmenischen Staat und ihrm Ziel, alle Turkvölker in einem panturanischen Staatsgebilde zu einen, ein Gedanke, der nach der politischen Wende auch vom türkischen Ministerpräsidenten und späteren Staatspräsidenten Turgut Özal vertreten wurde.

In dieses Konglomerat von Völkerschaften und sozialen Schichten wurden die deutschen Studenten geworfen. Einige von ihnen hatten Kenntnisse der russischen Sprache von der Schule mitgebracht. Sie waren zwar gering, erleichterten aber das Zusammenleben mit den Menschen der anderen Nationalität. Für die, die keinerlei Sprachkenntnisse hatten, war der tägliche Kampf ums Überleben besonders schwer, denn insbesondere bei der Arbeit kam es leicht zu Missverständnissen, die oft großen Ärger brachten und, was schlimmer war, der Brigadier, bei dem es sich zumeist um einen nach einem politischen Paragraphen verurteilten Kriminellen handelte, schikanierte den „Sprachlosen“ und schrieb ihm weniger Prozente auf, so dass die Essensration gekürzt wurde.

Da das Erlernen der russischen Sprache die einzige intellektuelle Herausforderung war, bemühten sich die meisten Studenten ihre Sprachkenntnisse zu verbessern, was ohne Lehrbuch und ohne Papier und Schreibmöglichkeit jedoch schwierig war. Doch je besser die Kenntnis des Russischen war, das die lingua franca des Lagers darstellte, desto mehr nahm die Möglichkeit zu, sich mit den Mitgefangenen zu unterhalten, kameradschaftliche oder gar freundschaftliche Bande zu zimmern und vom Leben in der Sowjetunion zu erfahren. Dazu brauchte es allerdings einige Zeit, denn zunächst wurden die Deutschen besonders von den Russen und den Ukrainern gerne als „Faschisten“ beschimpft. Auch hier galt es auf Russisch zu parieren und die wichtigsten Lagerschimpfworte zu kennen und anzuwenden. Das half zumeist.

An diese Dinge gewöhnten sich die deutschen Gefangenen. Besonders das Fluchen war bald erlernt. Schwer dagegen war es, das Gefangenendasein als solches zu ertragen. Als Gefangener war man niemals allein, weder bei der Arbeit, noch in der Baracke. Es gab keinerlei Privatheit, kein persönliches Leben, keinen persönlichen Besitz. Dem entsprechend verfügte der Gefangene auch über keinen Spind oder auch nur Fach, geschweige denn ein abschließbares. Wenn der Gefangene wirklich etwas besaß,  beispielsweise ein Stück Brot oder eine Nähnadel, so bewahrte er diese am Leib auf. Bei den immer wieder stattfindenden Durchsuchungen wurde ihm sogar ein Bleistift, den er vielleicht von einem freien Arbeiter auf dem Objekt erbettelt hatte, weggenommen.

Der Gefangene im GULag ist Besitz des Staates, wie ein Tier. Die Köpfe sind kahl geschoren, die Haare an allen Körperteilen entfernt. An Arm und Hose ist die Sträflingsnummer angebracht, mit der sich der Gefangene beim Appell zu melden hat. Der Gefangene ist in diesem System absolut entpersönlicht, entindividualisiert und damit entwürdigt. Er soll die Achtung vor sich selbst verlieren und sich als Abschaum empfinden. Wie stark dies psychisch auf ihn gewirkt hat erfuhr man, wenn man von der Abendschicht kommend in die Baracke mit den schlafenden Gefangenen trat. Die Menschen stöhnten im Schlaf, gaben Schreie von sich und sprachen wirr, dass einen das Erbarmen, aber auch das Grauen ergriff. Dabei war man ja der gleiche wie sie…

Besonders groß war die psychische Belastung der deutschen Gefangenen. Ihnen war jeglicher Kontakt mit den Angehörigen untersagt. Die jungen Studenten waren dabei noch weniger belastet als die älteren Kameraden, die in Deutschland eine Familie zurück gelassen hatten und nicht wussten, was aus dieser geworden war. Aber auch für die jüngeren Gefangenen war der seelische Druck groß: Sie waren spurlos verschwunden, niemand wusste wohin und warum, was mit ihnen geschehen war. Niemand würde wissen wann, wie und wo sie verstorben waren, falls der Tod sie traf, und wo ihre sterblichen Überreste im Boden liegen. Aber auch der Gedanke, für 25 Jahre, falls man sie erlebte, im Lager zubringen zu müssen und die Lieben niemals wieder sehen zu können, belastete die Seele schwer. An ein Ende des Martyriums war ja nicht zu denken, denn die Sowjetunion war international anerkannt und an Hilfe von außen war nicht zu denken – höchstens als brüchiger Strohhalm. Stalin war noch relativ jung – er war 1949 erst siebzig geworden und hätte noch lange leben können. Die Aussicht auf Freiheit und Leben war nahe Null. Stalin  starb, Gott sei Dank, unerwartet am 5. März 1953. Es dauerte aber noch mehr als anderthalb Jahre, bis die Mehrzahl der Gefangenen nach Hause in die Freiheit zurückkehren konnten. Trotz der Aussichtslosigkeit das Lager jemals lebend wieder verlassen zu können, trotz schwerster körperlicher und psychischer Belastung, hatten die deutschen Gefangenen und besonders die jungen Studenten einen nicht zu brechenden Überlebenswillen. Er trug, dazu bei, dass die Mortalität unter ihnen gering war.

Gefahren lauerten nicht nur bei der Arbeit auf Grund der fast völlig fehlenden technischen Sicherheitsmaßnahmen, gravierend waren auch die schlimmen sanitären Einrichtungen und die mangelnde Hygiene. In den Baracken stand ein Kübel, in denen bei Nacht die Notdurft verrichtet werden konnte. Tags lief man einige Meter zu einen Bretterverschlag. In die über einer Erdaushebung verlegten Bretter waren Löcher gesägt über denen die Gefangenen in Reihe hockten, und durch die die Exkremente fielen. Bei Temperaturen von minus 40 Grad und darunter musste dieses Geschäft so schnell wie möglich verrichtet werden.

Die Enge in den Baracken (zumindest in den ersten Jahren lagen die Gefangenen auf  durchgehenden Stellagen auf engstem Raum Seite an Seite, wodurch infektiöse Krankheiten einen idealen Nährboden fanden), sowie die praktisch nicht vorhandenen Möglichkeiten der Körperpflege (nur alle zehn Tage wurden die Gefangenen in die „Banja“ geführt, wo sie sich richtig waschen konnten) führten immer wieder zu Epidemien. Es gab nicht einmal Zahnbürsten. Krank geschrieben wurde nur, wenn der körperliche Zustand eine Arbeit tatsächlich unmöglich machte. Besonders häufig waren die Erkrankungen an Hepatitis und Tuberkulose. Aus den großen körperlichen und psychischen Belastungen, sowie aus den klimatischen Bedingungen resultierte meist schon nach kurzer Zeit eine Erhöhung des Blutdrucks. Zahlreiche Gefangene lebten mit einem Blutdruck von 240 -250 mm Quecksilber, also am Rande eines Schlaganfalls. Medikamente erhielten sie nicht. Aber auch Grippewellen verbreiteten sich durch die Überbelegung der Baracken und das Fehlen einer Prophylaxe. Häufig waren auch Avitaminosen, deren sichtbarstes Zeichen fehlende Zähne waren. Viele Gefangene befanden sich aber auch ohne direkte Erkrankung als  Folge der unzureichenden Ernährung, der schweren körperlichen Arbeit und den oftmals langen Wegen zu und von der Arbeitsstelle in einem Zustand permanenter Schwäche. Wenn ein Gefangener auf Grund seiner Schwäche nicht in der Lage war, die Arbeitsnorm zu erfüllen, erhielt er nur den sogen. „3. Kessel“. Der bestand aus 400 Gramm Brot, das zu 60 Prozent aus Wasser bestand, einer Kohlsuppe, 250 Gramm „Kascha“ (Brei), einem Stück Fisch und 3 Gramm Öl. Operationen, wie Blinddarmentfernung, Leistenbrüche oder das Ziehen von Krampfadern, erfolgten ohne Narkose oder maximal unter örtlicher Betäubung. Die Narkose- und Betäubungsmittel wurden unter Mitwirkung der Lagerleitung nach außen verschoben. 

Auch in den Gefängnissen und Lagern des Zaren waren die Ernährung und die allgemeinen Zustände Schrecken erregend, wie Dostojewskij in seinen „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ zu berichten weiß. Doch gab es ausreichend Brot und die Gefangenen hatten Geld, um sich Fleisch zu kaufen. Sie konnten sich ein eigenes Mahl bereiten. All dies war bei den Kommunisten auch noch einige Zeit nach Stalins Tod undenkbar.

Die deutschen Studenten überstanden in der Mehrzahl auch diese Fährnisse, viele erlitten jedoch bleibende gesundheitliche Schäden. Viel schwerer als für die Männer waren allerdings die Bedingungen, unter denen die gefangenen Frauen zu leben hatten. Auch unter ihnen befanden sich Studentinnen aus Deutschland. Unter unmenschlichen Bedingungen arbeiteten sie in Workuta in einer Ziegelei. Die sanitären und hygienischen Zustände, unter denen sie zu leben hatten, sind unvorstellbar. Viele zogen sich schwere Frauenkrankheiten zu. Über sie wird jedoch nur wenig berichtet. Ich selbst erfuhr von ihrem Leid aus Briefen, die sie zwischen den auf Eisanbahnwaggons geladenen Ziegeln versteckt hatten. Sie hatten die Hoffnung, dass die Ziegel nach Süden transportiert wurden und ihre Briefe gefunden und auf irgendeine Weise zu ihre Angehörigen gelangten. Leider hatten sie sich geirrt, denn die Fracht blieb in Workuta. Meinem ukrainischen Freund Wanja gelang es, die Briefe einem nach Workuta verbannten „freien“ ukrainischen Lkw-Fahrer, der das Objekt betreten durfte, zu übergeben. Vielleicht haben sie dadurch doch die Adressaten erreicht.

Der Zusammenhalt der Deutschen im Lager war im Allgemeinen gut. Nur selten gab es unter ihnen Spitzel, die sich an die Russen verkauft hatten. Spitzel wurden nach ihrer Enttarnung von den Mitgefangenen häufig mit dem Tode bestraft. Ich habe auch Fälle erlebt, wo ihnen ein Stück Zunge abgeschnitten wurde. So konnten sie niemanden mehr verraten.

Interessant  war für die deutschen Studenten der Umgang der verschiedenen Nationalitäten unter einander. Der Antisemitismus der Ukrainer und Polen, der  Russenhass fast aller Nationalitäten, die Gegensätze zwischen Polen und Ukrainern usw. Besonders die Ukrainer hatten ein in verschiedene Lager, ja bis in die Ukraine reichendes Untergrundnetz organisiert. Sie waren stets bestens übe die wichtigen politischen Ereignisse informiert. Hatte man ihr Vertrauen, so konnte man auch bei Verlegung in ein anderes Lager mit ihrer Unterstützung  rechnen. Nicht nur die (wahrscheinlich) wirkliche Todesursache Stalins (Tod durch „fliegendes Gift“) wurde mir dadurch bekannt. Auch den  Sturz des Stalin-Nachfolgers Malenkow (1953 -1955) erfuhr ich durch sie einige Tage vor dessen offizieller Bekanntgabe. Das Zusammenleben mit der Vielzahl von Menschen der verschiedensten Nationalität und Religion war für uns Studenten eine Erfahrung, die prägend für das ganze Leben war.

Es stellt sich die Frage, ob es in aller Tristesse nicht auch positive Erlebnisse gegeben hat. Zu ihnen gehört zweifellos das Erleben der Natur des Hohen Nordens. So furchtbar die Polarstürme sein konnten, so schwer auch die Kälte zu ertragen war (die Rekord-Temperatur die ich erlebt habe lag bei – 62 Grad Celsius, bis -38 Grad wurde offiziell im Freien gearbeitet, oft wurden die Gefangenen aber auch bei Temperaturen unter -40 Grad im Freien eingesetzt), dies war eine große Erfahrung, auch weil man lernte, sich gegen die Unbilden der Natur zu schützen. Wunderbar aber war es, wenn nach dem langen Winter und einer sehr kurzen Frühlingsphase die Tundra sich grün belebte und Tausende gelbe Blumen blühten. Interessant war die Tierwelt des Nordens: Die Lemminge, die Schnee-Eulen, die Schneehasen und Schneefüchse, und unvergesslich  das Nordlicht, das in der polaren Nacht den Himmel wie Feuer brennen ließ. Dieses wahrzunehmen brachte Licht in den Alltag der Gefangenen.

Was ist seither geschehen? Eine wirkliche Wende hat es weder in der UdSSR noch im nachfolgenden Russland gegeben. Im Gegenteil: Schon werden wieder Denkmäler für Stalin errichtet. Es wird verdrängt, wie viele Opfer das kommunistische System in der Sowjetunion und in den Satellitenstaaten gefordert hat. Zu viele Menschen waren in die Verbrechen Stalins und seiner osteuropäischen und deutschen Helfershelfer involviert. Im Gegensatz zu den Henkern Hitlers werden die Henker Stalins, Ulbrichts und Honeckers nicht zur Rechenschaft gezogen.  Es gibt heute nicht einmal eine Diskussion um die kommunistischenVerbrechen, die den Tod vieler Millionen Menschen gebracht haben. Ein Schuldgefühl, wie es von uns in Hinblick auf die Verbrechen Hitlers gepflegt wird, ist den Russen fern. Gleiches gilt für die deutschen Helfershelfer des kommunistischen Regimes, mit denen sich einige westdeutsche Politiker nur allzu gerne an einen Tisch gesetzt haben und die zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus wieder aus ihren Löchern kriechen. Gerade deswegen ist es notwendig, das Wissen um das, was geschehen ist, wach zu halten, und dafür zu sorgen, dass es sich niemals wiederholt. Und wir sollten jener Studenten gedenken, die im Kampf gegen das unmenschliche System des Kommunismus, für die Demokratie ihr Leben geopfert haben. Einer von ihnen ist Herbert Belter.


[1] GULag ist eine Wortbildung aus „Gosudarstvennoje Upravlenie Lagerej) (Staatliche Verwaltung der Lager)

[2] Izvestija, 14. 10. 1992

Vom demokratischen Neubeginn zur sozialistischen Umgestaltung der Universitäten in der SBZ und frühen DDR

Siegfried Jenkner

(Vortrag beim ´Belter-Dialog´ der Konrad-Adenauer-Stiftung am 19. Mai 2009 im Alten Senatssaal der Universität Leipzig)

I

Meine Damen und Herren, ich hätte nie gedacht, dass ich sechzig Jahre nach meinem Studienbeginn in Leipzig in diesem altehrwürdigem Saal über ein Thema sprechen werde, bei dem sich Universitätsgeschichte und meine Lebensgeschichte in besondere Weise kreuzen. Als Mitglied der ´Belter-Gruppe´ freue ich mich, dass in dem umfangreichen Veranstaltungsprogramm zum Jubiläumsjahr der Universität am Beispiel dieser Gruppe auch an Opposition und Widerstand von Studenten gegen die sozialistische Umgestaltung der Hochschulen erinnert wird.

Im ersten Vortrag dieser Veranstaltung soll zunächst ein kurzer Abriss der Hochschulenwicklung vom Kriegsende bis in die frühen fünfziger Jahre gegeben werden: von den Hoffnungen auf einen demokratischen Neuanfang zu den Enttäuschungen über das  Scheitern dieser Bemühungen und die Durchsetzung des sozialistischen Machtanspruchs auch an den Universitäten. Erst vor diesem Hintergrund werden der Protest der Studenten, ihre anfänglich noch offene Opposition und schließlich  ihr verdeckter Widerstand verständlich.

Es ist in der SBZ-Forschung  umstritten, ob man überhaupt von einem demokratischen Neubeginn sprechen kann, ob nicht von Anfang an in der SBZ die Errichtung einer sozialistischen Gesellschafts- und Staatsordnung geplant und systematisch in Angriff genommen wurde. Für die beiden ersten Nachkriegsjahre bedarf es jedoch einer differenzierteren Betrachtung, weil die Entwicklung in einzelnen Gesellschaftsbereichen unterschiedlich verlief. Im Hochschulbereich war eine eher vorsichtige, zurückhaltende Politik der Besatzungsmacht zu beobachten, die freiheitliches Handeln zuließ und Hoffnungen auf ein eine demokratische Entwicklung weckte.

Zum Thema Hochschulpolitik und –entwicklung in der SBZ und frühen DDR liegen etliche Publikationen vor (1), darunter auch Erinnerungen sowjetischer Hochschuloffiziere und Ergebnisse deutsch-russischer Kooperationsprojekte (2). Sie eröffnen den Zugang zu sowjetischen Archiven und Einblicke in bisher verschlossene Akten; ich werde im Folgenden wiederholt auf diese Erkenntnisse zurückgreifen.

II

Nach der militärischen Niederlage und dem Zusammenbruch des NS-Systems übernahmen die vier Siegermächte die gesamte Staatsgewalt und übertrugen sie den Oberbefehlshabern ihrer Streitkräfte

  • gemeinsam im Alliierten Kontrollrat in „Fragen, die Deutschland als Ganzes betreffen“,
  • und jedem Einzelnen in den jeweiligen Besatzungszonen „nach den Weisungen der entsprechenden Regierungen“ (3).

Die Besatzungsherrschaft war verfassungsrechtlich eine Militärdiktatur, basierend auf den Prinzipien von Befehl und Gehorsam; ihre Aufgaben wurden formuliert in den „Drei großen D“ des Potsdamer Abkommens:

  • Demilitarisierung,
  • Denazifizierung,
  • Demokratisierung.

Die Sowjetunion richtete in ihrer Zone die „Sowjetische Militäradministration in Deutschland“ (SMAD) ein mit breiter horizontaler und vertikaler Differenzierung. Für Hochschulen und Wissenschaft war auf der zentralen Ebene im Karlshorst eine Unterabteilung (Sektor) der Abteilung für Volksbildung zuständig (4). Anders als in der Amerikanischen Zone, wo jeder Universität ein Hochschuloffizier zugeordnet war, gab es bei der SMAD Hochschuloffiziere nur auf der zentralen Ebene und bei den einzelnen sowjetischen Länderverwaltungen. Die wieder bzw. neu eingerichteten fünf Länder der SBZ erhielten in der deutschen föderalistischen Tradition die Zuständigkeit für das Bildungswesen, doch wurde diese sogleich wieder eingeschränkt durch die Errichtung einer ´Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung´ (DZVV). Beide deutsche Instanzen hatten aber zunächst keine eigenen Entscheidungsbefugnisse und waren nur Zuträger und Erfüllungsgehilfen für die SMAD.

Leiter der Abteilung Volksbildung war Generalleutnant Pjotr Wassiljewitsch Solotuchin, im Zivilberuf Hochschullehrer und bis Kriegsbeginn Rektor der Pädagogischen Hochschule Leningrad. Auch seine Hochschuloffiziere hatten einen akademischen Abschluss und wissenschaftliche oder pädagogische Berufe. Sie waren also mit den Charakteristika des sowjetischen Hochschulsystems vertraut:

  • Zentralisierung der Verwaltungsstrukturen und nur geringe Selbstständigkeit der Hochschulen,
  • einheitliche Lernprogramme und detaillierte Studienpläne für alle Fächer,
  • Vorrang der politisch-ideologischen Erziehung mit entsprechenden Pflichtveranstaltungen,
  • praktische Ausrichtung der Studiengänge auf die Bedürfnisse der sozialistischen Planwirtschaft.

Mit diesem Erfahrungshintergrund kamen die sowjetischen Offiziere nach Deutschland – und zwar gänzlich unvorbereitet auf ihre Aufgabe! Es gab in Moskau keine ausgearbeiteten Pläne und konkreten Anweisungen für den Umgang mit den deutschen Universitäten. Der Oberste Chef der SMAD, Marschall Shukow, schickte Solotuchin an seine Arbeit mit der Bemerkung, dass er ihm die volle Handlungs- und Entscheidungsfreiheit übertrage, was aber auch bedeute, dass er alle Schritte persönlich verantworten müsse (5).

Solotuchin hat diesen Freiraum in unerwarteter und bemerkenswerter Weise genutzt. Er kannte die klassische deutsche Tradition akademischer Selbstverantwortung und hatte großen Respekt vor den in diesem Rahmen vollbrachten wissenschaftlichen Leistungen. Sein enger Mitarbeiter und zeitweiliger Leiter des Hochschulsektors, Major Pjotr Iwanowitsch Nikitin, charakterisierte  das Handeln Solotuchins so:

„Einer seiner Leitgedanken war die Erhaltung der Jahrehunderte alten Traditionen der deutschen Universitäten.“

Dafür kämpfte er ungeachtet der vielen Versuche sowohl seitens andere Abteilungen der SMAD als auch seitens der deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung (6).

Neben der Wertschätzung des deutschen Hochschulsystems gab es für Solotuchin noch einen zweiten, pragmatischen Grund für die Erhaltung der traditionellen Universitätsverfassung: die (nicht unberechtigte) Sorge, dass ein rascher und radikaler Umbau zu einer verstärkten Abwanderung der alten Hochschullehrerschaft aus den ohnehin durch Kriegsverluste und Entnazifizierung geschwächten Universitäten führen werde und damit die von der SMAD geforderte baldige Aufnahme und Sicherung des Lehr- und Forschungsbetriebs gefährde.

Die Hochschuloffiziere nutzten ihren Handlungsspielraum in unterschiedlicher Weise; den Spagat „zwischen Dogma und gesundem Menschenverstand“ hat P. I. Nikitin in seinen gleichnamigen Memoiren anschaulich geschildert (7).

Erst nach Solotuchins Ablösung 1948 und der Kritik seiner Nachfolger am bisherigen liberalen Kurs begann der Umbau der Hochschulverfassung. Ich komme später darauf zurück.

III

Die ursprünglich von der SMAD vorgesehene Aufnahme des Lehrbetriebs an den Universitäten zum 1. Oktober 1945 erwies sich als nicht realisierbar und wurde auf Ende 1945/Anfang 1946 verschoben. Die ersten Bestandsaufnahmen der materiellen Schäden waren erschreckend. Bis auf Greifswald (und die zunächst der SMAD nicht unterstellte Bergakademie Freiberg) wiesen alle Universitäten zum Teil erhebliche Zerstörungen und Schäden an Gebäuden, Einrichtungen und Inventar auf. Hier in Leipzig blieben von 108 Universitätseinrichtungen nur 16 ohne größere Schäden (8). Als noch schwerwiegender erwiesen sich die personellen Verluste, auf die ich später näher eingehe.

Bei ihren ersten Besuchen stellten die Hochschuloffiziere auch fest, dass die Universitäten bereits unmittelbar nach der Besetzung (mit Zustimmung der lokalen Militärkommandanten) mit der Selbstreinigung und Selbsterneuerung begonnen hatten. Sie trennten sich von besonders NS-belasteten Professoren und Mitarbeitern, schlossen Lehrgebiete und Forschungseinrichtungen, die der NS-Ideologie und militärischen Zwecken dienten. Sie lösten sich vom Führersprinzip, kehrten zur traditionellen akademischen Selbstverwaltung zurück und hatten bereits unbelastete und namhafte Wissenschaftler zu Rektoren und Dekanen gewählt. Diese traten den Hochschuloffizieren selbstbewusst und offen entgegen und waren für eine Zusammenarbeit zwecks baldiger Wiedereröffnung der Universitäten bereit.

Die personelle Selbstreinigung war allerdings im Interesse des Erhalts der Arbeitsfähigkeit der Hochschulen moderat ausgefallen und genügte nicht den strengeren Forderungen der Besatzungsmacht. Die weiteren Überprüfungen und Entlastungen wurden nicht den Universitäten überlassen, sondern – wie die Entnazifizierung in der SBZ insgesamt – den neuen deutschen Länderverwaltungen übertragen. Diese gingen mangels verbindlicher Vorgaben von Kontrollrat und SMAD unterschiedlich streng vor; auch wurden einzelne NS-belastete Professoren, die für Lehre und Forschung unentbehrlich waren, in ihren Ämtern belassen.

Die sechs Universitäten Jena, Berlin, Halle, Leipzig, Greifswald und Rostock nahmen zwischen Dezember 1945 und Februar 1946 den Lehrbetrieb auf; die TH Dresden folgte im Oktober 1946. Ein Zahlenvergleich zeigt den gewaltigen personellen Aderlass: Anfang 1945 arbeiteten an den mitteldeutschen Hochschulen 2.271 Professoren und Dozenten, im Januar 1946 waren es nur noch 516 (=23%) (9). In dieser Zahl sind die Verluste durch Entnazifizierung, Flucht in den Westen und Mitnahme von Wissenschaftlern beim Rückzug der Amerikaner aus Thüringen und  Westsachsen einerseits und die Zugewinne durch Rückkehr von NS-Verfolgten und Emigranten, reaktivierte Emeriti und Neuberufungen andererseits berücksichtigt.

Eine neue Entnazifizierungswelle gab es 1947 in Ausführung einer strengeren Kontrollrats-Direktive; erst 1948 wurde die Entnazifizierung beendet und zahlreichen Wissenschaftlern die Rückkehr an die Universitäten ermöglicht (10). Doch konnten alle Wiedereinstellungen  und Neuzugänge das Personaldefizit nicht beheben; zu Beginn der DDR waren im WS 1949/50 von 2.033 Stellen nur 1.245 (=61%) besetzt (11).

Vom Anfang an stand dem reduzierten Lehrangebot eine große Nachfrage gegenüber; zum ersten Nachkriegssemester bewarben sich für die knapp 9.000 (genau 8.860) Studienplätze  über 20.000 Personen (12). Von der Zulassung ausgeschlossen waren aktive Mitglieder und Funktionäre der NSDAP und ihrer Gliederungen sowie aktive und Reserve-Offiziere. Andererseits wurden auch Bewerber aufgenommen, die aus sozialen, politischen oder rassischen Gründen keine Gelegenheit gehabt hatten, ein Reifezeugnis zu erwerben und die eine Aufnahmeprüfung ablegen mussten (13). Diese Gruppe war verhältnismäßig klein; eine gezielte Bevorzugung von Arbeitern und Bauern war noch nicht vorgesehen. Für die propagierte „Brechung des bürgerlichen Bildungsprivilegs“ mussten erst die Voraussetzungen in Vorbereitungskursen geschaffen werden.

Solche Kurse entstanden bald in mehreren Städten mit unterschiedlicher Trägerschaft, Dauer und Konzeption. Es erwies sich aber trotz intensiver Propaganda als schwierig, genügend Jugendliche aus Arbeiter- und Bauernkreisen für die Vorbereitungskurse zu gewinnen. In Halle waren es 1946 65%; in Leipzig sogar nur 38% der Bewerber; die übrigen kamen aus bürgerlichen Schichten (14). Der FDGB ging deshalb zum Delegationsprinzip über, was aber als Auszeichnung deklariert wurde, entwickelte sich nicht selten zum Flop. Der renommierte DDR-Bildungshistoriker Roland Köhler hat die Situation später wie folgt geschildert:

„Manche hatten überhaupt nicht die richtige Lust. Sie waren eben delegiert worden. Sie waren, wie man sagt, ´mit dem Lasso eingefangen wurden´“. Er fügte hinzu:

„Dieser Sprung in eine andere Schicht wurde von den Arbeitern noch nicht vollzogen“ (15). Die soziale Distanz war zu groß und konnte nicht im Hau-Ruck-Verfahren überwunden werden.

V

Die Änderung der  Zulassungsbestimmungen im WS 1947/48 gab dann der politischen Absicht einer neuen sozialen Zusammensetzung der Studentenschaft deutlich Ausdruck, indem sie den Bewerbern aus Arbeiter- und Bauernkreisen den Vorrang bei der Immatrikulation gewährte (16). Zugleich erhielten die Vorstudienanstalten einheitliche Lehrpläne und Ausbildungszeiten; sie wurden aus ihrer bisherigen Trägerschaften entlassen und als Vorstudienabteilungen den Universitäten angegliedert. Ihre Schüler erhielten die gleichen Rechte und Pflichten wie immatrikulierte Studenten (17). Den Schlusspunkt der Umgestaltung bildete dann 1949 die volle Eingliederung der Vorstudienabteilungen als „Arbeiter- und Bauernfakultäten“ in die Universitäten (18).

Auch die beiden anderen Fakultäten,

  • die Pädagogischen (an allen Universitäten)
  • und die Gesellschaftswissenschaftlichen (in Jena, Leipzig und Rostock)

veränderten die Struktur der Hochschulen und die Zusammensetzung von Studentenschaft und Lehrkörper.

Die pädagogischen Fakultäten zur Ausbildung von Mittelstufenlehrern der neuen Einheitsschule entsprachen der Forderung des Alliierten Kontrollrats nach Akademisierung der Lehrerbildung (19) und einem alten Wunsch der Volkshochschullehrerschaft. Dieses reformpädagogische Konzept wurde aber schon 1953 wieder aufgegeben zugunsten des sowjetischen Modells getrennter Stufenlehrerausbildung in verschiedenen Institutionen (20).

Noch kürzer war die Lebenszeit der Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultäten. Sie wurden 1947 zur Ausbildung qualifizierter Kader für Staat, Wirtschaft und Gesellschaft gegründet (21), aber schon 1951 wieder aufgelöst. In den wenigen Jahren ihrer Existenz konnten sie ihre Aufgabe kaum erfüllen und dienten primär als Experimentierfeld für die sozialistische Umgestaltung im Rahmen der II. Hochschulreform Anfang der fünfziger Jahre und als Reservoir für die Dozenten des künftigen obligatorischen Gesellschaftswissenschaftlichen Grundstudiums in allen Studiengängen (22).

VI

Am Ende der vierziger Jahre begann dann auch der Umbau der Hochschulverfassung. Nach der Ablösung Solotuchins 1948 kritisierte sein Nachfolger Danilow die bisherige liberale Linie und forderte eine grundlegende Umgestaltung der Hochschulpolitik in der SBZ (23). Im Februar 1949 übergab die SMAD die Regelung der Hochschulstatuten an die DZVV (24), die sogleich die Eliminierung der traditionellen akademischen Selbstverwaltung in Angriff nahm. Ein erster Schritt  war die „Vorläufige Arbeitsordnung der Universitäten“ vom 23.5.1949 (25). Die DZVV unterstellte die Universitäten ihrer obersten Dienstaufsicht und ernannte die Rektoren zu Dienstvorgesetzten aller Lehrkörpermitglieder. Die bisherigen Organe der Selbstverwaltung blieben zwar formal noch erhalten, sie verloren aber wichtige Funktionen, so z.B. Studienzulassung und –kontrolle sowie Stipendienvergabe an einen von der DZVV ernannten Studentendekan (26).

Nach der Gründung der DDR besiegelte dann die „Verordnung über die Neuorganisation des Hochschulwesens“ vom 22.2.1951 mit ihren anschließenden Durchführungsbestimmungen das Ende der alten Universität (27). Die Zuständigkeit für die Universitäten ging an das „Staatssekretariat für Hochschulwesen“ über, das auch die bisherigen Länderbefugnisse übernahm. Beim Staatssekretariat lag nun die gesamte Leitung, Koordinierung und Kontrolle der Hochschulen und der in ihnen betriebenen Lehre und Forschung. Zur fachlichen Anleitung und Kontrolle in den Fakultäten konnten außerdem die Staatliche Plankommission und die zuständigen Fachministerien herangezogen werden.

Innerhalb der Universitäten verloren die akademischen Gremien wichtige Aufgaben an vier vom Staatssekretär eingesetzte Prorektoren: für das gesellschafswissenschaftliche Grundstudium, für Forschungsangelegenheiten, die wissenschaftliche Aspirantur sowie für Studentenangelegenheiten. Die Studierenden waren von der Neuordnung betroffen durch den Übergang der Semestereinteilung zum Studienjahr, das gesellschaftswissenschaftliche Grundstudium sowie den russischen und deutschen Sprach- und Literaturunterricht. Die bereits funktionslos gewordenen Studentenräte wurden abgeschafft; die Vertretung studentischer Interessen übernahm die FDJ.

Dieser radikale Umbau der Universitäten ist aber nicht überall kritiklos hingenommen worden; es gab zahlreiche Proteste aus der Hochschullehrer- und Studentenschaft (28). Am bekanntesten wurde das von 58 Professoren und Dozenten unterzeichnete Protestschreiben, das fünf Dekane der Universität Rostock an den Staatssekretär schickten (29). Sie übten detaillierte Kritik an zahlreichen Einzelbestimmungen; ihre Einwände blieben allerdings erfolglos.

VII

Mit der Auflösung der Studentenräte 1951 war das Konzept einer unabhängigen studentischen Selbstverwaltung und Mitbestimmung entgültig gescheitert, das 1946 so hoffnungsvoll begonnen hatte. An den Universitäten fanden sich damals schon bald Studenten zu parteiunabhängigen Arbeitsgemeinschaften und Ausschüssen zusammen, denen allerdings zur studentischen Interessenvertretung die demokratische Legitimation fehlte. Diese wurde im Dezember 1946 mit dem „Vorläufigen Statut für die Hochschulen der SBZ“ geschaffen (30). Es postulierte das Recht und die Pflicht der Studierenden zur Mitwirkung an den Aufgaben der Universität durch gewählte Vertreter auf Universitäts- und Fakultätsebene. Aus dem Katalog der Aufgaben sollen hier nur zwei genannt werden, die sich als besonders wichtig erwiesen:

  1. Die Verbesserung der materiellen Lage der Studenten durch Ausbau der Mensa, der Lebensmittelversorgung und verschiedener sozialer Dienste zur Behebung materieller Not. Dabei arbeiteten Studentenvertreter verschiedener politischer Orientierung durchaus vertrauensvoll zusammen.
  2. Beteiligung an der Arbeit der Kommissionen für die Zulassung zum Studium und für die Stipendienvergabe. Hier entzünden sich anhaltende Auseinandersetzungen bei der bereits erwähnten Bevorzugung von Absolventen der Vorstudienanstalten und –abteilungen. Dabei ging es den Kritikern nicht um das Arbeiter- und Bauernstudium generell (das wurde als ausgleichende soziale Gerechtigkeit allgemein akzeptiert), sondern nur um die Immatrikulation ohne Berücksichtigung der Noten der Zugangsberechtigung wie bei den anderen Bewerbern.

Die Wahlen zu den Studenten- und Fakultätsräten waren als geheime und direkte Persönlichkeitswahl vorgesehen – ein Unikum in der SBZ-Geschichte mit bemerkenswerten Ergebnissen. Die beiden ersten Wahlen im WS 46/47 und WS 47/48 wiesen zwar bei hoher Wahlbeteiligung (zwischen 70 und 90%) die SED-Kandidaten mit rund einem Drittel der Stimmen als stärkste Fraktion aus, aber an den meisten Universitäten konnten die CDU- und LPD-Studenten zusammen mit dem Parteilosen die Wahl nichtkommunistischer Studentenratsvorsitzender durchsetzen – so wie in Leipzig Wolfgang Natonek (31).

Bei der zweiten Wahl erreichte die SED nur einen minimalen Zuwachs (von 32 auf 34%) obwohl jetzt viele SED-Studenten aus den neuen Fakultäten hinzugekommen waren. Dieses Ergebnis wurde von der SED als herbe Niederlage gewertet, zumal nicht einmal alle SED-Studenten ihre Kandidaten gewählt hatten. Besonders blamabel fiel das Ergebnis in Leipzig aus, wo die SED vom ersten Platz auf den dritten (mit 26,7%) hinter die LDP (mit 36,7%) und die CDU (mit 30%) verdrängt wurde. In einer internen Wahlanalyse übte die SMAD heftige Kritik an den organisatorischen politisch-ideologischen Schwächen der SED-Hochschulorganisationen (32) und knüpfte daran die Forderungen

  • die Kontrolle über die Immatrikulationen zu verbessern
  • und die politisch-ideologische Arbeit unter den Studenten zu verstärken.

Um künftig die gewünschten SED-Mehrheiten zu gewährleisten, wurden außerdem bei den beiden nächsten Wahlen die Wahlordnungen geändert. 1948 erfolgte die Übernahme der bereits außerhalb der Hochschulen praktizierten „Blockpolitik“, d.h. die zwangsweise Zusammenarbeit der Partei-Hochschulgruppen und Massenorganisationen mit Einstimmigkeit der Beschlüsse (33). Die Wahl im WS 1948/49 fand mit auf diese Weise zusammengestellten Kandidatenlisten statt. Im WS 1949/50 wurden die Parteien ganz aus der Wahl ausgeschlossen und nur eine gemeinsame Liste der (von der SED beherrschten) gesellschaftlichen Organisationen (FDJ, FDGB, Kulturbund, GdsF) zur Abstimmung gestellt. Protest war nur noch durch Wahlenthaltung oder ungültige Stimmzettel möglich. Im Zuge der II. Hochschulreform wurde dann auch formell die Wahl zu den studentischen Gremien abgeschafft.

VIII

Die SMAD hatte zwar bereits im Juni 1945 Parteien zugelassen, aber nicht parteibezogene Jugendorganisationen. Sie gestattete nur parteiübergreifende Zusammenschlüsse, zunächst die „Antifaschistischen Jugendausschüsse“ und dann im März 1946 die „Freie Deutsche Jugend (FDJ)“. Diese Organisation fand allerdings bei den meist älteren Studenten keinen Anklang, zumal sie eine Altersbegrenzung von fünfundzwanzig Jahre hatte. Die FDJ spielte deshalb in den ersten Nachkriegsjahren an den Universitäten kein Rolle. Die parteiorientierten Studenten schlossen sich zu Arbeitsausschüssen oder Betriebsgruppen der örtlichen Parteiorganisation zusammen und begannen von dort aus ihre Aktivitäten an den Hochschulen: neben der bereits behandelten Mitarbeit in der studentischen Selbstverwaltung auch mit eigenen Veranstaltungen (Vorträgen, Diskussionen, Seminaren zu weltanschaulichen Grundsatzfragen und tagespolitischen Themen).

Den größten Mitgliederzuwachs verzeichnete die SED; sie musste aber selbstkritisch zugeben, dass viele Studenten der Partei nur beigetreten waren, um einen Studienplatz zu erlangen und sich dann nicht mehr für die Partei interessieren. 1948 beklagte der Leipziger SED-Kreisvorstand ein Auseinanderfallen der Hochschulgruppe in

  1. „eine verhältnismäßig kleine Gruppe von Aktivisten“,
  2. „die große Masse der verhältnismäßig indifferenten und inaktiven Mitglieder“ und
  3. „viele bewusst parteifeindlich eingestellte Elemente“ (34).

Die LDP- und CDU-Gruppen hatten zwar weniger Mitglieder, die aber bewusst für liberal- und christdemokratische Ziele sowie für akademische Freiheiten und Standards eintraten und offen gegen die angestrebte SED-Vorherrschaft in den Universitäten opponierten. Aus diesen Gruppen sind einige besonders aktive Studenten über die Universitäten und sogar über die SBZ hinaus bekannt geworden (35):

  • der Berliner CDU-Student Manfred Klein,
  • der bereits erwähnte Leipziger LPD-Studentenratsvorsitzende Wolfgang Natonek,
  • und der Rostocker LDP-Student Arno Esch.

Die in der Sudentenratswahl im WS 1946/48 zutage getretenen Schwächen der SED-Hochschulgruppen einerseits und die zunehmende Attraktivität der ´bürgerlichen´ Gruppen andererseits beunruhigten SED und Besatzungsmacht immer mehr und führten zum verstärkten Einsatz auch des sowjetischen Sicherheitsdienstes. Er arbeitete neben dem SMAD und unabhängig von ihr.

Ab 1947 häuften sich Verhaftungen and anschließende Verurteilungen durch sowjetische Militärtribunale vor allem von Studenten aus CDU- und LPD-Hochschulgruppen (36), aber auch von anderen  – insbesondere ehemaligen Sozialdemokraten, enttäuschten Altkommunisten und neuen SED-Mitgliedern. Die drei namentlich genannten Studenten wurden ebenfalls Opfer der politischen Verfolgung: Klein 1947, Natonek 1948 (beide bis 1956 in Bautzen und anderen DDR-Gefängnissen) und Esch 1949 (1951 in Moskau erschossen). Diese und andere Verhaftungen machten deutlich, dass offene Opposition nicht mehr möglich war; die politische Kritik musste in den Untergrund und in die Illegalität. Trotz des damit verbundenen persönlichen Risikos für Leib und Leben hat es in den folgenden Jahren immer wieder Beispiele des Aufbegehrens gegeben.

IX

Eine ausführliche Behandlung von Widerstand und Verfolgung gehört nicht zu meinem Thema, deshalb beschränke ich mich auf einige allgemeine Hinweise. Während die offene studentische Opposition meist parteipolitisch zugeordnet werden konnte, setzten sich die verdeckt arbeitenden Widerstandsgruppen überwiegend aus Studenten verschiedener politischer Herkunft und Orientierung zusammen. Sie vereinte der Protest gegen die gewaltsame sozialistische Umgestaltung der Hochschulen und von Staat und Gesellschaft generell. Es hat wohl an allen Universitäten der SBZ und frühen DDR solche Widerstandsgruppen gegeben, aber nur wenige sind bisher bekannt und genauer erforscht und dokumentiert worden (37).

Zu ihnen gehörte die sog. ´Belter-Gruppe´. Herbert Belter kam aus bescheidenen sozialen Verhältnissen über die Vorstudienanstalt nach Leipzig, wo er Ökonomie an der Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät studierte. Er war Mitglied der SED und hätte eigentlich ein Musterexemplar der neuen sozialistischen Studentengeneration darstellen können. Doch er hatte sein selbstständiges Denken nicht aufgegeben und beurteilte die Entwicklung an der Universität und im Lande allgemein zunehmend kritischer. Er suchte und fand Gleichgesinnte in der GEWIFA und anderen Fakultäten. Es war ein eher loser Kreis mit unterschiedlichen Aktivitäten der Beteiligten. Wir besorgten kritische wissenschaftliche Literatur, studierten sie und gaben sie innerhalb sowie außerhalb der Universität weiter. Einige hatten auch Kontakt zum RIAS-Hochschulfunk aufgenommen.

Im Vorfeld der ersten Volkskammerwahl Mitte Oktober 1950 beteiligten wir uns mit Flugblättern am landesweiten Protest gegen diese Wahl. Sie sollte eigentlich gemäß Art. 51 Abs. 2 der DDR-Verfassung von 1949 „nach den Grundsätzen des Verhältniswahlrechts“ stattfinden (38), wurde aber verfassungswidrig als Einheitslistenwahl angesetzt. Eine Verkettung unglücklicher Zufälle führte im Oktober 1950 zur Verhaftung von neun Studenten und einem Handwerker und im Januar 1951 zur Verurteilung durch ein sowjetisches Militärtribunal in Dresden. Belter wurde als ´Rädelsführer´ zum Tode verurteilt und im April 1951 in Moskau erschossen. Wir neun erhielten Freiheitsstrafen von zehn und zweimal fünfundzwanzig Jahren und wurden zur Strafverbüßung in die Sowjetunion deportiert. Im Zuge der Amnestien nach Stalins Tod konnten an der Jahreswende 1953/54 die Ersten zurückkehren, die Anderen folgten im Herbst 1955. 1994 wurde die Gruppe vollständig rehabilitiert.

In  Leipzig gab es neben der ´Belter-Gruppe´ zur selben Zeit drei weitere Gruppen, die unabhängig und ohne Kenntnis voneinander tätig waren: um den Medizinstudenten Heinz Eisfeld, den Veterinärmediziner Gerhard Rybka und den Jurastudenten Horst Leißring.

Die Gesamtzahl der verhafteten und verurteilten Studenten ist weder für die SBZ und frühe DDR noch für die spätere Zeit bekannt. Der Verband deutscher Studentenschaften (VDS) hat seit Beginn der fünfziger Jahre bis 1962 ein mehrfach ergänztes Verzeichnis verfolgter Professoren und Studenten veröffentlicht. Diese unvollständige Dokumentation wurde 1994 vom Verband ehemaliger Rostocker Studenten in einer ergänzten und übererarbeiteten Neufassung herausgegeben (39). Aber auch diese Ausgabe ist inzwischen überholt wegen der erst nach 1994 bekannt gewordenen Fälle; sie ist jedoch nützlich als grober Überblick. Bis 1953 wurden nach diesen Angaben 617 Studierende (darunter 40 Frauen) verurteilt, davon 240 (rund 70%) von sowjetischen Militärtribunalen. Noch nicht erfasst sind die seit den sechziger Jahren von der DDR-Justiz Verurteilten sowie die über das universitäre Disziplinarrecht aus politischen Gründen Exmatrikulierten.

Die einzelnen Universitäten haben bisher mit unterschiedlicher Intensität und Akzentuierung das Thema Widerstand und Verfolgung bearbeitet; überall gibt es noch weiße Flecken. Deshalb hat der hier in Leipzig wohlbekannte Rainer Eckert, Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums, in einer neuen Jenaer Publikation ein „Plädoyer für eine verstärkte Erforschung von Opposition und Widerstand an den ostdeutschen Universitäten“ veröffentlicht (40), das ich abschließend als Mahnung und Anstoß zur weiteren Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels ostdeutscher Universitätsgeschichte empfehlen möchte.

Anmerkungen

  1. Vgl. insbesondere
    1. Marianne und Egon Erwin Müller: „ …Stürmt die Festung Wissenschaft!“ Die Sowjetisierung der mitteldeutschen Universitäten seit 1945. Berlin 1953, Nachdruck 1994.
    1. Waldemar Krönig und Klaus-Dieter Müller: Anpassung – Widerstand – Verfolgung.

Hochschule und Studenten in der SBZ und DDR 1945-1961. Köln 1994.

  • Ilko-Sascha Kowalczuk: Geist im Dienst der Macht. Hochschulpolitik in der SBZ/DDR 1945-1961. Berlin 2003
  • –    Pjotr I. Nikitin: Zwischen Dogma und gesundem Menschenverstand. Wie ich

die Universitäten der deutschen Besatzungszone „sowjetisierte“. Berlin 1997.

  • Manfred Heinemann (Hrsg.): Hochschuloffiziere und Wiederaufbau des Hochschulwesens in Deutschland 1945-1949. Die sowjetische Besatzungszone. Berlin 2000.
  • Horst Möller und Alexandr O. Tschubarin (Hrsg.): Die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD): Kultur, Wissenschaft und Bildung 1945-1949. Ziele, Methoden, Ergebnisse. Dokumente aus russischen Archiven. München 2005.
  • Alexander Fischer (Hrsg.): Teheran, Jalta, Potsdam. Die sowjetischen Protokolle von den Kriegskonferenzen der „Großen Drei“. Köln 1968; Politische Grundsätze der Deutschlandpolitik S. 393 ff.
  • Jan Foitzik und Tatjana W. Zarewskaja-Djakina (Hrsg.): SMAD-Handbuch. Die Sowjetische Militäradministration in Deutschland 1945-1949. München 2009, S. 455 ff.
  • P. I. Nikitin in Heinemann (Anm. 2), S.168.
  • ebenda
  • Siehe Anm. 2.
  • Konrad Krause: Alma Mater Lipsiensis. Geschichte der Universität Leipzig von 1409 bis zur Gegenwart. Leipzig 2003, S. 307.
  • Dimitrij N. Filippowitsch: Die Entnazifizierung der Universitäten in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands. In: Heinemann (Anm. 2), S. 39.
  • Zur Entnazifizierung insgesamt siehe Clemens Vollnhals (Hrsg.): Entnazifizierung. Politische Säuberung und Rehabilitierung in den vier Besatzungszonen 1945-1949. München 1991, SBZ S. 43 ff. und 166 ff.
  • Andrej P. Nikitin: Die Politik der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland zur Bildung des Lehrkörpers der Hochschulen. In: Heinemann (Anm. 2), S. 58.
  • P. I. Nikitin (Anm. 2), S. 69 f.
  • Verordnung der DZVV vom 30.9.1945 mit ergänzenden Hinweisen vom 8.12.1945. Abgedruckt bei Herbert Stallmann: Hochschulzugang in der SBZ/DDR 1945-1959. St. Augustin 1980, S. 426 ff.
  • Stallmann (Anm. 13). S. 190.
  • R. Köhler in Heinemann (Anm. 2), S. 329.
  • DZVV-Bestimmung vom 23.7.1947. Abgedruckt bei Siegfried Baske und Martha Engelbert (Hrsg.): Zwei Jahrzehnte Bildungspolitik in der Sowjetzone Deutschlands. Dokumente. Berlin 1966, S. 49 f.
  • Stallmann (Anm. 13), S. 96 ff.
  • DZVV-Richtlinie vom 21.5.1949, in Baske/Engelbert (Anm. 16), S. 144 ff.
  • Direktive Nr. 54 des Alliierten Kontrollrats: Grundlegende Richtlinien zur Demokratisierung des Bildungswesens in Deutschland. Abgedruckt bei Oskar Anweiler u.a. (Hrsg.): Bildungspolitik in Deutschland 1945-1990. Ein historisch-vergleichender Quellenband. Bonn 1992, S. 74.
  • Verordnung über  die Ausbildung der Lehrer …v. 15.5.1953. In: Baske/Engelbert (Anm. 16), S. 232 ff.
  • SMAD-Befehl v. 12.7.1946. Abgedruckt bei Gottfried Handel und Roland Köhler (Hrsg): Dokumente der SMAD zum Hoch- und Fachschulwesen 1945-1949. Berlin 1975, S. 46 f.
  • Markus Wustmann: Die Gesellschaftswissenschaftliche Fakultät in Leipzig 1947-1951. Leipzig 2004, S. 153.
  • Interview mit P. I. Nikitin in Heinemann (Anm. 2), S. 92.
  • SMAD-Verfügung v. 18.2.1949, in Möller/Tschubarin (Anm. 2), S. 307.
  • Text bei Baske/Engelbert (Anm. 16), S. 115 ff.
  • Vgl. dazu Ralph Jessen: Akademische Elite und kommunistische Diktatur. Göttingen 1999, S. 177 ff.
  • Texte bei Baske/Engelbert (Anm. 16), S. 180 ff.
  • Vgl. dazu Müller/Müller (Anm. 1), S. 282 f.
  • Text bei Müller/Müller (Anm. 1), S. 382 ff.
  • Text bei Ulrike Schuster: Wissen ist Macht. FDJ, Studenten und die Zeitschrift FORUM in der SBZ/DDR. Eine Dokumentation. Berlin 1997, S. 47 ff.
  • Wahlergebnisse bei Kowalczuk (Anm. 1), S. 489 und 496.
  • Geheimer SMAD-Bericht vom 5.1.1948; in Möller/Tschubarin (Anm. 2), S. 252 ff.
  • Vgl. dazu Müller/Müller (Anm. 1), S. 113 ff.
  • Schuster (Anm. 30), S. 81.
  • Vgl. dazu Ilko-Sascha Kowalczuk und Tom Sello (Hrsg.): Für ein freies Land mit freien Menschen. Opposition und Widerstand in Biografien und Fotos. Berlin 2006, S. 41 ff.
  • Vgl. dazu
  • Hermann Marx: Liberale Studenten im Widerstand. Bonn o.J. (1958).
  • Johannes Weberling: Verfolgung und Widerstand von Studenten (RCDS/JU). Die CDU-Hochschulgruppen in der SBZ/DDR. In Brigitte Klaff (Hrsg.): Junge Union 1945-1950. Jugendpolitik in der sowjetisch besetzten Zone. Freiburg 2003, S. 149 ff.
  • Vgl. dazu
  • Universität Leipzig (Hrsg.): Studentischer Widerstand an der Universität Leipzig 1945-1955. 2., erweiterte Aufl. Beucha 1998.
  • Jens Blecher und Gerhald Wiemers (Hrsg.): Studentischer Widerstand an den mitteldeutschen Universitäten. 2., erweiterte Aufl. Leipzig 2006.
  • Herwig Roggemann: Die DDR-Verfassungen. Berlin 1976, S. 184.
  • Verband ehemaliger Rostocker Studenten (VERS): Namen und Schicksale der von 1945 bis 1962 in der SBZ/DDR verhafteten und verschleppten Professoren und Studenten. Rostock 1994. Statistische Auszüge: eigene Zählung.
  • Rainer Eckert: Plädoyer für eine verstärkte Erforschung von Opposition und Widerstand an den ostdeutschen Universitäten nach dem Ende der zweiten deutschen Diktatur. In: Hochschule im Sozialismus. Köln 2007, Band 2, S. 2166 ff.

Die Universität Leipzig im Spannungsfeld von „bürgerlicher Wissenschaft“ und sozialistischer Umgestaltung

Allgemeine und fachspezifische Aspekte*

Ulrich von Hehl


Neben dem einführenden, stärker die allgemeinen Linien ausziehenden Beitrag von Siegfried Jenkner konzentrieren sich die folgenden Ausführungen auf die Entwicklung an der Universität Leipzig. Sie wird am Beispiel der Geschichtswissenschaft und der Germanistik näher betrachtet, zweier Fächer, denen schon in der ersten deutschen Diktatur eine „genuine politische Legitimationsfunktion“ zugedacht gewesen war, die vice versa, wenngleich mit gewissen Veränderungen, auch unter dem SED-Regime weitergalt. Zuvor indes sind in aller Kürze die allgemeine Situation der Alma mater Lipsiensis nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ und jene frühen Schritte eines „sozialistischen“ Umbaus der Universität in den Blick zu nehmen, die wir verhüllend auch als „erste Hochschulreform“ bezeichnen. Mit anderen Worten: Es ist der Hintergrund zu schildern, vor dem dann die spezifische Entwicklung der genannten Fächer zu betrachten ist.

I.

Das Ende des Dritten Reiches kam für die Angehörigen der Universität Leipzig nicht plötzlich und unerwartet. Als die Amerikaner am 17. April 1945 ihren Angriff auf Leipzig begannen, die Stadt bis zum 19. des Monats ohne nennenswerten Widerstand besetzen konnten und einen Tag später die letzten deutschen Verbände kapitulierten, war der Krieg auch für die Universität zu Ende. Institutionell war sie bis zuletzt funktionsfähig geblieben, wenn auch mit vielerlei Einschränkungen; noch zum WS 1944/45 hatten sich 285 Studierende immatrikuliert, und bis zum Einmarsch der Amerikaner wurden akademische Prüfungen abgehalten. Baulich dagegen war die Universität eine Trümmerwüste. Nun stand sie, „erlöst und vernichtet in einem“, vor völlig neuen Herausforderungen.

Manche besonders systemnahe Professoren, so der Indogermanist Heinrich Junker, der Zeitungswissenschaftler Hans Amandus Münster, der Ordinarius für Pflanzenbaulehre Josef Knoll oder der quellenbewußte Historiker Erich Maschke, waren möglichen späteren Rechtfertigungsproblemen dadurch zuvorgekommen, daß sie ihre Personalakten vernichtet oder zumindest gesäubert hatten. Aber im großen Ganzen blieben die u. k.-gestellten Professoren und die noch in Leipzig weilenden Studenten in der Stadt, auch wenn, wie sich bald herausstellte, die Universität vorerst geschlossen blieb. Der grundlegende Personalverlust von ca. 84 Prozent, den die sächsischen Hochschulen bis zum Jahreswechsel 1945/46 erlitten, vollzog sich vor allem von Mai bis Dezember 1945, nicht hingegen in der Zeit von Januar bis zum Kriegsende. Er umfaßte allerdings auch „kriegsbedingte Abgänge“, die erst nach und nach bekannt wurden.

Nach Suspendierung der alten Führungsmannschaft gestattete die amerikanische Besatzungsmacht schon am 16. Mai 1945 die Neuwahl eines Rektors, des Archäologen Bernhard Schweitzer, der durch schriftliche Umfrage unter allen ortsanwesenden Professoren gewählt wurde, da das Besatzungsrecht eine Senatssitzung nicht gestattete. Prorektor wurde der Physiker Friedrich Hund. Als neue Dekane traten Heinrich Bornkamm (Theologie), Heinrich Otto de Boor (Juristenfakultät), Karl Thomas (Medizin), Erwin Ackerknecht (Veterinärmedizin), Hans Georg Gadamer (Philosophische Fakultät I) und Heinrich Schmitthenner (Phil. Fak. II) ihre Ämter an. Bornkamm und de Boor hatten schon der alten Universitätsleitung angehört. Alle galten als „politisch unbelastet“ – ohne daß bereits eine politische Sprachregelung für dieses Problem existiert hätte.

Krause nennt in seiner Überblicksdarstellung etwa zehn Verhaftungen „nazistische[r] Hochschullehrer“ durch die Amerikaner. Hierzu zählten der Wirtschaftswissenschaftler Karl Bräuer, die Mediziner Max Hochrein und Josef Vonkennel sowie der Zeitungswissenschaftler Hans Amandus Münster. Sie wurden aus dem Universitätsdienst entfernt, aber alle Verhafteten, auch wenn sie bei Abzug der Amerikaner aus Leipzig in deren Besatzungszone verbracht worden waren, scheinen binnen Jahresfrist wieder auf freien Fuß gesetzt worden zu sein. Überhaupt haben die Amerikaner die politischen Säuberungen eher nachlässig betrieben. Schweitzer nennt in seinem späteren Erinnerungsbericht 15 Entlassungen. Er selbst verfolgte den eigentümlich weltfremden Plan einer universitären Selbstreinigung, der allenfalls auf dem allzumenschlichen Feld der Denunziation hätte funktionieren können.

Ein besonderes Schicksal erwartete eine Gruppe von ca. 40 Dozenten, meist Naturwissenschaftlern, die als „Spezialisten“ mitsamt ihren Familienangehörigen und technischen Mitarbeitern von den Amerikanern deportiert und nach Weilburg an der Lahn verbracht wurden. Die Federführung lag beim amerikanischen Geheimdienst CIC (Counter Intelligence Corps). Die meisten von ihnen verblieben später freiwillig im Westen, nachdem die sowjetische Besatzungsherrschaft inzwischen ihre Schatten warf. Sie führte in der zweiten Jahreshälfte 1945 u. a. zu rigorosen pauschalen Entlassungen aller ehemaligen Mitglieder von NS-Organisationen.

Nur wenige der NS-Geschädigten kehrten nach Kriegsende an die Universität Leipzig zurück. Zu ihnen zählen der Agrarwissenschaftler Hans Holldack, der Jurist Erwin Jacobi und der Sinologe Eduard Erkes, dem unter den neuen SED-Machthabern ein steiler Aufstieg bevorstand. Andere wie der exilierte Staatswissenschaftler Gerhard Kessler gerieten in das Räderwerk der SMAD-Verwaltung und wurden mit einem Ehrendoktor in absentia abgespeist.

Die Universität selbst blieb für den Rest des Jahres 1945 geschlossen. Als sie nach mancherlei Schwierigkeiten am 5. Februar 1946 wiedereröffnet wurde – bezeichnenderweise nicht in der erhalten gebliebenen Universitätskirche, sondern im größten Kino der Stadt, dem Capitol, zeichnete sich bereits ab, daß an die Stelle der erst durch den Krieg beseitigten NS-Diktatur ein zweites totalitäres Regime getreten war.

Schon das vergleichsweise späte Datum der Wiedereröffnung läßt erkennen, daß die sowjetische Besatzungsmacht künftig das Heft in der Hand hatte; ihr waren nicht allein die Personallisten der Dozentenschaft, sondern auch die Verzeichnisse der Studierenden vorzulegen, deren Auswahl künftig verstärkt nach Herkunftskriterien aus der Arbeiter- und Kleinbauernschaft erfolgen sollte. Die mit der Hochschulpolitik befaßten SED-Organe hielten hierfür die Zauberformel „Brechung des Bildungsprivilegs der Ausbeuterklasse an der Hochschule“ bereit, womit das Bürgertum gemeint war, das in Deutschland traditionell, häufig unter großen eigenen Entbehrungen, den akademischen Nachwuchs stellte und dessen Studium finanzierte. Rigoros war auch die Vorgehensweise gegen tatsächlich oder angeblich NS-Belastete: Nach dem erwähnten personellen Aderlaß durch die Amerikaner, dem entsprechende russische „Kopfjagden“ folgten, kam es im Herbst 1945 zur Entlassung zahlreicher politisch belasteter Dozenten. So standen bei Wiedereröffnung der Universität von den bei Kriegsende vorhandenen 187 Professoren nur noch 44 zur Verfügung.

Bei allen Bestrebungen der neuen Machthaber, das gesamte Bildungswesen und damit auch den Hochschulbereich nach den „Grundprinzipien der antifaschistisch-demokratischen Reformen“ (Georgi Dimitrov) umzugestalten, nötigten daher schon personelle Engpässe die neuen Machthaber zur Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Kräften. Somit wurde einstweilen auch der traditionelle Aufbau der Universität (Leipzig) beibehalten: So wie der neue Rektor Hans-Georg Gadamer ein dezidiert „bürgerlicher“ Gelehrter war, so blieb auch die Mehrheit der Professoren und über einen längeren Zeitraum auch noch die der Studenten „bürgerlich“ geprägt, was freilich keineswegs bedeutete, daß Sowjetische Militäradministration (SMA) und SED sich von aufmüpfigen Studentenvertretern oder couragierten Verfechtern eines weltanschaulichen Pluralismus hätten von ihrem Kurs abbringen lassen: Ihr brutales Vorgehen gegen jedwede studentische Aufsässigkeit in den späten 1940er und frühen 1950er Jahren wird ja noch in anderen Vorträgen behandelt.

Da mit Repression allein das Ziel einer sozialistischen Umgestaltung der Universität nicht zu erreichen war, griff die im Auftrag der SMAD amtierende Landesverwaltung Sachsen auch zu anderen Mitteln. Hierzu zählt ihre Verordnung vom 12. Februar 1946 zur Gründung von Vorstudienanstalten, auf denen politisch zuverlässige Bewerber aus werktätigen Schichten in einem verkürzten Ausbildungsgang auf ein künftiges Studium vorbereitet werden sollten. Ein erster Kurs mit 225 Teilnehmern wurde bereits am 1. März 1946 an der Leipziger Volkshochschule eröffnet. Jenseits allen ideologischen Ballastes läßt sich diese Initiative durchaus als ein erster Schritt zur – wie Siegfried Hoyer es nennt – „Demokratisierung der Bildung“ verstehen. Weniger eindeutig ist es mit der zur Begründung angeführten politischen Diskreditierung breiter bürgerlicher Schichten durch den Nationalsozialismus bestellt, denn diese Diskreditierung betraf – gerade in Sachsen – die Arbeiterschaft nicht minder: Letztere war in toto so wenig ein Herd des Widerstandes gewesen wie nahezu alle anderen Teile der Gesellschaft, was einzelne Widerstandszirkel selbstredend nicht ausschließt.

Eine spezielle Bedeutung für die Herausbildung des Studenten „neuen Typs“ hatte auch die neu errichtete Pädagogische Fakultät, bei deren Gründung und deren praktischer Arbeit der Philosophischen Fakultät und dem wieder an ihr lehrenden Theodor Litt nur eine Statistenrolle zugebilligt wurde. Bezeichnend auch, daß mehr als zwei Drittel der am 1. Oktober 1946 das Studium aufnehmenden 163 Lehramtsstudenten Mitglied der SED waren, also künftig im Sinne der neuen Machthaber zu wirken versprachen. Als die Pädagogische Fakultät 1955 wieder aufgelöst wurde, wurden ihre Reste als „Institut für Pädagogik“ in die Philosophische Fakultät überführt, doch da hatte Litt nach zermürbenden Zusammenstößen mit den neuen Machthabern die Universität Leipzig schon lange verlassen, um mit dem 1. Oktober 1947 ein Ordinariat in Bonn zu übernehmen, wo er ohne erneute politische Drangsalierung lehren konnte.

Von entschieden antibürgerlicher Stoßrichtung war ferner die am 5. März 1947 konstituierte Gesellschaftswissenschaftliche Fakultät (Gewifa), die den Worten Walter Markovs zufolge „als Kampfinstrument gegen Reaktion und für den Fortschritt“ vorgesehen war. Schon durch ihren Auftrag – die Infiltrierung der Studenten im Sinne der SED und die Unterminierung der „bürgerlichen Universität“ – war sie zeit ihres Bestehens (bis 1951) ein Fremdkörper in der traditionellen Universität. Manche kritischen Geister, die zeitweilig an ihr lehrten, sahen sich bald in ihren Zweifeln bestärkt und gingen bei erster sich bietender Gelegenheit in den Westen wie z. B. Rektor Gadamer oder der eben genannte Theodor Litt; andere „bürgerliche“ Wissenschaftler wie Erwin Jacobi, der wie Litt von den Nazis aus dem Amt gedrängt worden war, entschieden sich für das Bleiben, obwohl sie aus ihren Vorbehalten gegen die SED kein Hehl machten; wieder andere wie der überzeugte Marxist Walter Markov kamen mit der Parteiführung überkreuz, blieben aber ihrer marxistischen Grundausrichtung treu. Der parteinahe Lehrkörper wurde bei Auflösung der Gewifa auf andere Fakultäten verteilt. Wenn Gottfried Handel der Gewifa bescheinigt, „Bahnbrechendes für die demokratische und sozialistische Erneuerung an der Leipziger Universität und über sie hinaus“ geleistet zu haben, war dies keineswegs nur eitle Selbstbeweihräucherung. Man wird vielmehr konstatieren müssen, daß die Gewifa im Sinne der Machthaber durchaus erfolgreich als Experimentierfeld für die Neuerungen der Hochschulreform von 1951 diente und das bald obligatorische Gesellschaftswissenschaftliche Grundstudium an der Universität Leipzig wirksam vorbereitete.

Als zeitlich letzte der parteipolitisch gewollten Neuerungen ist endlich die am 1. Oktober 1949 gegründete Arbeiter- und Bauernfakultät zu nennen. Auch ihr war in erster Linie die Aufgabe zugedacht, der Universität neue, regimekonforme Bildungsschichten zu erschließen. Ihre Absolventen stammten aus eher bildungsfernen, aber sozial und politisch genehmen Bevölkerungskreisen; sie konnten in einem dreijährigen Vorbereitungsstudium die Hochschulreife erwerben. Die Zahl der Fakultäten stieg damit auf neun an.

Insgesamt läßt sich für die erste, bis etwa 1951/52 reichende Phase sozialistischer Hochschulpolitik an der Universität Leipzig feststellen, daß trotz dieser Neugründungen der traditionelle Aufbau der Universität noch weithin beibehalten wurde. Allerdings fällt eine deutliche Verstärkung des direkten und indirekten Staats- oder, besser gesagt: Regime-Einflusses auf. Durch ihn wurde der alte korporative Charakter der Universität soweit verändert, „daß nur noch Fassadenreste der traditionellen Autonomie stehengeblieben sind“. Wem die Deutungshoheit dessen, was unter „antifaschistischer“ und „demokratischer“ Erneuerung von Universität und Gesellschaft verstanden wurde, zukam, stand völlig außer Frage oder wurde, wie das Schicksal des studentischen Widerstands zeigt, mit rücksichtsloser Brutalität in Erinnerung gerufen. Ebenso rasch zeigte sich aber auch, daß die SED auf den fachspezifischen Sachverstand „bürgerlicher“ Wissenschaftler (noch) nicht verzichten konnte und daher ihre rigiden politischen Ausschließungsverfügungen schrittweise milderte, wie an der Universität, so in vielen Bereichen der Wirtschaft, der Nationalen Volksarmee und selbst der SED. Hochangesehene Gelehrte oder anerkannte Spezialisten suchte das Regime überdies durch besondere materielle Anreize an Leipzig zu binden, und es war hierbei durchaus erfolgreich. So findet man unter den verbliebenen oder neu nach Leipzig berufenen Gelehrten der späten 1940er und frühen 1950er Jahre bedeutende Namen: Albrecht Alt, Ernst Bloch, Franz Dornseiff, Theodor Frings, Hans Georg Gadamer, Erwin Jacobi, Rudolf Kötzschke, Hermann August Korff, Werner Krauss, Walter Markov, Hans Mayer, von denen einige im Zuge späterer stalinistischer Säuberungen der Universität jedoch wieder den Rücken kehrten. Mit Julius Lips und Georg Mayer amtierten 1949/50 bzw. 1950/63 SED-Mitglieder als Rektoren, die ihre bürgerliche Herkunft nicht verleugnen konnten. Indessen war ebensowenig zweifelhaft, daß seit 1948/49 von der SED ein neuer Weg eingeschlagen wurde, den einer ihrer Funktionäre im Rückblick 1976 als „revolutionär-demokratische Diktatur“ (Dietmar Keller) bezeichnet hat, deren Wurzeln ganz unverkennbar im sowjetischen Stalinismus lagen. Zu ihren hier nicht mehr zu schildernden Auswirkungen zählt nicht allein die Umbenennung der Universität in Karl-Marx-Universität 1953, sondern insbesondere ein rigoroses Vorgehen gegen jedwedes „Abweichlertum“ im Zuge eines stalinistischen Terrors.

In organisatorischer Hinsicht war offenkundig, daß der herkömmliche Kulturföderalismus der Länder und insonderheit die universitäre Selbstverwaltung einem strikt hierarchisch-zentralistischen Steuerungssystem, dessen Fäden bei der Monopolpartei SED zusammenliefen, weichen mußte. Parallel dazu wurde der Einfluß der Partei in den Universitäten selbst systematisch verstärkt. Vollendet wurde die marxistische Durchdringung der Universität in den 1950er und 1960er Jahren, also jenseits unseres Betrachtungszeitraums. Nunmehr war der Sekretär der Universitätskreisleitung und nicht mehr der Rektor das eigentliche Entscheidungs- oder Durchstellzentrum. Der Weg dorthin war durch zahlreiche vorbereitende Maßnahmen gekennzeichnet: durch Umwandlung der Lehrinhalte z. B., durch ein an die Planwirtschaft angelehntes System der Wissenschaftsplanung und, nicht zuletzt, durch einen umfassenden Elitenaustausch. Daß in der unmittelbaren Nachkriegszeit 84,1% der Lehrkräfte als Abgänge zu vermelden waren, war neben „kriegsbedingten“ in erster Linie politischen Entlassungsgründen zuzuschreiben, daneben „intellektuellen Reparationen“ in die amerikanische Besatzungszone und in die Sowjetunion. Doch zogen es auch viele Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft vor, in die Westzonen überzusiedeln. Immerhin 15,3% des Lehrkörpers fielen nach 1945/46 direkten politischen Eingriffen zum Opfer. Eine der Folgen war die Überalterung der verbliebenen Dozentenschaft. Die Suche nach geeigneten Fachkräften blieb seither ein Dauerproblem der Hochschulverwaltung, und zunehmend rangierte die fachliche Kompetenz vor der politischen Vergangenheit. Trotz aller Kompromisse hatte der Personalbestand der sächsischen Hochschulen 1952 erst zwei Drittel des Bestandes vom Sommersemester 1945 erreicht. Im Vergleich mit den westdeutschen Universitäten mußten die sächsischen also einen unverkennbaren Bedeutungsverlust hinnehmen.

II.

In einem zweiten und dritten Teil soll die bislang allgemein geschilderte Entwicklung an fachbezogenen Ausführungen verdeutlicht werden, nämlich an der Leipziger Geschichtswissenschaft, die sich aus naheliegenden Gründen besonderer Aufmerksamkeit der SED-Machthaber erfreute, und, etwas knapper, an der Germanistik.

Die Haltung der Historiker gegenüber dem NS-Regime war, alles in allem genommen, durch jene „Ambivalenzen und Unklarheiten“ gekennzeichnet gewesen, „wie sie insgesamt typisch sind für die vorherrschende Positionierung der deutschen Geschichtswissenschaft in dieser [ersten] totalitären Phase“. Dabei hatte sich, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, opportunistische Anpassungsbereitschaft in politicis mit der Verteidigung hoher fachwissenschaftlicher Standards und universitärer Autonomie in bezeichnender Weise verbunden. In der akademischen Lehre hatte während der letzten Kriegsjahre allerdings nur noch ein Notbetrieb aufrechterhalten werden können.

Sämtliche historischen Institute hatten nach dem schweren Luftangriff vom 4. Dezember 1943 „Totalschaden“ gemeldet. Vor allem die wertvolle Bibliothek war ein Opfer der Flammen geworden. Erst im Juli 1945 erhielten die Historiker in Räumen des ehemaligen Amtsgerichts im Peterssteinweg eine neue, behelfsmäßige Unterkunft.

Das Lehrpersonal war bei Kriegsende und Schließung der Universität auf eine Rumpfmannschaft zusammengeschmolzen. Von den Ordinarien war nur noch der Mediävist Erich Maschke am Ort; er galt aber den Sowjets, die Anfang Juli auch in Leipzig die Besatzungsherrschaft übernahmen, wegen seiner Parteinähe als nicht länger tragbar und wurde Mitte November 1945 aus seinem Amt entfernt. Der Neuhistoriker Otto Vossler hatte zwischenzeitlich einen Ruf nach Frankfurt am Main erhalten und kehrte nicht mehr nach Leipzig zurück. Hans Freyer, der ungeachtet seiner jahrelangen Abwesenheit als Leiter des Deutschen Kulturinstituts in Budapest noch immer dem Institut für Kultur- und Universalgeschichte vorstand, war zwar inzwischen an seinen alten Wirkungsort zurückgekehrt, gehörte aber aufgrund seiner anfänglich bekundeten Sympathie für den Nationalsozialismus zu den „problematischen Fällen“. Trotz seines hohen Renommees als Forscher und akademischer Lehrer und des Umstands, daß er sich der Mitgliedschaft in der NSDAP oder einer ihrer Organisationen stets zu entziehen verstanden hatte, wurde er nach Angriffen kommunistischer Intellektueller und Studierender „zum 1. März 1948 aus sämtlichen Ämtern bei der Universität Leipzig entlassen“.

Der Lehrstuhl für Alte Geschichte war seit 1943 vakant; der Extraordinarius für südosteuropäische Geschichte Georg Stadtmüller verblieb nach seiner Entlassung aus der Wehrmacht in den westlichen Besatzungszonen. Walter Schlesinger, seit 1942 Extraordinarius für Landes- und Volkskunde, fiel im November 1945 gemeinsam mit dem Vor- und Frühhistoriker Bolko Freiherr von Richthofen den rigorosen Personalüberprüfungen zum Opfer. Allein der schon im Emeritierungsalter befindliche planmäßige außerordentliche Professor der antiken Hilfswissenschaften Otto Theodor Schulz überstand die Entlassungswelle und trat vorsichtshalber der KPD bei, wohl um sein Verbleiben im Amt abzusichern. Immerhin gelang zum Jahresende 1945 die Berufung des angesehenen, aber schon über 70jährigen Berliner Papyrologen Wilhelm Schubart auf den Lehrstuhl für Alte Geschichte, so daß bei Wiedereröffnung der Universität am 5. Februar 1946 wenigstens zwei Kollegs mit historischem Bezug angeboten werden konnten, wenn auch unter dem Dach benachbarter Fächer.

Daß die Wiederaufnahme des historischen Lehrbetriebs zunächst sistiert blieb und erst mit dem Wintersemester 1946/47 erfolgen konnte, hing indessen nicht nur mit der desolaten Personallage, sondern vor allem mit der von der Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung in (Ost-)Berlin gewünschten Klärung der politischen Voraussetzungen zusammen. Denn es ging um die Frage, wie ein „vom nationalsozialistischen Ungeist gesäuberte[s] Geschichtsstudium[s]“ künftig an den Universitäten der Sowjetischen Besatzungszone gelehrt werden sollte. Ein erster Meinungsaustausch fand im Mai 1946 in Berlin statt, an dem aus Leipzig neben Rektor Gadamer der fast 80jährige Landeshistoriker Rudolf Kötzschke, der sich aus tiefer Verbundenheit mit seinem Fach hatte reaktivieren lassen, sowie die beiden Privatdozenten Karl Buchheim und Hermann Mau teilnahmen, welch letztere politisch unbelastet und als bewußte Christen Mitglieder der neugegründeten CDU waren. Sie standen für einen politisch-wissenschaftlichen Neuanfang unter nichtkommunistischen Vorzeichen. Beide gingen jedoch nach politischen Auseinandersetzungen 1948 bzw. 1950 in den Westen, wo Mau der erste Generalsekretär des Münchener Instituts für Zeitgeschichte wurde, Buchheim an der Technischen Universität München wirkte.

Dennoch vollzog sich der personelle Wiederaufbau der Leipziger historischen Institute zunächst unter durchaus moderaten Umständen. Nach dem Althistoriker Wilhelm Schubart war es der Fakultät mit der Berufung des Dresdner Neuzeithistorikers Johannes Kühn zum Nachfolger Otto Vosslers, ferner mit der Gewinnung des Direktors des Römisch-Germanischen Nationalmuseums in Mainz Friedrich Behn zum Ordinarius für Vor- und Frühgeschichte sowie schließlich mit der Ernennung des Rostocker Mediävisten Heinrich Sproemberg zum Inhaber des seit 1945 vakanten Lehrstuhls für mittelalterliche Geschichte (1. Januar 1950) gelungen, Gelehrte gewiß schon vorgerückten Alters, aber von ausgesprochen „bürgerlichem“ Zuschnitt für Leipzig zu gewinnen, so daß man, wie Karlheinz Blaschke sich erinnert, zumindest bis Anfang der 1950er Jahre „noch völlig ohne ideologische Verzerrung und in Anlehnung an akademische Lehrer der alten Schule studieren konnte“. Ein dezidiert marxistischer Ansatz gelangte erst durch Walter Markov nach Leipzig, der seit Herbst 1946 als Assistent am Institut für Kultur- und Universalgeschichte tätig war, sich 1947 in einem sehr kurzen Verfahren in Halle habilitierte und seit 1948 als „Professor mit vollem Lehrauftrag“, seit 1949 als Ordinarius (und Direktor des Instituts für Kultur- und Universalgeschichte bzw. Ko-Direktor des Instituts für Allgemeine Geschichte) bis zu seiner Emeritierung 1974 in Leipzig wirkte. Markov verstand es, sich bald inner- wie außerhalb seines Faches Respekt zu verschaffen und nach und nach einen großen Mitarbeiter- und Schülerkreis um sich zu sammeln. Namentlich als Revolutionsforscher und Autor grundlegender Darstellungen zur Französischen Revolution hat er sich weit über Leipzig hinaus einen Namen gemacht und selbst Anfeindungen seitens der SED überstanden, die den weltoffen-unbequemen, aber überzeugten Marxisten wegen des Vorwurfs des „Titoismus“ 1951 aus ihren Reihen verstieß. Hingegen galt er verbitterten Gegnern wie dem Kötzschke-Schüler Herbert Helbig als Totengräber der Leipziger Geschichtswissenschaft.

Ende der 1940er Jahre mehrten sich die Anzeichen, daß es den neuen Machthabern keineswegs um ein Fortwirken der „alten“, von politisch belasteten Kräften gesäuberten „bürgerlichen“ Universität ging. Der Beginn einer zweiten Periode der DDR-Geschichtswissenschaft, die bis zum Ende der 1960er Jahre reichte und durch strikte Unterwerfung unter die Vorgaben der SED gekennzeichnet war, wird denn auch auf den Zeitraum 1948/1949 datiert. Ein Leipziger KPD-Funktionär und späterer zeitweiliger Volksbildungsminister in Sachsen, Helmut Holtzhauer, hatte den Rektor schon Mitte September 1945 wissen lassen, es komme „nicht nur darauf an, Naziaktivisten unschädlich zu machen“, sondern man müsse auch „die konservativen und reaktionären Elemente des Lehrkörpers“ ausschalten, deren Einstellung erst den Nationalsozialismus ermöglicht habe. Jedenfalls setzte schon bald ein durch Einschüchterungen beschleunigter Exodus bekannter Namen ein. Von den neubestallten Geschichtsordinarien verließ Johannes Kühn nach vorangegangenen Auseinandersetzungen Anfang 1949 die Messestadt, um einem Ruf nach Heidelberg zu folgen. Er erhielt in dem bereits in Leipzig tätigen Walter Markov einen Nachfolger. Nicht wiederbesetzt wurde hingegen trotz aller gegenteiligen Bemühungen der Universität die durch Kötzschkes Tod freigewordenen Professur für sächsische Landesgeschichte. Vielmehr wurde der Dresdner Archivdirektor Hellmut Kretzschmar mit der nebenamtlichen Vertretung der Landesgeschichte (und Historischen Hilfswissenschaften) beauftragt. Er teilte sich auch mit Heinrich Sproemberg in das Direktorat des Instituts für Landes- und Volksgeschichte, bis letzteres, wie übrigens auch das alte Lamprecht-Institut für Kultur- und Universalgeschichte, im Zuge der II. Hochschulreform 1951 seine Selbständigkeit verlor. Mit beiden Instituten wußten die Machthaber „bei der Neugestaltung der Studien nichts anzufangen und rückten deren historisches Anliegen in die Nähe von Feindbildern, die Anfang der fünfziger Jahre in der DDR aufgebaut wurden“.

Jene angedeutete „Neugestaltung der Studien“ hatte bereits frühzeitig einen bezeichnenden Ausdruck in der schon vorgestellten Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät gefunden. Eine ihrer zentralen Aufgaben war ja die Heranbildung eines parteinahen Nachwuchses durch handverlesene, nicht selten universitätsferne Lehrkräfte, die unter den Bedingungen „bürgerlichen“ Wissenschaftsverständnisses schwerlich in ihre Ämter gelangt wären und denen vor allem die Konzipierung eines bald obligatorisch werdenden gesellschaftswissenschaftlichen Grundstudiums mit Kernfächern wie dialektischer und historischer Materialismus oder politische Ökonomie oblag.

Daß Absolventen der Gewifa oder der Arbeiter- und Bauernfakultät „einen anderen Geist mitbrachten als die bisherigen Studenten“, bekamen auch die Historiker zu spüren. Vor allem nahmen die Auseinandersetzungen innerhalb der verfaßten Studentenschaft zu, bei der die Vertreter der LDPD und der (Ost-)CDU in den Studentenratswahlen im Dezember 1947 eine Zweidrittelmehrheit behaupten konnten. Als sich der Streit über die leidigen Immatrikulationsbestimmungen im Folgejahr zuspitzte, griff die sowjetische Besatzungsmacht zu und verurteilte den Studentenratsvorsitzenden Wolfgang Natonek zu 25 Jahren Lagerhaft. Insgesamt wurden in den 1940er und frühen 1950er Jahren mehr als neunzig Leipziger Studierende verhaftet, darunter allerdings nur zwei Historiker. Vier wurden hingerichtet, einer kam in der Haft um. Das hierdurch geschaffenen Klima der Einschüchterung verfehlte seine Wirkung nicht, die gewählten studentischen Vertretungen verloren an Bedeutung und beschlossen 1950 ihre Selbstauflösung. Da namentlich das Geschichtsstudium strenger Auslese unterlag, stieg dort der Anteil der FDJ-Mitglieder rasch an.

Alle diese Maßnahmen erweisen sich im Rückblick als Teil einer Strategie, mit der die SED ihren uneingeschränkten Gestaltungsanspruch an den Hochschulen durchzusetzen und den Einfluß „bürgerlicher“ Wissenschaftler schrittweise auszuschalten suchte. Dem diente Anfang der 1950er Jahre auch die sogenannte II. Hochschulreform. Grundlage für sie war die Verordnung über die Neuorganisation des Hochschulwesens der DDR vom 22. Februar 1951, die die Durchsetzung der Parteilinie an den Hochschulen sichern sowie die Forschung und Lehre stärker auf die Inhalte des Fünfjahrplans festlegen sollte. Sie führte zu strikter Verschulung des Studiums durch Einführung des zehnmonatigen Studienjahres mit festem Kurssystem, obligatorischem gesellschaftswissenschaftlichem Grundstudium und einer Vereinheitlichung von Studieninhalten. Innerhalb der universitären Entscheidungswege zielte sie auf Entmachtung der Fakultäten und Institute; verwandte Fächer wurden zu Fachbereichen oder Fachrichtungen zusammengefaßt als neue Keimzelle „für die Ausbildung und Erziehung“. Der starke Ausbau des akademischen Mittelbaus zielte unverhohlen darauf ab, ein Gegengewicht zu den noch überwiegend nichtmarxistischen Ordinarien zu bilden.

An den historischen Instituten führte die II. Hochschulreform zu einer institutionellen Neugliederung, die sich stark an das sowjetische Vorbild mit seiner Trennung von nationaler und internationaler Geschichte anlehnte. Das Historische und das Institut für Kultur- und Universalgeschichte wurden zum Institut für Allgemeine Geschichte zusammengelegt. In seinen vier Abteilungen umfaßte es künftig die Vor- und Frühgeschichte (Prof. Behn), die Geschichte des Altertums (Prof. Schubart) sowie die Allgemeine Geschichte des Mittelalters (Prof. Sproemberg) und der Neuzeit (Prof. Markov). Daneben gab es hilfswissenschaftliche Unterabteilungen in der alten und mittelalterlichen Geschichte (Prof. Schulz und Prof. Kretzschmar). Allerdings wurde die Vor- und Frühgeschichte im Frühjahr 1952 wieder als eigenständiges Institut etabliert. Neu errichtet wurden daneben ein Institut für Deutsche Geschichte, dessen Leitung der 1949 von Potsdam nach Leipzig gekommene Ernst Engelberg übernahm. Der spätere Bismarck-Biograph war während der 1950er Jahre neben Markov zunächst der einzige akademisch vollausgebildete marxistische Historiker in Leipzig, aber entschieden parteinäher und linientreuer als dieser. Diesem Institut wurde auch das alte Kötzschke-Seminar als Abteilung für Deutsche Landesgeschichte inkorporiert, das damit, wie schon erwähnt, seine Selbständigkeit verlor. Ein unvermeidlicher Kotau vor der Besatzungsmacht war endlich die Errichtung eines Instituts für Geschichte der Völker der UdSSR, das 1955 in Institut für Geschichte der europäischen Volksdemokratien umbenannt wurde.

Weitere organisatorische Veränderungen in den Folgejahren lassen erkennen, daß den meist zentralistischen Planungen keine Konzeption zugrunde lag, die sich an spezifischen Fachbedürfnissen orientiert hätte. Als sich nach den Emeritierungen Wilhelm Schubarts (1952) und Otto Theodor Schulz’ (1953) Neubesetzungen als schwierig erwiesen, wurde 1954 kurzerhand dem fachlich allerdings hoch angesehenen Ägyptologen Siegfried Morenz die kommissarische Leitung der Abteilung für Geschichte des Altertums übertragen, die er bis 1957 behielt; 1956 wurde gar der Ausbau der Abteilung zum Schwerpunkt für das Gebiet der DDR beschlossen, ohne daß ein international angesehener Althistoriker für Führungsaufgaben zur Verfügung gestanden hätte. Die gleichzeitig errichtete Abteilung für die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung am Franz-Mehring-Institut verfolgte ein unverkennbar politisches Ziel. Mit der Ernennung Ernst Werners zum Nachfolger Sproembergs (1959) war eine weitere Eckprofessur in parteitreue Hände gelangt. Werner, ein früherer Assistent Sproembergs, der sein Fach gleichfalls von der Pike auf gelernt hatte, vermochte sich in der Folge als einer der Begründer einer marxistischen Mediävistik in der DDR zu profilieren; unter seinem Rektorat (1967–1969) wurde eines der wenigen an das mittelalterliche Leipzig erinnernden Bauwerke, die Universitätskirche St. Pauli, gesprengt. Nach Engelbergs Weggang an die Akademie der Wissenschaften in Berlin übernahm mit dem Frühneuzeitler Max Steinmetz gleichfalls ein überzeugter Marxist die Leitung des Instituts für Deutsche Geschichte. Zu Beginn der 1960er Jahre war somit bis auf Restbestände das „bürgerliche Element“ aus der Leipziger Geschichtswissenschaft verdrängt. Namentlich durch die große Zahl der „zu Assistenten und Aspiranten aufrückenden Studenten weitete sich auch der Einfluß der SED an den Instituten aus“. Wer jetzt in Leipzig studierte, tat dies unter den Auspizien des dialektischen und historischen Materialismus.

III.

In der Leipziger Germanistik gab es 1945 (wie zuvor auch schon 1933) keinen fachlichen Kontinuitätsbruch: Beide Ordinarien, der Altgermanist und Sprachwissenschaftler Theodor Frings, der seit 1927 amtierte, und der Neuphilologe Hermann August Korff, 1925 nach Leipzig berufen, lehrten bis zu ihrer Emeritierung weiter. Sie waren international hochangesehene Gelehrte „bürgerlichen“ Zuschnitts, die auch durch „die bewußten zwölf Jahre“ politisch nicht diskreditiert waren. Schon mangels personeller Alternativen mußte das SED-Regime an ihrem Verbleib interessiert sein, galt es doch sowohl auswärtige Rufe abzuwehren, an denen es gerade bei Frings nicht mangelte, als auch beide Professoren in „antifaschistische“ Bündnisse einzubauen, an denen der „Volksfrontpolitik“ des SMAD in der unmittelbaren Nachkriegszeit gelegen war. Gerade der unermüdliche Organisator Frings wußte von den mancherlei Zugeständnissen des Regimes für seine zahlreichen wissenschaftlichen Unternehmungen bestens zu profitieren; Korff konnte 1953 den abschließenden 4. Band seines vielgerühmten Werkes „Geist der Goethezeit“ präsentieren. Während man im Falle Korffs dessen bevorstehende Emeritierung abwartete, wurde dessen Assistenten Markschies bedeutet, nicht über das erforderliche sozialistische Bewußtsein zu verfügen, um für höhere akademische Weihen in Frage zu kommen. So ging Markschies an die Freie Universität Berlin.

Gewichtige Veränderungen gab es hingegen auf der Ebene der vier Extraordinariate, deren Inhaber ausnahmslos politisch diskreditiert waren und daher entlassen wurden. Ihre Nachfolger, der Nordist und Religionsgeschichtler Walter Baetke, der Niederlandist Ludwig Erich Schmitt, dem seine NSDAP-Mitgliedschaft zeitweise Schwierigkeiten machte, die allerdings durch Protektion Frings’ überwunden werden konnten, der Literaturwissenschaftler Martin Greiner und die Altgermanistin Elisabeth Karg-Gasterstädt, eine langjährige Mitarbeiterin von Frings, waren allesamt „bürgerlich“ geprägt, entsprachen also schwerlich dem Ideal proletarischer Herkunft und sozialistischer Gesinnung. (Greiner und Schmitt verließen in den frühen 1950er Jahren jedoch Leipzig und folgten Rufen auf westdeutsche Ordinariate.) Eine „antifaschistische“ Wende fand somit in der Leipziger Germanistik zunächst nicht statt.

Ein deutlicher Hinweis auf künftig gewünschte Veränderungen war hingegen die 1949 erfolgte Ernennung Hans Mayers zum Ordinarius für Neuere Literaturwissenschaft am Germanistischen Institut. Mayer, der seit 1948 schon als ordentlicher Professor für Kultursoziologie an der Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät gewirkt hatte, zählte zu jenem Kreis sozialistischer Remigranten, an deren „Anwerbung“ dem Regime so sehr gelegen war, um ein Gegengewicht gegen die „bürgerlichen“ Professoren bilden zu können. In der Tat unternahm Mayer, der von Haus aus promovierter Jurist war, aber in der Literaturwissenschaft seine eigentliche Berufung fand, seine Deutung der Literatur mit der marxistischen Geschichtsphilosophie in Einklang zu bringen. Daß er der künstlerischen Individualität dabei ihr Recht ließ, mußte ihn freilich über kurz oder lang mit literaturpolitischen Doktrinen der SED über Kreuz bringen. Seiner großen Wirkung tat dies freilich keinen Abbruch. Hinsichtlich seiner materiellen und organisatorischen Forderungen gab Mayer sich jedoch sehr „bürgerlich“-kapitalistisch. Er konnte 1951 eine neue Institutsstruktur durchsetzen, in der er eine eigene Abteilung für „Allgemeine Germanistik und vergleichende Literaturgeschichte“ erhielt. Über sein Verhältnis zu seinen Kollegen Korff und Frings wüßte man gern Näheres.

Dennoch: Unabhängige Köpfe waren im sich immer stärker stalinisierenden realsozialistischen System nicht vorgesehen. Seit 1956 von der Staatssicherheit überwacht und verschiedentlich mit Kampagnen überzogen, die sich zu einem regelrechten Kesseltreiben verstärkten, nutzte Mayer 1963 eine Westreise, um sich in die (alte) Bundesrepublik abzusetzen. Auf Professuren in Hannover und Tübingen setzte er seine Tätigkeit fort. Seine Nachfolge in Leipzig wurde unter erkennbar politischen Vorzeichen geregelt. Der 1964 berufene Horst Haase war Spezialist für sozialistische Literatur des 20. Jahrhunderts, also für jenen Bereich, dessen unkonventionelle Behandlung durch Hans Mayer einen Hauptgrund seiner Auseinandersetzung mit der SED gebildet hatte. Haase löste diese Aufgabe offenkundig zur Zufriedenheit seiner Auftraggeber und wechselte 1969 an das Institut für Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der SED. Durch enge Parteiverbundenheit zeichneten sich auch Edith Braemer und Claus Träger aus, letzterer Absolvent der Arbeiter- und Bauernfakultät in Leipzig. Er zählte also zu jenem sorgfältig herangebildeten sozialistischen Nachwuchs, der dazu bestimmt war, einmal die (noch) „bürgerlich“ geprägten Wissenschaftler zu ersetzen. Mit der Emeritierung Korffs 1956 und Frings’ 1957 ging somit eine bedeutende, und zwar „bürgerlich“, d. h. nicht politisch bestimmte Tradition der Leipziger Germanistik zu Ende. Bezeichnenderweise wurde Frings’ Lehrstuhl bis zu seinem Tod (1968) nicht neu besetzt. Erst dann folgten ihm seine Schüler Rudolf Große (Historische Sprachwissenschaft) und Wolfgang Fleischer (Deutsche Sprache der Gegenwart). Die weit über Leipzig hinausstrahlende Wirkung des Faches, wie sie für die Ära Korff-Frings kennzeichnend gewesen war, vermochte die Leipziger Germanistik nicht zu bewahren.

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Wiemers, Gerald; Blecher, Jens, Studentischer Widerstand an der Universität Leipzig 1945–1955, 2., ergänzte und verbesserte Auflage Beucha 1998.

Wustmann, Markus, Die Gesellschaftswissenschaftliche Fakultät in Leipzig 1947–1951. Experimentierfeld kommunistischer Hochschulpolitik in SBZ und früher DDR, Leipzig 2004.

Studentischer Widerstand nach 1945 in der SBZ/DDR im Spiegel der Überlieferung

Gerald Wiemers

Der  politisch motivierte studentische Widerstand an  den Universitäten der SBZ/DDR blieb bis zum Ende der DDR  ein Tabuthema. Nur durch die mündliche Überlieferung von Verhafteten   kam die Wahrheit ans Licht. Nach der friedlichen Revolution  meldeten sich die Betroffenen oder deren Angehörige bei den Universitätsleitungen  und berichteten über geheime Verhaftungen durch den russischen Geheimdienst oder die K5, der Vorläuferorganisation des Staatsicherheitsdienstes der DDR. Seit Mitte der 90er Jahre setzten gezielte, meist personell bezogene Nachforschungen ein. Diese bezogen sich auf die schriftliche Überlieferung der  Universitäten, auf  gesellschaftliche Organisationen wie den Studentenrat, die FDJ, die SED  und schließlich auf die Unterlagen des Bundesbeauftragten des Staatssicherheitsdienstes  der ehemaligen DDR (BStU). Nach dem Verbot der Blockparteien an den  Universitäten und der Verhaftung ihrer Spitzenfunktionäre  hatte  dort allein die SED  das Sagen. Die Universitätsparteileitungen wurden zu Kreisleitungen mit entsprechenden Machtbefugnissen  erhoben. Ihre jeweiligen Unterlagen befinden sich in den zuständigen Staatsarchiven der Länder. Gleiches gilt für die Unterlagen der SED-Bezirksleitungen.

Von besonderer Bedeutung sind die Akten des Sowjetischen Geheimdienstes, die vereinzelt in den Bezirksverwaltungen der Staatssicherheit im Original und in Kopie erhalten sind, und die Unterlagen der berüchtigten sowjetischen Militärgerichte in Deutschland. In unterschiedlicher Dichte    und in sehr unterschiedlichen russischen Archiven befinden sich Unterlagen über die in Lager verschleppten Studenten. Im Zuge der russischen Rehabilitierung politisch verfolgter Studenten wurde das deutlich.

Aber selbst bei günstiger Aktenlage, so die Erfahrung,  bleiben die mündlichen oder schriftlichen  Aussagen der verhaften und verurteilten Studenten  ein unverzichtbarer Bestandteil, um das Geschichtsbild abzurunden. In manchen Fällen ist der Historiker  auch ganz auf die narrativen Quellen angewiesen.

Die universitäre Überlieferung enthält meist keine konkreten Angaben zur Verhaftung eines Studenten. Die Studentenakten oder Karteien und gegebenenfalls die Studentenprüfungsakten enthielten Vermerke wie „Ex“oder „ausgesch[ieden]“ , die über die Gründe nichts aussagen und Nachforschungen erfordern. Manchmal fehlen die Akten, wenn sie von Stasibeauftragten  entnommen worden sind[1]. Studentenunterlagen konnten in der ehemaligen DDR auch kassiert werden, weil die Arbeits- und Lebensdaten in den späteren Kaderakten lückenlos nachgewiesen sind. Die Studentenakten oder Karten befanden sich in der Obhut der Verwaltung und gelangten nach 8-10 Jahren in das zuständige Universitätsarchiv. Die Studentenprüfungsakten entstanden  bei den jeweiligen Fakultäten und wurden mit den Studentenakten zusammengeführt  oder , wie in Leipzig, separat aufbewahrt. Auf die Führung der Studentenakte hat der Student keinen Einfluss. Zuweilen fehlt die Paginierung und so ist die Gefahr groß, dass die Akte manipuliert werden konnte .

In den Senats- und Fakultätsprotokollen  spielen einzelne  Studenten nur eine untergeordnete Rolle. Besondere Ereignisse, wie Verhaftungen aus politischen Gründen, blieben in der Regel unerwähnt, auch wenn die Fälle offen lagen. Selten sind die Protokolle noch unbearbeitet; dann  sind sie allerdings auch  nicht benutzbar.[2] In den Universitätsarchiven werden Nachlässe von Personen gesammelt, um das universitäre Schriftgut zu ergänzen. In einer Phase, wo Entscheidungsprozesse, so  die Verhaftung und Verurteilung von Studenten, nicht mehr in die Zuständigkeit der Universität fallen, gewinnen diese Überlieferungen zunehmend  an Bedeutung.[3] 

Die Universitätsverwaltung legte Wert darauf, dass der neu immatrikulierte Student zwei Passfotos vorlegte. Davon war eines für die Studentenakte bestimmt und das zweite für das Studienbuch, das im Eigentum des Studenten verblieb. In der SBZ/DDR war es für Studenten nicht immer leicht, Passfotos pünktlich zum Immatrikulationstag vorzulegen, sodass diese „Sache“  in Vergessenheit geriet und ganz unterblieb. Zum Zeitpunkt der Verhaftung, auch etwas früher oder später,  konnte die K 5 und später die Staatsicherheit die gesamte Akte mit Bild einziehen  oder auch nur das Bild aus der Akte entnehmen. Teilweise sind die professionell angefertigten Passfotos auch mutwillig beschädigt.  Ein generalisierendes Vorgehen ist nicht erkennbar.

Heute werden die Fotos in den Universitätsarchiven überwiegend  in Fotosammlungen gesondert gelagert und digitalisiert, sodass sie für die Benutzung schnell verfügbar werden.

Die zentrale Überlieferung zur SED-Hochschulpolitik ist konzentriert aufbewahrt  in der „Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen im Bundesarchiv (SAPMO-BArchiv). Für das Ende des demokratisch legitimierten Studentenrats an den  Universitäten der SBZ/DDR sind in der SAPMO, um ein Beispiel zu nennen, besonders aussagekräftige Quellen gespeichert.[4]

Haftfotos sind nicht nur erkennungsdienstliche Dokumente der Peiniger, der allgegenwärtigen diktatorischen Staatsmacht, sondern aus historischer Sicht, ein Denkmal des Einzelschicksals  in Papierform, das den Nachgeborenen einen kaum ersetzbaren bildnerischen Eindruck vermittelt. Der gebrochene Blick oder das aufsässige Blitzen in den Augen, der Vergleich mit einem Foto vor der Verhaftung oder nach der Verhaftung erlauben Schlüsse über den Zustand des einzelnen Studenten, die in der Schriftform so nicht vermittelt werden können.

Nach der Verhaftung durch die Staatssicherheit war ein „Fototermin“ festgelegt.. Nach der Einlieferung wurden in einem besonderen Raum – so im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen –  nach einem bestimmten  Ritual Fotos mit einer festinstallierten Kamera von vorn und von der Seite angefertigt. In anderen Haftanstalten ist dieser Vorgang ähnlich verlaufen.[5] Zusätzlich  wurden noch die Fingerabdrücke genommen.

Verblieben die Gefangenen in einer DDR-Haftanstalt, so entstand noch ein Foto bevor sie frei kamen für den Behelfsausweis oder „Entlassungsschein“.[6]  Dagegen erhielten Gefangene aus MfS-Haftanstalten bei ihrer Entlassung kein solches Papier. Ihr Entlassungsschein ist in der Regel in den personenbezogenen Stasi-Unterlagen abgelegt.[7] 

Als wir 1995 im Universitätsarchiv  Plan fassten, eine Ausstellung zum studentischen Widerstand in Leipzig  zu erstellen, fehlte uns ein Bild von Herbert Belter, der zentralen Gestalt. Seine Eltern lebten nicht mehr.  Geschwister hatte er keine.  Seine letzte Verwandte, Frau Dr. Maria Wolf in Freiburg in Breisgau, besaß kein Foto von ihm.  Ein wenig half der Zufall.

Zwischen der Stasi-Zentrale in Leipzig und der Bezirksbehörde [der VP] der Volkspolizei, befand sich das Zimmer Nr. 112.  Es war eine Art Vorposten des NKWD. Dort lagerten    mehrere Aktenbände, die 1992/93 offenbar vom sowjetischen Geheimdienst nicht mitgenommen worden waren. Darunter befanden sich auch zwei Bände mit  Unterlagen zum studentischen Widertand. Der eine, offenbar Band III, bestand vollständig aus Fotokopien und Band II enthielt originale Dokumente. Band I war und blieb unauffindbar. In diesem  zweiten Band fanden  wir vier unbeschriftete Bilder. Zwei passten von der Alterstruktur  nicht in unsere Suchaktion.  Die beiden anderen Fotos  haben wir  abfotografiert, Abzüge angefertigt  und an die Herren Professoren  Werner Gumpel, Siegfried Jenkner und an Frau Dr. Wolf geschickt. Das Ergebnis stimmte in allen drei Fällen überein. Später hat von dem  eindeutig bestimmten Belter-Foto ein Leipziger Starfotograf  eine  ausgezeichnete Reproduktion angefertigt. 

Das Foto selbst zeigt Belter  als gut aussehenden jungen Mann in Freiheit. Offenbar befand es sich bei der Verhaftung in seinen persönlichen Unterlagen. Vielleicht war es für den universitären Fragebogen gedacht. Wir wissen es nicht.  Bis heute ist von Herbert Belter kein Foto aus der Haft bekannt geworden. 

Die Stasi-Unterlagen sind überwiegend  nach dem Wohnortprinzip unter steter Einbeziehung der Arbeitsstelle bzw. der Universität angelegt. Spitzelberichte sind meist  vorverurteilend, aufgebauscht, umfassend, aber ungenau. Der Gegner soll diffamiert, die Motive seines Wirkens aber nicht erklärt werden: So wird das Eintreten für Demokratie und rechtsstaatliches Handeln in eine Gegnerschaft zur DDR umfunktioniert. Zuweilen werden in Spitzelberichten mehr Sitzungen angezeigt, als wirklich stattgefunden haben.

Entgegen der Aktenlage und Zeitzeugenberichten versuchen Teile der  abgewickelten DDR-Eliten die Definitionsmacht über die Geschichte zu erlangen. Die DDR-Vergangenheit wird geschönt, verklärt und die eigenen Verfehlungen werden gegen  die Verfehlungen der Bundesrepublik aufgerechnet.[8]

Zeitgeschichtsbilder werden verdrängt und man kehrt zu alten, längst überholten Positionen zurück. Der Diktator und Massenmörder Stalin wird in seiner Heimat nationalistisch verehrt und kultvoll bewundert. Der Große Vaterländische Krieg wird überhöht dargestellt. Die vorurteilsfreie wissenschaftliche Arbeit wird häufig behindert. Die Arbeit in russischen  Archiven verkommt „zum Privileg ideologisch zuverlässiger Forscher“. Die vorurteilsfreie Forschung  wird dadurch gefährdet.[9] Hinzu kommt ein Mangel an ausgebildeten Arbeitskräften in den russischen Archiven; vorhandene sind überaltert. Die Benutzerzahlen gehen zurück. Die Öffnungszeiten werden eingeschränkt und die finanzielle Ausrüstung der Archive ist oft mangelhaft.

Mit dem Ende der Sowjetunion keimten Hoffnungen auf, die Archive könnten bei der Aufarbeitung der Geschichte der Sowjetdiktatur und der Verankerung demokratischer Strukturen eine wichtige Rolle als „Gedächtnis der Nation“ spielen. Davon ist man heute in Russland weit entfernt.

Anfang der 90er Jahre waren Millionen von laufenden Metern Akten zugänglich und lösten eine Art „Archivrevolution“ aus. Dieser Prozess verläuft  leider restriktiv. Die russische Bürokratie will die Beschädigung des einst offiziellen Geschichtsbildes verhindern. Dazu dient die russische Archivgesetzgebung, so das Gesetz über „Das Archivwesen in der Russischen  Förderation“ aus dem Jahre 2004, das beispielsweise einen Personenschutz von 75 Jahren festschreibt. Damit sichert man sich die Kontrolle über die Geschichtsschreibung. Das Gesetz schützt, wie Marietta Tschudakowa schreibt, den „Henker vor seinem Opfer.“[10] Andererseits erklärt der frühere  sowjetische Historiker Jakow S. Drabkin (geb. 1918) den wieder erschwerten  Zugang zu Archiven in Russland damit, dass Archive nicht Steinbrüche für schnell zusammengeflickte Dokumentationen sein dürfen, aus denen man politisches Kapital zu schlagen versuche. Außerdem seien große Aktenbestände nicht gesichtet und archivalisch aufgearbeitet.[11] Das sind ideologisch motivierte Scheinargumente. Sie erlauben, eine personelle Auswahl unter den jeweiligen Forschern zu treffen.

Die heutigen russischen Praktiken sind keineswegs neu. Sie reichen weit in die Zarenzeit zurück, wie Alla Ke[o]iten berichtet: „Jedes Dokument, das aus der Sicht des Staates in die falschen Hände geriet, war eine potenzielle Bedrohung für die Macht.“ Allein der Archivar ist legitimer Benutzer des Archivs. Fremde Benutzung führt dagegen zu einem „bedrohlichen Kontrollverlust“.[12] Dem verheißungsvollen Aufbruch in russischen Archiven folgte die Stagnation, der Stillstand und „nun gehen die Uhren in russischen Archiven wieder rückwärts.“[13] Archivgut bleibt gesperrt, wird wieder gesperrt oder eine genaue  Sperrfrist wird nicht festgelegt. Ausgenommen davon sind die Komintern-Akten. Hier geht die mit dem Bundesarchiv vertraglich vereinbarte Aufarbeitung zur Digitalisierung des Komintern-Archivs weiter. Gleiches gilt auch für die komplexe Bearbeitung der Bestände der SMAD 1945-1949.[14]

Über die Freigabe von Archivalien entscheidet eine interministerielle Kommission, die auch die Archivgesetze außer Kraft setzen kann. Akten aus der Stalin-Zeit geraten erneut unter Verschluss. Der alte Grundsatz, lieber geheim halten als offen legen, gilt vor allem für die sogenannte Beutekunst, darunter auch Archivalien deutscher Provenienz. Eine Geheimhaltungsphobie greift um sich. Allerdings lassen sich veröffentlichte Vorgänge nicht mehr verbieten. Nach wie vor fehlen russische Darstellungen über den großen Terror 1937[15] oder über die großen Hungersnöte im Zuge der Zwangskollektivierungen 1932/33.

Das „richtige“ Geschichtsbild soll nicht weiter besudelt werden. Für die zahllosen Verfolgten aus der Stalinzeit gibt es kein öffentliches Erinnern.

Ein überlebender Zeitzeuge aus dem GULag-System ist der frühere Medizinstudent an der Universität Halle Horst Hennig (Jg. 1926), 1950 vom sowjetischen Geheimdienst auf DDR-Territorium rechtswidrig verhaftet und nach falschen Spitzelaussagen zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, die er in Workuta unter unmenschlich schweren Bedingungen  verbringen musste. Erst 1955 nach dem Besuch von Bundeskanzler Konrad Adenauer in Moskau kam er frei. Horst Hennig setzte sein Medizinstudium in Köln  fort und ist am 16.Oktober 1992 durch den Militärstaatsanwalt der russischen Förderation  rehabilitiert worden. Damit gab sich der frühere Generalarzt der Bundeswehr, Dr. Horst Hennig, aber nicht zufrieden. Er wollte auch für seine Kameraden aus Workuta die Rehabilitierung und er hat sie für zahllose politisch verurteilte  Häftlinge erreicht. Als Zeitzeuge hat er darüber hinaus das System des GULag nicht nur beschrieben, sondern auch die historischen Hintergründe aufgedeckt. Eigenes Erleben und die spärlich aber doch vorhandenen schriftlichen Belege in russischen Archiven  haben ihn dazu befähigt. Sein Bericht „Mein Besduch in Moskau 1992/1993“ über seine erste Akteneinsicht ist ein authentisches Zeugnis für diese Arbeit:[16]

Bei einer Begegnung mit sowjetischen Militärhistorikern 1992 in Freiburg i. Br. erhielt ich eine Einladung zu einer Archivreise nach Moskau, der sich zwei weitere pensionierte Generäle der Bundeswehr anschlossen. Bei dieser Gelegenheit übergab ich einem Offizier für Öffentlichkeitsarbeit in der Ljubjanka eine in russisch verfasste Bitte um Einsichtnahme in die Gerichtsakten von 1950. Gleichzeitig vereinbarte ich einen zweiten Besuch vom 27. Juli bis 4. August in Moskau und Workuta, um die Gräber der am Schacht 29 Erschossenen aufzusuchen. Der Offizier gab spontan sein Einverständnis.

Die russische Botschaft in Bonn bestätigte, dass die Ermittlungs- und Gerichtsakten im russischen Staatarchiv der Russischen Förderation gefunden worden seien und die Überprüfung habe ergeben, dass die Verhaftung und Verurteilung der Studenten 1950 zu Unrecht geschehen  ist  1993 reisten schließlich Horst Hennig und  vier weitere damals  zu 25 Jahren Zwangsarbeit Verurteilte nach Russland. Gemeinsam wälzten sie  – öffentlichkeitswirksam, denn die Moskauer Presse, das russische Fernsehen und das ZDF waren dabei – ihre  Gerichtsakten. Ich konnte zwei ‚Verbrecher-Fotos‘ in Augenschein nehmen, berichtet Horst  Hennig,  die von mir nach meiner Verhaftung im ‚Roten Ochsen‘ zu Halle/S. – ich war damals 23 Jahre alt  – angefertigt worden waren.

Horst  Hennig bat mit Blick  auf die Opfer,   um Freigabe der Akten, auch im Interesse Russlands selbst, damit die Geschichte des Landes neu geschrieben werden kann.  Zur Erinnerung erhielt er Teile seiner persönlichen  Akte in Kopie, seine ‚Verbrecher-Fotos‘, und die Gerichtsentscheide über die Aufhebung der zu Unrecht ergangenen Urteile (‚Rehabilitierung‘) auch jener Studenten, die mit ihm verurteilt worden waren.  

Über die russische Botschaft in Bonn erhielt ich die Nachricht, dass die Ermittlungs- und Gerichtsakten im Archiv gefunden worden waren. Deren Überprüfung habe ergeben, dass die Verhaftung und Verurteilung der Studenten 1950 zu Unrecht erfolgt sei. 1993 reisten schließlich mit mir vier weitere ehemals zu 25 Jahren Zwangsarbeit Verurteilte nach Russland. Gemeinsam wälzten wir – öffentlichkeitswirksam, denn die Moskauer Presse, das russische Fernsehen und das ZDF waren dabei – unsere Gerichtsakten. Die mich betreffende Akte, in der die ‚Verbrechen‘ der sechs mitverhafteten Studenten katalogisiert waren, war ein Muster an Ordnung. Ich konnte zwei ‚Verbrecher-Fotos‘ in Augenschein nehmen, die von mir nach meiner Verhaftung im ‚Roten Ochsen‘ – ich war damals 23 Jahre – angefertigt worden waren.

Die freundlichen Beamten für Öffentlichkeitsarbeit des Ministeriums für Sicherheit der Russischen Föderation der Lubjanka baten uns gegen 11.00 Uhr in den Arbeits- und Besprechungsraum (Konferenzzimmer) Platz zu nehmen. Hier empfing uns betont wohlwollend der stellvertretende Innenminister Generalleutnant V.A. Bondarenko. In seiner Begrüßungsansprache unterstrich er an erster Stelle das ’neue Denken‘ in der Regierung und in der Administration seines Hauses. Es gäbe keinen Personenkult mehr. Er bedauere das Leiden der damaligen Häftlinge, aber das, was in der Repression möglich gewesen sei, sei heute unmöglich. Er entschuldigte sich für alles erlittene Unrecht, welches auch uns widerfahren sei. Im Namen meiner ehemals Mitverurteilten dankte ich für die Möglichkeit des Besuches, den Empfang, den Einblick in die Gerichtsakten und für die Unterstützung unseres Workuta-Besuches, wo wir der während des Streiks Erschossenen, der Verwundeten, der im Lager Verstorbenen nach 40 Jahren ehrend gedenken wollten.

Ich bat, mit Blick auf die Opfer, die Archive für die wissenschaftliche Auswertung freizugeben, damit die Geschichte geschrieben werden könne, die nach 1917, nach 1933 und insbesondere von 1945 an auch eine russisch-deutsche Geschichte sei und als solche den Interessen beider Staaten diene. Zur Erinnerung erhielt ich Teile der Akte in Kopie, meine ‚Verbrecher-Fotos‘, und die Gerichtsentscheide über die Aufhebung der zu Unrecht ergangenen Urteile (‚Rehabilitierung‘) auch jener Studenten, die mit mir verurteilt worden waren. Nach dem Besuch des KGB-Museums, das nach Weisung Andropows 1984 eingerichtet worden war, empfing uns die Militärhauptstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation, in Person von Generalmajor V.N. Panitschew. Freundliches und aufgeschlossenes Entgegenkommen auch hier, was besonders in der Begrüßungsrede zum Ausdruck kam. Im Keller-Archiv befanden sich unzählige Akten-Bände mit sicherlich Hunderttausenden von Schicksalen (Das ZDF durfte filmen). Kein Mensch kennt deren genaue Zahl. Hier sollen vornehmlich § 58,6 – (Spionage)Akten lagern. Anschließend gingen wir auf die ‚Arbeitsebene‘ der nachgeordneten Behörde dieser jungen Staatsanwaltschaft, die mit unserer Vergangenheit vertraut war. Am Abend versammelten sich unsere Gesprächspartner des Tages als unsere Gäste im Hotel. Die Trinksprüche waren entsprechend. Der Höhepunkt des nächsten Tages war der Besuch bei der (zivilen) Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation, Leiterin der Abteilung Rehabilitierung, Frau G.F. Wesnowskaja. Die ‚Einsetzung in frühere Rechte‘ ist für die zu Unrecht verurteilten Menschen der russischen Staaten äußerst wichtig! Damit sind u. a. erhebliche materielle Vergünstigungen verbunden. (Israel bedenkt ehemals in der SU verhaftete Menschen jüdischen Glaubens mit einer doppelten Rente.)

Schließlich aber stand uns Besuchern die Zugfahrt nach Workuta noch bevor. Dort angekommen, bezogen wir nach einer kurzen Rundfahrt durch die Stadt unser Hotel, ein aktives Sanatorium unter ärztlicher Leitung stehend. Am 1. August 1993 versammelten wir uns, um der Toten des Workuta-Aufstandes zu gedenken, gegen 11:00 Uhr, dem Zeitpunkt des Feuerüberfalls vor 40 Jahren, vor den Gräbern am Schacht 29. Von Vertretern anderer Nationen wurden Ansprachen gehalten, die in einen schwermütigen Trauergesang der Ukrainer übergingen. Auch eine amerikanische Schülergruppe zeigte sich von den religiösen Bräuchen der russischen Angehörigen und Freunde der Opfer ergriffen. Wir deutschen Zeitzeugen gingen zu Fuß Richtung Lager Nr. 10, in welchem seinerzeit auf der Lagerstraße auf Befehl des Generals und Kandidaten des ZK der KPdSU, Masennikow [Maslenikow] das Feuer auf die unbewaffneten Häftlinge eröffnet worden war.

Das Lager war dem Erdboden gleich. Ich erkannte alle Strukturen im Grundriss, sogar die zwei Blumenkübel vor der sanitätsdienstlichen Lager-Ambulanz. Hier verbrachte ich Jahre meines jungen Lebens und kämpfte täglich gegen Hunger, Zwangsarbeit und eine tödliche Kälte von bis zu 50 Grad minus um mein Überleben.

„Nach der friedlichen Revolution 1989/1990“, schreibt Horst Hennig, „waren in den Staatsicherheitsakten in Berlin keine Hinweise über die im März  1950 in Halle/S. durch die Sowjets verhafteten Studenten zu finden.“[17] Tatsächlich fand Sybille Gerstengarbe diese Hinweise über verhaftete Studenten der Universität Halle erst bei ihren Recherchen 2008. Kürzlich hat Horst Hennig seine persönlichen Haftunterlagen zusammengestellt. Die BStU hat ihm noch 2007 bescheinigt, dass über ihn keine Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR  vorliegen. [18]

Bereits 1975 hat Horst Hennig mit dem früheren Leiter des Bundesarchivs, Militärarchiv Freiburg/Breisgau, Dr. Manfred Kehrig in Kontakt gestanden. Kehrig arbeitete seit 1986 wissenschaftlich mit Moskauer Archiven zusammen und ganz besonders mit dem Historiker  Generalleutnant Prof. Dr. Dimitrij A. Volkogonow. Horst Hennig stellte den Antrag auf Akteneinsicht im russischen Geheimdienstgefängnis Lubjanka

Über Manfred Kehrig gelang es Horst Hennig, Kontakte nach Moskau zu knüpfen. Auch erhielt er zusammen mit General a.D. Dr. Günter Kießling eine Einladung in die russische Hauptstadt. 1992 folgte er der Einladung von Oberst Igor Nikolaewič Wenkow, Chef des Militärarchivs im Russischen Generalstab. Wenkow verspricht Hennigs Arbeit in den russischen  Archiven zu unterstützen.[19],  In Absprache mit dem Bundeswehrverband und der Kriegsgräberfürsorge in  Kassel folgen 1992,  1993 und 1995 Reisen nach Workuta.

Mündliche Aussagen der Betoffenen, der verhafteten und verurteilten Studenten können präziser, der historischen Wahrheit näher sein, als es geschönte Archivdokumente, trotz zeitlicher Nähe vermögen. Das Leben der verhafteten Studenten allein nach den Berichten der Lagerobersten zu ergründen, von Bürokraten, deren Aufgabe vor allem darin bestand , diese Menschen zu erfassen, sie arbeitsmäßig auszupressen und zu kontrollieren, kann nicht sein. Das ist die Perspektive der „Täter“, des Wach- und Verwaltungspersonals, der Lagerleiter und Gebietschefs des NKWD und der Funktionäre der Lagerhauptverwaltungen.[20] Tagebücher und Aufzeichnungen der stalinistischen Gewalttäter  spiegeln im hohlen Pathos nichts Eigenständiges, sondern die „Macht der bolschewistischen Rede“.[21]

In der Sowjetunion gab es seit dem Ende der 80er Jahre GULag-Erinnerungen. „Denn die offiziellen Dokumente sagen meistens etwas ganz  anderes  aus, als das, was im Gedächtnis der ehemaligen Häftlinge aufbewahrt ist.“[22]  Anders als die offiziellen Dokumente spiegeln Passfotos, als besondere Dokumentationsform, die Wirklichkeit wider. Sie vermitteln einen Hauch von Objektivität. Studenten, die von sowjetischen Militärtribunalen verurteilt worden waren, sind überwiegend nach ihrer Verhaftung und den ersten Vernehmungen erkennungsdienstlich behandelt worden. Dazu wurde ein Passbild angefertigt. Ein russischer Feldwebel („Starschi“) schrieb mit Kreide Namen, Vornamen und Geburtsjahr auf das „schwarze Brett“,  das der Häftling für die Aufnahme halten musste. Dieser Vorgang war eingebettet in ein Ritual. Nach dem „Spitzel-Vorlauf“ der K 5 bzw. Staatssicherheit, einem Operativplan, der Einbeziehung des SED-Sekretärs, erfolgte die Verhaftung durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD. Die Vorermittlungen  der K 5 interessierte die Sowjets nicht. Sie versuchten von den Studenten Geständnisse zu erpressen. Die verhafteten Studenten  sollten „gestehen“, Spionage und antisowjetische Propaganda betrieben und möglichst eine konterrevolutionäre Gruppe gebildet zu haben. Das waren wichtige Voraussetzungen, um nach dem Strafgesetzbuch der UdSSR,  mit dem dehnbaren Paragraphen 58, und den Absätzen 6, 10 und 11 verurteilt zu werden. Die Gerichtsakten enthielten die Verhaftungsanordnungen mit deutscher Übersetzung, einem Durchsuchungs- und vollständigen Vernehmungsprotokoll sowie dem Urteil. „Nach dem Gerichtsurteil“, erinnert sich  Horst  Hennig, „geht der Gefangene mit einer Handakte und Foto, die später als Grundlage der Lagerakte (Lischnoe Delo), dient, auf Transport.“ Bei ihm  wurde bereits in Halle festgelegt, dass er am 7.Dez.1950 auf dem Schienenweg über Brest, Moskau, Wologda nach Workuta gebracht wird. Die Lagerakte wurde von der sowjetischen Lagerleitung am 6.Dez. 1955 geschlossen.[23]

Mit der Auflösung der sowjetischen Lager sind häufig die Akten verloren gegangen und mit ihnen die Vernehmungsfotos. In den Veröffentlichungen der Menschenrechtsorganisation  Memorial  werden diese Lücken besonders deutlich.

Als 1989/90 erstes Archivmaterial über das sowjetische Lagersystem zugänglich wird, ist das Wissen darüber ständig gestiegen. Quellen aus der GULag – Bürokratie ermöglichen sowohl quantitativ als auch qualitativ neue Einsichten. Bis 1989 konnte „das verborgene Universum der sowjetischen Lager“ nur oder beinahe ausschließlich über Zeugnisse früherer Häftlinge erschlossen werden. Plötzlich werden Massen von Akten im Staatsarchiv der russischen Förderation (GARF) zugänglich. Es entsteht eine siebenbändige Darstellung und Dokumentation zur Geschichte des GULag.[24]

Das bedeutendste literarische Zeugnis zum GULag schrieb Aleksandr Solženicyn. Der 1974 veröffentlichte „Archipel GULag“ gilt als sein Hauptwerk und als eines der einflussreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts. Es ist das bekannteste Werk der – oft im Untergrund entstandenen und verbreiteten (Samisdat) – Lagerliteratur aus der Stalin- und Chrustschow -Ära in der Sowjetunion,  und die authentische Darstellung und Kritik des Stalinismus innerhalb der Literatur. Zuvor war 1962 bereits  Solženicyns Erstlingswerk „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowič“,die Schilderung eines GULag-Häftlings, in der Moskauer Zeitschrift „Nowy Mir“ erschienen.

Zwischen 1986 und 1989 folgten zahlreiche Zeitzeugenberichte, Erzählungen und Dokumentarfilme. Die Institution des sowjetischen Straflagers „ist von Anfang an integraler Bestandteil des sowjetischen Experiments, das mit Lenin beginnt.“[25] Es fällt auf, das sowjetische Historiker, anders als die Journalisten, sich des Stoffes kaum bemächtigen, „waren sie doch oftmals von der offiziellen Ideologie dauerhaft geprägt.“ Noch sind die Archive geschlossen und  Zeitzeugenberichte von überragender Bedeutung.[26]

In diesen Jahren, gegen Ende der Sowjetunion,  1989, wird der  Physiker und Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow Gründungsvorsitzender der russischen Gesellschaft Memorial, die die Geschichtsschreibung der GULag-Lager maßgebend beinflussen sollte, auch durch Memorial Deutschland.[27] Memorial Russland erhielt großen Zulauf. Dieser Organisation ist es zu danken, „dass einige mit der Pression verbundene Archive ein wenig geöffnet wurden.“[28] Aber erst mit dem definitiven Ende der Sowjetunion und einem Ukaz des Präsidenten der russischen Förderation, Boris Jelzin, konnte nach und nach der gewaltige Bestand zum GULag im Staatsarchiv der russischen Förderation (GARF), das 1992 durch Zusammenlegung von zwei früher selbstständig existierenden Archiven entstand, tatsächlich zugänglich gemacht werden. Es ist dennoch nur ein Teil der „unermesslichen Bürokratenprosa, die von der wasserkopfartigen Verwaltungsstruktur des GULag jahrzehntelang verfasst wurde.“ Die örtlichen Lagerarchive, meist primitive Behausungen, sind leider nicht mehr vorhanden. [29]

Mit dem Abschied von den Gewissheiten des kommunistischen Weltbildes verändert sich auch das russische Archivwesen. Das zentrale Parteiarchiv wird 1991 verstaatlicht und verliert „den Status einer geheimen Asservatenkammer“.[30] 

Dem ausländischen „Benutzerboom“, der Euphorie, folgte bald die Ernüchterung. Deutsches, in die Sowjetunion gebrachtes Archivgut, wird 1999 als Ausgleich  für erlittene Kriegsverluste zum staatlichen Eigentum der russischen Föderation erklärt.[31] Im genannten Bundesgesetz vom Okt.2004 „Über das Archivwesen in der Russischen Förderation“ ist die Richtlinienkompetenz für archivorganisatorische Fragen zentral geregelt, d.h. speziell bevollmächtigte Bundesexekutivorgane sind damit betraut. Es gilt „die besten Traditionen der vaterländischen, darunter auch der sowjetischen Archivwissenschaft, zu bewahren.“[32]

Der Zugang zu den letzten Dokumenten über die in Moskau erschossenen deutschen Studenten „von der Bekanntgabe des Todesurteils bis zur Urteilsvollstreckung“ ist noch immer schwierig. Am Ende jeder Untersuchungsakte eines Erschossenen wird die Urteilsvollstreckung bestätigt und angeheftet. Fast immer fehlen Angaben zum Ort der Bestattung. [33] Von besonderer Bedeutung ist die Sammlung von Dokumenten über die Erschießungen im Zentralarchiv der russischen Förderation. Sie setzt 1920 ein, wichtig sind hier  für die Schicksale politisch verfolgter deutscher Studenten  die Jahre 1950-1953 im Bestand Nr. 7. Es handelt sich um Protokolle  über Urteilsvollstreckungen und Bestattungen (Einäscherung) – „neben dem Krematorium verscharrt“-  in Donskoje.[34]

Gnadengesuche konnten einen Tag nach der Urteilsverkündung gestellt werden. Sie waren fast alle mit Bleistift geschrieben, schnell übersetzt und auf einer russischen Schreibmaschine getippt. Sie enthielten immer das Datum der Übersetzung und die Unterschrift des Übersetzers.

Urteile der sowjetischen Militärtribunale unterlagen keiner Berufung und nur der Aufsicht  durch das Präsidium des Obersten Sowjet. Das Präsidium des Obersten Sowjet entwarf ein Schriftstück, das das Gnadengesuch ablehnte oder ihm stattgab. Automatisch folgte auf die Begnadigung  eine Strafe von 25 Jahren Arbeitslager. Mit einem zweiten Schriftstück bestätigte der Sekretär den Eingang des vorangegangen Schreibens. In einem dritten Schiftsatz  wird Stalin vorgeschlagen, das Gnadengesuch abzulehnen oder umzuwandeln. All diese Schreiben erreichten aber nicht Stalin, sondern eine Sonderabteilung beim Zentralkomitees der KPdSU, „die die Korrespondenz von Stalin führte.“ Die Mitglieder des Politbüros, die der Abteilung angehörten, entschieden über die Ausfertigung. An der  Entscheidung war offenbar Stalin nicht beteiligt. Diese Praxis der Begnadigung ist kaum nachvollziehbar. Es dürften „oft äußerst subjektive und zufällige Faktoren“ eine lebensentscheidende Rolle gespielt haben. Die Hinrichtungen fanden überwiegend in der Butyrka statt. Protokolle darüber sind nicht überliefert. Nach der Urteilsvollstreckung wurde ein Einäscherungsprotokoll geschrieben, die Untersuchungsakte in die letzte Form gebracht und paginiert.[35]

Mit der Demokratisierung der russischen  Gesellschaft galt es auch die Aktenfreigabe zu sichern. Zu Sowjetzeiten konnten unbegründet Dokumente geheim- und damit zurückgehalten werden. Um die Bestände benutzen zu können, mussten zuerst Findbücher angefertigt werden, wie sie in europäischen Archiven üblich sind. Vor dem Hintergrund der Rehabilitierungsprozesse  wurden zuerst die Akten über die Opfer der stalinistischen Gewaltherrschaft  während der dreißiger und fünfziger Jahre freigegeben.[36] Die unter Verschluss gehaltenen Dokumente  in ihrem Geheimhaltungsgrad herabzustufen, erwies sich als schwierig bis unmöglich. Man konnte oder wollte sich nicht darauf festlegen, „die Entsekretisierung ständig und nicht nur episodisch vorzunehmen.“[37]

Der bedeutende russische Archivar Andrej V. Doronin beschreibt, wie das russische Archivwesen verbessert werden kann: „Es muss eine kontinuierliche, für alle Glieder des föderativen Archivdienstes Russlands […] vorhersehbare, auf rechtlichen Normen begründete, von Umbrüchen im Staat weitgehend unabhängige und im gewissen Sinne autonome Archivpolitik verfolgt werden. Dafür sind Zeit, Finanzmittel, Professionalität und eine gehörige Portion Willenskraft eine unabdingbare Voraussetzung.“ [38]

Das russische Archivwesen bedarf großer Reformen, um den berechtigten wissenschaftlichen und rechtlichen Interessen der Benutzer zu genügen. Dazu sind  große Anstrengungen notwendig. Eine Grundvoraussetzung besteht darin, dass der staatliche Demokratisierungsprozess nicht rückläufig erfolgt, sondern fortgesetzt wird.


[1] Im Universitätsarchiv Halle/S. befindet sich keine Stundentenakte vom ehemaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher, dagegen ist seine  Studentenakte im Universitätsarchiv Leipzig erhalten.

[2] Vgl. Ilko-Sascha Kowalczuk, Geist im Dienste der Macht. Hochschulpolitik in der SBZ/DDR 1945 bis 1961. Berlin 2003, S.27f.

[3] So ist die Verhaftung von Werner Ihmels 1947  in Leipzig über den Nachlass des Historikers Hermann Mau nachvollziehbar.

[4] Ilko-Sascha Kowalczuk, wie Anm. 2, S.487-515.

[5] Z.B. Haftanstalt  „Roter Ochse“ in Halle/S,, NKWD-Keller Dresden, Bautzner Straße.

[6] Karl Wilhelm Fricke, Gespräch mit Gerald Wiemers am 6.Febr. 2009; vgl. die Fotos von unschuldig verhafteten Frauen vor und in der Haft bei  Annerose  Matz-Donath, Die Spur der roten Sphinx. Deutsche Frauen  vor sowjetischen  Militärtribunalen. Schnellbach 2000, S. II-X.

[7] Vgl. André Gursky, Rechtspositivismus und konspirative Justiz in der DDR. Ideologiekritische Aspekte der Arbeitsweise des MfS als Ermittlungs- und Untersuchungsorgan. Halle/S. 2009. S.162 (= phil. Diss, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Ms.) [unveröff.].

[8] Jens Reich, Soll man Gesine Schwan  das Scheitern wünschen ? In: FAZ Nr.148 v. 27.Juni 2008.

[9] Sonja Margolina, Schauplatz Russland. Die Wiederverheimlichung. Der Zugang zu den Archiven wird immer mehr eingeschränkt. In: Neue Zürcher Zeitung Nr. 63 v. 16.März 2006. 

[10] Marietta Tschudakowa zitiert bei Jens Hartmann, Russland: eine Chance für die historische Wahrheit. In: Welt online v. 18.Juni 2007; vgl. auch Anm. 6.

[11] ND-Interview mit Jakow S. Drabkin, in: Neues Deutschland, Berlin, 3.Mai 2008.

[12]    Zu  Alla Koiten  vgl. Anm. 6.

[13]  Markus Wehner, Gescheiterte Revolution. In den  russischen  Archiven werden die Akten wieder zugemacht. Die dunklen Seiten der Geschichte sollen nun im Verborgenen ruhen. In: Frankfurter Sonntagszeitung Nr. 25 v. 22.Juni 2008.; vgl. Anm. 6.

[14]  Hermann Schreyer, Verwaltungsreform und Archivgesetz. Aktuelle Probleme des Archivwesens der Russischen Föderation. In:  Archive und Gedächtnis. Festschrift für Botho Brachmann. Hrsg. v. Friedrich Beck u.a. Berlin-Brandenburg 2005,    S.352f.

[15] Vgl. Karl Schlögel, Terror und Traum. Moskau 1937. München 2008 und Bonn 2008. 812 S. (= Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 733).

[16]  Horst Hennig, Mein Besuch in Moskau 1992/93. In: Sybille Gertsengarbe u. Horst Hennig: Opposition, Widerstand und Verfolgung an der Martin-Luther Univdersität Halle-Wittenberg von 1945-1961. Eine Dokumentation. Leipzig 2009. S. …. 

[17] Horst Hennig an Dr. Günther Wagenlehner, Köln 28.Juli 1999 [privat].

[18] Horst Hennig: Archiv – Dokumente aus den Ermittlungsverfahren  der „K5“ (später Stasi) der Aussenstelle BStU Halle (1950) und ces KGB-Archiv Moskau. Gerichts- und Lagerakte in Spiegel der Opposition einer Studentengruppe der Universität Halle. Köln 2009. 38 S. [Ms. 38 S., privat].

[19] Igor Nikolaewič Wenkow an Horst Hennig, Moskau 25.Juni 1992 [privat].

[20] Nicolas  Werth, Der GULag im Prisma der Archive. In: Osteuropa 57 (Juni9 2007) H.6: Das Lager schreiben.  Sarlam  Šalamov und die Aufarbeitung des GULag , S.15, 24.

[21] Jörg Baberowski, Arbeit an der Geschichte . Vom Umgang mit den Archiven. In: Stefan Creuzberger, Rainer Lindner (Hrsg.): Russische Archive und Geschichtswissenschaft. Frankfurt/Main 2003. S.26 (= Zeitgeschichte, Kommunismus, Stalinismus. Materialien und Forschungen, Band 2).

[22] Irina Scherbakowa, Gefängnisse und Lager im Sowjetischen Herrschaftssystem. In: Formen der Erinnerung – Archive. Frankfurt/Main 1999, S.581f.

[23] Horst Hennig  an Gerald Wiemers, 4.Febr. 2009.

[24] Nicolas Werth, Der GULag im Prisma der Archive. In: Osteuropa Jg. 57 (Juni 2007) H.6: Das Lager schreiben.  Sarlam  Šalamov und die Aufarbeitung des GULag. S.9, wie Anm. 18.

[25]  Ebda. S.12.

[26]  Ebda, S.13.     

[27]  GULag. Das Lagersystem  in der UdSSR. Berlin 2006. Diese verdienstvolle Publikation mit zahlreichen Übersetzungen russischer  Materialien ist leider bei uns noch viel zu wenig bekannt. Der Inhalt ist auch über das Internetportal oder eine CD-ROM, herausgegeben von Memorial Deutschland, abrufbar.

[28]  Nicolas Werth, Der GULag im Prisma der Archive. Wie Anm.20, S.14.

[29] Ebda, S.14 u. 21.

[30]Andrej V. Doronin, Von Zentralen Parteiarchiv (CPA) zum Russischen Staatsarchiv für Sozial- und Politikgeschichte (RGASPI), wie Anm. 15,  S.83.

[31] Schreyer, wie Anm. 11,   S.343 f.

[32] Ebda, S.351.

[33] Arsenij Roginskij, „Um unverzügliche Vollstreckung des Urteils wird ersucht“. Letzte Dokumente über die von 1950-1953 in Moskau erschossenen Deutschen. In: „Erschossen in Moskau…“ Die deutschen Opfer  des Stalinismus auf dem Moskauer Friedhof Donskoje 1950.-1953. Hrsg. v. Arsenij Roginskij, Jörg Rudolph, Frank Drauschke u. Anne Kaminsky. Berlin 2005. S.37f.

[34] Ebda. S.39-41.

[35] Ebda. S.45f., 50f., 54, 62-65.

[36] Oganes V. Marinin, Das Staatsarchiv  der Russischen Förderation (GARF). Freigabe und Nutzung neuer Bestände,  wie Anm. 15,   S.104.

[37] Ebda S.106

[38] Doronin, wie Anm. 22, S.90.

Die Belter-Gruppe. Studentischer Widerstand gegen das SED-Regime an der Universität Leipzig

Die Gründung der Universität Leipzig jährt sich 2009 zum 600sten Mal.
Dieses Jubiläum ruft in Erinnerung, dass Studium und Lehre immer auch
einhergehen mit dem Drang nach geistiger Freiheit, nach persönlicher
Entfaltung und dem Wunsch nach Veränderung. Leidenschaftlicher Widerstand gegen die Bedrohung von selbständigem Denken und Handeln wurde
zu allen Zeiten geübt. Im Jahr 1409 führte er zur Gründung der heute
zweitältesten Universität in der Bundesrepublik Deutschland. Seitdem standen Leipziger Studierende immer wieder im Fokus gesellschaftspolitischer
Entwicklungen und Umbrüche, von der Reformation über die beiden Weltkriege bis in die jüngere deutsche Geschichte. Dieses Erbe ist bis heute
lebendig.
Kulturelle Identität wird über Geschichtsbilder auf der einen und über
individuelle und kollektive Erinnerungen auf der anderen Seite geprägt.
Einen besonderen Stellenwert nehmen dabei persönliche Erlebnisse von
Zeitzeugen ein, deren Berichte Geschichte „erlebbar“ machen und eine
direkte Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart schaffen.
Mitunter halten sie uns auch einen Spiegel vor, dessen Bild uns zum Nachdenken anregt. Oft genug lehren sie uns jedoch, die kleinen alltäglichen
Dinge mit anderen Augen zu betrachten, hinzusehen statt wegzuschauen,
unerschrocken für die eigenen Überzeugungen einzustehen – dies auch
in dem Bewusstsein möglicher Nachteile. Das 600-jährige Jubiläum der
Universität Leipzig ist ein Anlass, noch einmal zurückzuschauen und den
Einsatz couragierter Menschen für Freiheit und Demokratie in unserer
jüngeren deutsch-deutschen Geschichte zu würdigen.
Um das öffentliche Bewusstsein für die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit zu sensibilisieren, hat das Bildungswerk Dresden der Konrad Adenauer-Stiftung gemeinsam mit der Universität Leipzig die „Belter Dialoge“ ins Leben gerufen. Dabei handelt es sich um eine jährlich stattfindende
Veranstaltungsreihe, die durch Interdisziplinarität verschiedene Aspekte
des Unterdrückungssystems an ostdeutschen Bildungseinrichtungen zur
Geltung bringen und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen
möchte. Die „Belter Dialoge“ sollen Mahnung sein, das Leben in einem demokratischen Rechtstaat nicht als Selbstverständlichkeit zu betrachten.
Allen Versuchen, die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu beseitigen
oder auch nur in Frage zu stellen, gilt es mit Mut und Kraft entgegenzutreten, damit Diktaturen sich in unserem Land nicht wiederholen können.
Die „Belter Dialoge“ sind ein Plädoyer für Freiheit und Demokratie.
Es war vor allem die geistige Unfreiheit der beiden totalitären Regime
in Deutschland, die politischen Widerstand motivierten. In der Zeit des
Nationalsozialismus war es zum Beispiel die Gruppe um die Geschwister
Scholl, die sich in München dem System entgegenstellte. Ihre Mitglieder
haben dafür mit dem Leben büßen müssen. In der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR sahen viele Studentinnen und Studenten in den
Geschwistern Scholl ein Vorbild und wandten sich aktiv gegen den Totalitarismus des SED-Regimes, nachdem die Hoffnungen auf einen demokratischen Neubeginn an den Universitäten in der SBZ und der frühen DDR
schon bald enttäuscht wurden. Unter dem Kurs der SED nahm ab 1948
der stalinistische Terror und Einfluss der politischen Vereinigungen an den
Hochschulen systematisch zu, um das „bürgerliche Bildungsprivileg der
Ausbeuterklasse“ zu brechen. Übrig blieben „nur noch Fassadenreste der
traditionellen Freiheit“. Gegen diesen radikalen Umbau des gesamten
Hochschulwesens nach sozialistischem Vorbild begehrten Studentenschaft
und Professoren an allen ostdeutschen Universitäten auf. Ihr Ziel war es,
die Freiheit in Forschung und Lehre zu verteidigen und ein freies demokratisches Gemeinwesen zu schaffen. Dafür wurden sie mit aller Härte
verfolgt, auf Jahre ins Gefängnis geworfen, in die UdSSR deportiert oder
erschossen. An rechtsstaatliche Verfahren war dabei nicht zu denken.
So lag der Unschuldsbeweis bei dem Beschuldigten und Haftstrafen von
25 Jahren wegen „Spionage und antisowjetischer Propaganda“ waren an
der Tagesordnung. Zwischen 1945 und 1955 sind an den fünf mitteldeutschen Universitäten 377 Studenten verhaftet worden. In diesen zeh

Jahren wurden allein neun Studenten der Universität Leipzig hingerichtet
und 95 erhielten langjährige Haftstrafen. In der gesamten SBZ/DDR wurden zwischen 1945 und 1953 1897 deutsche Zivilisten durch sowjetische
Militärtribunale zum Tode verurteilt. Die Zahl der Haftstrafen lag in diesem
Zeitraum noch um ein Vielfaches höher. Auch nach 1955 wurden Andersdenkende verfolgt. Zahlen, die eine Vorstellung vermitteln, was es bedeutet, in einem totalitären System „freie Gedanken“ offen auszusprechen.
„Unter Freiheit verstehen wir das Selbstdenken und Handeln aus eigener
Einsicht“, schreibt der einflussreiche Philosoph Karl Jaspers. Der leidenschaftliche Widerstand junger Studentinnen und Studenten gegen die erneute Bedrohung der geistigen Freiheit und den Totalitarismus des SEDRegimes nach dem Ende des Nationalsozialismus legen Zeugnis ab von
dieser Einsicht. Vielen waren die Konsequenzen ihres Handelns bewusst,
wenn auch nicht immer im vollem Umfang, dennoch stritten sie unerschrocken für ihr Recht. Dies gilt es in Erinnerung zuhalten mit der Mahnung, dass wir nur im Wissen um unsere Vergangenheit die Zukunft verantwortungsvoll gestalten können.
Die „Belter Dialoge“ sind nach dem Leipziger Studenten Herbert Belter
benannt. Er verteilte in Leipzig vor den Volkskammerwahlen im Herbst
1950 Flugblätter und protestierte damit gegen die von der SED durchgesetzte Einheitsliste. Zusammen mit seinen Kommilitonen wurde er von der
Leipziger Polizei verhaftet und an den sowjetischen Geheimdienst ausgeliefert. Herbert Belter, der „Anführer“ der Gruppe, wurde im Januar 1951
von einem sowjetischen Militärtribunal zum Tode verurteilt und in Moskau
erschossen. Die anderen Studenten verurteilte man zu je 25 Jahren Freiheitsentzug und brachte sie zum Teil bis nach Workuta weit jenseits des
Polarkreises, wo sie jahrelang Zwangsarbeit zu verrichten hatten. Der
Name „Belter Dialoge“ steht symbolisch für alle in jener Zeit an ostdeutschen Bildungseinrichtungen tätigen Widerstandsgruppen. Junge Menschen,
die sich der Gleichschaltung widersetzten und die geistige Bevormundung
nicht länger hinnehmen wollten sowie für ihre Rechte kämpften.
Dem Zeugnis von erlebter Zivilcourage und studentischem Widerstand
an der Universität Leipzig widmeten sich die ersten „Belter Dialoge“ vom

  1. Mai 2009. Die Auftaktveranstaltung mit abendlichem Festakt fand im
    ehrwürdigen Alten Senatssaal der Universität Leipzig statt, an der auch

die fünf noch lebenden Mitglieder der „Belter-Gruppe“ teilnahmen. Der
vorliegende Band dokumentiert die Reden und Grußworte dieser ersten
Veranstaltung und des Festaktes.
Herzlich gedankt sei an dieser Stelle dem Staatsminister der Justiz,
Herrn Geert Mackenroth, und Herrn Oberbürgermeister Burkhard Jung
für die freundliche Einwilligung, ihre Redebeiträge für eine Veröffentlichung
zur Verfügung zu stellen. Ein besonderer Dank für die konzeptionelle
Unterstützung und Aufbereitung ihrer Manuskripte gebührt Herrn Prof. Dr.
Ulrich von Hehl, Herrn Prof. Dr. Gerald Wiemers und den beiden ehemaligen Mitgliedern der „Belter-Gruppe“, Herrn Prof. Dr. Werner Gumpel und
Herrn Prof. Dr. Siegfried Jenkner, sowie dem Direktor des Universitätsarchivs Leipzig, Herrn Dr. Jens Blecher, für die Beratung und Ausgestaltung
der begleitenden Ausstellung. Für die Ermöglichung der gesamten Veranstaltung und der anschließenden Publikation sei der Konrad-AdenauerStiftung auf das Herzlichste gedankt.
Prof. Dr. Franz Häuser,
Rektor der Universität Leipzig
Dr. Joachim Klose,
Landesbeauftragter der
Konrad-Adenauer-Stiftung
für den Freistaat Sachsen