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Verlorene Heimat – Zum Heimatverlust durch Vertreibung

Gerhard Barkleit

1. EINLEITUNG

Vertreibungen im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen haben in der Menschheitsgeschichte schon oft stattgefunden. Manfred Kittel, Direktor der Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung” zitiert Beate Sibylle Pfeil, wenn er vom „größten Vertreibungsgeschehen der Weltgeschichte” spricht.Aber nicht nur die enorme Anzahl von Betroffenen – die Angaben schwanken zwischen 12 und 14 Millionen – lässt den Superlativ gerechtfertigt erscheinen. Einmalig und beispiellos ist die Vertreibung der Deutschen aus dem historischen Osten nach dem Zweiten Weltkrieg auch in anderer Hinsicht. Im sogenannten „deutschen Osten” wurde die Aussiedlung nicht nur mit äußerster Brutalität durchgeführt, sondern auch mit einer solchen Rigorosität, dass es zu dem vom Sieger betriebenen kompletten Austausch der Bevölkerung tatsächlich kam. Darüber hinaus erfolgte, zumindest in den von der Sowjetunion besetzten Gebieten, eine Ablösung der totalitären nationalsozialistischen Herrschaft durch die nicht minder totalitäre Diktatur Stalins.

Die drei genannten Eigenschaften – Anzahl der Betroffenen, kompletter Austausch der Bevölkerung, Wechsel von Totalitarismen – erlauben es, von einer Singularität in der Geschichtlichkeit zu sprechen. Dieser Begriff ist in der deutschen Historiografie eigentlich dem Holocaust vorbehalten. Zumindest für den gelernten Physiker erweist er sich aber auch im Fall von Flucht und Vertreibung der Deutschen sowie der Neubesiedlung des Gebietes durch Bürger der Sowjetunion als ein für die Forschung nützlicher Begriff. Auf diese Forschung will ich aber hier nicht näher eingehen. Das „Faktische” dieses singulären historischen Ereignisses ist in den letzten Jahren durch wissenschaftliche Studien sowie Berichte von Zeitzeugen meiner Meinung nach so weit aufgearbeitet, dass es als hinreichend bekannt vorausgesetzt werden kann. Deshalb will ich meinen Beitrag sehr persönlich anlegen.

Mit diesem Vorsatz gerate ich aber sofort in ein Dilemma. Denn streng genommen kann nur derjenige über einen Verlust glaubwürdig reden, der das Verlorene entweder besessen hat oder dem es zumindest für begrenzte Zeit anvertraut war. Wer, wie ich, im Alter von 13 Monaten „geflüchtet wurde”, konnte seine Umgebung noch gar nicht bewusst wahrgenommen haben, hat seine „Heimat” nicht als solche erlebt. Es gibt viele Vertriebene, die den Verlust von Heimat authentischer reflektieren könnten. Dazu gehörte bis zu ihrem Tode im Dezember 1975, das sei am Rande vermerkt, auch Hannah Arendt, die ihre Kindheit und Jugend in Königsberg verbrachte. Jahrzehnte später sagte sie einmal: „In meiner Art zu denken und zu urteilen komme ich noch immer aus Königsberg” – ein deutliches Plädoyer für die Langzeitwirkungen prägender Einflüsse in der Kindheit. Das alles trifft auf mich nicht zu.

Ich könnte allerdings auch anders argumentieren: Bevor die Heimat meiner Vorfahren zu der meinen werden konnte, hat man sie mir weggenommen. Und das mit Recht, wurde mir im Osten beigebracht. Denn schließlich habe Deutschland den (bislang) grausamsten aller Kriege begonnen und habe den Holocaust zu sühnen. Aber auch im Westen „wurde die Thematisierung von Leid und Elend im Zusammenhang mit Flucht und Vertreibung der Deutschen 1944/45 als anstößig und rückwärtsgewandt, fast revanchistisch, angesehen und auf nüchterne historische Fakten reduziert”, sagt die Göttinger Juristin Karin Vehrenkamp.Ohne die Verbrechen Hitlerdeutschlands auch nur ansatzweise relativieren zu wollen, sei darauf hingewiesen, dass sich zurzeit die Aufmerksamkeit der historischen Forschung verstärkt „der Verantwortung der Alliierten am Zustandekommen des Gesamtereignisses Zweiter Weltkrieg” zuwendet.

Seit Jahrzehnten frage ich mich aber, warum die Deutschen in Ost und West keine Probleme damit hatten (und haben), dass Bayern und Sachsen, um nur zwei Bundesländer zu nennen, den Krieg ganz anders verloren haben als die Ostpreußen und die Schlesier – aus Gründen des Proporzes nenne ich auch bei den Vertriebenen nur zwei Gruppen. Die Bayern und die Sachsen konnten nach dem Ende des Krieges daran gehen, ihre zerstörte Heimat wieder aufzubauen. Das konnten die Ostpreußen und die Schlesier nicht. Ihnen blieb nur, den Bayern und den Sachsen beim Wiederaufbau zur Hand zu gehen und dabei eine neue Heimat zu finden. Viele fanden das, was heute und hier verhandelt wird, eine „Heimat in der Diktatur” – von den Einheimischen, wenn schon nicht unterstützt, so jedoch zumindest geduldet. Einen wesentlichen Unterschied für die Vertriebenen in der demokratisch verfassten Bundesrepublik und in der SED-Diktatur gab es aber dennoch. Der Lastenausgleich im Westen fand leider keine Entsprechung im Osten. Die Abwertung der Sparguthaben nach dem Schlüssel „1 DM für 10 RM” erfolgte hingegen auch hier.

Ohne mir anfangs dessen bewusst zu sein, bin ich darangegangen, mir die Heimat meiner Vorfahren portionsweise zurück zu holen – nicht realiter, gegenständlich, als sogenannter Revanchist, sondern fiktiv, indem ich mich bemühe, vor Ort und für die heute dort Lebenden etwas zu tun, dort etwas „zu bewegen”. Selbst auf die Gefahr hin, ins Pathetische abzugleiten, nenne ich es den Versuch, Versöhnung anzubieten.

Bevor ich genau darüber sprechen werde, möchte ich eine Erfahrung in den Raum stellen, die sich einer rationalen Erklärung entzieht. Nach einer ersten Reise ins heute russische „nördliche Ostpreußen” im Jahre 1999 suchte und fand ich immer wieder einen Vorwand für weitere Besuche in der Heimat meiner Vorfahren. Ich weiß inzwischen, dass es vielen so geht, die immer wieder dorthin fahren und keinen „vernünftigen” Grund für diese Sucht angeben können. Die schon zitierte Karin Vehrenkamp, eine Bläserkollegin, selbst einer Generation angehörend, die überhaupt nicht direkt von Krieg, Vertreibung und Flucht betroffen war, nahm im Sommer 2012 an meiner bislang letzten Reise teil. Sie versuchte „eine Vorstellung von dem zu bekommen, was mein Vater und meine Großeltern verloren hatten und mit welcher Sehnsucht im Herzen sie bis zu ihrem Tod gelebt haben”. „Gelegentlich”, so sagt sie, wundere sie sich darüber, dass sie offenbar „dennoch irgendwie involviert und betroffen” sei.

Während der Arbeit an meinem im Anthea Verlag Berlin erschienenen Buch „Das nördliche Ostpreußen heute. Eine Region im Fokus der Söhne und Töchter” sah ich mich auch mit den historischen Phänomenen von „Flucht und Vertreibung der Deutschen” sowie der „Neubesiedlung” durch Menschen aus den unterschiedlichsten Regionen der Sowjetunion konfrontiert. Als dort Geborenem will mir kein emotionsloser „Blick zurück” gelingen. Darüber hinaus jedoch fesselte mich zunehmend die mühsame Suche der Kaliningrader nach einer eigenen Identität in den bewegten Zeiten des wirtschaftlichen Niedergangs nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und eines langsam in Gang kommenden Aufschwungs. Im Folgenden möchte ich mich kurz den drei genannten Problemfeldern zuwenden, bevor ich mich ausführlicher den eigenen Bemühungen widme, die ich eingangs ein „Angebot zur Versöhnung” nannte.

2. HEIMATVERLUST DER DEUTSCHEN,

NEUBESIEDLUNG UND IDENTITÄTSSUCHE

Am Rande einer Jubelkonfirmation in der Kirche von Rüsseina, einem Dorf unweit des berühmten Klosters Altzella, sah ich nach 50 Jahren erstmals die ehemalige Mitschülerin Ursula wieder. Wir kamen auf unsere Eltern zu sprechen und stellten fest, dass wir beide aus Ostpreußen stammen. Ursula vertraute mir später ein Tagebuch ihres Vaters an. Es handelte sich um eine Kladde aus Büttenpapier, in die Paul Sprint in Sütterlin und mit Bleistift die Wirrnisse seiner vom 28. Januar bis zum 26. Februar 1945 währenden Odyssee von Königsberg nach Sachsen hineinschrieb.

Der gelernte Buchdrucker war als Kind streng katholisch erzogen worden, trat relativ spät in die NSDAP ein und wurde im Frühjahr 1944 als 56Jähriger zum Volkssturm einberufen. An einer schweren Lungenentzündung erkrankt, wurde er in ein Reservelazarett eingeliefert, das in seiner letzten Arbeitsstelle, dem Geheimen Preußischen Staatsarchiv in Königsberg, eingerichtet worden war. Seine Frau lebte mit den beiden Kindern bereits seit dem September 1944 in einem Dorf in der Lommatzscher Pflege, einer der wenigen Schwarzerde-Regionen im Osten Deutschlands. Heute, mehr als 60 Jahre später, ist die Schrift verblasst und nicht immer leicht zu entziffern. Dieses Tagebuch ist eine ebenso einfache wie berührende Schilderung von existenziellen Nöten, Selbstzweifeln, Anklagen und Ängsten.

Dem mitunter an Barbarei grenzenden Umgang der Sieger mit ihrer Beute möchte ich etwas mehr Raum geben. Im Jahre 1990 begannen Wissenschaftler der Historischen Fakultät der Kaliningrader Staatlichen Universität mit der Befragung von Einwohnern, die zwischen 1945 und 1948 in der Region angesiedelt wurden. Aleksandr I. Furmanow, Angehöriger der Roten Armee, war 1946 gekommen. Er bewunderte die Solidarität der Deutschen untereinander, die sich selbst in extremer Notlage nicht gegenseitig bestahlen. „Das”, so sagte er, „unterschied sie von uns Russen.”Mit folgenden Worten brachte er den Wandel seiner Haltung zur Aussiedlung der Deutschen und den Umgang mit dem Erbe, das diese hinterließen, auf den Punkt: „Heute habe ich ein anderes Verhältnis zur Aussiedlung der Deutschen, im Vergleich zu der Zeit, als sie ausgesiedelt wurden. Damals hielt ich ihre Aussiedlung für richtig. Sie hätten das Land zurückerobern können, aber es war unser Land nach dem Gesetz. Jetzt beginne ich zu verstehen, dass wir einfach gewissenlos alles vernichteten, was von den Deutschen zurückblieb, auch das Gute. Das war natürlich Barbarei. Es ist nötig, auch uns zu verstehen. In jenen Jahren war hier alles fremd für uns, deutsch. Und wir wollten den Faschismus und das Preußentum für immer ausrotten.”

Der gelernte Schlosser Nikolai Iwanowitsch Tschudinow, 1921 im Saratower Gebiet geboren, kam 1945 als Soldat ins nördliche Ostpreußen. Bei der Überquerung der Memel verwundet, erlebte er das Ende des Krieges in Gumbinnen. Er wurde als Ansiedlungsbeauftragter im Rajon Krasnosnamensk (Haselberg) eingesetzt. Später arbeitete er als hauptamtlicher Parteifunktionär auf lokaler Ebene. In seiner Haltung zur Vertreibung der Deutschen und zu ihrer Kultur unterscheidet er sich deutlich von Furmanow. Er rechtfertigt nicht nur die Vertreibung, sondern auch den respektlosen und zerstörerischen Umgang mit den Hinterlassenschaften der Deutschen. Beide verkörpern geradezu die beiden Extreme im breiten Spektrum unterschiedlicher Positionen.

Bis heute gibt es unterschiedliche Auffassungen über die Wirkung der deutschen Vorgeschichte dieser Region. Die langsame, teils widerwillige Annäherung an die Vergangenheit wird in öffentlichen Debatten sichtbar, in denen Menschen zu Wort kommen, für die auch Jahrzehnte nach dem Zerfall der Sowjetunion die Geschichte des Kaliningrader Gebiets im Jahre 1946 , der so genannten „Stunde Null” begann. „Die Zeit von Adam und Eva bis zum Potsdamer Abkommen wurde zu Sowjetzeiten konsequent totgeschwiegen”, bringt es eine Deutschlehrerin auf den Punkt.Auf der anderen Seite wächst die Anzahl derjenigen, die sich für die deutsche Vorgeschichte nicht nur interessieren, sondern sich diese zu eigen machen. „Wer sind wir, deutsch geprägte Russen oder russisch geprägte Deutsche”, fragt der Schriftsteller Aleksandr Popadin. Für ihn ist der Kaliningrader geradezu ein „Vorbild für Unbestimmtheit”.

Die in der Tat widerwillige Annäherung an die Geschichte erlebte ich während der Reisen zwischen 1999 und 2012 besonders intensiv in den Begegnungen mit einer ehemaligen Studienkollegin meiner Frau, die seit den 1970er Jahren im heutigen Kaliningrad lebt. Sie, die Tochter eines so genannten Nomenklaturkaders der Sowjets, des Chefs der südrussischen Eisenbahngesellschaft, konnte den Zusammenbruch der Sowjetunion lange nicht verwinden. Für sie war noch vor wenigen Jahren Gorbatschow eine Unperson und Schuld am politischen Desaster, wie sie es empfand, das auch zum wirtschaftlichen Niedergang der Region Ende der 1990er Jahre geführt habe. Noch 2005 interessierte es sie überhaupt nicht, dass ein Schiff namens „Witjas” (auf Deutsch „Ritter”), in dem das Weltozeanologische Museum von Kaliningrad beheimatet ist, vor dem Krieg als Bananendampfer „Mars” gebaut worden war. Die Mars transportierte ein einziges Mal Bananen und rettete dann in den Jahren 1944 und 1945 etwa 20  000 Königsberger aus der zur Festung erklärten Stadt. Zu unserer Überraschung erklärte uns die Freundin dann 2010, dass es eine wunderbare Ausstellung im Museum „Friedländer Tor” gebe – mit einer virtuellen Rundfahrt durch das Königsberg der 1930er Jahre. „Ich wusste ja gar nicht, wie schön die Stadt früher war”, erklärte sie uns begeistert. Inzwischen wohnt sie mit ihrer Familie auch in einem deutschen Haus, denn im Gegensatz zu den Bauten aus der Sowjetzeit seien die Häuser der Deutschen mit verschließbaren Haustüren ausgestattet, begründet sie ihren Wohnungswechsel.

Um diesen Punkt abzuschließen, will ich auf einen wissenschaftlichen Aufsatz verweisen, den ich in den Anhang meines Buches gestellt habe. Unter dem Titel „Kaliningrader Identitäten oder die Schizophrenie der Geschichtslosigkeit” habe ich mich mit den geschilderten Debatten auseinandergesetzt. Damit bin ich bei manchem deutschen Historiker auf ziemliches Unverständnis gestoßen. Den heutigen Bewohnern von Kaliningrad Schizophrenie zu attestieren sei unfair, schrieb mir einer. Er selbst warf in seiner Dissertation jenen deutschen Vertriebenen einen „schizophrenen Umgang mit der Stadt und die Verweigerung, die Gegenwart anzuerkennen” vor, die 1955 die 700-Jahr-Feier Königsbergs in Duisburg begangen hatten.

3. MEINE „RÜCKEROBERUNG OSTPREUSSENS”

In einer Mischung aus Provokation und Selbstironie, mit „meine Rückeroberung Ostpreußens” zutreffend charakterisiert, will ich nun auf die für unser Thema wichtigsten Erlebnisse von fünf Reisen zwischen 1999 und 2012  etwas ausführlicher eingehen. Statt von „Rückeroberung” könnte ich ebenso gut von der Annäherung an die Heimat meiner Eltern sprechen. Den ambivalent benutzten Begriff „Heimweh-Tourist” halte ich allerdings ebenfalls für eine zutreffende Charakterisierung der noch dort Geborenen. Auch die Cousins und Cousinen aus dem Westen gehören dazu, die mich auf meiner zweiten Reise begleiteten. Später dann verfolgte ich wissenschaftliche Interessen (Hannah Arendt, Kaliningrader Identitäten) und bediente kulturelle Ambitionen (musikalischer Brückenschlag).

3.1  SUCHE NACH DEM GEBURTSHAUS

Bei der ersten Reise im Sommer 1999 wohnten wir, meine Frau, meine Tochter und ich, bei der Freundin Olga, die mit ihrem Mann Kolja und der kleinen Tochter Alexandra in einer Wohnung im 8. Stockwerk eines Plattenbaus lebte. Diese bestand aus einer Küche, nachts Schlafstätte der Tochter, sowie einem kombinierten Wohn/Schlafzimmer. Ein Minibad mit Sitzbadewanne und ein ebenso kleines WC komplettieren die gemütliche, mit großem handwerklichem Geschick gestaltete Behausung. Wichtigstes Möbelstück in dem etwa 18 Quadratmeter großen Wohn/Schlafzimmer war neben der Doppelliege ein Markenklavier, auf dem Olga abends Beethoven und Chopin für uns spielte.

Lassen Sie mich Ihnen jetzt die erste Begegnung mit meinem Geburtsort schildern. Dazu greife ich einige Passagen aus meinem Buch heraus. Mit einem kräftigen Ruck schließen wir die Türen des betagten Opel-Kadett. „Ein altes Auto ist wie ein alter Mensch”, sagt Kolja lächelnd. „Immer ist etwas kaputt”. Behutsam führt er den Zündschlüssel ein und startet den Motor. Mehr als 167 000 Kilometer zeigt der Tachometer an. Vorsichtig rangiert er den Wagen zwischen der Böschung zur Linken und den Pfählen des Wäscheplatzes, auf dem niemals Wäsche getrocknet wird, zur Rechten aus dem Innenhof des Häuserblocks hinaus. Jedes Mal wenn Kolja einen Gehweg kreuzt, knallt das Chassis hörbar auf die Bordsteinkante. Viel weniger bedrohlich ist das Schaukeln von einem gewaltigen Schlagloch in das andere. Wir erreichen die Straße und die Fahrt wird etwas ruhiger.

Ostpreußen, ein in Jahrhunderten mühevoll dem Wasser, dem Sumpf und dem Wald abgerungenes Kulturland, in dem mehr als ein Drittel der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig war, ist heute im russischen Teil nicht nur eine industrielle, sondern auch eine landwirtschaftliche Brache. Nur ganz vereinzelt sind gelegentlich Menschen und auch einige Maschinen in Aktion. Eine Seltenheit in der deprimierenden Tristesse versteppter Flächen Kilometer um Kilometer, die in manchem Reiseführer als „multikulturelle Vielfalt der Gräser” auf „bunten, ungestüm wuchernden Wiesen” verkauft wird.

Juri, ein pensionierter Oberst, der in seiner aktiven Zeit auch einige Jahre bei den sowjetischen Raketentruppen in der DDR diente, gibt den Deutschen die Schuld, dass durch zu tiefes Pflügen die Entwässerungssysteme vollständig zerstört worden sind. Die Deutschen hätten beim Rückzug sämtliche Unterlagen über das Entwässerungssystem mitgenommen, sodass die sowjetischen Behörden gar nicht in der Lage gewesen sein konnten, diese Anlagen zu warten und zu pflegen. Nur deshalb sei aus fruchtbarem Ackerland die heute von allen so beklagte Steppe geworden. Ob mein Argument ihn überzeugt hat, dass man ja in der Landwirtschaft genau wie in strategisch bedeutsamen Bereichen deutsche Spezialisten hätte zwangsverpflichten können, weiß ich nicht. Jedenfalls widersprach er nicht, als ich auf den skrupellosen Know-how Transfer durch Internierung deutscher Spezialisten für Flugzeugbau und Raketentechnik hinwies und auch die Mitwirkung deutscher Physiker und Ingenieure bei der Entwicklung der sowjetischen Atombombe betonte. Warum verzichtete man darauf, Deutsche in die militärische Sperrzone zu holen, die das in Jahrhunderten aufgebaute Entwässerungssystem beherrschten und in der Lage gewesen wären, es auch funktionsfähig zu erhalten? Die militärstrategischen Interessen besaßen offensichtlich absolute Priorität und der Verfall der landwirtschaftlichen Infrastruktur wurde ganz bewusst in Kauf genommen.

„Wir hoffen, dass Deutschland uns eines Tages übernimmt”, sagt Kolja plötzlich. Das klingt so unglaublich, dass ich meine, ihn falsch verstanden zu haben. „80 Prozent der Menschen in Königsberg denken so.” Auf meine Frage, wie eine solche Lösung dem Rest der Welt vermittelt werden könnte, gibt er keine Antwort. Er lächelt nur bitter. „Deshalb haben wir ja auch keine Hoffnung.” Immerhin 80 Prozent der „Sowjetbürger” seien demnach bereit, für die D-Mark Bürger der Bundesrepublik zu werden. In der DDR waren es 100 Prozent. Es gibt keine verlässlichen Angaben darüber, wie groß die Zahl überzeugter SED-Genossen ist, die aufgrund dieser Demütigung ausgewandert sind.

„Gerhard, was fühlst du, so kurz vor der Heimat?”, fragt Kolja. Es sind nur noch wenige Kilometer bis Schillfelde. Herzklopfen verspüre ich nicht. Ich bin nur gespannt, wie es sein wird, mein Dorf, wie sie aussieht, die Szeszuppe, von den Nazis in Ostfluss umbenannt, als sie alles litauisch Klingende ausmerzten. Aus Schillehnen wurde Schillfelde, aus Pillkallen Schloßberg. Nur wenige Ortsnamen waren ihnen deutsch genug. Wir erreichen das Zentrum des Ortes und beginnen, uns zu orientieren. Ich fotografiere das große Haus vor uns, mit dem unverkennbar deutschen Charakter. Als ich den Auslöser zum zweiten Mal betätige, treten ein Offizier und ein Soldat heraus und verlangen die Ausweise zur Kontrolle.

Wir zeigen unsere Pässe. Die Frage nach der Erlaubnis zum Aufenthalt in diesem besonderen militärischen Bereich kommt für uns alle völlig unerwartet. Auch Olga und Kolja wissen nicht, dass Schillfelde in einem „besonderen Bereich” liegt. Der Offizier nimmt uns die Pässe ab und erklärt, uns festhalten zu müssen. Ein Soldat führt uns in das Zimmer des diensthabenden Offiziers. Obwohl Schillfelde als Geburtsort in meinem Pass eingetragen ist, müssen wir viele Fragen beantworten und umständliche Antworten anhören. Wir erklären, dass weder wir noch unsere russischen Freunde beim Einfahren in das Dorf Hinweise auf den besonderen Charakter des Ortes gefunden hätten. „Dann waren Sie unaufmerksam”, belehrt uns der Offizier. Es gebe sowohl Hinweisschilder als auch einen Schlagbaum. Weder das eine, noch das andere war uns aufgefallen. Mit dem Füllfederhalter und in Schönschrift beginnt er, eine Reihe von Protokollen abzufassen.

Meine Frau erklärt, dass unsere Tochter, die nicht russisch spricht, draußen weint und von unseren Freunden, die nicht deutsch sprechen, auch nicht getröstet werden kann. Sie darf das Haus verlassen. Nach reichlich zwei Stunden, in denen ich korrekt, zum Schluss sogar freundlich behandelt werde, wird sie zur Unterzeichnung der Protokolle noch einmal herein gerufen.

Der Offizier und zwei Soldaten als Zeugen unterschreiben, wir auch – für jeden von uns zwei Protokolle in doppelter Ausfertigung. Ein Protokoll hält den Sachverhalt des unerlaubten Aufenthaltes im militärischen Sperrbereich fest, das zweite enthält die Auflage, uns am nächsten Tag um 15 Uhr in Tschernjachowsk (Insterburg) zu melden und eine Strafe zu bezahlen. Andernfalls würden wir Unannehmlichkeiten bei der Ausreise haben. Damit ist die Amtshandlung beendet.

Nun wird der junge Offizier gesprächig. Er erklärt, dass auch er sich für die deutsche Geschichte dieser Region interessiere. Er holt ein Messtischblatt und Fotografien mit den Ansichten deutscher Dorfkirchen aus seinem Schreibtisch und fragt, wo denn mein Geburtshaus gestanden habe. „Kommen Sie!” Draußen erklärt er Olga, dass sie hier warten solle. Auf dem Beifahrersitz Platz nehmend, weist er Kolja an, die Dorfstraße in Richtung Schirwindt zu fahren. An der Ruine der ehemaligen katholischen Kirche halten wir an und ich suche, allerdings vergeblich, das Haus meines Großvaters.

3.2 HANNAH ARENDT UND DAS DEUTSCH-RUSSISCHE HAUS

Hannah Arendt und die Verbindung dieser bemerkenswerten Frau mit der Stadt Königsberg habe ich schon genannt. Wenn ich eingangs davon sprach, immer wieder einen Vorwand gefunden zu haben, ins nördliche Ostpreußen zu fahren, so gehört dazu auch die Idee, vor Ort an eine Philosophin zu erinnern, die dort weitgehend unbekannt sei und im geistigkulturellen Leben der Stadt überhaupt keine Rolle spiele, wie der Leiter des Deutsch-Russischen Hauses betonte, einer von der Bundesrepublik getragenen Begegnungsstätte. Für die Philosophen an der Universität war es leichter, einen Kant-Kult aufzubauen, als eine Frau zu würdigen, die so ein Buch wie „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft” geschrieben hatte – eine Frau, für die der Nationalsozialismus in Deutschland und die Diktatur Stalins die Prototypen totalitärer Herrschaft waren. Als Mitarbeiter des gleichnamigen Instituts wollte ich das ändern und auch dazu beitragen, dass Hannah Arendt in Lehre und Forschung der Universität künftig angemessen berücksichtigt würde. Meine Vorträge im September 2005, unmittelbar nach der 750-Jahr-Feier der Stadt, im Deutsch-Russischen Haus und in der Zentralbibliothek waren gut besucht. Vor allem junge Leute interessierten sich für Hannah Arendt und das gleichnamige Institut in Dresden.

Boris Adamow, Publizist und Mitglied im Kaliningrader Klub der Heimatforscher, berichtete in einer regionalen Wochenzeitung ausführlich über diese Vorträge. Einleitend beklagte er, dass er sowohl in der 30-bändigen „Großen sowjetischen Enzyklopädie”, als auch im „Großen enzyklopädischen Wörterbuch” den Namen Hannah Arendt vergeblich gesucht habe. Einzig in der vor fünf Jahren erschienenen „Neuen philosophischen Enzyklopädie” habe er einen Aufsatz über die „deutsch-amerikanische politische Philosophin” finden können. Es sei „wunderbar”, schrieb er, dass nun gleich an zwei Tagen und zwei Orten durch einen Wissenschaftler aus dem „Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung” etwas über diese Frau und ihre innere Verbundenheit mit Königsberg zu erfahren war.

Wenn es mir auch nicht gelang, eine offizielle Zusammenarbeit mit der philosophischen Fakultät zu begründen – die altstalinistischen Funktionsträger ignorierten alle Offerten des Hannah-Arendt-Instituts –, so konnte ich doch mehrfach Nachwuchswissenschaftler nach Dresden einladen und letzten Endes das Ziel erreichen: Zu Hannah Arendt wird geforscht, einige ihrer wichtigsten Schriften wurden ins Russische übersetzt und es gibt beiderseits seriöse Bemühungen, anlässlich ihres 40. Todestages im Dezember 2015 in Kaliningrad eine Gedenktafel zu errichten.

3.3 EIN MUSIKALISCHER BRÜCKENSCHLAG

Zum Schluss möchte ich noch einige Worte über meine bislang letzte Reise im Sommer 2012 verlieren, die einen ganz anderen Hintergrund (Vorwand) hatte. Wenn auch mit Unterbrechungen, der absoluten Priorität von Studium und Beruf geschuldet, so musizierte ich doch über Jahrzehnte hinweg in Blechbläserensembles der Sächsischen Posaunenmission. Von dieser unterstützt, organisierte ich eine Konzertreise durch das nördliche Ostpreußen und das Memelland, mit dem Höhepunkt eines von etwa 250 bis 300 Besuchern begeistert aufgenommenen Konzerts im Königsberger Dom. In diesem Konzert wirkte auch der junge Domorganist Artjom Chatschaturow mit, Absolvent des berühmten Moskauer Tschaikowski-Konservatoriums und Preisträger mehrerer internationaler Wettbewerbe. Unter dem Motto „Ein musikalischer Brückenschlag von Dresden nach Kaliningrad” enthielt das Programm ein breites musikalisches Angebot – vom Madrigal über die Musik des Barock und der Romantik bis hin zu Swing und Pop. Es fügte sich gut in die regionalen Veranstaltungen im Rahmen des „Deutschlandjahres 2012/13” in Russland ein.

Bei dieser Reise spielten wir an zehn Tagen zwölf Konzerte in Kirchen und auf öffentlichen Plätzen, aber auch auf dem Soldatenfriedhof in der Hafenstadt Baltijsk (Pillau), dem 1945 einzig verbliebenen Schlupfloch für die Königsberger. Nicht nur viele Erwachsene und Kinder hatten sich auf dem zentralen Platz eingangs der Fußgängermagistrale in Sowjetsk (Tilsit) versammelt, um ein Open-Air-Konzert zu genießen, sondern auch ein bronzener Lenin und ein bronzener Elch sahen und hörten zu. Die Preußische Allgemeine Zeitung vom 11. August 2012 sprach davon, dass „mit dem Platzkonzert unter freiem Himmel eine gute alte Tilsiter Tradition zu neuem Leben erweckt” worden sei.Die Erwachsenen, anfangs nur erstaunt, applaudierten von freundlich bis zu begeistert und die Kinder tanzten zunehmend unbeschwerter. Mit einem Küsschen verabschiedeten sich die Musiker vom Elch – wer küsst schon Lenin!

Ideologie als Heimat

Hans Dieter Zimmermann

„Sie hat uns alles gegeben,

Sonne und Wind. Und sie geizte nie.

Wo sie war, war das Leben, Was wir sind, sind wir durch sie!

Sie hat uns niemals verlassen.

Fror auch die Welt, uns war warm.

Uns schützt die Mutter der Massen!

Uns trägt ihr mächtiger Arm.

Die Partei,

Die Partei, die hat immer recht.

Und Genossen, es bleibt dabei. Denn wer kämpft für das Recht, der hat immer recht gegen Lüge und Ausbeuterei. Wer das Leben beleidigt, ist dumm oder schlecht, Wer die Menschheit verteidigt, hat immer recht. So, aus Leninschem Geist, wächst, von Stalin geschweißt, die Partei, die Partei, die Partei!”

Das ist auch ein Werk der berühmten Prager deutschen Literatur, wenn es auch kaum unter diesem Etikett genannt wird. Louis Fürnberg, der dieses Lied zum III. Parteitag der SED 1950 schrieb, ist 1909 in Iglau in Mähren geboren und in Karlsbad und Prag aufgewachsen. 1928 trat er in die Kommunistische Partei ein, mit Mühe entging er der Verfolgung der Nationalsozialisten nach der Besetzung der Tschechoslowakei; er verbrachte den Krieg in Jerusalem und kehrte 1946 nach Prag zurück, von wo er nach Ost-Berlin geschickt wurde, zunächst als Mitglied der tschechoslowakischen Botschaft; von 1954 bis zu seinem frühen Tod 1957 war er stellvertretender Direktor der „Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten” in Weimar.

Fürnbergs Gedicht, lange in der DDR von Chören der FDJ (Freie Deutsche Jugend) und der NVA (Nationale Volksarmee) gesungen, war wohl nicht nur ein Auftragswerk, das er im Dienst der Partei schrieb. Es bringt auch etwas von den Gründen zum Ausdruck, die junge Menschen zum Eintritt in die Partei bewegten und sie auch in schrecklichen Zeiten an dieser Partei festhalten ließen: Einsamkeit, Orientierungslosigkeit, Kälte. Fürnberg verlor seine Mutter kurz nach der Geburt, er stammte aus kleinen Verhältnissen und alles, was er war, verdankte er der Partei: Amt und Karriere. Ohne die Partei war er wenig. So dürfte diese Zeile „was wir sind, sind wir durch sie” durchaus ernst gemeint sein. Viele weniger begabte Schriftsteller waren Schriftsteller vor allem dank der Partei, die für sie sorgte, solange sie ihr treu ergeben blieben. Hätten sie auf einem freien Markt ihre Texte anbieten müssen, hätten sie sich nur schwer durchgesetzt.

Dies ist ein sozialer Grund für die Anhänglichkeit an die Partei. Der psychische steckt wohl eher in dem Satz „Uns schützt die Mutter der Massen”: In einer kalten Welt, die von anonymen Mächten regiert wird, gibt die Partei Halt und Orientierung, seelischen Halt, vielleicht sogar metaphysischen Halt. Hier mag für den mutterlosen Fürnberg der tiefere Grund seiner Treue zur Partei gelegen haben. Schließlich war es auch eine KostenNutzen-Rechnung, die sich gerade für etablierte Parteimitglieder lohnte, wenn sie von der Partei Macht und Einfluss erhielten: Die Partei verlangte viel, aber sie gab auch viel. Ohne die Partei hätte Fürnberg nie sein Denkmal im Park von Weimar erhalten, das nun den Anschein erweckt, als gehörte er zu den Großen wie Goethe und Schiller. Hätte er sich von der Partei getrennt, hätte er alles verloren.

Dieser Satz „Die Partei hat immer recht” in Fürnbergs Gedicht, der heute wie eine Parodie klingt, war bitter ernst gemeint: Was auch immer die Partei sagte und machte, sie hatte immer recht und duldete keinen Widerspruch. Auch wenn sie heute das Gegenteil von dem sagte, was sie gestern gesagt hatte, behielt sie recht. Wer das nicht wahrhaben wollte, verstand eben nichts von Dialektik. So war die Partei ohne jede KontrollInstanz, die falsche Maßnahmen hätte korrigieren können. Die Logik widerstand ihr nicht, die Realität war ihr gleichgültig. Wurde die Wirtschaft durch ihre Pläne ruiniert, hungerten Millionen Menschen – wie in der DDR nach der verhängnisvollen Kollektivierung der Landwirtschaft –, kümmerte das die Mächtigen wenig: unbeirrt gingen sie ihren Weg. Abweichende Meinungen wurden weder innerhalb noch außerhalb der Partei geduldet; Meinungs- und Pressefreiheit waren abgeschafft.

Wie konnte man sich zu dieser Partei bekennen, sich ihr freiwillig unterwerfen? Ich rede nicht von denen, die sanftem und weniger sanftem Druck folgten und ihr deshalb beitraten oder die ihr aus Opportunismus beitraten, um ihre Karriere zu befördern. Aber aus Überzeugung? Der Literaturwissenschaftler Hans Mayer, der 15 Jahre lang in Leipzig lehrte, 1963 in Westdeutschland blieb und von 1965 bis 1974 in Hannover unterrichtete, hat in seinen Erinnerungen „Ein deutscher auf Widerruf” (1. Band 1982, 2. Band 1984) ausführlich für sich und für uns darüber Rechenschaft gegeben, warum er Kommunist wurde, warum er im Kommunismus die Heimat fand, die ihm verloren gegangen war: eine aufschlussreiche Rechenschaft. Es war ihm 1933 gelungen, den Nationalsozialisten zu entkommen und über Frankreich in die Schweiz zu gelangen, wo er sogar ein Stipendium erhielt. Nach Ausbruch des Krieges wurde er jedoch interniert wie fast alle deutschen Emigranten. Als Internierter lernte er einen anderen Internierten kennen: Michael Tschesno-Hell, einen Baltendeutschen, der russisch wie deutsch sprach, der die besten Verbindungen nach Moskau hatte, ein sattelfester und eifervoller Kommunist, wie Mayer schreibt. Der warb um Hans Mayer, dessen Begabung er erkannte, und er hatte leichtes Spiel. Mayer im 1. Band der Erinnerungen:

„Mich hat er aus der Einsamkeit befreit, die meinen Untergang bedeuten konnte. So kam ich unter die Kommunisten. Was heißen soll, dass die Begegnung mit ihm, ohne dass es sonderlicher Überredung bedurft hätte, einen Entschluss möglich machte. Ziel aber dieses Entschlusses, der wohl auch ganz anders hätte ausfallen können, war mein Versuch, die Einsamkeit zu sprengen: einer Gemeinschaft anzugehören, mit anderen gemeinsam für etwas zu wirken, auf etwas hin zu leben.

Da aber gab es nur Tschesno und die Seinen. Wenn ich damals nicht einen Augenblick an den Zionismus dachte, obwohl es keine Unterhaltung mit jüdischen Emigranten gab, die nicht von Palästina gehandelt hätte und dem Altneuland des Theodor Herzl, so verbarg sich dahinter eine tiefe, in die Kindheit hinabreichende Scheu, fast eine Inhibition, mir eine Leben unter lauter Juden vorzustellen. (Später entdeckte ich in Israel, dass ein Leben unter Juden den extremen Pluralismus bedeuten kann, vom Noch des Gettos bis zur Technologie des Atomzeitalters.)” (I, 293)

Hans Mayer war ein kleiner unbekannter einsamer Jude in der Emigration, der alles verloren hatte, was er besaß, Eltern und Elternhaus, Besitz und Freunde, und der nicht wusste, wie es mit ihm weiterging. In der Schweiz wurde er als feindlicher Ausländer misstrauisch beobachtet, in HitlerDeutschland und den von dessen Truppen besetzten Ländern ringsum war er zur Vernichtung vorgesehen. Und er war homosexuell, was seine Einsamkeit noch verstärkte. Vergessen wir nicht, dass männliche Homosexualität damals und noch lange strafrechtlich verfolgt wurde. Das waren keine zwingenden Gründe, Kommunist zu werden, andere in ähnlicher Situation wurden es nicht, aber es waren doch hinlängliche Gründe, die uns seine Entscheidung verstehen lassen. Tschesno-Hell, der später in der sowjetischen Zone, dann DDR ein höchst einflussreicher Autor und Funktionär war, bot Mayer bereits in der Schweiz: Gemeinschaft, Sicherheit und Zukunftsgewissheit. Dass er Jude war, dass er Homosexueller war, spielte keine Rolle, wenn er nur linientreuer Kommunist blieb. Hans Mayer rechtfertigt seinen Schritt – und offensichtlich musste er ihn rechtfertigen, vor sich und seinen Lesern – durch einen klugen Blick auf die Situation des Bürgertums, dem er entstammte:

„Im bürgerlichen Mittelstand, ob in Frankreich, Deutschland oder in der Eidgenossenschaft, gab es keine Gemeinschaft der Lebensziele, vom Kleinbürgertum nicht zu reden. Die bürgerliche Aufklärung, auch in ihren großen Augenblicken des 18. Jahrhunderts, hat stets nur zum Konsens geführt und zum Dialog, niemals zu einem Ganzen, das mehr gewesen wäre als eine Summe der Einzelnen. Das hatte Rousseau erkannt, als er sich abmühte, eine demokratische Gesellschaft zu ersinnen, die mehr sein könnte als eine Summe der einzelnen Demokraten, sehr viel mehr: eine Volonté Générale. Sie kam nicht zustande, auch nicht durch Robespierre und Saint-Just.” (I, 294)

Immerhin haben Robespierre und Saint-Just die Schreckensherrschaft erfunden, die dann von Lenin und Stalin vervollkommnet wurde. Das sagt Mayer hier nicht. Ein kleiner Teil der Bevölkerung wurde der Vernichtung durch die Guillotine übergeben, damit der größere Teil in Angst und Schrecken zusammengehalten werden konnte. Das hatte Folgen. Und das ist auch ein Erbteil der Aufklärung, der wir die Deklaration der Menschenrechte verdanken. Dass die Aufklärung sich ansonsten durchweg in Negation des Bestehenden und in Kritik am Bestehenden erschöpfte und erschöpft, dass sie keinen positiven Halt bot und bietet bis auf einen blassen Humanismus, der zu nichts verpflichtet und deshalb reines Gerede bleibt, das sieht Mayer deutlich:

„Die bürgerliche Aufklärung, wenn sie überhaupt noch ernst genommen wurde, war stets gefährdet durch die Negativität ihrer Positionen. Weshalb es keine Gemeinschaft unter bürgerlichen Menschen geben konnte und kann. Es gibt Sympathiegefühle, doch keine Solidarität, die mehr wäre als bloße Toleranz. Erst recht dort, wo die christliche Gemeinschaft aufgegeben wurde.” (I, 294) In der Tat bot ja die kirchliche Gemeinschaft in schwierigen Situationen noch Rückhalt und Unterstützung und natürlich auch einen metaphysischen Halt. Gerade in Zeiten der Diktaturen haben das viele erfahren. Aber dass dieser Zusammenhalt nach und nach verloren ging und geht, ist ja auch noch ein Erbteil jener kritischen Aufklärung, die beide Kirchen als veraltet und rückschrittlich brandmarkte. Mayer weiterhin: „Bürgerliche Toleranz, gewiss, doch wie rasch konnte man sich ihrer auch wieder entledigen. Eine Gemeinschaft der Außenseiter war undenkbar, selbst wenn man den Selbsthass auszuschalten vermochte. An die Solidarität der jüdischen Bürger mit unsereinem dachte ich nur im Zorn, fast im Hass. Der nette gesellschaftliche Verkehr durfte nicht belastet werden. Man hatte nicht aufzufallen, nicht arm zu sein, nicht schwierig, nicht unberechenbar.” (I, 294) Das, was Mayer hier nennt, ist seine Erfahrung mit den wohlhabenden jüdischen Bürgern Straßburgs, die durch den Zuzug der deutschen Emigranten in ihrem „netten gesellschaftlichen Verkehr” mit den christlichen Nachbarn gestört wurden. Sie wollten nichts mit diesen armen Schluckern aus Deutschland zu tun haben – so wie zuvor die Berliner Juden geringschätzig auf die armen polnischen Juden sahen, die sie in ihrem Selbstbild störten. Und dieses Selbstbild war eben das des biederen Bürgertums, an dem sie sich orientierten, das sie exemplarisch verkörperten. Mayer: „Aus dieser bürgerlichen Gesellschaft vermochte kein Soziologe eine Gemeinschaft zu destillieren. Das hatte ich erfahren. Blieben die Kommunisten.” (I, 295)

Und nun begann Mayers Karriere. Die Kommunisten waren sehr gut „vernetzt”, wie man heute sagen würde, sie waren eine verschworene Gemeinschaft, die strikt zusammenhielt, die für die Ihrigen sorgte, gestützt durch die Sowjetunion und deren Agenten. Mayer hatte zu tun: Vortragsreisen begannen, Zeitschriften-Beiträge wurden verlangt, ein Buch gab er heraus. Er stand auf einmal mitten im kulturellen Leben. Viele frei schwebenden Intellektuellen sind deshalb zu den politischen Bewegungen übergegangen, die ihnen Arbeit, Einfluss, ja Macht versprachen und eine gesicherte Karriere. Mayer: „Meine Gewissheit blieb, dass ich nicht wieder einsam sein wollte. Ich hatte Aufgaben, und ich fand, dass sie mir zusagten”. (I, 305) Und er zitiert Verse einer Ballade seines Freundes Stephan Hermlin, den er damals kennenlernte. Die Balladen des kommunistischen Dichters sind von einem schwer erträglichen Pathos. Selbst Mayer thematisiert das. Doch in diesem Pathos kann Hermlin sich und seine Lage überhöhen und damit legitimieren: Er steht heroisch auf der richtigen Seite in einem weltgeschichtlichen Kampf. Das hat Hermlin dann auch in der DDR getan, wohin er, ebenso wie Mayer, ging: In einer Villa in Pankow und in einem weißen Volvo stritt er für die Interessen der Arbeiterklasse. Hermlin ist das Beispiel eines Dichters, der ohne die Partei nie zu Ansehen gekommen wäre, weil seine Werke nur mittelmäßig sind; da bin ich ziemlich sicher. Dass er zeitweise berühmt wurde, lag nicht an seiner Lyrik, sondern an der politischen Konstellation, in der er seine Rolle spielen konnte: in seiner schmalen Teilhabe an der Macht.

Hans Mayer kam nach dem Krieg als sowjetisch gestützter Emigrant mit einem amerikanischen Jeep nach Frankfurt a. M., wo er Redakteur bei Radio Frankfurt wurde; sein Vorgesetzter war Golo Mann, Sohn von Thomas Mann. Solange die Allianz zwischen Sowjets und den USA hielt, blieb Mayer Redakteur – also nicht lange. Die sowjetische Zone bot ihm dann die größere Chance. 1947 ging er nach Leipzig. Ossip Flechtheim, auch er Jude und Emigrant, dann Professor für Politologie an der Freien Universität Berlin, ereiferte sich immer, wenn die Rede auf diesen Schritt Mayers kam. Mayer hatte ihn damals aufgefordert, ihm nach Leipzig zu folgen. Flechtheim: „Wie konnte er 1947, als Stalin noch herrschte, freiwillig in dessen Machtbereich ziehen?” Ich erwiderte: „Wo hätte er sonst eine Professur erhalten?”

In den ersten Jahren hat sich Hans Mayer ziemlich parteitreu verhalten, dann hat er sich nach und nach frei gemacht, bis er sich ganz löste, was er wiederum mit Einsamkeit erkaufte. Nicht nur an seinen Aufsätzen, in denen er Werke der Moderne untersuchte, die als formalistisch geächtet waren, nicht nur in seiner kritischen Abwehr des offiziellen „sozialistischen Realismus”, sondern mehr noch in seiner Haltung zu einzelnen verfolgten Menschen zeigte sich sein Anstand und seine Tapferkeit. Am 60 . Geburtstag des verfemten Peter Huchel saßen nicht Hermlin, Mayer und Arendt am Tisch der Familie Huchel und sonst niemand, wie er schreibt. ( II, 264) Hermlin saß nicht am Tisch, das weiß ich zuverlässig von Monica Huchel. Seitdem Huchel von der Chefredaktion der Zeitschrift „Sinn und Form” entfernt worden war, war der Kontakt Huchels zu Hermlin abgebrochen. Nur Hans Mayer und Erich Arendt saßen am Tisch. Nur Hans Mayer lud den geächteten Huchel zu einer Lesung nach Leipzig ein, niemand sonst. So unterstützte er auch die Frau von Erich Loest, als dieser in Waldheim einsaß, und er schrieb einen Brief an Heiner Müller, als der aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen wurde. Den Dank Müllers zitiert Mayer in seinen Erinnerungen. Demnach habe Mayer ihm gratuliert, dass er aus dem Idiotenverein ausgeschlossen worden sei. Und er habe sich dafür eingesetzt, dass Müller Zuwendungen von der Schiller-Stiftung in Weimar erhielt, da er ja nun Berufsverbot hatte und kein Hund ihm mehr ein Stück Brot geben würde, wie der Sekretär des Schriftstellerverbandes ihm ankündigt hatte. Müller: „Der Hund, der mir Brot gab, hieß Hans Mayer.” (II, 341)

Ich habe – wenn ich das als West-Schüler Hans Mayers dazwischen schieben darf, ich verdanke ihm viel – ich habe ihn immer so erlebt: als einen anständigen Menschen, der andere wahrnahm als die, die sie waren, der andere unterstützte, wenn sie es verdient hatten. Ein Mensch mit einem sicheren Gespür für Qualität, menschliche und künstlerische Qualität. Freilich war er auch empfindlich, er konnte leicht wütend werden, und er war nachtragend, konnte aber schließlich auch verzeihen. Er war eitel, das ist bekannt, er strebte nach Beifall, nach Zuneigung, aber dies eben auch aus seiner Einsamkeit heraus. Und war er auch eitel, so konnte er doch selbstlos sein. Als er Direktor der Abteilung Literatur der West-Berliner Akademie der Künste wurde und ich sein Sekretär, wie es hieß, also sein Assistent war, gab mir Peter Huchel den Ratschlag: „Sie müssen ihm täglich ein Kompliment machen, dann kommen Sie gut mit ihm aus.” „Das ist nicht so einfach”, erwiderte ich. „Neulich hielt er eine brillante Rede in der Akademie. Als er vom Podium herunterstieg, eilte ich auf ihn zu, um zu sagen: Sie waren großartig. Bevor ich meinen Satz herausbringen konnte, sagte er: War ich nicht großartig. Und mir blieb nur, ihm zuzustimmen.” Übrigens war er tatsächlich großartig.

Im Sommer 1963 blieb Hans Mayer, der immer noch in den Westen reisen durfte, in Tübingen. Er sieht das in seinen Erinnerungen als richtige Entscheidung, nimmt aber von dem, was er bis dahin getan und geschrieben hatte, nichts zurück. Auch in späteren Publikationen sieht er die Anfänge der DDR als hoffnungsvoll, also die Zeit, in der er in den Osten ging, seinen Schritt damit rechtfertigend. Es ist für die Intellektuellen offensichtlich sehr schwer, eigene Fehler einzugestehen. Und gerade sie, die doch alles kritisch zu reflektieren hätten, wären dazu ausersehen, Fehler zu thematisieren, damit wir alle daraus lernen könnten. Sollte etwa Hans Magnus Enzensberger eine Liste seiner gesammelten Irrtümer zusammenstellen, hätte er einiges zu tun. Da schreibt er lieber einen neuen Text, dem gerade herrschenden Zeitgeist entlang.

Mayer blieb Marxist. Der Marxismus war in seiner gemilderten Form ein gutes Instrument der Analyse. Er bot ein Schema, innerhalb dessen gesellschaftliche und künstlerische Entwicklungen erklärt werden konnten. Intellektuelle scheinen ein höheres Bedürfnis nach Erklärungsmodellen jenseits der christlichen Kirchen zu haben als die meisten Menschen. Sie wollen die Welt verstehen, durchschauen, sie sich selbst und anderen deuten. Sie streiten um die Deutungshoheit mit anderen Kräften, etwa mit dem Klerus der Kirchen, den sie im Laufe des 19. Jahrhunderts ablösten, nachdem sie ihn lange bekämpft hatten. Sieht man die Folgen der Ideologien des 19. Jahrhunderts (Nationalismus, Rassismus, Marxismus) im 20. Jahrhundert, geschah dies durchaus nicht zum Besten der Menschen.

Die Intellektuellen brauchen also einfache Erklärungsmodelle, die sie leicht fasslich in der Öffentlichkeit vertreten können, damit sie ihre eigene Position stärken. Der Marxismus besitzt beides: ein Instrument der Analyse, aber auch ein mythologisches Konzept, das sehr alt ist – und immer noch attraktiv. Deshalb wurde der Marxismus bei so vielen Intellektuellen populär: wegen des trivialen Mythos. Den kannten schon die alten Griechen und das Alte Testament: das goldene Zeitalter oder das verlorene Paradies. Dieses Goldene Zeitalter ist – wie der Ur-Kommunismus – lange dahin, jetzt leben wir in der Zeit der Zerrissenheit, der antagonistischen Klassenkämpfe. Aber eines Tages wird das Goldene Zeitalter wiederkehren oder der Messias den Kampf zwischen Gut und Böse durch den Sieg des Guten beenden, also durch den Kommunismus. Dieser Mythos steckt im Marxismus, mag das auch wenigen Marxisten bewusst sein. Die Romantiker Novalis und E. Th. A. Hoffmann führten diesen Mythos wieder ein und insofern ist Karl Marx ein Romantiker.

Übrigens, auch die Erwartung der sicheren Katastrophe, mit der wir zu leben von den grünen Ideologen oder Ökologen gezwungen werden, ist Teil desselben Mythos: früher gab es demnach die heile Natur, jetzt zerstören wir Menschen alles und treiben deshalb auf die Katastrophe zu, etwa die Klimakatastrophe, also auf einen Weltuntergang. Der Untergang der alten Welt gehört zur messianischen Erwartung: damit die neue Welt aufgehen kann, muss die alte Welt untergehen. Der Messianismus setzt also die Katastrophe voraus. Man kann offensichtlich dem Glauben nicht entgehen. Tritt man aus der Kirche aus, verfällt man trivialen Mythologien, ohne sich dessen bewusst zu sein. Auch der Marxismus, der sich so erhaben dünkte über die alten Religionen, ist so gesehen eine Religion, eine politische Religion, die Gläubige heranzieht und ihnen ihre Dogmen verkündigt.

Die ideologische Heimat, die der Nationalismus bot, war ebenso beliebt bei den Gelehrten, den Pfarrern und den Lehrern, jedenfalls vor 1914. Mit welchem Enthusiasmus begrüßten die deutschen „Kulturträger” den Ersten Weltkrieg, mit welcher Rückhaltlosigkeit unterstützten sie den preußischen Militarismus. Es war vom Schulterschluss zwischen Weimar und Potsdam die Rede. Von Weimar war nicht viel zu spüren, von Potsdam dann aber schon: von der Knute Friedrichs II. und seiner Menschenverachtung. Späterhin war dieser Nationalismus nicht so attraktiv wie der Marxismus, denn er bot kein bündiges Erklärungsmodell, eher wabernde Gefühle, so dass er die weniger intelligenten Intellektuellen anzog, von Ausnahmen abgesehen. Eine Ausnahme ist der Philosoph Martin Heidegger, weshalb ich auf diesen noch eingehen möchte.

Martin Heidegger, ein großer Denker, daran kann kein Zweifel sein, ist 1933  auf die armselige Theatralik der Nationalsozialisten hereingefallen. Es hat eine Weile gedauert, bis er sich davon frei machen konnte. Zunächst tönte er als Rektor der Universität Freiburg mit, jedenfalls öffentlich, mag er auch insgeheim Vorbehalte gehegt haben. Ein neues Zeitalter schien angebrochen: Führer, Volk, Vaterland. Die unfähigen, entschlusslosen Weimarer Politiker wurden von energischen Männern abgelöst. Endlich gab es nach all den Ungewissheiten Gewissheit. Der Philosoph sah sich schon als geistigen Führer der Nation, er wollte mittun, mitbestimmen, teilhaben an der Macht. Er merkte aber bald, dass Leute seines Formats nicht gebraucht wurden.

Die Entschlossenheit, zu der seine Philosophie hinführte, dürfte ein Grund für seine Faszination durch die Nationalsozialisten gewesen sein: entschlossen waren sie. Hans Jonas, einer der brillanten Schüler Heideggers, charakterisierte ihn in einem Interview einmal so: Bei Heidegger sei „das Verhältnis zum eigenen Tode, das Verhältnis zur eigenen Endlichkeit einer der Antriebe, die das Dasein auf sich selbst zurückwirft, so dass es sich aus der Herrschaft des Man befreien kann: zu seiner Eigentlichkeit. Das Merkmal dieser Eigentlichkeit ist die Entschlossenheit: der Einzelne muss sich zu etwas für sich selbst entschließen. Die Entschlossenheit als solche, nicht wofür man sich entschließt und wogegen, sondern dass man sich entschließt, wird zur eigentlichen Signatur des Daseins.”

In dieser leeren Entschlossenheit liegt nicht nur eine erfreuliche Offenheit, die jeder auf seine Weise zu füllen vermag, es liegt darin auch eine Gefahr: alles, wozu man sich entschlossen genug entschließt, ist dann gewissermaßen gut und richtig. Es gibt aber auch falsche Entschlüsse, die nicht durch den Grad der Entschlossenheit, sondern durch das Ziel markiert sind. Die Nationalsozialisten waren entschlossen, ihre Gegner zu vernichten und einen Krieg zu beginnen. Und sie haben ihre Entschlüsse durchgesetzt. Mangel an Entschlossenheit ist wohl das Letzte, was man ihnen vorhalten kann. Man wünschte sich, sie wären weniger entschlossen gewesen. Wie sehr die Philosophie Heideggers in der Luft hängt, zeigt dieses monströse Beispiel. Er ist deshalb ja auch recht unsanft auf dem Boden gelandet. Als er in die Wirklichkeit drängte, versagte seine Urteilskraft. Natürlich war er auch verlockt von der möglichen Teilhabe an der Macht, die es ihm ermöglicht hätte, eine andere bessere Universität zu bauen als die unzureichende vorhandene.

Dass sogenannte einfache Menschen oft eine bessere Urteilskraft besitzen als die abgehobenen Intellektuellen, lässt sich am Beispiel Martin Heideggers und seines Bruders Fritz studieren. Ich habe es einmal ausgeführt. Fritz Heidegger, der Kassierer der Kreditkasse Meßkirch, der kaum über das kleine Meßkirch hinauskam, war im Jahre 1933 und folgende klüger und mutiger als sein berühmter Bruder. Seine Fastnachtsrede von 1934, die überliefert ist, war klarsichtiger als alles, was sein Bruder 1933 und 1934 sagte. Fritz Heidegger blieb nicht nur in Meßkirch – sein Stottern hatte ihm eine theologische Laufbahn verstellt –, er blieb auch in der katholischen Kirche, die sein Bruder Martin hinter sich gelassen hatte. Wie alle braven Katholiken wählte er immer das Zentrum, die katholische Partei, und dies hielt ihn in einem Kreis, der ihn wie viele Katholiken wenig anfällig machte für die nationalsozialistische Propaganda. Als die Nationalsozialisten in Berlin – in Meßkirch wäre ihnen das nie gelungen – die Macht erhielten, mussten sie in Meßkirch nicht die Kommunisten oder die Sozialdemokraten bekämpfen, die gab es kaum, sondern das Zentrum und die katholische Kirche. Und das taten sie auch.

So können die beiden Brüder auch als Symbole einer alten und einer neuen Welt gesehen werden. Fritz war noch, bei all seiner launigen Kritik, in dieser alten Welt geborgen: in der Gemeinschaft der Kommune und der Kirche. Martin hatte sich davon entfernt und den Unsicherheiten der neuen, der undurchsichtigen industriellen Welt gestellt. Und er versuchte, sich selbst und anderen eine neue Orientierung zu schaffen. Er suchte nach einem Erklärungsmodell, da das traditionelle christliche Modell ihm nicht mehr genügte, den Anforderungen der neuen Welt auch nicht zu genügen schien. Wir dürfen nicht vergessen, was diese Generation durchlebte: den Untergang der alten, anscheinend sicheren Monarchien 1918, die Inflation der materiellen und der ideellen Werte danach und eine Industrialisierung, die damals umstürzend wirkte, uns heute jedoch längst vertraut ist. So griff Martin Heidegger, er ist hier nur ein Beispiel, kurze Zeit nach den falschen Verheißungen der Politik, in denen er Heimat und Halt zu finden hoffte.

Dass der Kassierer der Kreditkasse Meßkirch im Jahre 1933 und danach klüger war als der Philosoph der Universität Freiburg, nimmt mich natürlich für ihn ein. Er steht für die vielen kleinen Leute, die sich nicht um Politik kümmerten, die nicht Ideologien verfielen und doch von den politischen Ereignissen in Mitleidenschaft gezogen, ja sogar dafür verantwortlich gemacht wurden. Und es stellt sich die Frage nach der mangelnden Klugheit der Intellektuellen. Intelligent mögen sie sein, aber klug sind sie nicht immer. Klug in den Dingen des Alltags, im Umgang mit Menschen, in sozialen Beziehungen, in ökonomischen Problemen. Das mag auch daran liegen, dass sie in einer arbeitsteiligen Welt nur ihren kleinen Bereich in Kunst oder Wissenschaft überschauen, Grund genug, sich bescheiden auf sein Ressort zu beschränken.

Ich ende mit einem aktuellen Beispiel. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung” vom 10. Mai 2013 berichtete deren Korrespondent Jürg Altwegg aus Paris über die Enttäuschung der französischen Intellektuellen, die Präsident Hollande in seinem Wahlkampf unterstützten. Wieder mal ging es um die Rettung der Republik: ein Sozialist sollte Präsident werden und den angeblich konservativen Sarkozy ablösen und alles sollte besser werden. Wieder einmal gab es feurige Artikel und Resolutionen. Hollande gewann, ob wegen oder trotz dieser Unterstützung sei dahingestellt. Jedenfalls hatten sich die Intellektuellen eine Teilhabe an der Macht erhofft. Sie wollten mitregieren, mitbestimmen, endlich den Worten Taten folgen lassen, nicht ganz uneigennützig. Doch Präsident Hollande konnte keinen von ihnen gebrauchen. So war der Jammer groß. „Seit Mai 2012 habe ich Hollande nicht mehr gesehen”, also seit seiner Wahl, klagte ein berühmter Wirtschaftsprofessor der berühmten Harvard Universität: „Die Außenpolitik ignoriert die Geisteswissenschaften, welche die militärischen Aktionen erhellen könnte”, meinte er. Behüte Gott, meine ich als Geisteswissenschaftler, das machte alles noch schlimmer. Und ein anderer klagte: „Wer nicht mehr an den Sinn der Geschichte glaubt, hat es mit Klempnern zu tun, die mehr oder weniger gut arbeiten.”

Welchen Unsinn als Sinn der Geschichte haben uns Intellektuelle des 20. Jahrhundert schon weisgemacht? Da ist mir jeder Klempner, also jeder solide Handwerker, lieber als die hochfahrenden eitlen Intellektuellen, die mal wieder die Rolle von Geist und Macht beschwören. Die wieder den Klassenkampf entdecken oder den deutschen Erbfeind, wie in Frankreich und Italien in einigen Fällen geschehen. Dabei darf nicht vergessen werden, dass kritische Intellektuelle mitunter eine wichtige Funktion haben und hatten, vor allem dann, wenn die demokratischen Freiheiten unterdrückt werden und nur sie die Stimme erheben. Denken wir etwa an die Dissidenten der Charta 77 im kommunistischen Prag, wo sie die Bürger- und Menschenrechte aufrecht hielten. Denken wir an die Schriftsteller der Gruppe 47, die im Westen Nachkriegsdeutschlands die freie Rede, die kontroverse Diskussion, die unter den Nazis unmöglich geworden war, wieder hoffähig machten. Intellektuelle müssen eben wie Politiker skeptisch beobachtet und kritisch befragt werden. Sie haben nicht von vorneherein immer recht und sie haben auch nicht im Nachhinein immer recht gehabt.

Sehen wir uns diesen Koloss in Brüssel an: die Behörde der Europäischen Union ist ein riesiger Verwaltungsapparat, der erzeugt wurde von Politikern und Bürokraten, nicht von Intellektuellen, aber nützlicher ist als alle Ideologien, die, auch von Intellektuellen verbreitet, im 20. Jahrhundert Europa verheerten. Das heißt nicht, dass er keine Kritik verdiente.

Verlassene Heimat – Zur Flucht aus der DDR und deren Folgen

Werner Gumpel

DIE FLUCHTBEWEGUNG

Ich bin im Erzgebirge geboren und aufgewachsen, einer Region, in der die Menschen besonders heimatverbunden sind.

Heimatliebe und Heimatverbundenheit sind nicht nur ein Charakteristikum der Erzgebirgler. Wo die Menschen geboren und aufgewachsen sind, wo sie zur Schule gegangen sind und ihre ersten sozialen Kontakte gefunden haben, wo ihnen die Mimik und Gestik der Menschen und deren Verhaltensweisen vertraut sind, dort ist die Heimat. Dort kennen sie die Sprache und sprechen den Dialekt. Dort fühlen sie sich nicht nur zu Hause – dies alles gibt ihnen auch ein Gefühl der Sicherheit und der inneren Stärke.

Wenn dies so ist, so müssen wir uns fragen, warum wohl nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR so viele Menschen ihre Heimat verlassen haben, und warum sie – zwar nicht in einem fremden Land, aber doch fern der Heimat – eine neue Existenz gesucht und zumeist auch gefunden haben. Sie begaben sich zum größten Teil in ihnen unbekannte Regionen und in ein ungewisses Leben.

Seriöse Quellen melden, dass vom Zeitpunkt der Gründung der DDR bis zu deren Zusammenbruch rund 3,5 Millionen Menschen die DDR verlassen haben, davon in der Zeit vom August 1961 bis zum Zusammenbruch der DDR 1989 95 000 Personen. Sie haben zum Teil auf sehr abenteuerliche und gefährliche Weise der DDR den Rücken gekehrt. Im Westen sprach man von einer „Abstimmung mit den Füßen”Dabei riskierten die Flüchtlinge besonders nach dem Mauerbau ihr Leben. Bis zum Ende des SEDStaates wurden 1065 Menschen bei der Flucht an der Berliner Mauer oder an der innerdeutschen Grenze bzw. bei der Flucht über die Ostsee durch Schusswaffen, Erd- und Splitterminen oder andere Gewaltakte getötet.

Was die Zahl der Flüchtlinge betrifft, so ist sie in der Realität höher als hier ausgewiesen, da bis zur Gründung der DDR Flüchtlinge aus der Sowjetischen Besatzungszone und dem sowjetischen Sektor von Berlin nicht registriert wurden. Ihre Zahl wurde später mit 438 700 errechnet. Es dürften jedoch erheblich mehr gewesen sein. Eine Registrierung erfolgte in Berlin erst ab Januar 1949, im Bundesgebiet ab dem 22. August 1950 in den Notaufnahmelagern. In den genannten Zahlen sind Personen, die auf legalem Weg, also mit behördlicher Genehmigung, die DDR verlassen haben, nicht eingeschlossen.

FLUCHTMOTIVE

Warum also nahmen Millionen Menschen die Gefahr auf sich, getötet oder verletzt oder auf Jahre in ein Gefängnis eingesperrt zu werden, wohl wissend, was mit ihnen geschehen konnte und ohne Wissen darüber, was sie im fremden Land erwartet, wie ihr Leben dort verlaufen würde? Vor welchen Schwierigkeiten standen sie, als sie den Neuanfang wagten? Was bedeutete aber auch dieser Zustrom von Menschen für Westdeutschland?

Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die Flucht sich wellenförmig vollzog. Dies gibt uns eine erste Auskunft über die Fluchtmotive. Die stärkste Fluchtwelle, so das „DDR-Handbuch” in seiner 3. Auflage, wurde durch den auf der 2. Parteikonferenz der SED im Juli 1952 gefassten Beschluss, den Aufbau des Sozialismus beschleunigt durchzuführen, hervorgerufen. Mit den Maßnahmen zur Verstaatlichung der Privatwirtschaft ging die Fluchtwelle noch einmal in die Höhe und erreichte im März 1953 mit 58600 Ankünften den absoluten Höhepunkt. Eine weitere Spitze erreichte die Fluchtwelle dann mit der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft im Frühjahr 1960 . Etwa gleichzeitig wurde die Sozialisierung der privaten Industrie-, Handels- und Handwerksbetriebe durchgeführt. Als dann im Juli/August Gerüchte über zu erwartende Sperrmaßnahmen die Runde machten, erreichte die Fluchtbewegung mit der Zahl 47 433 im August 1961 ihren zweiten Höhepunkt.Es war also die DDR-Regierung selbst, die zeitweise mit unpopulären Maßnahmen Furcht vor einer weiteren Verschärfung des politischen Drucks auf die Gesamtbevölkerung oder bestimmte Bevölkerungsgruppen erzeugte und damit die Fluchtbewegung anheizte. Es waren vor allem junge Menschen, die nach all dem, was geschah, in der DDR für sich keine Zukunft mehr sahen. 60 Prozent der Flüchtlinge waren jünger als 25 Jahre, nur zehn Prozent waren älter als 60 Jahre.

Zur Frage der Fluchtmotive wurde eine Reihe von Untersuchungen angestellt, beruhend auf Befragungen von Flüchtlingen in den Notaufnahmelagern. Hier wurde besonders häufig die Ablehnung der kommunistischen Ideologie genannt, aber auch die Nichtzulassung von Kindern bestimmter Bevölkerungsgruppen zur Oberschule und zum Studium. Viele Menschen sahen in der Flucht den einzigen Ausweg, um einer Verpflichtung als Spitzel für den Staatssicherheitsdienst (SSD) zu entgehen, oder aber sie wollten der Einberufung in die Nationale Volksarmee (NVA) entkommen. Aber auch die Verstaatlichung der Wirtschaft und die Kollektivierung der Landwirtschaft waren Fluchtgründe, und natürlich versuchten ehemalige politische Häftlinge in die Bundesrepublik zu entkommen. Sehr häufig war es aber auch der soziale Druck, dem „Nonkonformisten” in Beruf und Privatleben ausgesetzt waren, der zur Flucht führte.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der „Bericht einer Brigade für Sicherheitsfragen des Zentralkomitees der SED über die Ursachen der Abwanderung” vom 24. Mai 1961:  Denn hier wird relativ objektiv von DDR-Seite eine Erklärung für die Ursachen der Abwanderung gegeben. In dem Bericht werden als Ursachen nicht nur „Verbindungen zu Verwandten, Bekannten und Republikflüchtlingen” und deren Einfluss genannt. Wörtlich heißt es: „Bei vielen republikflüchtig gewordenen Personen wirkten sich begünstigend Zweifel, Unklarheiten über die Perspektive der Entwicklung in Deutschland, verbunden mit einem Unglauben an die Richtigkeit der Politik der Partei und Regierung, auf das Verlassen der Republik aus.” Und weiter: Bei den verschiedensten Schichten der Bevölkerung ergäben sich Idealvorstellungen über die Lage in Westdeutschland, und sie glaubten, dass es sich dort „besser, leichter, freier leben lässt.” Begünstigend auf die Republikfluchten, so heißt es, „wirken sich vorhandene Mängel und Unzulänglichkeiten in der Produktion und in den gesellschaftlichmenschlichen Beziehungen aus.” Mit diesen Äußerungen ist eigentlich alles gesagt.

POLITISCHER WIDERSTAND UND SEINE FOLGEN

Einer besonderen Betrachtung bedarf die Abwanderung aus der DDR aus politischen Gründen. Viele Menschen glaubten, den politischen Druck des SED-Regimes nicht mehr ertragen zu können. Die Politisierung aller Bereiche des täglichen Lebens machte das Leben nicht mehr lebenswert. Die Alternativen lauteten: Passe dich an und begebe dich in die innere Emigration, oder versuche in den Westen zu gelangen. Dies war schon vor

1961  nicht ungefährlich, jedoch möglich, wie die Flüchtlingszahlen belegen.

Eine weitere Alternative war: Widersetze dich diesem System und leiste aktiven oder passiven Widerstand. Der letztere Weg wurde von mehr Menschen beschritten, als allgemein bekannt ist. Aus welchen Gründen auch immer, wird dieses Kapitel der DDR-Geschichte heute von Historikern und Politikern gemieden. Die KAS stellt hier eine Ausnahme dar, wie die jährliche Veranstaltung der „Belter-Dialoge” bestätigt. Doch zum Widerstand gehört Mut. Der altgriechische Staatsmann Perikles sagte einmal, dass das Geheimnis der Freiheit der Mut ist. Er sagte aber auch, dass die Freiheit das Geheimnis des Glücks ist. Um glücklich zu sein braucht der Mensch Freiheit, nur kann es geschehen, dass er den Mut dazu mit dem Leben bezahlen muss, oder dass er für viele Jahre in einem Gefängnis oder in einem Zwangsarbeitslager von der Freiheit höchstens träumen kann. In der DDR erlitten viele, viel zu viele Menschen dieses Schicksal. Unter ihnen auch viele Studenten der Leipziger Universität, aber nicht nur dieser, sondern aller Universitäten der DDR. Dies war also die „besondere Fürsorge von Partei und Regierung für den wissenschaftlichen Nachwuchs”, für die Intelligenz. In der Zeit von 1945 bis 1989 hat das SED-Regime, zunächst in Kooperation mit dem NKWD, später in alleiniger Regie, 390 000 Menschen unschuldig bzw. aus politischen Gründen eingesperrt. Davon sind 90 000 in der Haft umgekommen, an den Haftfolgen verstarben 100 000. Geschätzte 8000 bis 9000 Oppositionelle wurden bis 1955 nach der Verhaftung durch die Stasi an die Russen übergeben und von Sowjetischen Militärtribunalen zumeist zu 25 Jahren Zwangsarbeit oder zum Tode verurteilt. Die zur Zwangsarbeit Verurteilten wurden in die unwirtlichsten Gebiete der UdSSR, wie nach Workuta verbracht, die zum Tode Verurteilten in Moskau erschossen. Ihre Zahl beläuft sich nach den Recherchen der russischen Menschenrechtsorganisation MEMORIAL auf 926. Unter ihnen war Herbert Belter, dessen Gedenken diese Veranstaltung gewidmet ist.

Es gab also jene Menschen, die den Mut hatten, ihr Leben und ihre Gesundheit für Freiheit und Demokratie einzusetzen, ebenso wie das auch viele Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus getan haben.

Auch unter den Studenten der ostdeutschen Universitäten herrschte weitgehend Unzufriedenheit mit dem repressiven kommunistischen System. Von ihnen wanderten ebenfalls Tausende in den Westen ab und stärkten das intellektuelle Potential der Bundesrepublik. Viele andere aber weigerten sich mitzumachen und leisteten Widerstand gegen das Regime. Das Universitätsarchiv Leipzig hat unter der Leitung von Prof. Dr. Gerald Wiemers und seines jetzigen Leiters Dr. Jens Blecher untersucht, wie viele Studenten der mitteldeutschen Universitäten in der Zeit von 1949 bis 1955 in die Gefängnisse der DDR gesperrt bzw. in die Sowjetunion verbracht und wie viele hingerichtet worden sind. Prof. Wiemers und Dr. Blecher ist dafür besonders zu danken. Ohne ihre Tätigkeit wäre der Opfergang der mitteldeutschen Studenten wohl nie bekannt geworden. Sie stellten fest, dass an den fünf mitteldeutschen Universitäten in Dresden, Freiberg, Halle, Jena und Leipzig bis 1955 (soweit feststellbar) 377 Studenten verhaftet und zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt worden sind. In Leipzig lag die Zahl bei 99, in Halle bei 124. Zehn Leipziger Studenten wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet. Auch aus den anderen Universitäten der DDR verschwanden oppositionell gesinnte Studenten und wurden vornehmlich in die Lager der Sowjetunion „entsorgt”. Es ist Zeit, dass ihrer aller mit Dank und mit Trauer gedacht wird, so wie wir auch der Geschwister Scholl und der anderen Opfer der Nazidiktatur gedenken. Es waren gerade die Geschwister Scholl, die vielen Studenten, die Widerstand gegen das kommunistische Regime geleistet haben, als Vorbild galten.

Die Mehrzahl der in Leipzig verhafteten Studenten wurde in den GULag ( GULag = Staatliche Verwaltung der Lager) verbannt, hauptsächlich nach Workuta, 160 km nördlich des Polarkreises, andere in das Gebiet von Taischet (Bezirk Irkutsk). Ihr Aufenthalt dort war geprägt von harter Arbeit, schlechter Ernährung und erbarmungslosem Klima. Doch da sie jung waren und den festen Willen hatten zu überleben, verstarben nur wenige. Aber auch die psychische Belastung war groß, denn ihre Angehörigen waren weder von ihrer Verhaftung und Verurteilung noch von ihrer Deportation benachrichtigt worden, und sie selbst hatten Schreibverbot. Nachrichten aus der Außenwelt konnten sie nur aus der Parteizeitung „Pravda” erhalten, die in einem Schaukasten im Lager ausgehängt war. Es herrschte also eine völlige Isolierung von der Heimat und vom Weltgeschehen, denn in der „Pravda” war nur das zu erfahren, was die Partei dem Volke zu wissen erlaubte. Die von der Heimat getrennten Gefangenen führten ein Leben wie auf einem anderen Stern. Eine gewisse Nachrichtenquelle waren die sogenannten „Freien”, bei denen es sich um Sowjetbürger, vorwiegend Ukrainer und Russland-Deutsche handelte, die in der Region Workuta in Verbannung lebten. Sie kamen zumeist als Lastkraftwagenfahrer oder in anderer Mission in die Arbeitszone und berichteten von den Dingen, die sie illegal von ausländischen Rundfunksendern gehört hatten. So erfuhren die deutschen Zwangsarbeiter auch vom Volksaufstand des 17. Juni 1953 in der DDR. Die schicksalsträchtigste Nachricht aber war am 5. März 1953 die vom Tode Stalins. Jetzt schöpften sie wieder Hoffnung. Die Lebensverhältnisse im Lager verbesserten sich. Dies geschah insbesondere, nachdem im August 1953 die Bergarbeiter im Schacht 29 gestreikt hatten. Der Streik wurde blutig niedergeschlagen. Unter den Opfern befanden sich auch einige Deutsche. Doch fast täglich wurden nun über den Lagerlautsprecher Listen mit Namen von Häftlingen – allerdings nur sowjetischen – verlesen von denen es hieß: „Zu Unrecht verurteilt. Unverzüglich freizulassen”. Viele so zu Unrecht Verurteilte hatten bereits zehn und mehr Jahre im Lager verbracht.

Im September 1953 wurde auch eine erste Gruppe von Deutschen entlassen. Einige tausend andere Deutsche mussten weitere zwei Jahre warten. Erst nach dem Besuch des Bundeskanzlers Konrad Adenauer in Moskau im Jahr 1955 konnten auch sie in die Heimat zurückkehren.

Es ist noch gar nicht lange her, da fragte mich Georg Paul Hefty von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung” in einem persönlichen Gespräch: „Wie nur haben Sie den Wiedereintritt in das Leben bewältigen können?” Ich konnte nur antworten, dass es einfach keine Alternative gab als zu lernen, in einer wirklich völlig neuen Umgebung ein neues Leben zu beginnen.

Für mich war es, als ob ich von einem anderen Stern käme. Wie mir erging es wohl den meisten meiner Leidensgefährten. Wir befanden uns plötzlich in einer anderen Welt, für die erst einmal Verständnis gefunden werden musste. Hier mussten wir uns bewähren oder untergehen. Und die meisten von uns ehemaligen Häftlingen haben sich bewährt, allerdings hat der Staat uns auch tatkräftig geholfen. Wer studieren wollte, erhielt ein Stipendium, das zwar knapp bemessen war, aber ein sorgenfreies Studium garantierte. Nach allem, was wir erlebt hatten, stellten wir keine großen Ansprüche an das Leben. Wir waren froh und glücklich, in diesem freien Land, das sich Bundesrepublik Deutschland nannte, leben zu können.

DER FLÜCHTLINGSSTROM:

HERAUSFORDERUNG FÜR DIE BUNDESREPUBLIK

Für die Bundesrepublik war der Flüchtlingsansturm eine immense Herausforderung. Wie sollten die Hunderttausende, die jedes Jahr ins Land kamen, untergebracht werden? In der Bundesrepublik herrschte noch lange Zeit großer Wohnraummangel, denn die Zerstörungen des Krieges waren bis in die 1960er Jahre hinein noch nicht voll beseitigt. Wie aber sollten die zuwandernden Menschen einen Arbeitsplatz finden, der es ihnen ermöglichte, sich aus eigener Kraft zu ernähren und eine Zukunft aufzubauen? Ohne zu übertreiben kann gesagt werden, dass die Nutzung sozialer Vorteile bei kaum einem der Flüchtlinge das Ziel gewesen ist. Das Sozialsystem der Bundesrepublik war zudem noch nicht dermaßen ausgebaut, wie es heute der Fall ist. Eine gut verlaufende Konjunktur, verbunden mit den Aufbaubemühungen der Bundesregierung und der Länderregierungen, hatten jedoch den Bedarf an Arbeitskräften derart stark anwachsen lassen, dass bis in die 1970er Jahre hinein ein Mangel an Arbeitskräften herrschte. In der zweiten Hälfte der 1950er bis Mitte der 1970er Jahre herrschte faktisch Vollbeschäftigung und nicht, wie die kommunistische Propaganda behauptete, Arbeitslosigkeit. Mit den Flüchtlingen wurde das produktive Potential der Bundesrepublik aufgestockt und erweitert. Im Gegensatz zur Mehrzahl der damals bereits aus dem Ausland importierten Arbeitskräfte waren die jungen Menschen aus Deutschlands Osten sofort einsatzfähig: Sie sprachen deutsch, sie waren gut ausgebildet und sie waren fleißig. Sie waren im wahrsten Sinne des Wortes „Humankapital”. Die jungen Flüchtlinge, aber auch jene mittleren Alters hatten die Chance, die bestehende Arbeitsmarktsituation zu nutzen und in der neuen Heimat Fuß zu fassen. Junge Menschen, die studieren wollten, wurden mit Stipendien nach dem Lastenausgleichsgesetz gefördert. Diese Ausgaben machten sich für den Staat bezahlt, denn der größte Teil von ihnen übernahm nach dem Studium Aufgaben in der Industrie oder im Dienstleistungsbereich und trug mit seinen Steuern dazu bei, dass der Staat sich neuen Aufgaben widmen konnte. Es war eine Zeit des allgemeinen Aufschwungs und des Optimismus.

INTEGRATIONSPROBLEME

Ein schwer zu lösendes Problem war der Wohnungsmangel. Er führte auch zu gewissen Spannungen zwischen der alteingesessenen Bevölkerung und den „Zuwanderern”. Viele der „Alteingessenen” waren im Krieg ausgebombt worden, hatten also ihre Wohnungen und ihr Hab und Gut verloren und warteten nun sehnsüchtig darauf, ebenfalls eine neue Wohnung zugeteilt zu bekommen. Man darf nicht vergessen, dass Wohnungen zu jener Zeit noch lange unter Zwangsbewirtschaftung standen. Zuerst wurden allerdings die Vertriebenen und Flüchtlinge bedacht, denn es war das Ziel der Regierung, die Menschen möglichst bald aus den Lagern in „normale” Verhältnisse umzusetzen, und das Entstehen von Notbauten, wie Baracken und Hütten, zu verhindern. Es ist verständlich, dass dies bei denen, die warten mussten, zu Verärgerung führte.

Ansonsten ging die Integration in die westdeutsche Gesellschaft relativ friktionslos vonstatten. Unter den Arbeitskollegen bahnten sich Freundschaften an; viele Vereine für Sport und andere Aktivitäten ermöglichten den Aufbau zwischenmenschlicher Beziehungen. Die Integration von dreieinhalb Millionen Menschen aus der DDR und gleichzeitig von Millionen Vertriebenen ist neben dem Wirtschaftswunder das zweite Wunder der Nachkriegszeit. Es war allerdings nur durch den damaligen Wirtschaftsaufschwung mit seinen hohen Wachstumsraten des BIP und durch den Aufbauwillen der neu hinzugekommenen Bürger möglich.

Es sollte nicht vergessen werden, dass viele der Flüchtlinge nach einem gewissen Zeitablauf eigene Unternehmen gründeten bzw. ihre in Sachsen oder Thüringen beheimateten Unternehmen im Westen neu aufbauten. Diese waren großenteils erfolgreich, viele davon bestehen noch heute. Den gleichen Aufbauwillen hatten die Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten. Davon profitierten viele Regionen Westdeutschlands, die bis zum Zweiten Weltkrieg weitgehend agrarisch geprägt waren. Der große Industrialisierungsschub, den z.B. Bayern nach dem Zweiten Weltkrieg erfahren hat, ist nicht zuletzt auf die Ansiedlung von Flüchtlingen und Vertriebenen zurückzuführen. Heute ist Bayern neben Baden-Württemberg das wirtschaftlich am besten entwickelte Land der Bundesrepublik. Flüchtlinge und Vertriebene leisteten daher einen erheblichen Beitrag zum sog. Wirtschaftswunder. Bis zum Jahr 1960 belief sich das jährliche Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf durchschnittlich 7,6 Prozent, im Jahr 1956 sogar auf 11,5 Prozent. Die wirtschaftlichen Erfolge beflügelten den Optimismus der Menschen im Lande, von dem auch die Flüchtlinge trotz ihrer zunächst schwierigen Situation erfasst wurden.

In jener Zeit gliederte sich die Bundesrepublik auch immer mehr in die internationale Arbeitsteilung ein. Sie konnte das Außenhandelsvolumen von Jahr zu Jahr steigern und eine positive Leistungsbilanz erzielen. Dadurch konnte das Land die Vorteile, die die internationale Arbeitsteilung bietet, zum Wohle der gesamten Bevölkerung nutzen. Die Grundlage hierfür war das von Ludwig Erhard konzipierte und durchgesetzte System der sozialen Marktwirtschaft, dessen Credo lautete: „Der Einzelne muss sagen: Ich will mich aus eigener Kraft bewähren, ich will das Risiko des Lebens selbst tragen, will für mein Schicksal selbst verantwortlich sein. Sorge du, Staat, dafür, dass ich dazu in der Lage bin.”Diese Worte wurden von der großen Mehrzahl der Flüchtlinge und Vertriebenen nicht nur gehört, sondern zur Maxime des eigenen Handelns.

AUSWIRKUNGEN DER FLUCHTBEWEGUNG AUF DIE DDR

Für die DDR dagegen waren die Auswirkungen der Abwanderung katastrophal. Die Flucht großer Teile der Intelligenz und der ausgebildeten Handwerker und Facharbeiter führte zu einer Senkung des Sozialprodukts und zu einer Verschlechterung der Versorgung. Die offiziellen Planerfüllungsstatistiken sagten zwar das Gegenteil, doch lebte der Staat weitgehend vom Verzehr der volkswirtschaftlichen Substanz. Die Wirtschaft konnte nur durch Kredite aus Westdeutschland in Gang gehalten werden. Das wurde zwar von einigen Staats- und Parteifunktionären erkannt, die erforderlichen Maßnahmen, wie eine grundlegende Reform des Systems, wurden jedoch nicht ergriffen. Im Oktober 1989, also zu einer Zeit, als die DDR direkt vor dem Zusammenbruch stand, beschrieb Gerhard Schürer, der damalige Vorsitzende der Staatlichen Plankommission, in einem für das Politbüro des ZK der SED erarbeiteten Gutachten die Abwirtschaftung praktisch aller Bereiche der DDR-Wirtschaft und den bevorstehenden Staatsbankrott.Der Verschleiß der volkswirtschaftlichen Strukturen und des Sachkapitals kam nicht von heute auf morgen zustande, sondern war ein Prozess, der sich über Jahrzehnte hinzog. Er fand seinen Ausdruck in einer Unterversorgung der Bevölkerung. Da die Menschen in der DDR jedoch nicht von jedem Kontakt zur westlichen Welt isoliert waren, erfuhren sie durch zu Besuch weilende Verwandte sowie durch das westliche Fernsehen von dem erheblich besseren Leben in der Bundesrepublik. So wuchs der Wunsch nach einem materiell gesicherten Leben in Freiheit. Da Reformen wegen der ideologischen Intransigenz der Staats- und Parteifunktionäre nicht erwartet werden konnten, fassten Tausende den Entschluss, in den Westen zu übersiedeln. Die große Mehrheit der Flüchtlinge waren daher keine wirklich politischen Flüchtlinge, also keine direkt Verfolgten, sie suchten vielmehr ein politisches Regime, in dem sie frei und selbstbestimmt leben konnten. Leider wurde der Ernst der Lage in der Bundesrepublik nicht erkannt, obwohl es spezielle Forschungseinrichtungen gab, die sich mit der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung in der DDR befassten. Auch der Flüchtlingsstrom wurde nicht als Warnung einer zumindest langfristig zu erwartenden Katastrophe betrachtet. Im Gegenteil: Beobachter, die in Konferenzen und Publikationen die Lage in der DDR realistisch darstellten, wurden als „kalte Krieger” verleumdet. Selbst in der evangelischen Kirche wurde die DDR als „das bessere Gewissen Deutschlands” bezeichnet.

Dass diese Ignoranz eine Fehlbeurteilung der DDR bewirkte, zeigte sich bei dem Besuch des Bundeskanzlers Willy Brandt im März 1970 in Erfurt. Als Konrad Ahlers, der damalige Pressesprecher der Bundesregierung, am Tag nach der Rückkehr Brandts dem Ost-West-Arbeitskreis des Auswärtigen Amtes, dem ich damals angehörte, berichtete, fasste er das Ergebnis der Reise in die DDR mit den Worten zusammen: „Wir haben gemerkt, dass wir viel zu wenig über die da drüben wissen.” Wäre die Situation eine andere gewesen, und hätte man die DDR nicht noch finanziell unterstützt, wäre das System sehr viel eher zusammengebrochen und viele Menschen hätten ihre Heimat nicht verlassen – zu deren Wohl. Heute müssten nicht Jahr für Jahr achtzig und mehr Milliarden Euro in die neuen Bundesländer transferiert werden.

TROTZ WIEDERVEREINIGUNG: ANHALTENDER „BRAINDRAIN”

Die Abwanderung aus der DDR wirkt sich noch heute im Entwicklungspotential der neuen Bundesländer aus. Diese haben zwar in den vergangenen Jahren wirtschaftlich aufgeholt, aber noch immer nicht westdeutsches Niveau erreicht. Der „Braindrain”, der in der DDR-Zeit begonnen hat, ist noch nicht beendet und wirkt auch nach der Wende fort. Es ist nur allzu bekannt, dass viele Dörfer, ja ganze Landschaften nach wie vor „entleert” werden. Seit Öffnung der Grenzen wanderten 4,1 Millionen Ostdeutsche nach Westen ab. Allerdings gab es auch einen Rückstrom von 2,1 Millionen Personen, was aber die Wirkung der Abwanderung nicht kompensieren konnte. Allein bis zum Jahr 2000 verließen mehr als 570 000 Menschen oder 11,3 Prozent der Bevölkerung Sachsen, in Sachsen-Anhalt waren es fast 9 Prozent Abwanderer. Welcher Staat, welche Region kann das auf Dauer hinnehmen?

Die Freunde der „Gruppe Belter”, der ich angehört habe, sind ein Beispiel dafür, wie die vom Staat gebotenen Chancen genutzt wurden. Sie zeigen aber auch, wie töricht SED und Regierung der DDR waren, als sie uns, ebenso wie viele andere junge, aufstrebende Menschen, verfolgt und dazu gebracht haben, in Westdeutschland eine neue Heimat zu suchen. Die „Gruppe Belter” bestand aus zehn Personen. Herbert Belter wurde zum Tod verurteilt und erschossen. Einer von uns, ein Tischlergeselle, blieb in der DDR und übernahm die Tischlerei seines Vaters. Der Lebensweg der restlichen acht sah nach einem Studium an westdeutschen Universitäten wie folgt aus: Drei wurden Professoren an deutschen Universitäten, einer Finanzchef Europa der Firma Ford, einer Zahnarzt in der Schweiz, einer Direktor bei der Weltfirma BASF, einer wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik, einem Beratergremium der Bundesregierung, einer nahm aus familiären Gründen das Studium nicht wieder auf und arbeitete bis zu seinem Tod als Chemiker bei einem großen Unternehmen der chemischen Industrie. Ähnlich war der Weg vieler anderer Kameraden aus meinem Umkreis: Ob Generalarzt bei der Bundeswehr, Gartenbauarchitekt oder frei praktizierender Arzt, Einzelhandelskaufmann oder auch einfacher Arbeiter – alle fanden dank ihres eisernen Lebenswillens und ihres Fleißes den Weg in eine neue Heimat, eine Heimat, die für mich nunmehr Bayern heißt. Die Liebe zu meiner ursprünglichen Heimat, dem Erzgebirge, ist jedoch geblieben, und ich glaube, so geht es allen, die sich im Westen eine neue Existenz aufgebaut haben, die das Glück hatten, in einem freien Deutschland ein zweites Leben zu beginnen. Ich wünschte, dass auch Herbert Belter dieses Glück beschieden gewesen wäre. Wir können ihn nicht vergessen, und wir wollen ihn nicht vergessen; nicht nur ihn, sondern alle Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft. Ich danke der Konrad-Adenauer Stiftung, dass sie die Erinnerung an sie mit Veranstaltungen wie der heutigen wach hält.

Brauchen wir einen neuen Patriotismus?

Werner J. Patzelt

Wie kann man es schaffen, dass eine Vielzahl von Menschen friedlich zusammenlebt, ja dauerhaft zusammenwirkt – und dass dies gelingt, selbst wenn soziale Ungleichheit fortbesteht, wenn kulturelle, gar sprachliche Differenzen ins Gewicht fallen, wenn es scharfe Interessenkonflikte gibt, wenn politischer Streit nicht nur erlaubt, sondern – wie in einer pluralistischen Demokratie – sogar die normale Weise politischer Willensbildung und Entscheidungsfindung ist?

I.

Kein Zweifel: Man kann das schaffen – aber nur schwer. Die Geschichtsbücher zeigen, wie häufig Bürgerkrieg und Krieg, Revolution und Ordnungsverfall, Sezession und Vertreibung sind. Das lehrt, dass stabile Strukturen politischer Ordnung keine verlässlich sich einstellenden „Naturtatsachen” sind, sondern höchst störanfällige Hervorbringungen gesellschaftlicher Konstruktion von Wirklichkeit. Und seit die Anthropologie nicht mehr durch spekulative Überhöhung begrenzter Erfahrungen betrieben werden muss, womit sich die Klassiker unseres politischen Denkens noch abzufinden hatten, seit also die soziobiologische Evolutionsforschung die Einsichten der – auch historisch vergleichenden – Kulturanthropologie in einen verlässlichen Befundrahmen einfügen kann: Seitdem verstehen wir besser denn je, warum sich politische Ordnung so schwer auf Dauer stellen lässt. Der britische Anthropologe Robin Dunbar fand vor rund 20 Jahren Folgendes als Ergebnis von Studien zur Größe von Primatenpopulationen und gemeinsam reisenden nomadischen Stämmen, zur Größe archäologisch erschlossener Siedlungsstrukturen sowie heute real gepflogener Sozialkontakte: Es sind im Durchschnitt rund 150 Personen, mit denen sich stabile Kontakte pflegen und individualisierte Beziehungen aufrechterhalten lassen. Die Grenzen werden einesteils vom nötigen Zeitaufwand für direkte Kommunikation gezogen, andernteils von der Größe jener Teile der Großhirnrinde, in denen die für Sozialkontakte wichtigen Informationen verarbeitet werden. Zwar kamen Studien anderer Anthropologen auch auf die doppelte Anzahl der für uns gleichsam „von Natur aus” leicht zu handhabenden Sozialkontakte. Doch dieser Unterschied zur weithin akzeptierten „Dunbar-Zahl” einer „natürlichen Gruppengröße” von rund 150 Personen ist nicht wirklich von Belang, wenn wir vor der Herausforderung stehen, Populationen von Zehntausenden in mittleren Städten, von Millionen in Megastädten, von Dutzenden von Millionen in mittleren Staaten zusammenzuhalten, um ganz zu schweigen von jenen Milliarden, die – unter zunehmenden sozialen, ökologischen und kulturellen Spannungen – unseren blauen Heimatplaneten bevölkern.

Unschwer erkennt man, vor welche Herausforderungen es unsere Spezies stellte, als sie – „neolithische Revolution” genannt – vor rund 12 000 Jahren zunächst im Vorderen Orient, später am Indus und am Gelbem Fluss zur Sesshaftigkeit überging, als dann die Dörfer zu Städten wuchsen und über alledem bald die Ordnungsstrukturen von Reichen entstanden. Wie kann man derlei Großgebilde nachhaltig stabilisieren, die so weit den Wirkungsbereich unserer angeborenen Sozialkompetenz überschreiten? Wie bringt man so viele Leute zum verlässlichen Zusammenwirken, gar zum gemeinsinnigen Handeln? Genau das sind die Fragen, die unter dem Begriff des „Patriotismus” abzuhandeln sind.

Er kommt vom lateinischen Wort patria, das – gendermäßig unausgewogen – das Vaterland meint. Oder doch eher die Heimat? Einstweilen kann das in der Schwebe bleiben, denn gemeint ist in beiden Fällen jenes Gebiet, wo man aufwuchs, Wurzeln schlug, sich zugehörig fühlt – oder wohin man zog, dann Wurzeln schlug und seither zugehörig ist. Wer eine solche patria besitzt, der möchte dort meist auch ein gutes Gemeinwesen bestehen sehen. Nicht selten will er – oder sie – auch selbst zu dessen Gedeihen beitragen. Liebe zur Heimat oder zum Vaterland samt jenem Handeln, das von ihr ausgeht: Genau das soll im Folgenden Patriotismus heißen.

Offenbar ist Patriotismus solcher Art eine zweifach politische Haltung. Erstens ist er die Haltung eines Menschen, der an seiner patria tätigen Anteil nimmt, also eines Bürgers, eines citoyen – und darin ausgerichtet auf eine politische Gemeinschaft, die auch viel größer sein kann als die engere Heimat. Zweitens ist Patriotismus, sobald er sich selbst reflektiert und so zur Aufklärung über seine Eigenart gelangt, eine schon im Ansatz pluralistische Haltung. So wie es nämlich im eigenen Vaterland viele Heimaten gibt, so finden sich auf unserer Erde viele Vaterländer; indem jeder zum Besten seines Vaterlandes wirkt und dabei die Vielfalt der Heimaten darin achtet, erreicht man für dieses Land das Bestmögliche; und indem viele zum Besten ihrer Vaterländer wirken und dabei die Vielfalt der Vaterländer aller achten, erreicht man das Bestmögliche für die Menschheit.

Das gesagt, ließen sich nun vielerlei etablierte Diskurse neu inszenieren – jene über die Abschichtungen von Patriotismus, Nationalismus und Chauvinismus oder jene über die Anziehungs- bzw. Abstoßungskräfte zwischen Nationalstolz und Rassismus oder zwischen Vaterlandsliebe und Demokratie. Doch es führt weiter, wenn wir auf einer ungewohnten Route gehen.

II.

Beginnen wir bei Aristoteles. Der hatte völlig recht, als er – wohl knapp 10000  Jahre nach dem Übergang unserer Spezies zur Sesshaftigkeit – den Menschen ein von Natur aus auf Gemeinschaftsbildung angelegtes Wesen nannte und zum Ergebnis kam, dass wir um eines gelingenden, um eines guten Lebens willen des Zusammenwohnens in überschaubaren, nicht allzu großen Ordnungsstrukturen bedürften, in solchen nämlich, wo man einander noch persönlich kennen kann. Indem Aristoteles die Sphäre des oíkos, der häuslichen Wirtschaftsordnung mit Frauen und Gesinde, von jener der polis unterschied, also von der Beutegemeinschaft, der Kultgemeinschaft, der Diskursgemeinschaft der kriegsdienstfähigen Männer, war die mittels der Dunbar-Zahl greifbare „natürliche Sozialität” des Menschen gleichsam „gehebelt”: Im vergleichsweise kleinen Kreis der männlichen Vollbürger wurde all das integriert, was – um die Vollbürger herum – da auch noch an Frauen, Kindern, Sklaven, Metöken und Periöken zur Polis gehörte. Die Hebelwirkung der gesamten Polis wiederum konnte man imperial nutzen – wie Athen in seinem ersten Seebund. Man erlebte freilich, dass Macht allein nicht nachhaltig zu integrieren vermag. Der andere Versuch einer weiter ausgreifenden Ordnungsbildung führte in hellenistischer Zeit zu mancherlei Bundesrepubliken, in denen sich unterschiedliche Poleis entlang von lose gezogenen Stammesgrenzen zusammenschlossen. Doch das einigende Band war eher das gemeinsame Interesse am Kampf gegen aufstrebende Hegemonialmächte und weniger der – uns Heutigen aus der Europäischen Union so wohlvertraute – Wunsch, ein Staatswesen oberhalb der Polis zu schaffen. Die von Aristoteles gut erkannte „natürliche Sozialität” des Menschen trug also auch bei den alten Griechen nicht viel weiter als rund 2000 Jahre vorher bei den Städtebünden der Sumerer.

III.

Knapp 2000 Jahre nach Aristoteles darüber schreibend, was einen Staat „wirklich” zusammenhalte, kritisierte denn auch Thomas Hobbes gleich zu Beginn seines Buches „Vom Bürger” seinen großen Vorgänger:

„Die meisten, welche über den Staat geschrieben haben, setzen voraus oder erbitten oder fordern von uns den Glauben, dass der Mensch von Natur ein zur Gesellschaft geeignetes Wesen sei. … Auf dieser Grundlage errichten sie ihre Lehre von der bürgerlichen Gesellschaft. Dieses Axiom ist jedoch trotz seiner weit verbreiteten Geltung falsch; es ist ein Irrtum, der aus einer allzu oberflächlichen Betrachtung der menschlichen Natur herrührt. Denn untersucht man genauer die Gründe, warum die Menschen zusammenkommen und sich gegenseitig an ihrer Gesellschaft erfreuen, so findet man leicht, dass dies nicht naturnotwendig, sondern nur zufälligerweise geschieht” –

was wir nun, Hobbes ins Wort fallend, mit einer einzigen Beispielkette gut konkretisieren können. Da gibt es im 3. nachchristlichen Jahrhundert den überhaupt nicht der Natur, sondern sich allein kontingenter Pfadabhängigkeit verdankenden Druck der – damals wohl zwischen Don und Wolga ansässigen – Hunnen auf die westlich von ihnen siedelnden Germanenstämme. Diese setzen sich nun ihrerseits in Bewegung, erobern das Weströmische Reich und die nördliche Mittelmeerküste. Ihnen folgen dann slawische Völkerschaften bis weit ins heutige deutsche „Altbundesgebiet”, ja bis hinein in die Alpentäler Tirols – und obendrein, dort auf das Oströmische Reich treffend, bis tief hinein in den Balkan. Und da entstehen und vergehen, stabilisieren sich aber auch in einigen Fällen über Jahrhunderte ganz neue politische Gebilde, in denen dank geschichtlichen Zufalls Romanen und Germanen, Slawen und Griechen, Germanen und Slawen miteinander ein Auskommen finden müssen – und es zu manchen Zeiten auch fanden, zu manch anderen aber eher schlecht als recht.

Was hält dann Ordnung aufrecht? Was hält solch kulturverschiedene Bevölkerungsgruppen zusammen – oder wenigstens im friedlichen Nebeneinander? Was integriert gerade dann, wenn man sich über die Tiefenschichten dessen entzweit, was untereinander verbindet – zumal über die akzeptable Art einer öffentlich praktizierten Religion und über deren konkrete Inhalte? Im Grunde sind wir damit schon in der Gegenwart angelangt, nämlich beim Fremdeln muslimischer Zuwanderer mit der areligiösen Kultur Europas, beim Fremdeln säkularisierter Bildungsbürger mit der redlichen Religiosität vieler Muslime, und bei den politischen Ordnungsproblemen, die aus alledem resultieren. Und ganz gewiss sind wir angelangt bei den Zeitumständen des Thomas Hobbes, nämlich bei den damals schon ins zweite Jahrhundert gehenden europäischen Religionskriegen. Natürlich entluden sich in ihnen auch vielerlei weitere Spannungen: zwischen Bauern und Feudalherren, Baronen und König, Ständen und Kaiser, Nationen und katholischer Kirche. Wie sind unter solchen Zerrkräften dauerhafte Sicherheit, Ordnung und Zusammenhalt möglich – mitsamt alledem, was nur unter solchen Umständen gedeihen kann: aufblühende Wirtschaft, Pflege von Wissenschaften und Künsten, gutes Leben?

Die Antwort von Thomas Hobbes lautete so: Es muss eine stabile Herrschaft aufgebaut und gesichert werden – und zwar mit Bürgern, die auf eine andere als eine rein dienende Mitwirkung am Staat verzichten, mit Menschen, die zwar im Stillen gerne denken mögen, was immer sie wollen, die sich in der Öffentlichkeit aber stets konform mit dem äußern und verhalten, was die Obrigkeit ihnen vorgibt. Wem das nicht passt, der muss eben auswandern und sehen, ob es ihm anderswo besser ergeht – gleich ob, so die sozialistische Blickrichtung, als „Republikflüchtling” im Westen, oder in Erfüllung des inzwischen verklungenen westdeutschen Spießerimperativs: „Wenn es Dir hier nicht passt, dann geh doch ’rüber in die DDR!” Nicht aus der menschlichen Natur ergibt sich also eine stabile politische Ordnung, sondern aus akzeptierter Autorität, die ihrerseits aber erst aus einem fairen Verhältnis zwischen erlangtem Schutz und geleistetem Gehorsam entsteht, und obendrein aus einem Rechtsrahmen, den man auf der Grundlage vernünftiger Einsichten in die Folgen alternativer Handlungen setzt bzw. respektiert.

Nun ist das alles gar kein Widerspruch zur Einsicht des Aristoteles in die soziale Natur des Menschen, die ja auch von der modernen Soziobiologie bestätigt wurde. Diese „natürliche Sozialität” ist und bleibt jenes grundlegende Bindemittel menschlichen Zusammenhalts, auf das man sich eigentlich immer verlassen kann – in kleineren Gemeinschaften und in der Heimat freilich mehr als in größeren Gesellschaften und im Vaterland. Jedenfalls reicht die „natürliche Sozialität” nicht aus, um weiter ausgreifende Ordnungsstrukturen zu schaffen und zu stabilisieren. Deren stets prekärer Zustand heißt auf Italienisch „lo stato”, und ein besonders gefestigter Zustand aus alledem ist der Staat – in Georg Jellineks berühmter Formel: der Dreiklang aus Gebiet, Volk und verlässlich über beides ausgeübter Macht. Beim Aufrechterhalten eines solchen Zustands, des Staates also, kommt ins Spiel, was Thomas Hobbes, wie viele andere auch, auf die Denkfigur eines „Herrschaftsvertrages” bzw. – diesem vorausgehend – eines „Gesellschaftsvertrages” gebracht haben. Ins Spiel kommen also vereinbarte und dann wechselseitig verbindliche Regeln des Miteinanders sowohl zwischen den Bürgern als auch zwischen ihnen und dem Staat.

Aus solchen systemkonstruktiven Leitgedanken entstand jener moderne Territorialstaat, den so viele für eine schier natürlich sich einstellende Ordnungsform gehalten haben, bis die Gegenwart mit ihren um sich greifenden Prozessen des Staatsverfalls uns eines anderen zu belehren begonnen hat. Die – oft „Absolutismus” genannte – Vormacht des Fürsten vor den Ständen, landesherrlicher Zugriff auf verlässliche Verwaltungsbehörden, das Recht auf Kriegsführung und Eroberung in der Hand von souveränen Monarchen: Das alles stabilisierte auch sehr komplexe politische Strukturen. Preußens König – um nur ein Beispiel unter vielen zu geben – brauchte das böhmische Nebenland Schlesien im Jahr 1740/41 sozusagen „nur” zu erobern und in Breslau die Huldigung der schlesischen Stände entgegenzunehmen, um im Binnenverhältnis der legitime Landesherr zu werden und Loyalität beanspruchen zu können. Freilich verlangte es schon viel größere Anstrengungen, um derlei Machtstrukturen dann auch im Außenverhältnis zu sichern – im Fall Schlesiens nicht weniger als drei Kriege. Und noch länger dauerte es, bis sich auch inneres Zusammengehörigkeitsgefühl einstellte – sich also viele Schlesier ebenso Preußen zugehörig fühlten wie, sozusagen „immer schon”, die Brandenburger. Bei den Polen hingegen, die aufgrund der Teilungen ihres Landes unter die Preußen, die Österreicher und die Russen fielen, misslang derlei – nicht nur wegen religiöser Unterschiede, sondern vor allem wegen der klaren sprachlichen Differenz und den sprachlich fixierten Kulturdistinktionen. Man erkennt: Anders als Hobbes das hoffte, bewirkt allein ein gemeinsamer Oberherr (oder ein gemeinsamer Verfassungsrahmen) durchaus noch kein verlässliches Miteinander dessen, was kulturell erst noch zusammenwachsen mag – vielleicht aber gar nicht zusammenwachsen kann.

IV.

Das bringt uns zum dritten Mittel, mit dem man Menschen zu nachhaltig stabiler Ordnung zu einen vermag. Hier geht es um das, was die Bürger innerlich zusammenhält, also von ihren Emotionen und Überzeugungen her. Im kleinen Rahmen der Polis finden wir das Gemeinte in jenen bürgerstolzen Worten, die Thukydides dem Volksführer Perikles bei dessen Rede auf die Gefallenen des gerade begonnenen Peloponnesischen Krieges in den Mund legt. Im größeren Rahmen der USA finden wir das Gemeinte in der Rede des Präsidenten Lincoln zur Einweihung des Soldatenfriedhofs auf dem Schlachtfeld von Gettysburg. Und in der europäischen Tradition finden wir das Gemeinte am Ende des letzten Buchs von Rousseaus Schrift über den „Gesellschaftsvertrag”.

Dort entwickelt er seine Vorstellung von jener „Bürgerreligion”, die – frei von den konkreten Dogmen einer je besonderen Religion – den Bürger seine gesellschaftlichen und staatlichen Pflichten lieben lassen soll, die ihm jene „Gemeinschaftsgefühle” vermitteln soll, „ohne die es unmöglich ist, ein guter Staatsbürger oder ein treuer Untertan zu sein”. Und Folgendes wären die Dogmen jener „Bürgerreligion” oder „Zivilreligion”: Intoleranz ist verboten; sowohl der Gesellschaftsvertrag als auch die auf ihn gegründeten Gesetze sind heilig; es gibt eine mächtige, vernünftige, wohltätige, vorsehende und vorsorgende Gottheit; es gibt ein Leben nach dem Tode; und es gibt nach dem Tod ein persönliches Gericht, das die Gesetzesbrecher straft und die guten Bürger zur Glückseligkeit bringt. Gewiss – so ebenfalls Rousseau – kann man niemanden zwingen, diese Dogmen zu glauben. Doch das Gesetz kann sehr wohl …

„jeden, der sie nicht glaubt, aus dem Staat verbannen. Es kann ihn nicht wegen Gottlosigkeit verbannen, aber als gesellschaftsfeindlich, als unfähig, die Gesetze und die Gerechtigkeit aufrichtig zu lieben und im Notfall sein Leben seiner Pflicht zu opfern”.

Was Rousseau da im Sinn hat, ist durchaus kein intellektueller Firlefanz. Vielmehr nutzt er eine uralte, mindestens auf die ägyptische Religion zurückgehende und in der Praxis bestens bewährte Denkfigur. Tatsächlich stabilisiert Gesellschaften wenig besser als das bereitwillig regelkonforme Verhalten ihrer Mitglieder. Dieses aber wird durch Überwachung und durch zu befürchtende Bestrafung besonders verlässlich herbeigeführt – und für diesen Zweck ist nichts kostengünstiger als der Glaube an einen Gott, der überwacht und auch außerhalb der Reichweite irdischer Justiz bestraft. Alle Befunde zur Evolution von Religiosität sprechen dafür, dass unserer Spezies die Bereitschaft, entsprechende „übernatürliche” Kontrollerwartungen aufzubauen und auf sie zu reagieren, seit Jahrhunderttausenden angeboren ist. Und der Blick in die Geschichte zeigt, dass es Hochkulturen in der Regel nicht versäumt haben, solche angeborenen Erwartungen auch durch religiöse Sozialisation samt passenden religiösen Praxen zu erfüllen.

V.

Wenn nun aber, wie in Europa, die Bereitschaft geschwunden ist, an ein „höheres Wesen” zu glauben, das für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die politische Ordnung eine Rolle spielen kann: Wie lässt sich dann auf die innere Bereitschaft hinwirken, auch unter Inkaufnahme konkret fühlbarer Nachteile zum gesellschaftlichen und staatlichen Zusammenhalt beizutragen?

Blicken wir zunächst auf die religiöseste unter den modernen westlichen Gesellschaften, nämlich auf die USA. Dort untersuchte Robert Bellah in den 1960er Jahren, wie religiöse Denk- und Redeformen sowohl das öffentliche politische Reden als auch jene Symbole prägen, in denen der amerikanische Staat seine Geltungsansprüche und Ordnungsprinzipien zum Ausdruck bringt und in die emotionalen Tiefenschichten der amerikanischen Bürgerschaft einträgt. Er fand Phänomene wie die Folgenden: US-Präsidenten pflegen ihre Reden ans Volk mit der Formel „God bless you, God bless America” zu beenden. Das Land selbst nennt sich im pledge of allegiance, der bei öffentlichen Anlässen und vielerorts an den Schulen allmorgendlich wie das christliche Credo gebetet wird, ,‚a nation under God, indivisible, with liberty and justice for all”. Und auf der National Mall in Washington wird in den National Archives die Verfassungsurkunde wie ein Heiligenbild auf einer Art Altar nachgerade zur Verehrung präsentiert. Aufrichtiger Glaube an die Richtigkeit der eigenen politischen Ordnung verbindet sich bei der Nutzung dieser Symbolformen mit redlich empfundener Dankbarkeit dafür, einer so guten politischen Gemeinschaft anzugehören, desgleichen mit der Bereitschaft, zu ihrem Wohlergehen und Fortbestand Eigenes beizutragen. „Stolz” nennt man so ein Gefühl – und findet es auch ausgedrückt auf Tausenden von T-Shirts und Plakaten: „Proud to be an American girl” liest man dort, oder „Take pride in America!” Stolzer Patriotismus ist das, gelagert um eine mit vielen Insignien der Heiligkeit ausgestattete Verfassungsordnung. Und seine Vitalität erneuert der amerikanische Patriotismus aus durchaus authentischen religiösen Empfindungen eines großen Teils der politischen Klasse und der Bevölkerung.

In Europa, dessen intellektuellen Eliten – in der Nachfolge Voltaires – Religiosität ganz und gar unschicklich finden, inspiriert und motiviert man sich freilich aus den gleichen Verfassungsprinzipien: Freiheit, Menschenrechte, Gerechtigkeit, Demokratie. Um sie herum entwickelte sich inzwischen eine Art „Vernunftreligion”, in der Leibniz und Kant wichtige ihrer Anliegen wiedererkennen würden. In Deutschland kennen wir die Zivilreligion des Verfassungspatriotismus, die in anderen europäischen Staaten bloß andere Namen trägt. Mit säkularen Kirchenvätern wie Dolf Sternberger und Jürgen Habermas sowie mit Staats- und Parlamentspräsidenten als den zentralen Liturgen ihrer Feiern brachte sie auch ansehnliche zivilreligiöse Praxen hervor. Für Deutschland sei verwiesen auf die so oft verwendete Glaubensformel von der „freiheitlichen demokratischen Grundordnung”, für Frankreich auf den verfassungspatriotischen Festtag des 14 . Juli, europaweit auf Ketzerverfolgungen wie den „Kampf gegen rechts” – gleich ob er sich innerstaatlich gegen Parteien rechts der Mitte richtet oder außenpolitisch gegen Staaten, die, wie weiland Österreich und jetzt Ungarn, in die Hand der Rechten gefallen sein sollen. Auf Abweichler und deren Bestrafung achtet in Europa allerdings nicht Gott, sondern – anhand der Gebots- und Verbotsliste politischer Korrektheit – die öffentliche Meinung. Deren Mühlen mahlen zwar nicht so langsam wie die Mühlen Gottes, mahlen aber ebenfalls trefflich klein.

VI.

Höchst folgenreich wurden diese und viele weitere Erscheinungsformen von Zivilreligion, ihrerseits ausgerichtet auf die Integration von Gesellschaft und Staat, seit nicht mehr – wie zur Zeit von Thomas Hobbes – Untertanen von einer Obrigkeit regiert werden, sondern Bürger von solchen Politikern, die auf die Unterstützung oder wenigstens Duldung ihrer Person und Politik durch die Bevölkerung angewiesen sind. Unter solchen, im 19. Jahrhundert entstehenden und im 20. Jahrhundert sich durchsetzenden Handlungsbedingungen gediehen auch ganz unerwartete Früchte der Aufklärung und jenes Liberalismus, der ihre Leitgedanken in gesellschaftliche und politische Ordnungsformen umsetzte. Nur auf drei dieser Früchte sei verwiesen.

Erstens zwangen Alphabetisierung und Breitenbildung zu Entscheidungen darüber, welche Sprachen in den Schulen in welcher Gewichtung gelehrt werden sollten. Unter solchen Umständen konnte es nicht ausbleiben, dass Sprache zum Kristallisationspunkt zunächst kultureller, dann auch politischer Identität wurde – und alsbald zum Sprengsatz politischer Ordnungsstrukturen. Am böhmischen und später tschechoslowakischen Fall ließe sich das gut zeigen.

Zweitens führte die Ersetzung des Obrigkeitsstaates durch ein Gemeinwesen, das auf bürgergesellschaftlicher Partizipation beruht, über kurz oder lang zur Frage: Wer gehört denn wirklich zu uns? Zu wie schauderhaften Antworten diese Frage führen kann, weiß jeder am besonders bestürzenden Fall der jüdischen Deutschen aufzuzeigen. Doch leicht erkennt man das hier Wichtige auch am Fall der in Preußen lebenden Polen. Zu Preußen hätten sie vielleicht werden können, lag doch ein großer Teil dieses Staates ohnehin auf ehedem polnischen Gebiet; doch „normale Bürger” eines deutschen Nationalstaates, wie ihn Preußens „deutscher Beruf” herbeiführte? Das glaubte man redlich auf keiner Seite.

Drittens konnte der Liberalismus wirklich die Kräfte einer Nation entfesseln, ja sollte das auch, um so den größtmöglichen Nutzen für eine größtmögliche Zahl von Nutznießern zu stiften. Dann aber waren im Wettbewerb der Nationen bald auch Aufsteiger und Absteiger zu erwarten. War nun eine Aufsteigernation nicht irgendwie besser als eine zurückbleibende Nation? War dann begründeter Nationalstolz nicht notwendigerweise einer, der sich auf dem – wie es scheinen mochte: ganz objektiven – Bessersein der eigenen Nation gründete?

Durch die machtvoll werdende öffentliche Meinung befeuert und durch die schrittweise Durchsetzung des Demokratieprinzips in den entstandenen Nationalstaaten millionenfach vervielfältigt, kam es also zu drei höchst folgenreichen Wirkungen. Erstens machte die so wichtig werdende Rolle gerade der sprachlich gebundenen Kultur alle Minderheiten mit anderer Sprache zu sowohl fremd- als auch selbstdefinierten Außenseitern und bestenfalls zu Rivalen im eigenen Land. Zweitens schlug die nationalistische, in etlichen Ländern auch rassistische Abgrenzung zwischen „Wir” und „die anderen” tiefe Wunden gerade dort, wo zunächst einmal guter Wille war – und ließ jenen freie Bahn, die am liebsten in Freund/FeindKategorien dachten. Drittens verkettete die konkurrierende Selbsterhöhung der Nationen – gleich ob als Sieger oder als besonders leidendes Opfer – solche Bevölkerungen in wechselseitiger Missgunst, Abneigung und Demütigungssucht, die sich nunmehr als geschlossene Volks- und Schicksalsgemeinschaften verstanden. Zu den Folgen gehörten nach dem Ersten Weltkrieg Nationalstaatsbildungen, die aufgrund des historisch gewachsenen Durcheinanders mittel-, ost- und südosteuropäischer Siedlungsstrukturen die eigentlich zu mildernden Spannungen erst recht anheizten, sowie Grenzrevisionismus und Revanchismus. Und zu den Folgen gehören ebenfalls die schrecklichen Umsiedlungsaktionen, Fluchten und Vertreibungen im Verlauf und Nachgang des Zweiten Weltkriegs, desgleichen der zeitweise Ruin Deutschlands sowie die sowjetische Herrschaft über die Osthälfte Europas. Ferner gehörte zu den Folgen der Wunsch vieler Deutscher, fortan ohne die eigene unglücksstiftende, auch unglücksanziehende Nation auszukommen und möglichst kein anderes inneres Verhältnis zu ihr zu pflegen als eines der Sorge, der Wachsamkeit und der Abwehr umstandsloser Identifikation mit ihr.

VII.

Damit haben wir jene Diskurslage erreicht, an der hierzulande das Nachdenken über den Patriotismus bereits einzusetzen pflegt. Vestigia terrent steht dann über allem, oder – in Brechts Worten – „der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch”. Es gibt schon gute Gründe, mit der Frage nach einem sinnvollen Patriotismus gerade hier einzusetzen. Doch allzu leicht endet man dann mit der Vermutung, dass Patriotismus – da selbst schon auf der schiefen Bahn hin zum Nationalismus, Chauvinismus, Rassismus – sich gar nicht zähmen lasse, sondern es ganz einfach so sei, dass ein wirklich aufgeklärter Mensch eben keinen Patriotismus braucht. Weltbürger wäre er nämlich, dem Humanen schlechterdings verpflichtet, multikulturell offen für alles Gute, Wahre und Schöne, doch klug genug, diese Dinge nicht gerade in der eigenen Tradition zu suchen – und schon gar nicht in der deutschen.

Wer diesen Denkweg geht, gleicht allerdings einem Bergsteiger, der vom Hochgebirge, in dem er sich bewegt, nur den gerade unter Lebensgefahr verlassenen Gipfel im Sinn hat und bloß noch von ihm weg will.

Verstehen kann man diesen traumatisierten Wanderer schon. Man wird ihm aber nach einiger Zeit sagen sollen, dass jener schmale Horizont, den er nun für das Ganze nimmt, gewiss nicht ausreicht, um die Gestalt des durchwanderten Gebirges zu begreifen, und dass sein enger Blickwinkel ihm bestimmt nicht helfen wird, jene anderen Gefahren zu meiden, die im Gebirge auch noch drohen. Besser wäre es, zunächst einmal die geologische Struktur des ganzen Gebirges und dessen meteorologische Umstände zu begreifen und von alledem her klaren Blicks abzuschätzen, mit welcher Gefahr unter welchen Umständen zu rechnen ist. Tatsächlich sind Sozialwissenschaftler gleichsam die Geologen gesellschaftlicher und politischer Ordnungsgebilde und die Meteorologen politischer Klimazonen. Deshalb kommt es ihnen zu, nicht zunächst einmal die Abgründe um die schrecklichen Gipfel des Nationalismus herum zu schildern, sondern zuvor das ganze Gebirgsmassiv des Patriotismus vor Augen zu führen. Was aber lernen wir aus dessen Betrachtung?

VIII.

Erstens lernen wir aus wichtigen Einsichten des Aristoteles und aus den Befunden der Evolutionsforschung: Politische Stabilität und Integration haben ihr Fundament in der Pflege und im Fortbestand kleiner Strukturen, die man anschließend vernetzen kann. Es sind gerade nicht jene Weltbürger, die überall auf dem Globus agieren und nirgendwo Loyalitätsbindungen eingehen, auf die sich eine stabile politische Ordnung gründen lässt. Tatsächlich hat gerade die neue internationale Adelsklasse der weltweit agierenden Finanzmakler, Investmentbanker und Manager nicht nur der globalisierten Wirtschaft großen Schaden zugefügt, sondern noch viel größeren  so vielen Regionen, Städten, Dörfern und Familien. Weil wir im Deutschen für jene kleinen Strukturen, die unsere besondere Zuneigung und Fürsorge verdienen, die schöne Bezeichnung „Heimat” besitzen, können wir formulieren: Gerade mit schlicht empfundener und redlich praktizierter Heimatliebe fängt alle Stabilisierung sozialer und politischer Ordnung an. Zu bedenken ist dabei freilich, dass sich jede konkrete Heimat nicht endlos weit erstreckt und anderswo andere ihre Heimat haben. Also gibt es keinen guten Grund, die Liebe zur eigenen Heimat mit einer Verachtung der Heimaten anderer zu verbinden. Umgekehrt gibt es aber auch keinen guten Grund, sich wider eigene Wünsche die eigene Heimat von den Heimaten anderer her verändern zu lassen.

Zweitens lernen wir aus den Einsichten von Thomas Hobbes und anderen, dass sich stabile Ordnung weder auf aneinander vorbeilebende Individuen gründen kann noch auf die Selbstorganisationskräfte kleiner Gruppen, die ihre oft recht engen Heimaten bewohnen. Da es zu Konflikten auch zwischen kleinen Gruppen kommen wird, braucht es einfach einen überwölbenden Ordnungsrahmen, konkret: eine verlässlich über ein bestimmtes Gebiet und über die dort lebende Bevölkerung ausgeübte Staatsgewalt. Heimatliebe muss also stets in die bereitwillige Akzeptanz eines die eigene Heimat übergreifenden Ordnungsrahmens eingefügt sein. Alle Beispiele zerfallender Staaten zeigen denn auch, dass selbst der eigenen Heimat nicht gedient ist, wenn die überwölbende Ordnung zerbricht. Deshalb wäre es im Fall Deutschlands gewiss ein Irrweg, auf unser Staatsgebiet bezogenen Patriotismus durch landes- oder gar regionsbezogene Heimatliebe ersetzen zu wollen – oder gleich auf allein europäischen Patriotismus auszugehen. Die Europäische Union wird nämlich noch lange nicht das leisten können, was Nationalstaaten sehr wohl schaffen: Schutz nach außen, Sicherheit im Inneren, Wohlfahrt des Staatsvolkes – und das alles unter Bedingungen, die im Wesentlichen als gerecht empfunden werden.

Letzteres bringt uns zur Einsicht, dass ein Staatswesen sich die Akzeptanz seiner Bürger auch verdienen muss. Herrschaftsmacht alleine reicht nicht; hinzukommen muss Legitimität, also die Geltung von Herrschaft als rechtens. Nach heutigem Konsens kann in der westlichen Welt ein Staat nur dann legitim sein, wenn er Menschenrechte, Freiheit und Demokratie sichert sowie plausibel auf Gerechtigkeit hinwirkt. Es hängt somit ganz von der gelebten Verfassungsordnung ab, wie weit die Identifikation mit einem Land gehen kann. Thomas Mann etwa lebte ganz aus der von ihm tief durchdrungenen deutschen Kultur; doch nichts anderes als Gegnerschaft zum nationalsozialistischen Regime kam für ihn in Frage. Gewiss kennt jeder die Formel: Right or wrong – my country. Doch sie zeugt gerade nicht von einem aufgeklärten Patriotismus, sondern nur von einem völlig naiven Patriotismus. Der aber führt auf die schiefe Ebene.

Als deren Wasserwaage dienen zwei Kriterien. Erstens hat eine Verfassung heute Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit zu sichern. Deshalb kann eine akzeptable Verfassung nicht mehr rassistisch oder völkisch sein. Zweitens ist eine Verfassung für die Menschen da, sind aber nicht die Menschen für die Verfassung da. Also kann eine akzeptable Verfassung keine grundsätzlichen Barrieren gegen die Zuwanderung und Einbürgerung solcher Menschen aufrichten, die unter einer guten politischen und gesellschaftlichen Ordnung leben und in ihr Bürger werden wollen. Folglich meint aufgeklärter Patriotismus praktischen Einsatz für eine in allen diesen Hinsichten gute Verfassung: Einsatz dafür, dass sie entsteht – und Einsatz dafür, dass sie bleibt. Unglücklich sind die Zeiten, zu denen das am Herzen liegende Vaterland eine schlechte politische Ordnung hat und man an ihr nichts ändern kann. Bleiben mag dann nur die Liebe zum so schlecht und falsch regierten Land; doch unmöglich wird einem dann jenes politische Mittun, in dem sich zu glücklichen Zeiten der Patriotismus entfaltet. Je nach Temperament und den Umständen kümmert dann Patriotismus in innerer oder äußerer Emigration dahin – oder blüht, von vielen Zeitgenossen freilich unverstanden, gerade im Widerstand auf.

Drittens lernen wir aus dem zivilreligiösen Anliegen von Rousseau und der zivilreligiösen Praxis zumal der USA, dass es nicht reicht, die Ordnungsprinzipien und Geltungsansprüche eines Staates nur zu formulieren, sondern dass sie auch symbolisch zum Ausdruck gebracht, immer wieder über geeigneten Medien und Praxen in die emotionalen Tiefenschichten eines Staatsvolks eingebracht werden müssen. Vernunftrepublikanertum allein ist zu schwach, um eine bejahte Verfassungsordnung auch in Krisenzeiten zu sichern. Es braucht schon obendrein viele Herzensrepublikaner, also Bürger, welche die für eine res publica erforderlichen Tugenden selbst dann noch pflegen und verteidigen, wenn andere an ihrem Sinn zweifeln. Außerdem kann nur solches Staatsethos eine integrierende (also eine „inklusive”) Bürgernation schaffen und sie an die Stelle einer ausschließenden (d.h. „exklusiven”) Abstammungsnation setzen. Derlei republikanischer Gemeinsinn aber entsteht nicht von selbst, sondern bedarf der steten Pflege. Hüten muss man sich dabei gewiss vor allem, was zum Nationalismus, Chauvinismus oder Rassismus verführt. Doch das beste Gegenmittel zu Diskursen und Gefühlen, die in Schlechtes locken, sind nun einmal Diskurse und Gefühle, die sich in den Dienst einer guten Sache stellen – und die ist klar eine solche, die freiheitliches Staatsdenken mit nicht ausgrenzender, mit integrierender Heimatliebe verbindet. Also sollten wir die für solche Diskurse und Gefühle geeigneten politisch-kulturellen Formen und Foren schaffen bzw. pflegen.

IX.

Und was für einen Patriotismus brauchen wir dann konkret? Das lässt sich gut am besonders komplizierten deutschen Fall zeigen.

Erstens muss ein recht verstandener, unproblematischer und immer weiter zu kultivierender deutscher Patriotismus ein auf unsere freiheitliche demokratische Grundordnung bezogener Verfassungspatriotismus sein: eine offen bekundete und allem politischen Handeln zugrunde gelegte Zuneigung zu jener politischen Ordnungsform, die Deutschland unter allen Staatsformen, mit denen es unser Land je versucht hat, nun wirklich am besten bekommen ist. Verfassungspatriotismus ist also kein „linkes Gegengift” zu einem gleichsam rechten nationalen Patriotismus; er ist vielmehr des Letzteren wesentlicher Mitbestandteil.

Zweitens äußert sich deutscher Patriotismus im politischen Handeln und Sprechen aus einem Gesamtverständnis der deutschen Geschichte und Kultur heraus. Es wird fruchtbar sein, unser Geschichtsdenken – seinerseits unmittelbarer Kontext deutscher Zivilreligion – aus der Fixierung auf den Nationalsozialismus zu lösen. Deutschlands Geschichte und deren Lehren umfassen nämlich weit mehr als die zwölf Jahre des deutschen Faschismus. Sie umfassen ebenfalls mehr als die 40 Jahre der SED-Diktatur. Also ist es Zeit, wieder das Ganze in den Blick zu nehmen: das sächsisch-salisch-staufische Deutschland ebenso wie das auf eine friedliche Streitbeilegung ausgerichtete System des nachwestfälischen Reiches, den Kosmopolitismus der deutschen Klassik nicht minder als die Leistungskraft deutscher Wissenschaft und Technik. Und natürlich dürfen Deutsche auf das alles ebenso stolz sein wie die Nachkommen tüchtiger Eltern und Großeltern auf deren Lebensleistung. Wer es hingegen ausschlägt, sich mit freudigem Respekt in solche Traditionen zu stellen, um aus ihnen Ansporn und Maßstäbe für eigenes Handeln zu gewinnen, der wirkt so sonderbar wie ein Kind aus gutem Hause, das keine Gelegenheit auslässt, sich von seinen Eltern zu distanzieren und für wenig schätzenswert zu erklären, was diesen einst wichtig war.

Drittens gehört zum Patriotismus der Deutschen die Verbundenheit mit ihrer jeweiligen Heimatregion, die innere Bindung an deren Mundart, Landschaft und Bräuche. Unter den Zuwanderern wird das auf lange Zeit die innere Bindung an ihre Herkunftsländer einschließen. Vor allem in solcher Heimatliebe, die unter Zuwanderern hoffentlich mehr und mehr auch die neue Heimat einschließt, wurzelt jener alltagspraktische Patriotismus der einfachen Leute, denen der intellektuelle Zugang zum Patriotismus über Verfassungsprinzipien oder über Lehren aus der Geschichte fremd und gesucht erscheint. Diesen regionalen Patriotismus sollte man sich aber nie von dem Patriotismus abkoppeln lassen, der auf das ganze Land bezogen ist. Ohnehin werden Zuwanderer ja nicht zunächst einmal Rheinländer oder Sachsen, sondern eben Deutsche – mit meist starkem Heimatgefühl für jenen Teil der Welt, aus dem sie oder ihre Eltern kommen. So komplexe Gefühlslagen verlangen dann aber eine besonders klare Vorstellung von dem, was es über den Besitz eines deutschen Passes hinaus bedeuten mag, ein Deutscher zu sein: Zugehörigkeit zu einer auch in kulturellen Gemeinsamkeiten lebenden Bevölkerung – oder nur Teilhabe am gemeinsamen Siedlungsrecht von einander fremd bleibenden ethnischen Gruppen auf einem gemeinsamen Staatsgebiet.

Viertens gehört zum deutschen Patriotismus eine nicht nur tatkräftig ins Werk gesetzte, sondern auch immer wieder in ganz selbstverständlicher und einladender Weise bekundete Zuneigung zum eigenen Land und zu dessen Leuten, zu Deutschlands Kultur und zu den Geltungsansprüchen dieses Landes als einer freiheitlichen, demokratischen und friedliebenden Nation. Dem Zusammenhalt unserer Gesellschaft wäre in der Tat viel geholfen, würde Vaterlandsliebe dieser Art nicht nur empfunden, sondern auch immer wieder zum Ausdruck gebracht – nämlich in den Symbolen unseres Landes. Und diese kann man ja auch voller Stolz verwenden. Die Fahne, schwarz-rot-gold, steht für jene freiheitlichen Traditionen, um welche – mit heute sichtbarem Erfolg – in den Revolutionen von 1848, 1918 und 1989 gekämpft wurde. Der Adler steht für das ins Mittelalter zurückreichende, gar an die römische Geschichte anknüpfende große Reich. Und die Hymne gibt an, worin eigentlich jedes Land seine Erfüllung finden kann: Einigkeit und Recht und Freiheit als des Glückes Unterpfand – verbunden mit der Aufforderung, auch Eigenes beizutragen, damit dieses alte Land weiterblühen kann im Glanz des endlich gefundenen Glücks von Einigkeit und Recht und Freiheit.

Natürlich wird deutscher Patriotismus nie wieder so flach sein dürfen, wie er früher einmal war, oder wie der Patriotismus in anderen, selbst unzweifelhaft freiheitlichen Staaten heute noch zu sein pflegt. Er muss vielschichtig sein und Dinge umschließen, die sich nicht von allein zusammenfügen. Das verlangt den einen im von ihnen aufrichtig empfundenen Patriotismus die Füllung intellektueller Leerstellen ab, während es bei anderen überhaupt erst wieder so etwas wie die Ahnung möglicher Liebe zum eigenen Land zu erwecken gilt. Doch glücklicherweise hat, wie etliche Beispiele zeigen könnten, die Rückgewinnung deutscher Zuneigung zum eigenen Land bereits begonnen. Die Härte so vieler Deutscher gegen die eigene Nation beginnt sich zu mildern, vielleicht auch die Selbstgerechtigkeit und Fühllosigkeit der Nachgeborenen. Selbst Trauer über die Wunden des eigene Landes und Volks kann man allmählich zeigen, ohne gleich den Vorwurf zu ernten, man wolle die Geschichte revidieren oder das Leid derer relativieren, die deutschen Verbrechen zum Opfer fielen. Und Stolz auf Deutschlands Glanzzeiten kann man inzwischen äußern, ohne in den Verruf des Nationalismus zu geraten.

Das alles sind gute Zeichen einer guten Entwicklung – nämlicher einer, die aufgeklärten Patriotismus praktiziert. Den gibt es gewiss noch nicht überall in der Welt. Wünschen wir uns deshalb, dass auch andere Nationen – und möglichst ohne Deutschlands schlimme Erfahrungen – zu einem solchen aufgeklärten Patriotismus finden. Und helfen wir dabei, indem wir beim Reden über unsere Erfahrungen nicht jenes Ganze vergessen, um das es beim Patriotismus doch geht: nicht um Gefühligkeit, sondern um die nachhaltige Stabilisierung einer möglichst guten politischen Ordnung – und das nicht in einem einzigen Land allein, sondern eines Tages in allen Staaten unserer Erde.

Warum ich nicht gegangen bin

Konrad Weiß

Als im August 1961 die Mauer gebaut wurde, war ich neunzehn. Meine Lehrzeit als Elektromonteur ging zu Ende, und ich wohnte noch bei meiner Mutter in Genthin. In ein paar Wochen würde ich nach Görlitz ans Katechetenseminar gehen und dort einen Halbjahreskurs für katholische Laien belegen. An jenen Sonntag, an dem in Berlin die Mauer gebaut wurde, habe ich nur eine sehr ungenaue Erinnerung. Ich war wohl in einem Nachbarort zur Hochzeit eines Freundes. Das Hochzeitsfoto, das aber nicht datiert ist, zeigt mich mit einem gewaltigen Pflaster am Kinn. Ich war am Tag zuvor auf dem Heimweg vom Polterabend mit dem Fahrrad gestürzt. Wie ich vom Mauerbau erfahren habe? Ich weiß es nicht mehr. Hatte es sich auf der Hochzeit herumgesprochen? Oder hatte es uns jemand auf dem Rückweg zugerufen? Es scheint mich nicht wirklich beunruhigt zu haben, Berlin war weit, und was es wirklich bedeutet, hatte ich wohl zunächst nicht begriffen. Fernsehen hatten wir nicht, und die Bilder, die damals um die Welt gingen und sich ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingruben, sah ich erst viel später.

Ein oder zwei Jahre darauf hätte ich die Möglichkeit gehabt, in den Westen zu gehen. Mein Bruder Reinhard, der damals Geschäftsführer der CDU in Lippstadt war, hatte einen Weg gefunden. Er selbst hatte 1949 aus der DDR fliehen müssen. Damals, vor den 1. Volkskammerwahlen, hatte er in Genthin zusammen mit anderen Jugendlichen eine Ortsgruppe der Jungen Union gegründet. Die SED ließ die jungen Leute verhaften, einige sind verurteilt worden und nach Sibirien in den Gulag gekommen. Mein Bruder und ein Freund waren gewarnt worden und konnten bei Nacht über die Felder bis zur nächsten Bahnstation und von dort nach Westberlin flüchten. Bis heute erinnere ich mich an diesen überstürzten nächtlichen Abschied von meinem großen Bruder. Erst drei Jahre später haben wir uns beim Katholikentag in Westberlin wiedergesehen. Und dann noch einmal 1954 , als meine Mutter und ich zum Verwandtenbesuch in den Westen reisen durften. Er gab mir in den Tagen, als ich bei ihm in Düsseldorf war, ein Buch zu lesen, das ihm sehr wichtig war und seinen Weg mitbestimmt hatte, den Roman „Menschenfischer” von Maxence van der Meersch. Mein Bruder hat am Katholisch-Sozialen Institut in Bad Honnef studiert, das der katholischen Soziallehre verpflichtet war und ist, und war anschließend jahrzehntelang hauptamtlicher Mitarbeiter der CDU.

Und nun hatte er einen Freund aus dem Katholisch-Sozialen Institut zu mir geschickt, der mir sagte, dass mein Bruder für mich einen sicheren Fluchtweg gefunden hätte. Das konnte er mir natürlich nicht im Brief schreiben oder am Telefon sagen. Für seinen Freund war es ein erhebliches Risiko, mit einem solchen Angebot in die DDR zu reisen. Aber ich lehnte das Angebot ab. Ich wollte in der DDR bleiben. Ich wollte bleiben, um das Feld nicht ganz den anderen zu überlassen. Ich wollte bleiben, um als junger Christ im atheistischen Arbeiter- und Bauernstaat zu leben. Ich frage mich heute natürlich, war das wirklich mein Motiv? Oder hatte ich vielleicht nur Angst vor der Flucht oder Angst vor Veränderung? Wollte ich bei meiner Mutter bleiben, die nicht gegangen ist, solange es in Genthin das Grab meines Vaters gab? Fast alle Verwandten waren in den 1950er Jahren in den Westen geflohen. Nur zwei alte Tanten, meine Mutter und ich waren in Genthin geblieben.

Bei meiner Entscheidung hat mich ganz sicher das Buch „Menschenfischer” beeinflusst, der Roman über die Christliche Arbeiterjugend, die CAJ. Zu deren Grundsätzen gehört es, als Christ bewusst zu den Menschen zu gehen, dort zu sein, wo sie leben und arbeiten, auch in einer atheistisch gewordenen Arbeitswelt. Ich gehörte Anfang der 1960er Jahre zu einer illegalen CAJ-Gruppe in der DDR, die Pfarrer Georg Kirch aus Ziesar um sich geschart hatte. Einmal im Jahr trafen wir uns unter dem Tarnnamen „Laues Wasser” zu einem Zeltlager der CAJ auf einer abgelegenen Waldlichtung bei Lehnin. Ein uns wohl gesonnener Förster hatte den Platz zur Verfügung gestellt. Auf dieser Waldlichtung versuchten wir, das Evangelium als Lebendiges Evangelium zu erfahren, wie es überall in der Christlichen Arbeiterjugend praktiziert wurde, und wir wurden in Vorträgen und Gesprächen in die Grundlagen der katholischen Soziallehre eingeführt. Zwei Jahre lang ging das gut, im dritten dann – 1963 – hat der Staatssicherheitsdienst uns aufgespürt und des Platzes verwiesen. Wir haben eine andere Stelle gesucht und dort weitergemacht.

Ich habe meine Entscheidung, in der DDR zu bleiben, in all den Jahren kaum einmal bereut. Natürlich gab es immer wieder Momente und Zeiten, wo das Leben in der DDR angesichts der Repressionen, der Stagnation, der Dummheit schwer auszuhalten war. Wo ich mich fragte: „Warum tust du dir das an?” Aber ich hatte ja eine Familie, die mich trug und mir Kraft gab. Ich hatte einen Beruf, der mich erfüllte und mir oft Freiheiten gab, die andere in der DDR nicht hatten. Ich hatte Freunde, auf die ich mich verlassen konnte und die mich ermutigten, meinen Weg zu gehen. Ich hatte schon einmal, 1945 als kleines Kind, meine Heimat verloren. Das Leid meiner Mutter hatte mich verstehen lassen, wie schmerzlich ein Heimatverlust ist. Ich wusste, von der Heimat lässt man nicht leichtfertig.

Die meisten wirklich schmerzlichen Konflikte gab es bei der Erziehung der Kinder und bei der Arbeit, wenn ich einen Film nicht machen oder nicht so machen konnte, wie ich es wollte. Dennoch, innerlich war ich ziemlich frei, auch dann, wenn ich als Nichtgenosse diskriminiert oder in der Arbeit behindert wurde. Das ist mit dem Wort Zensur nur sehr ungenau beschrieben. Den Zensor mit Ärmelschonern und Schere gab es in der DDR nicht. Aber es gab, und das war weitaus schlimmer, ein gesellschaftliches System der Zensur, das man kaum umgehen konnte, wollte man öffentlich werden. Als wirklich hilfreich habe ich da oft die Solidarität meiner Kollegen erfahren, insbesondere der aus meinem engeren Stab. Wenn wir das Studio in der Berliner Nuschkestraße hinter uns gelassen hatten und auf dem Weg zum Drehort waren, waren wir sowieso frei. Oder fühlten uns jedenfalls so.

Der Dokumentarfilm in der DDR war – wie konnte es in einem totalitären Staat anders sein – obrigkeitserlaubter Film, wie mein Kollege Günter Jordan das treffend genannt hat. Das gilt für alle Medien in der DDR. Sie waren auch dort, wo sie gegen den Strich gingen, konforme Medien. Das war mir von Anfang an klar, wenn auch vielleicht nicht mit allen Konsequenzen für den Berufsalltag. Ich konnte zwar längst nicht alle Filme machen, die ich gern gemacht hätte. Aber ich habe keinen Film gemacht, den ich nicht machen wollte.

Auf jeden Fall – das war mir aber immer bewusst – hatte ich bei der DEFA einen sehr privilegierten Arbeitsplatz. Wir sind viel in der DDR und zuweilen auch im Ausland herumgekommen und haben zahlreiche Menschen aus sehr unterschiedlichen Lebensbereichen kennengelernt. Diese Begegnungen waren oft sehr intensiv. So haben wir viel von der realsozialistischen Realität mitbekommen, was allerdings die Distanz zur DDR auch immer größer werden ließ. Der Konflikt, nicht das im Film zeigen zu können, was wir eigentlich hätten zeigen müssen, wurde immer brennender. Manche meiner Kollegen haben das nicht ausgehalten; einige sind in den Westen gegangen, andere haben aufgehört Filme zu machen, wieder andere sind zu Alkoholikern geworden oder zu Zynikern, die am Ende alles gemacht haben, was von ihnen verlangt wurde.

Ich habe mir einen anderen Weg gesucht. Ich habe Mitte der 1970er Jahre begonnen, immer mehr als Autor zu arbeiten. Da aber natürlich in den Zeitungen und Zeitschriften der DDR davon kaum etwas erscheinen konnte – mit Ausnahme der immer mutiger werdenden evangelischen Wochenzeitung „Die Kirche” – habe ich zunehmend auch im Westen, in Polen und im Samisdat der DDR publiziert. Die Konflikte, die ich deswegen hatte, beschränkten sich zunächst nur auf arbeitsrechtliche Aspekte. Ich war als Regisseur bei der DEFA festangestellt und hätte alles, was ich veröffentliche, der Studioleitung zur Genehmigung vorlegen sollen. Das habe ich natürlich nie getan, trotz aller angedrohten Konsequenzen. So hatte ich mir einen wirklichen Freiraum geschaffen, der mir half, in der DDR zu überleben. Durch meine Veröffentlichungen bin ich dann letztlich auch zur Opposition gekommen.

Wenn heute von dieser fernen, dieser untergegangenen DDR gesprochen wird, geht manches durcheinander. Das Erinnern hat immer eine persönliche und eine politische Dimension. Wenn man das nicht beachtet und sorgsam trennt, tut man uns, den Ostdeutschen, schnell unrecht. Bindungen an das kulturelle und soziale Umfeld, in dem man aufgewachsen ist und gelebt hat, sind doch etwas Natürliches und Schönes. Das ist gelebtes Leben, ist Teil der eigenen Biographie. Die kann einem niemand streitig machen oder entwerten, wie das oft unterstellt wird. Jeder hat allein die Hoheit über seine Erinnerung.

1977  habe ich in der mongolischen Steppe einen Film gedreht. Geologen und Bergleute aus der DDR und der Mongolei suchten dort gemeinsam nach Bodenschätzen. Einige hatten ihre Familien mit in das Expeditionslager genommen. Von den deutschen und mongolischen Kindern in Salchit, dem fernen Tal des Windes, erzählte mein Film.

Dort in der Steppe habe ich die wohl denkwürdigste Vorführung meiner Filmlaufbahn erlebt. Ich hatte, um mein Team vorzustellen, einen unserer Filme mitgebracht. Die Vorführbedingungen waren abenteuerlich: Der uralte Bildwerfer musste erst instand gesetzt werden, als Projektionsfläche diente eine Schranktür. Der Zufall fügte es, dass unser Film im Heimatort eines der Männer spielte, die dort arbeiteten, in einem Dorf in der Altmark. Da hockte nun dieser gestandene, raubeinige Bergmann, den es schon um die halbe Welt getrieben hatte, vor dem flimmernden Schrank und schluchzte wie ein Kind. Ich weiß nicht mehr, wie oft wir ihm die Bilder von der Dorfstraße daheim, dem Kirchturm, den Feldern vorspielen mussten.

Aber das war natürlich keine Sympathiebekundung für die DDR, für den SED-Staat, den Sozialismus. Das Wir-Gefühl, das die ehemalige Staatspartei den Ostdeutschen noch immer einzureden versucht, gab es in der DDR in Wahrheit nie. Die Mehrheit der Ostdeutschen hatte und hat mit den Genossen nichts im Sinn. Den Bergmann in der mongolischen Steppe hat es doch nicht vor Sehnsucht nach der Partei geschüttelt! Seine Tränen waren eine sympathische, menschliche Regung, das war Heimatliebe und Heimweh. Aber Heimweh nach dem, was Heimat ausmacht: Menschen, Landschaften, Häuser, ein Geruch, ein Licht – nicht ein Staat und erst recht nicht eine Partei. Ich bin mir sicher: Wer so wie er sein Land liebte, hat weder der SED noch der DDR eine Träne nachgeweint.

Zum Leben in der DDR gehörte das Misstrauen und gehörte die Angst. Diese Gesellschaft hätte nicht ohne die tiefe Zerstörung von Menschlichkeit funktioniert. Diese Gesellschaft war krank. Und natürlich waren wir alle, die in der DDR lebten, betroffen. Es war eine unglaublich mühevolle und schmerzhafte Arbeit, diesen Grunddefekt der DDR-Gesellschaft zu erkennen und sich der eigenen Verstrickung bewusst zu werden. Auch bei mir hat es das halbe Leben gedauert, obgleich ich den Vorteil hatte, in kritischer Distanz zum Marxismus aufgewachsen zu sein und darin immer wieder bestärkt zu werden.

Wenn es dennoch Menschlichkeit und Wärme in diesem Land gegeben hat, dann nicht dank des Staates oder der alleinherrschenden Partei, sondern trotz ihrer. Die Nischen, die ein romantischer Beobachter entdecken mochte, waren in Wahrheit Rettungsinseln, waren verzweifelter Widerspruch, waren Widerstand. Die Wärme, die manche Expeditionsreisende aus dem Westen spürten, war unser Selbstschutz und unsere Selbsterhaltung. Aber sie war nicht das Wesen dieses Staates. Der Staat, diese sogenannte sozialistische Menschengemeinschaft, war in Wahrheit menschenverachtend, brutal und eiskalt.

Natürlich bin auch ich von dieser DDR geprägt. Ich glaube nicht, dass man ein ganzes Leben in der Distanz, im Widerspruch leben kann. Kaum jemand erträgt es, lebenslänglich zu leiden. Ich jedenfalls konnte es nicht. Auch für mich war die DDR, das kleinere Deutschland, wie ich es zuweilen nannte, mein Land. Mein Land, das ich zwar verändern, aber nie verlassen wollte, trotz all seiner Schäbigkeit nicht. Wie hätte ich auch leben sollen, wenn ich mir eingestanden hätte, hoffnungslos gefangen zu sein, entmündigt und unfrei, abhängig und gehorsam gemacht? Auch ich war angepasst und verstrickt, keine Frage. Doch das durfte ich mir, um des Überlebens willen, nur für Augenblicke eingestehen. Aber diese kostbaren, schmerzvollen Augenblicke haben mir geholfen, angstfrei zu werden. Angstfrei? Nein, das wohl nicht. Aber so frei immerhin, dass ich nicht mehr von der Angst beherrscht war und Mut hatte zum Denken und Handeln.

Die Verwurzelung in dieser kalten, engen, schäbigen DDR ist viel tiefer, als ich zeit ihres Bestehens geglaubt hätte. Dass die Wiedervereinigung auch Heimatverlust bedeuten, dass sie auch schmerzhaft sein würde, ahnte ich früh. Die DDR war nun einmal der Ort, wo ich gelebt habe, wo ich geliebt habe, wo ich glücklich war. Wo ich in einem langen und mühsamen Prozess gelernt habe, Widerspruch zu wagen. Wo ich tauglich geworden bin für ein selbstbestimmtes, aktives Leben in Freiheit und Demokratie. Aber das habe ich zuallerletzt der DDR oder gar der SED zu verdanken.

Ich habe jedoch auch nicht die Bitternis vergessen, all die Demütigungen, das Gefangensein. Ich weiß, wie viele Menschen an dieser DDR verzweifelt, irre geworden, zugrunde gegangen sind. Und wie viele deformiert, unmündig gemacht worden sind für immer. Ich habe das Glück gehabt, frühzeitig ein wenig distanzierter, ein wenig wacher zu sein als die meisten.

Als ich Ende der 1970er Jahre zum ersten Mal in den Westen fahren durfte, ertappte ich mich beim Überfahren der Grenze, irgendwo in der S-Bahn zwischen Friedrichstraße und Bahnhof Zoo, bei einem Gefühl der Dankbarkeit. Zugleich durchfuhr es mich wie ein Blitz: Dankbar sein für das, was doch dein selbstverständliches Recht, ein verbrieftes Menschenrecht ist? Das hat mich wachsam gemacht.

Kaum jemand hat mich bei den seltenen Besuchen im Westen verstanden, wenn ich sagte, ich gehe zurück. Wie nur kann man freiwillig in das Gefängnis zurückkehren, dem man zugleich doch entfliehen möchte? Es gab immer die Minuten bei der Rückkehr, zwischen Bahnhof Zoo und Friedrichstraße, in denen sich die Frage übermächtig, ja elementar stellte: Fahre ich weiter oder steige ich aus, bleibe im Westen. Für mich gab es niemals eine Alternative für das Land hinter der Mauer, für die Heimat, die Familie, den Beruf, den kleinen Frieden. War es wirklich eine Rückkehr ins Gefängnis? Ja, vielleicht für ein paar Augenblicke, wenn die Mauer draußen vor dem Zugfenster näher kam, vorbeizog, hinter mir lag; wenn die Grenzer unfreundlich und neidisch den Pass beäugten; wenn der Zoll die mitgebrachten Zeitungen und Bücher beschlagnahmte. Aber schon das Grau der Straßenzüge war wieder Heimat.

Haben so auch all jene gefühlt und gedacht, die über die Jahre hin das Land verlassen haben? Die Zehntausende, die im Sommer ’89 die erstbeste Gelegenheit, die sich bot, zur Flucht nutzten? Und hatten die Schriftsteller, Schauspieler, Musiker, Philosophen, die Dissidenten und die Hinterzimmerrevolutionäre, die in all den Jahren das Land verlassen haben, tatsächlich ihren Glauben an die Veränderbarkeit der Welt verloren? Oder hatten sie es einfach nur satt, bevormundet und beobachtet zu leben, sind gegangen, um frei zu sein? Sie alle haben uns gefehlt. Niemandem, der ein anderes Leben gewählt hat, ist ein Vorwurf zu machen. Ich weiß, wie verzweifelt, verstümmelt, verstört viele waren, wenn sie den Ausreiseantrag stellten oder die Flucht wagten. Ich kenne ihr langsames Verstummen, ihr Verlöschen, ich habe ihre leeren Blätter und Leinwände gesehen. Da war so viel Schmerz. Da war so viel Trauer. Aber das hätte sich keiner von ihnen eingestanden.

Diese Ausbürgerungen und Vertreibungen gehörten ebenso zum System wie das Gewähren von Reiseprivilegien für Künstler und prominente Dissidenten. So sollte das Land steril und blutleer gemacht werden. Sobald einer aus der Reihe tanzte, wurde er durch Verführung gefügig gemacht oder gewaltsam ausgeschlossen. Auf diese Weise konnte die Opposition in der DDR nur mühsam erstarken. Über Jahre hin blieben die kritischen Geister vereinsamt und zerstreut.

Die Frage „Gehen oder bleiben?” stellte sich manchmal übermächtig. Die gewählte Antwort hat Familien und Freunde entzweit. Nicht wenige aus der Opposition verurteilten jene, die gehen wollten und die die einzige Alternative für sich in der Ausreise sahen. Ich habe in den 1980er Jahren an einem Text über die Jüdische Presse im „Dritten Reich” gearbeitet und monatelang die Zeitungen gelesen, die damals erschienen waren. Zu den großen Überraschungen gehörte für mich, dass es diese Diskussion – gehen oder bleiben – auch damals gegeben hatte, und dass sie ebenso leidenschaftlich und kontrovers geführt wurde wie 50 Jahre später in der DDR. Zwei Jahre lang, bis zu den Nürnberger Gesetzen, war dies das alles beherrschende Thema: die Auswanderung oder der Versuch, in Deutschland weiterzuleben. Aber gerade die zionistischen Blätter, die regelmäßig aus Palästina berichteten, wussten auch um die Schwierigkeiten, im Exil heimisch zu werden, und kannten das herbe Emigrantenschicksal nur zu gut. Sie schrieben durchaus realistisch darüber, was Deutsche bei der Einwanderung in Palästina zu erwarten hätten, und warnten vor einem Massen-Exodus. Und natürlich waren auch die meisten Zionisten viel zu innig mit ihrer deutschen Heimat verbunden, um leichten Herzens, gar Hals über Kopf ins Ausland zu gehen. Andere sahen allein in Deutschland den geschichtlichen Raum und die Zukunft der deutschen Juden. Auswanderung könne immer nur der Ausweg für wenige sein. In all dem war der naive Glaube, die verzweifelte Hoffnung zu spüren, dass der braune Spuk nicht von Dauer sein und es schlimmer nicht mehr kommen könne. Dem aber bereiteten die Nürnberger Gesetze ein jähes Ende. Von nun an wurde einhellig die Auswanderung als einzige Alternative gesehen.

Mich hat diese Debatte, bei der es – wie wir heute wissen – buchstäblich ums Leben und Überleben ging, damals sehr nachdenklich gemacht. Wenn ein solcher Disput nach 50 Jahren erneut geführt werden muss, wenngleich unter völlig anderen Bedingungen, musste es doch ähnliche Elemente und Strukturen der Herrschaft geben. Natürlich waren Grad, Art und Ausmaß der Bedrohung andere. Aber für den Einzelnen, der in seiner Existenz, seiner Persönlichkeit, seiner Gesundheit, seiner Lebensfähigkeit bedroht war, konnte es in der DDR genauso ums nackte Leben gehen wie 50  Jahre zuvor.

Nach dem Krieg war damals die Debatte noch einmal in aller Heftigkeit geführt worden, und zwar zwischen denen, die in Deutschland geblieben und denen, die ins Exil gegangen waren. Gegenseitig warf man sich vor, den falschen, den bequemen Weg gegangen zu sein. So schrieb Thomas Mann im September 1945 in einem berühmten Brief an Walter von Molo: „Es mag Aberglaube sein, aber in meinen Augen sind Bücher, die von 1933 bis 1945 in Deutschland überhaupt gedruckt werden konnten, weniger als wertlos und nicht gut in die Hand zu nehmen. Ein Geruch von Blut und Schande haftet ihnen an; sie sollten alle eingestampft werden.”Für andere hingegen war auch die Innere Emigration eine legitime Form des Widerstandes. Der Theologe Paul Tillich hatte schon 1935 im Exil geurteilt, dass die innere Emigration entweder den unterirdischen Kampf für ein anderes Deutschland führe, oder suche, die zerstörten Traditionen humanistischen und sozialistischen Charakters aufrecht zu erhalten und rein geistig weiter zu entwickeln, ohne mit dem System zu paktieren. Es sei nötig, so Tillich, dass die innere und die äußere Emigration in ernsthafter Verbindung blieben.

Mich hat damals vor allem ein Wort von Carl von Ossietzky in meiner Haltung bestärkt. Ich wollte Mitte der 1980er Jahre einen Film über von Ossietzky und seine „Weltbühne” drehen, bin damit aber gescheitert. Im Mai 1932 hatte von Ossietzky eine mehrmonatige Gefängnisstrafe antreten müssen, weil er in der Zeitschrift „Weltbühne” die illegale Aufrüstung der Reichswehr aufgedeckt hatte und wegen Landesverrats und Verrats militärischer Geheimnisse verurteilt worden war. Die erzwungene Zäsur nutzte er, um sich und seinen Lesern Rechenschaft über sein Denken und Handeln zu geben. Die Frage, warum er nicht ins Ausland geflohen sei, beantwortete er so: „Der Oppositionelle, der über die Grenze gegangen ist, spricht bald hohl ins Land herein. Der ausschließlich politische Publizist namentlich kann auf die Dauer nicht den Zusammenhang mit dem Ganzen entbehren, gegen das er kämpft, für das er kämpft, ohne in Exaltationen und Schiefheiten zu verfallen. Wenn man den verseuchten Geist eines Landes wirkungsvoll bekämpfen will, muß man dessen allgemeines Schicksal teilen.”

Ich weiß nicht, wie es anderen gegangen ist, aber mir hat die Beschäftigung mit den historischen Debatten über das Gehen oder Bleiben sehr geholfen, eine eigene Position zu finden. Wenn ich es richtig sehe, sind seit Ende der 1970er Jahre in der DDR eine Reihe Arbeiten über Exil und Exilliteratur erschienen. Auch die seinerzeit im Ausland gedruckten Werke wurden nun nach und nach neu verlegt. Während man in den 1960er Jahren in den Antiquariaten hin und wieder noch einen der Exildrucke finden konnte, waren sie in den 1980er Jahren zur absoluten Rarität geworden. Vielleicht zeugt ja auch das davon, dass das Gehen oder Bleiben wieder zum aktuellen Thema geworden war.

Zeitgleich zu diesem Vortrag habe ich an einem Text über die Asylrechtsänderung vor 20 Jahren gearbeitet. Damals, am 26. Mai 1993, war der Grundsatz des Grundgesetzes „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht” bis zur Unkenntlichkeit beschnitten und verwässert worden. Weil ich selbst einmal Flüchtling gewesen bin, habe ich mich damals vehement gegen die Änderung eingesetzt. Mir war auch bewusst, wie kalt und herzlos die Asylund Flüchtlingspolitik der SED gewesen ist. Nur wenigen tausend Asylsuchenden hat die DDR in den 40 Jahren ihres Bestehens Asyl und Bleiberecht gewährt, und dann nur aus ideologischen Gründen. Auch deswegen hatte die Bürgerbewegung der DDR 1990 im Verfassungsentwurf des Runden Tisches den Grundsatz des Grundgesetzes „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht” wörtlich übernommen und so ein Zeichen gesetzt für eine humanere Flüchtlingspolitik.

Die Mütter und Väter des Grundgesetzes hatten sich für diese klare Aussage entschieden, weil viele von ihnen, weil ihre Generation die bitteren Erfahrungen von Verfolgung und Flucht, von Emigration und Exil hatten machen müssen. Sie haben das Asylrecht aus der Sicht des Individuums, nicht des Staates formuliert. Diese neue Sicht, dieser großartige Fortschritt im europäischen Rechtssystem, war erlitten und erstritten worden von denen, die als Flüchtlinge Rettung gesucht hatten vor deutschem Egoismus und Nationalismus. Ich habe es als Verrat an ihnen empfunden, als im Deutschen Bundestag eine Mehrheit aus CDU, CSU, FDP und SPD dieses Grundrecht de facto abgeschafft hat.

Gehen oder bleiben, das ist für zahllose Menschen immer noch ein aktuelles Thema, auch heute noch, zwar kaum in Deutschland, aber doch an vielen Orten der Welt, an denen die politischen oder sozialen Verhältnisse Menschen zwingen, ihre Heimat zu verlassen. Ob wir es wollen oder nicht, ob sie uns willkommen sind oder nicht, auch künftig werden Menschen bei uns Zuflucht vor Verfolgung und Krieg, Hunger und Elend suchen. Unser Bestreben sollte es sein, möglichst vielen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, zugleich aber die Fluchtursachen entschieden zu bekämpfen. Ich glaube nicht, dass wir und unser reiches Land heute alles uns mögliche tun, um Flüchtlingen und Heimatlosen zu helfen.

Sozialistische Heimat? Der sozialistische Heimatbegriff und seine gesellschaftliche Aneignung

Thomas Schaarschmidt

„Unsre Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer, unsre Heimat sind auch all die Bäume im Wald. Unsre Heimat ist das Gras auf der Wiese, das Korn auf dem Feld und die Vögel in der Luft und die Tiere der Erde und die Fische im Fluß sind die Heimat.

Und wir lieben die Heimat, die schöne, und wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört, weil sie unserem Volke gehört.”

Das Lied der Thälmann-Pioniere begleitete mehrere Generationen von Kindern, die in der DDR aufwuchsen. Es entstand 1951 und drückt in kindlich-naiver Weise ein Heimatverständnis aus, das für die DDR charakteristisch war. Die Formulierung „Wir schützen die Heimat, weil sie unserem Volke gehört”, war nicht zufällig gewählt, sondern entsprach einem spezifischen sozialistischen Heimatbegriff, der in den 1950er Jahren formuliert wurde. Vorbild des sozialistischen Heimatbegriffs in der DDR waren wie so oft Stalin und die Sowjetunion als „Heimat der Werktätigen”. So hieß es im ersten Satz der 1946 für die deutschen Leser übersetzten Werke Lenins: „Die Lehre von Marx, Engels, Lenin, Stalin ist eine mächtige Waffe des Sowjetvolkes im Kampf für die Ehre, Freiheit und Unabhängigkeit unserer sozialistischen Heimat, im Kampf für den Aufbau der kommunistischen Gesellschaft in unserem Lande.”

Erst ganz am Ende eines anderen schwergewichtigen Werkes, das mit der Universität Leipzig aufs Engste verbunden ist, stand wiederum der Begriff „Heimat”. Im dritten Band des „Prinzips Hoffnung”, der zu einem Zeitpunkt erschien, als Ernst Bloch schon auf Drängen der SED-Führung emeritiert worden war, schrieb der Philosoph: „Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.”

Heimat nicht als Herkunft, sondern als Zukunft des die Entfremdung überwindenden Menschen, das war eine Vorstellung, die auch die Idee der „sozialistischen Heimat” bestimmte – aber nicht als utopische Projektion wie bei Ernst Bloch, sondern als idealisierte Beschreibung der von den Zwängen des Kapitalismus befreiten Menschen im realen Sozialismus der DDR. Die Ausprägung dieses sozialistischen Verständnisses von Heimat ist nur zu verstehen, wenn man sich die Interaktion zwischen kulturpolitischen Idealen und gesellschaftlichem Handeln vergegenwärtigt.

Heimat war keine Erfindung der SED, sondern hatte eine lange Tradition, auf die die DDR-Kulturpolitiker Bezug nehmen mussten. Gleichzeitig beschrieb sie ein Feld, auf dem ideologisch determinierte Deutungen von gesellschaftlichen Akteuren phasenweise so eigen-sinnig angeeignet wurden, dass von ihren kulturpolitischen Intentionen kaum noch etwas übrig blieb. Jan Palmowski analysiert dieses Verhältnis in seiner vor vier Jahren erschienenen Studie „Inventing a Socialist Nation” als ein Wechselspiel von herrschaftsstabilisierenden Loyalitätsbekundungen und praktiziertem Eigen-Sinn. Heimat und Sozialismus schlossen sich keinesfalls aus, auch wenn sich aus ihrem Verhältnis bis zum Ende der DDR immer wieder Spannungen und Irritationen ergaben. Sowohl in der Propaganda als auch im Alltag gab es breite Überschneidungen, die an ältere Entwicklungen anknüpften.

Der folgende Beitrag konzentriert sich auf die Genese des sozialistischen Heimatbegriffs und wird nach einigen kursorischen Bemerkungen zu den 1960er und 1970er Jahren noch einen Ausblick auf die Entwicklung in den 1980er Jahren geben.

I.

Die Anfänge des sozialistischen Heimatbegriffs lassen sich bis ins Frühjahr 1950  zurückverfolgen und waren eng mit der Organisation der Natur- und Heimatfreunde verbunden. Diese knüpften zwar dem Namen nach an die „Naturfreunde“-Organisation der deutschen Arbeiterbewegung an, hatten aber in der Transformationsphase der späten 1940er und frühen 1950er Jahre eine ganz andere Funktion als vor 1933. Ihre wichtigste Aufgabe bestand nun darin, eine Dachorganisation für die Mitglieder aus den Vereinen und Verbänden der ehemaligen Heimatbewegung zu schaffen.

Das traditionelle Vereinswesen war mit Kriegsende und dem Einmarsch der Roten Armee nicht verschwunden, sondern existierte in der rechtlichen Grauzone der Nachkriegsjahre weiter. Nur einzelne Kategorien von Vereinen waren aufgrund von Kontrollrats-Direktiven und SMAD-Befehlen verboten worden. Dazu zählten die Gebirgs- und Wandervereine, die sich der NS-Reichsbund für Leibesübungen einverleibt hatte, und die nur formal als Vereine geführten Gauheimatwerke, die faktisch Kulturorganisationen der NS-Gauleitungen gewesen waren.

Obwohl es keine besatzungsrechtliche Grundlage für ein generelles Vereinsverbot gab, wurde die unsichere Rechtslage zunehmend zu einem Problem, da die neuen kommunistischen Machthaber abgrundtiefes Misstrauen gegen das traditionelle bürgerliche Vereinswesen hegten. Wie es in einem Schreiben der Berliner Volksbildungsabteilung vom August 1945 hieß, waren „die üblichen Vereine […] Schlupfwinkel für Elemente, die dem neuen Aufbau entgegenstehen”. Um „unsere vom faschistischen Denken durchsetzten Menschen […] auf allen Gebieten” antifaschistischdemokratisch auszurichten, müsse daher die deutsche „Vereinsmeierei” überwunden und die gesamte Kulturarbeit amtlich gelenkt werden.

Galten bürgerliche Vereine schon grundsätzlich als Gefahrenquelle für den sozialistischen Aufbau, so wurde den Vereinen und Verbänden aus dem Umkreis der deutschen Heimatbewegung zusätzlich zur Last gelegt, dass sie vor ihrer historischen Verantwortung versagt hätten, da sie mit ihren Heimatvorstellungen reaktionären und chauvinistischen Tendenzen Vorschub geleistet hätten. Suspekt war den kommunistischen Kulturfunktionären zudem die regionale Orientierung der Heimatorganisationen, die sie einseitig mit Separatismus und entsprechenden politischen Bestrebungen in den westlichen Besatzungszonen identifizierten.

Die entscheidenden Weichenstellungen zur Ausschaltung autonomer Vereinsstrukturen erfolgten seit 1948, allerdings nicht ohne gleichzeitig eine Perspektive zu entwickeln, wie die Aufgaben der Heimatbewegung zukünftig in neuem organisatorischen Rahmen fortgeführt werden sollten. So hieß es in einem Schreiben des sächsischen Volksbildungsministers Helmut Holtzhauer: „Die positiven Gedanken des Heimatschutzes werden selbstverständlich vom Ministerium für Volksbildung aufs lebhafteste gefördert. Geeignete Träger dieser Gedanken sind die volksbildenden Gruppen, die sich teils um wissenschaftliche Institute, teils im Rahmen kultureller Organisationen, wie z.B. dem Kulturbund sammeln.”

Zum Abschluss kamen diese Pläne erst im Januar 1949, als mit einer gemeinsamen Verordnung der Deutschen Verwaltungen des Innern und für Volksbildung das gesamte unabhängige Vereinswesen in die bestehenden Massenorganisationen überführt wurde. Obwohl in den Kulturbund zahlenmäßig weniger Vereine integriert wurden als in den FDGB oder in die FDJ, traf ihn die Veränderung nachhaltiger und härter als die anderen Massenorganisationen.

Entgegen seinem offiziellen Profil als „Organisation der Intelligenz” hatte sich der Kulturbund schon in den vorangegangenen Jahren zu einer Dachorganisation für eine bunte Palette kultureller Aktivitäten entwickelt. Hatten die Kulturbund-Leitungen vor 1949 auf eine Übernahme der unabhängigen Vereine gedrängt, fehlte ihnen, als sie unmittelbar mit der neuen Aufgabe konfrontiert wurden, jedes Konzept, wie sie die neuen Mitglieder einbinden sollten. Erst jetzt merkten sie, welche Risiken das mit sich brachte. Habe man in den vergangenen Jahren erfolgreich gegen die „Vereinsmeierei” angekämpft, so Klaus Gysi als Kulturbund-Bundessekretär im März 1949, werde man „jetzt wahrscheinlich noch einmal ein Stück zurückgeworfen werden […]. Das führt uns etwas auf die Bedingungen zurück, unter denen wir einmal unsere Arbeit begonnen haben.”Und der sächsische Landessekretär Karl Kneschke wurde noch deutlicher, als er erklärte: „Alle diese Gruppen haben eine langjährige Tradition und haben teilweise unter dem Naziregime weitergearbeitet. Die Traditionen sind selten demokratisch und fortschrittlich, vielmehr aber Vereinstraditionen, Liebhabertraditionen, die oft mit sektiererischem Inhalt verbunden sind.”Kneschke wusste, wovon er sprach, denn er hatte schon seit 1946 versucht, die sächsische Kulturbund-Organisation auf Linie zu bringen.

Dass gerade Karl Kneschke zum Vater der „Natur- und Heimatfreunde”Bewegung in der DDR und letztlich auch zum Erfinder des DDR-spezifischen sozialistischen Heimatbegriffs werden sollte, ist ebenso überraschend wie vielsagend. Als er im Februar 1946 von der Bundesleitung in Dresden eingesetzt worden war, um die unbotmäßige Landesleitung auf Vordermann zu bringen, gehörte er zu den radikalen Verfechtern unitaristischer Kulturvorstellungen. Im völligen Einklang mit der Linie der Partei stand er den Vereinen und Verbänden der Heimatbewegung nicht nur wegen ihrer konservativen Grundhaltung, sondern genauso wegen ihrer regionalen Orientierung mit großer Distanz gegenüber. Als die Heimat-, Gebirgs- und Volkskunstvereine seit Januar 1949 in den Kulturbund übernommen und als lokale Arbeitsgemeinschaften der „Natur- und Heimatfreunde” organisiert wurden, war sich Kneschke nur allzu gut bewusst, dass die eigentliche Integrationsleistung erst noch bevorstand.

Mit der Übernahme des unabhängigen Vereinswesens hatten sich die Massenorganisationen in die Gesellschaft geöffnet, um diese im Sinne der Parteilinie kontrollieren, schrittweise transformieren und letztlich für die Ziele des sozialistischen Aufbaus mobilisieren zu können. Das bedeutete aber im Gegenzug, ganz heterogene gesellschaftliche Interessen in zentral gelenkte Massenorganisationen aufzunehmen, die ihrerseits einen klaren kultur- und gesellschaftspolitischen Auftrag hatten. Diesen durchzusetzen, erwies sich im Kulturbund als besonders schwierig. Da die Mitarbeit in den Arbeitsgemeinschaften im Kulturbund auf Freiwilligkeit beruhte, halfen im Konfliktfall auch keine noch so ausgeklügelten Anleitungs-, Kontroll- und Sanktionsmechanismen. Immer wieder ist in Berichten aus den 1950er Jahren von Arbeitsgemeinschaften die Rede, die den Kulturbund verließen, wenn sie sich gegängelt fühlten, noch viel häufiger allerdings sind Berichte von Kulturbund-Gruppen, die zentrale Anweisungen schlicht ignorierten oder geschickt unterliefen, indem sie sich offiziell zu ihnen bekannten, sie aber äußerst eigen-sinnig interpretierten.

Um zu verhindern, dass der Kulturbund mit einem Schlag zu einer reinen Dachorganisation wurde, formulierte Kneschke – nun schon als Bundessekretär – Anfang 1950 kulturpolitische Leitsätze, die sich speziell an die neuen „Natur- und Heimatfreunde”-Arbeitsgemeinschaften richteten. In den meisten Punkten nahmen die Leitsätze bereits das vorweg, was seit 1958 als sozialistischer Heimatbegriff propagiert wurde. Manche Versatzstücke von Kneschkes Argumentation griffen traditionelle Vorstellungen der deutschen Heimatbewegung auf, stellten diese aber in einen neuen Zusammenhang. So erklärte er: „Die Wurzel jeden Volkes aber liegt in dem Raum, auf dem es lebt, liegt in der Natur und seiner Heimat. Natur und Heimat sind also feststehende Begriffe für jeden einzelnen Menschen. Die Natur ist ein Teil unseres Lebens, die Heimat Teil unseres geistigen, werktätigen und kulturellen Schaffens. Beides gehört uns also gemeinsam, beides bildet die gesellschaftliche Plattform des gemeinsamen Zielen zustrebenden Volkes.”

Wahrscheinlich hätten ihm die meisten Anhänger der traditionellen Heimatbewegung bis zu diesem Punkt folgen können, aber Kneschke fuhr fort: „Nach der politischen Wandlung, nach der Enteignung der Junker und Kriegsverbrecher, der Konzerne und Monopolkapitalisten ist unsere Heimat mit all ihren Kostbarkeiten und Schönheiten in den Besitz des gesamten Volkes übergegangen. […] Unsere Liebe zur Natur steigerte sich also seitdem – unsere Liebe zu unserem Land, unserem Volk und seinem gesamten Eigentum.”12 Nach dieser Definition waren „Natur” und „Heimat” nicht nur losgelöst von regionalen Orientierungen, sie standen auch in einem engen logischen Zusammenhang zur Durchsetzung des Volkseigentums in der DDR.

Auf der ersten „Natur- und Heimatfreunde”-Konferenz, die kurz darauf in Bautzen stattfand, leitete Kneschke daraus die Aufgabe ab, „das ganze Volk, das schaffende Volk, das kämpfende Volk zu erfassen, die Liebe zur Heimat und zum Frieden zu vertiefen, die Pflege und den Schutz der Heimat als eine Sache des Volkes zu propagieren und alle Menschen zur Mitarbeit aufzurufen.” Die Arbeitsgemeinschaften sollten „nach neuer Art und neuen Grundsätzen, […] im Geiste unseres neuen gesellschaftlichen Lebens, im demokratischen Geiste ihre Arbeit fortsetzen, neue Menschen zur Heimatliebe erziehen, neue Mitarbeiter gewinnen und ein dichtes Netz der Natur- und Heimatfreunde über das ganze Land ziehen […].”Auffällig ist hier die gehäufte Verwendung des Adjektivs „neu”, das eine klare Abgrenzung von der alten – bürgerlichen – Heimatbewegung bzw. den Heimatvereinen in der Bundesrepublik implizierte. Kneschke ließ schon zu diesem frühen Zeitpunkt keinen Zweifel daran, dass die Heimatliebe in der DDR kein Selbstzweck war. Sie sollte die Natur- und Heimatfreunde nicht nur für den Aufbau der neuen gesellschaftlichen Ordnung mobilisieren, sondern sie auch zu ihrer Verteidigung aufrufen.

Der grundsätzliche Anspruch, die neuen Arbeitsgemeinschaften anleiten und kontrollieren zu können, leitete sich daraus ab, dass sie als integrale Bestandteile des Kulturbunds auf dessen kulturpolitische Ziele verpflichtet waren. Zwar unterschieden sich die Aufgabenfelder der „Naturund Heimatfreunde” grundlegend von denen einer „Organisation der Intelligenz”, aber das hinderte die Kulturbund-Leitungen nicht daran, im Rahmen der von Kneschke abgesteckten Ziele Leitsätze und Aufgaben zu formulieren. Diese waren zwar auf das Profil der neuen Arbeitsgemeinschaften zugeschnitten, sie waren deshalb aber nicht minder verpflichtend. Damit wurde die Durchsetzung der kulturpolitischen Leitlinien aber gleichzeitig auch zum Maßstab für den Erfolg oder Misserfolg der Kulturbund-Leitungen bei der Integration und Assimilation der ehemaligen Vereine aus der Heimatbewegung. Und trotz größter Anstrengungen fiel die Bilanz der Arbeit auf diesem Feld in den nächsten Jahren eher ernüchternd aus.

Für sich genommen war der Aufbau der „Natur- und Heimatfreunde”Bewegung im Kulturbund eine große Erfolgsgeschichte. In den 1950er Jahren expandierten ihre Arbeitsgemeinschaften ohne Ende. In vielen Ortsgruppen stellten die „Natur- und Heimatfreunde” bereits nach wenigen Jahren einen beträchtlichen Teil der Kulturbund-Mitglieder, sehr oft auch den aktivsten. Vor allem in den ländlichen Gemeinden erlebte der Kulturbund einen unerwarteten Aufschwung, den er fast ausschließlich den „Natur- und Heimatfreunden” zu verdanken hatte. Selbst wenn sich Lehrer, Ärzte oder andere Vertreter der „Intelligenz” in den ländlichen Ortsgruppen engagierten, sahen auch diese nicht selten ihren Platz in den „Naturund Heimatfreunde”-Arbeitsgemeinschaften.

Damit drohte der Kulturbund aber sein Profil und seine Legitimation als „Organisation der Intelligenz” vollends zu verlieren. Selbstkritisch musste Johannes R. Becher in seiner Funktion als Präsident des Kulturbunds 1952 konzedieren, dass der Kulturbund zu einer „AllesbetreuerOrganisation” verkommen sei. Gegen wen sich diese Äußerung richtete, wird deutlich, wenn man sich anschaut, dass genau in dieser Zeit die Rolle der „Natur- und Heimatfreunde” in der Selbstdarstellung des Kulturbunds auf ein Minimum reduziert wurde. Im Vorfeld der II. SED-Parteikonferenz, die im Juli 1952 in Berlin stattfand, wäre es den Kulturbund-Leitungen am liebsten gewesen, sich wieder völlig auf das Kerngeschäft der „IntelligenzArbeit” zu konzentrieren und die ungeliebten Mitglieder aus den ehemaligen Heimatvereinen nur noch unter „ferner liefen” zu führen.

Was die „Natur- und Heimatfreunde“-Bewegung in dieser Situation rettete, war nicht nur ihre starke Stellung in den Kulturbund-Ortsgruppen, sondern paradoxerweise die II. Parteikonferenz selber. Obwohl er faktisch schon längst begonnen hatte, propagierte die Parteiführung auf dieser Tagung den Aufbau des Sozialismus, der nun forciert und planmäßig durchgeführt werden sollte. Die II. Parteikonferenz bildete damit den Auftakt der ersten großen Staatskrise der DDR, die sich vor 60 Jahren im Aufstand des 17 . Juni entlud.

Um alle gesellschaftlichen Kräfte für den Aufbau des Sozialismus zu mobilisieren, wurde auf der II. Parteikonferenz auch der „Zwickauer Plan” verabschiedet, der darauf abzielte, „die Massen mit sozialistischem Bewusstsein zu erfüllen”. Dazu sollten unter anderem auch eine größere Aufmerksamkeit für die Schätze der Vergangenheit, die „Liebe zur Heimatgeschichte” und die Wiederbelebung der Volkskultur dienen. Gerade in dieser Phase einer extremen politischen Radikalisierung erhielten die „Natur- und Heimatfreunde” mit dem Auftrag, zum „sozialistischen Patriotismus” beizutragen, eine neue Legitimationsgrundlage, die es den Kulturbund-Leitungen unmöglich machte, sie dauerhaft zu marginalisieren.

Die kurzzeitige kulturpolitische Öffnung im Zeichen des „Neuen Kurses” schuf seit 1953 sogar neue Freiräume, die von den Arbeitsgemeinschaften teilweise extensiv genutzt wurde. So wurden zentrale Vorgaben auf Orts- und Kreisebene oft sehr „eigen-sinnig” interpretiert und so stark mit eigenen Ideen angereichert, dass sie nur noch wenig mit den kulturpolitischen Leitvorstellungen des Kulturbunds zu tun hatten. Stattdessen knüpften sie oft direkt an die Traditionen der alten Heimatvereine an.

Das galt in gewisser Weise auch für die regionalen Heimatzeitschriften, die seit Mitte der 1950er Jahre mit dem offiziellen Segen der KulturbundLeitungen für die Territorien der de facto 1952 aufgelösten Länder der DDR geschaffen wurden. Zwar traten diese Zeitschriften mit dem Anspruch an, die Heimatverbundenheit ihrer Leser in Loyalität gegenüber der DDR und Engagement für den sozialistischen Aufbau umzumünzen, aber vergleicht man die kulturpolitischen Beiträge mit der Masse der Aufsätze, so spiegelten die Zeitschriften in den 1950er Jahren weitaus stärker die Interessen der „Natur- und Heimatfreunde“-Arbeitsgemeinschaften als die Intentionen der Kulturbund-Leitungen wider. Genau das sollte den meisten regionalen Heimatzeitschriften allerdings das Genick brechen, als im Vorfeld des V. SED-Parteitags vom Juli 1958 wieder die kulturpolitischen Daumenschrauben angezogen wurden.

In diese Phase fiel die endgültige Definition des sozialistischen Heimatbegriffs, und erneut war es Karl Kneschke, der die Debatte prägte. Hatte er in seiner früheren Argumentation die regionale Orientierung der meisten „Natur- und Heimatfreunde” einfach übergangen, so setzte er sich nun explizit mit dem Verhältnis von „kleiner” und „großer” Heimat auseinander. Dabei erkannte er die Bedeutung der „kleinen Heimat” an, die „für den einfachen Menschen überschaubar” sei, ging aber von einem Ideal aus, in dem sich „kleine” und „große” Heimat harmonisch zusammenfügten. Wie er behauptete, war diese ideale Einheit mit der Reichsgründung und der nachfolgenden regionalistischen Orientierung der deutschen Heimatbewegung zerbrochen. Erst in der DDR, so seine Argumentation, ließ sie sich wieder herstellen: „Es ist die Liebe zum Aufbau des Sozialismus in unserem Arbeiter-und-Bauern-Staat, der seinen Bürgern Arbeit und Brot, die Sicherheit vor Wirtschaftskrisen und soziale Hilfe garantiert, der für den Frieden eintritt, allein und in Gemeinschaft mit allen friedliebenden Völkern. Bei uns kann sich die Liebe zur kleinen Heimat mit der Liebe zur großen Heimat, unserer sozialistischen Heimat, unserer Deutschen Demokratischen Republik vereinigen”, so Kneschke.

Damit wurde ein scharfer Kontrast zur westdeutschen Heimatbewegung aufgebaut, deren Heimatverständnis nicht nur mit „Vereinsmeierei” und „Heimattümelei”, sondern – quasi als Spiegelbild der antifaschistischen Standortbestimmung der DDR – auch mit „Deutschtümelei”, „Nationalismus” und „Chauvinismus” identifiziert wurde. Indem die Heimatbewegung in der Bundesrepublik sowohl für die „Katastrophe des 2. Weltkrieges” als auch für die Außenpolitik der Bundesregierung verantwortlich gemacht wurde, sollte allen Ambitionen der ostdeutschen „Natur- und Heimatfreunde”, über die Zonengrenze zu schielen, ein Riegel vorgeschoben werden. Nach der Definition des sozialistischen Heimatbegriffs war ihre Heimat in der DDR, hier sollten sie bleiben und am Aufbau des Sozialismus mitwirken.

In den 1950er Jahren schien dieses Konzept sogar ansatzweise aufzugehen. Dank ihrer relativ großen Handlungsspielräume boten die Arbeitsgemeinschaften auch jenen Menschen, die sich ihrem als Heimat wahrgenommenen sozialen und geografischen Nahraum verbunden fühlten, aber ansonsten wenig mit der sozialistischen Ordnung der DDR anfangen konnten, die Möglichkeit, in einer offiziell anerkannten Massenorganisation mitzuwirken, dort aber im Kreis Gleichgesinnter vor allem eigene Interessen zu verfolgen. Das trug nicht nur zu ihrer Beheimatung in der DDR bei, sondern konnte indirekt auch dem sozialistischen Aufbau zugutekommen. Das beste Beispiel dafür war der Dorfverschönerungswettbewerb, der 1955  unter dem Titel „Das schöne Dorf” startete, dann zum „sozialistischen Dorf” mutierte und schließlich in die „Mach mit!”-Bewegung einmündete. Der Wettbewerb war Teil des Nationalen Aufbauwerks, mit dem die DDRBürger für den sozialistischen Aufbau mobilisiert werden sollten. In dem zunächst von den „Natur- und Heimatfreunden” getragenen Dorfverschönerungswettbewerb gelang das in geradezu vorbildlicher Weise, weil hier in der Tradition der ehemaligen Heimatvereine bürgerschaftliches Engagement für das eigene Lebensumfeld gefragt war. Damit eröffneten sich dem Einzelnen neue Gestaltungsspielräume. Heimatverbundenheit, gesellschaftliches Engagement und die Verankerung der „Natur- und Heimatfreunde” in den Gemeinden bestärkten sich wechselseitig und sorgten in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre nicht nur für den wichtigsten Beitrag des Kulturbunds zum „Nationalen Aufbauwerk”, sondern auch für einen weiteren Aufschwung der Organisation.

Diese dynamische Bewegung fand jedoch ein jähes Ende, als der Dorfverschönerungswettbewerb im Zuge der generellen Kursänderung vor dem V. Parteitag im Juli 1958 von der Nationalen Front übernommen und für die Propagierung der Vollkollektivierung der Landwirtschaft in Dienst genommen wurde. Ganz offensichtlich stellten viele „Natur- und Heimatfreunde” ihre Mitarbeit sofort ein, als sie den Eindruck gewannen, dass ihre Interessen keine ausreichende Berücksichtigung mehr fanden. War es in der ersten Phase des Wettbewerbs noch das Ziel gewesen, die „Naturund Heimatfreunde“-Arbeitsgemeinschaften über die praktische Arbeit an die kulturpolitischen Ziele der SED heranzuführen, so erreichten die direkten politischen Eingriffe das genaue Gegenteil. Der Zweck, die Heimatverbundenheit der in den Arbeitsgemeinschaften organisierten Menschen zu nutzen, um sie langfristig für die sozialistische Ordnung der DDR zu gewinnen und kurzfristig von möglichen Fluchtabsichten abzubringen, wurde damit verfehlt.

II.

Es war kein Zufall, dass der „Natur- und Heimatfreunde”-Organisation 1958  die Zuständigkeit für den Dorfverschönerungswettbewerb entzogen wurde. Die Entscheidung hing zum Teil mit neuen ökonomischen Prioritäten zusammen, mindestens ebenso aber mit der Einsicht der KulturbundLeitungen, dass sich die örtlichen Arbeitsgemeinschaften und ihre Kreisorganisationen einer kulturpolitischen Steuerung mit zunehmendem Erfolg entzogen. Pläne von 1959, sie ganz aus der „Organisation der Intelligenz” auszuschließen, wurden schließlich fallengelassen, weil der Kulturbund damit seine personelle Substanz in der Fläche verloren hätte und die „Natur- und Heimatfreunde”-Bewegung vollends unkontrollierbar geworden wäre. Damit blieb es – bis zum Ende der DDR – bei der 1949/50 angelegten Grundstruktur einer in den Kulturbund integrierten sozialistischen Heimatbewegung, die einerseits in zentrale Anleitungsstrukturen eingebunden war, sich aber andererseits in ihrer praktischen Arbeit ein beträchtliches Maß an Autonomie bewahrte.

Einschränkungen politischer Art ergaben sich in den 1960er und 1970er Jahren nicht zuletzt aus der Abschaffung vieler Heimatzeitschriften, zu denen neben den meisten regionalen Periodika auch das zentrale Organ der Arbeitsgemeinschaften, die Zeitschrift „Natur und Heimat”, gehörte. Diese wurde 1962 – zehn Jahre nach ihrem ersten Erscheinen – wieder eingestellt. Im Hintergrund stand hier offensichtlich das Bestreben, die Heimat- und Regionalforschung von ihrem Ruch der „Heimattümelei” zu befreien und auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen, denn zeitgleich wurde unter der Ägide der Leipziger Universität die Arbeitsgemeinschaft „Heimat- und Landesgeschichte” in der Deutschen Historiker-Gesellschaft der DDR gegründet. 1965 folgte die erste Ausgabe des „Jahrbuchs für Regionalgeschichte”. Diese Neuorientierung bildete zusammen mit den Postulaten des sozialistischen Heimatbegriffs die kulturpolitischen Rahmenbedingungen der „Natur- und Heimatfreunde”-Arbeitsgemeinschaften bis in die späten 1970er Jahre.

Auch die Gründung der Gesellschaft für Heimatgeschichte im Januar

1979  diente vorrangig dem Zweck, „die heimatgeschichtliche Arbeit des Kulturbunds in die Gesamtkonzeption der Geschichtswissenschaft der DDR auf dem Gebiet der regionalgeschichtlichen Forschung und Propaganda einzuordnen,” so die entsprechenden Leitsätze des KulturbundPräsidiums. Diese Verwissenschaftlichung im Sinne des historischen Materialismus, die sich die Kulturbund-Leitungen schon seit den Anfängen der „Natur- und Heimatfreunde”-Bewegung auf die Fahnen geschrieben hatten, blieb aber auch in den 1980er Jahren holde Theorie.

Jetzt kam erschwerend hinzu, dass sich in der Ära Honecker mit der „Erbe und Tradition”-Debatte immer neue Themenfelder erschlossen, die gerade aus regionaler und lokaler Perspektive von großem Interesse waren und de facto auch schon in den vorangegangenen Jahrzehnten zu den bevorzugten Interessengebieten der „Natur- und Heimatfreunde” gehört hatten. Während sich die SED-Führung in den 1970er und 1980er Jahren auf den Standpunkt stellte, dass das gesellschaftliche Engagement im Nahraum der Heimat grundsätzlich ein Ausdruck des gelebten „realen Sozialismus” war, entglitten die Arbeitsgemeinschaften immer weiter der zentralen Anleitung und Kontrolle. Jan Palmowski macht am Beispiel der in den späten 1960er Jahren wiederbelebten „Mach mit!“-Bewegung sehr schön deutlich, dass sich im lokalen Rahmen mit dem Wettbewerb Freiräume eröffneten, die zwar mit ritualisierten Loyalitätsbekundungen einhergingen und insofern herrschaftsstabilisierend wirkten, gleichzeitig aber selbstbestimmtes Handeln im Rahmen lokaler Netzwerke einübten und damit die Grundlagen für die gesellschaftliche Selbstermächtigung in der Friedlichen Revolution von 1989 und der nachfolgenden Transformation schufen.

III.

Kehren wir noch einmal zur Ausgangsfrage zurück, welche Spielräume sich in der DDR zu unterschiedlichen Zeiten unter dem Dach des dem offiziellen sozialistischen Heimat-Begriff verpflichteten Kulturbunds ergaben. Der in den 1950er Jahren von Kulturfunktionären der SED formulierte und propagierte sozialistische Heimat-Begriff grenzte sich scharf von traditionellen, auf geografische Räume bezogenen und gesellschaftliche Konflikte überwölbenden Heimatvorstellungen ab. War die Machtfrage aber erst einmal entschieden, der Klassenkampf gewonnen und das ganze Land in Volkseigentum überführt, ließen sich auch die kommunistischen Machthaber nicht die Gelegenheit entgehen, an die Heimatverbundenheit vieler Menschen in den Städten und Regionen der DDR anzuknüpfen, um diese, wie sie hofften, in Identifikation mit dem neuen Staat und seiner Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung umzumünzen. Dieses Konzept lebte von der Hoffnung, dass letztlich auch unpolitische Heimatliebe ein wichtiges Motiv dafür sein konnte, in der DDR zu bleiben und sich zumindest für die praktischen Aspekte des sozialistischen Aufbaus zu engagieren.

Die kulturelle Praxis der lokalen Natur- und Heimatfreunde-Arbeitsgemeinschaften in den 1950er Jahren lässt darauf schließen, dass diese Erwartungen nicht völlig aus der Luft gegriffen waren. Die Entwicklung in den 1980er Jahren weist indes darauf hin, dass die wachsenden Freiräume für die Heimatbewegung im Kulturbund – im Kontext der „Erbe und Tradition”-Debatte – zu einer Aushöhlung des staatlichen Deutungsmonopols beitrugen. Wenn man auch grundsätzlich davon ausgehen kann, dass Heimatverbundenheit die Bereitschaft zum Bleiben stärkt, sorgten doch die Verschärfung des politischen Klimas Ende der 1950er Jahre und die finale Staats- und Wirtschaftskrise der DDR in den späten 1980er Jahren dafür, diese eher unkonventionellen Ansätze zu einer Stabilisierung der sozialistischen Staats- und Gesellschaftsordnung zunichte zu machen.